Winterliche Sommergedanken

Veröffentlicht in Laufalltag, Photos am 2. Juli 2009 von Marcus

Der Winter naht, Zeit für ausgewählte Impressionen des diesjährigen Sommers. Der Winter? Übertrieben, oder? Ja. Nein. Natürlich dauert es seine Zeit, bis die kaltherzigen Kommandeure der eisigen Legionen zurückkehren und unsere Welt allmächtig in das weiße Winterkleid hüllen werden. Viele Tage müssen noch in das Land ziehen – so scheint es. Doch mit welchem Tempo hat sich die erste Hälfte des Jahres in die unendliche Weite unserer Erinnerungen verabschiedet? Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die an Engagement nicht zu übertreffen ist. Darum sollten wir die heißen Momente genießen.

Zugegeben, derzeit fällt mir das eminent schwer. Temperaturen um die 30 C° im Schatten, dazu die beißende Sonne, eine unwirkliche Witterungslage muß ich derzeit erleben, geschwängert von einer drückenden und schwülen Atmosphäre entlang der Wetterfront. Obwohl ich meine Umfänge leicht reduziert habe, ebenso die Intensität – bereitet mir mein Täglichlaufen aktuell keine Freude. Ich praktiziere es höchst widerwillig. Nach dem Start sehne mich danach endlich die Wälder zu betreten, da sie noch eine kühlende Wirkung erzielen. Bereits nach zwei/drei Kilometern läuft der Schweiß unaufhaltsam. Im Forst anhalten, ist gleichsam erfrischend wie töricht – zahllose Mücken und diverse andere Insekten leiten ihren Großangriff umbarmherzig ein. Wer schnell laufen kann, ist klar im Vorteil. Aber auch dies gilt nur temporär.

Der Damm selbst liegt in brütender Treibhausstimmung, Helios kennt keine Gnade und leuchtet unablässig mit seinem hitzigen Gemüt und schickt Strahl um Strahl auf die Erde und quält einen in schwarz gekleideten Täglichläufer. Dem sonnigen Primat muß ich mich beugen – Widerstand ist zwecklos. Nicht genug, daß ich der Witterung Tribut zollen muß, nein – auch hier warten zahlreiche Insekten auf mich. Unzählige, kleine Fliegen, partiell zu Kugeln formiert in der Luft wartend, heißen mich in einer ungebührenden Distanz willkommen. Und immer wieder größere Fliegen oder Bremsen, die mich begleiten und permanent um meinen Kopf schwirren. Selbst damit ist der Höhepunkt noch nicht erreicht. Obwohl erst vor einem Monat das Gras gemäht wurde, hat es den Verlust beinahe kompensiert und wieder alte Stärke erreicht. Die Gräser kitzeln meine Beine, auf einige scheine ich latent allergisch zu reagieren, in Kombination mit dem Schweiß etabliert sich ein Juckreiz. Vor meinem geistigen Auge erscheinen die Schneelandschaften vom vergangenen Januar, die frostklar, angenehm und ohne Insekten gedanklich an mir vorbei ziehen. Ja, man ist nie zufrieden. Glücklicherweise wurde ich bisher von Gewittern und Starkregen mit der Tendenz zur Überflutung verschont.

Nach nur fünf Kilometern sammelt sich eine trockene Leere in meinem Mund. Die Schneelandschaften lösen sich im fernen Nichts auf. Sie werden ersetzt durch sprudelndes Wasser und meine so geliebte kalte Dusche. Diese geistigen Wirrungen verbanne ich bewußt und hole stattdessen meine Intention des Abhärtens hervor, welche man auch im Sommer hervorragend praktizieren kann, ganz simpel, in dem man auch bei heißen Temperaturen während des Laufens nichts trinkt. Wobei sich diese Frage noch nie für mich gestellt hat. Meine Distanzen bewegen sich nicht in einem Rahmen, als daß eine Wasserversorgung vonnöten wäre. Dennoch kann man das durchaus trainieren und seinen Körper in gewissen Grenzen anpassen, wenngleich das nur für meine Person gilt und ich anderen Menschen davon abrate. Einer adäquaten Wasserversorgung sollte stets Rechnung getragen werden. Indes plädiere ich auch dafür in der größten Sommerhitze eine körperlich intensive Anstrengung wie das Laufen zu vermeiden oder in die Morgen, bzw. Abendstunden zu verlegen. Entsprechend trainierte Personen ausgenommen; gleichwohl wird auch für jene Menschen das Wetter zu einer Herausforderung.

Eine moderate Gewöhnung an den Wechsel der Jahreszeiten scheint mehr und mehr der Vergangenheit anzugehören. Vor wenigen Jahren existierten weiche Übergänge, die einer Gewöhnung dienlich waren. Heute dominiert beständig die Unbeständigkeit, Temperaturunterschiede von 20 C° innerhalb eines Tages sind keine Seltenheit; auf den Winter folgt der Sommer. Nichtsdestotrotz ist man als Täglichläufer der Veränderung besser angepaßt als Normalläufer. Letztlich ist jedwedes Sinnieren zwecklos, da man die Akzeptanz der Realität nicht leugnen kann. In diesem Sinne, genießen wir das Wetter – wie es werden wird – ist irrelevant.

Als krönenden Abschluß meines Artikels folgen nun Impressionen eines Sommers. Mutter Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite und berief erneut den Geisterkünstler an seinen Platz am Firmament, um formvollendete, geschwungene Zeichnungen – Äquivalent den Wolken – am Himmel zu kreieren. Zusätzlich verdingte sich ein namenloser Dichter und gestaltete eine Komposition des natürlichen Glücks für all jene aufmerksamen Betrachter, die dem Hohelied der Natur wohlwollend zugeneigt sind.

2009_Juni_a_Himmel
2009_Juni_Echeveria
2009_Juni_Frosch
2009_Juni_Himmel
2009_Juni_Himmel_2

Spezies Mensch: Tod. Leid. Trauer. Verzweiflung. Wahnsinn.

Veröffentlicht in Contra Krieg am 29. Juni 2009 von Marcus

Folgender schwer bekömmlicher Beitrag fällt wieder einmal aus dem Rahmen – des so leichten Laufens – und spannt einen bewußt subjektiven Bogen zwischen Tod, Leid und Wahnsinn. Auf Grund der exorbitanten Komplexität jener Thematik beschränke ich mich darauf, nur grob an der Oberfläche zu kratzen. Weiterhin bin ich tief davon überzeugt, daß sich nie etwas ändern wird, was mich jedoch nicht darin hindert, meine Gedanken in Worte zu gießen.

Wer meine Texte intensiv verfolgt, könnte vorschnell auf die Idee kommen, daß Täglichlaufen mein Hobby wäre. Dem ist nicht so. Für mich handelt es sich hierbei um eine Form der natürlichen Selbstdisziplin in der Natur praktiziert, mit der eine automatische Gesunderhaltung des Körpers und des Geistes einhergeht. Eines meiner relevantesten Interessengebiete liegt in der Genealogie. Das zentrale Thema wird in diesem Spektrum immer der zweite Weltkrieg bleiben – das Kapitel ist zu dunkel und bedeutend, um in den Hintergrund zu geraten und zu verblassen. Sei es, weil meine Großväter daran teilnehmen mußten und einer von ihnen mit seinem viel zu jungen Leben geradezu verheizt wurde. Zum anderen verlor ein erheblicher Teil meiner Familie ihre Heimat, ihre Ländereien, ihre Wälder – wo sie Jahrhunderte in Frieden lebten. Nicht zuletzt wurde meine Familie im ganzen Land verteilt. Zerrissene Bande. Ein Schicksal, welches zahllose – zu viele – Familien über sich ergehen lassen mußten. Ein Drama fern jeder Vorstellungskraft – besonders für die nachgewachsenen Generationen. Der Zufall spielte mir vor ein paar Tagen mehrere Bücher zu, die sich diesem traurigen Teil der deutschen Historie widmen.

Jeder Mensch, der nur halbwegs an der jüngeren Geschichte interessiert ist, kennt die unablässigen Dokumentationen im Fernsehen, die sich mit dem letzten Weltkrieg beschäftigen. Ich sah derer viele. Ungezähltes Leid. Massenhaft. Wahrhaft gewordene Trauer, die nicht in Worte zu fassen ist. Ich glaubte, viel über diesen Wahnsinn zu wissen, doch ich irrte. Denn in den bereits angesprochenen Büchern geht es nicht um einen groben Rahmen, wie man es dem Zuschauer im Fernsehen zumuten kann, nein, es werden Einzelschicksale erzählt, explizite Details genannt. Beim Lesen bekam ich eine Gänsehaut und die Tränen standen mir in den Augen. Die Detailliertheit sucht ihresgleichen – nach 64 Jahren treffen mich die längst vergangenen Ereignisse tief ins Herz. Was wurde nur unschuldigen Frauen, Kindern, Säuglingen und Greisen angetan? Wie können Menschen eine derart monströse Brutalität aufbringen und damit leben? Ich werde das Leid hier nicht wiederholen – es hat schon genug Kraft gekostet überhaupt zu lesen, wozu Menschen im Einzelnen fähig sind. Ein Satz ist bezeichnend für das Ausmaß; sinngemäß hieß es: „Berichte, die ich in den letzten Tagen gehört habe, sind zu unglaublich, als daß eine ferne, friedliche Zukunft sie je glauben wird“.

Ein Gefühl von Wut entwickelt sich – das Bedürfnis in längst vergessene Ereignisse hineinzuspringen und um sich zu schlagen, zu helfen und retten; ursächlich bedingt durch ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und dennoch in dem Wissen, daß Gerechtigkeit noch nie existiert hat. Nach mehr als sechs Jahrzehnten kamen mir die Tränen; wie muß es erst den Beteiligten, den Betroffenen damals ergangen sein? Mir fehlen die Worte. Und immer wieder frage ich mich, warum? Wie können wir zu so etwas fähig sein? Wie nur?

Schuldzuweisungen an explizite Nationen oder Völker sind in meinen Augen obsolet. Ich erkenne in Deutschen, Engländern oder Russen keine Unterschiede. Auch spielt es keine Rolle, welcher Ideologie oder Religion – Glauben oder nicht – man angehört. Wenngleich die Kirchen immer ein gewandter Kriegstreiber waren und das Leid stets für sich nutzten. Fakt ist, wir sind EINE Spezies – Menschen. Welch primitives Gebaren eine Gattung in lächerliche nicht signifikante Kategorien zu bewerten! In höher- oder minderwertig. Grotesk und widerwärtig! Doch wahrscheinlich ist das der Tribut einer Rasse, die für Tod und Zerstörung lebt und darin ihr Heil sieht. Von jeher beschäftigen sich pseudointelligente Vertreter der Menschen damit, absurde Waffentechnologien zu konstruieren. Von Streitwagen, Panzern über Schlachtschiffe bis zu atomaren, chemischen und biologischen Vernichtungstechnologien und Kampfmitteln. Omnipotenz im Namen des Todes. Das Töten zu industrialisieren, ist nur die logische Folge. Wie kann eine Spezies so eminent kriegsgeil sein?

Basierend auf einer Liste über geführte Kriege in einer bekannten Enzyklopädie im Internet gab es über 400 Kriege seit der Spätrenaissance bis heute. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges starben weltweit mindestens 25 Millionen Menschen, im 20. Jahrhundert insgesamt geschätzte 150 bis 200 Millionen Menschen durch Kriege. Wahrscheinlich ist das noch weit untertrieben. All dies ist nur Statistik. Schnöde Zahlen. Wir sollten dennoch nicht vergessen, daß jeder dieser Toten ein Einzelschicksal darstellt. Jeder einzelne von ihnen hatte eine Familie – Mutter und Vater – Menschen, die diese Personen von Herzen liebten und vermissen. Sie hatten Träume für die Zukunft. Sie wollten leben. Einfach nur leben. Ist das so absurd?

Wir betrachten uns selbst als hochfliegende Zivilisation voller Werte, Moral und Integrität, die über allem steht. Ja, wir predigen hehre Werte. Illusionen. Zivilisation ist nur eine Maske. Besonders gut erkennbar in Notsituationen, wenn Katastrophen eintreten und die meisten bei der Rettung nur an sich selbst denken. Dann fällt die zivilisatorische Maske. In meiner eigenen Familie existieren Beispiele, hier eines davon: eine Verwandte sah mit an, wie im eiskalten Wasser treibende Menschen von studierten – ehrenhaften und der Moral verpflichteten – Offizieren vom rettenden Boot mit Stangen weggestoßen wurden – in den Tod. So geschehen am 30.01.1945 während der Tragödie der „Wilhelm Gustloff“. Bildung schützt nicht vor Barbarei – ich neige sogar dazu das Gegenteil anzunehmen.

Wie konnte es dazu kommen? Warum tun wir uns das an? Immer wieder? Über Jahrtausende lernresistent. Das gleiche alte Lied. Ich verstehe es nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, umso weniger kann ich das nachvollziehen. Ich definiere unser menschliches Aggressionspotenzial als ebenso omnipotent wie krank. Wahrscheinlich bin ich ein Unmensch, da mir der geistige Zugang fehlt. Ein Ergebnis des menschlichen Agierens und Handelns in der Konsequenz auf Deutschland bezogen, sah man eklatant in der Posse um die DDR. Mehrere Jahrzehnte wurde ein Volk geteilt. Welch Unsinn! Immerhin leben wir derzeit in einem fragilen Frieden. Aber wie lange noch? Die Bundesrepublik Deutschland wird in der Form nicht ewig bestehen. Wie werden die nachfolgenden Systeme aussehen? Erneute Diktaturen? Alles Fragen, die die Zeit beantworten wird. Doch eine Antwort gibt es bereits. Die Frage lautet nicht, ob es einen dritten WELTkrieg geben wird – nein – sondern: WANN?

Natürlich haben wir das Grundgesetz, welches grandios ist und wir vielen anderen Ländern voraushaben. Doch eigentlich ist es traurig, daß wir derlei benötigen. Warum können wir nicht in Frieden leben und jeden Menschen achten und respektieren? Jene Generation, die den Schrecken des Krieges selbst erlebt hat, in all seinen grauenhaften Facetten verschwindet im Rad der Zeit. Das macht mir Angst. Die mahnenden und wissenden Menschen sterben aus. Eine bedenkliche Entwicklung.

Warum lösen wir die Armeen nicht auf? Setzen auf Abrüstung und vernichten zur Abwechslung die Waffen? Vakuumbomben und Marschflugkörper in den Müll. Flugzeugträger und atomar betriebene U-Boote ausschlachten. Automatische Waffen einschmelzen und das nukleare Potenzial zerstören. Nieder mit den Waffen. Wozu brauchen wir überhaupt Waffen? Wenden wir uns den wirklichen Problemen zu. Und lösen stattdessen die Hungerproblematik in der Welt! Dies wäre ein Kinderspiel. Wenn wir wollten. Ja, wenn wir denn wollten. Wer will das schon?

Mögen die noch ungeborenen Generationen ein Hauch von Intelligenz entwickeln. Dubito, ergo sum.

Leidenschaft

Veröffentlicht in Faszination Regenlauf am 25. Juni 2009 von Marcus

Nach nun mehr als drei Monaten ohne die Option eines Regenlaufes sollte heute meine Sehnsucht endlich erfüllt werden. Der Morgen zeigte sich gnädig bei 15 C° und dunklen Wolken, fast schien es als ob der Tag nicht anbrechen würde. Ich traute dem Frieden nicht, selbst als die ersten Regentropfen fielen, wagte ich mich nicht hinaus. Doch es mußte nicht viel Zeit vergehen, um zu erkennen, daß der Regen von augenscheinlicher Permanenz sein sollte. Nachdem meine Übungen absolviert waren – weitaus schneller als in der Regel – warf ich mich in das würzige Naß.

Nach drei Monaten darben, konnte ich es kaum glauben, welcher Anblick sich mir bot. Regen, Regen und nochmals Regen. Eine unsichtbare Energie durchströmte mich sofort und ich stürmte unbeherrscht von dannen. Ungebeugte Kraft. Unaufhörlich trommelten die Wolkentröpfchen auf die nasse Erde; Rinnsäle und Pfützen allenthalben. Nach 150 Metern wies mein T-Shirt nur noch wenige trockene Punkte auf. Ich erreichte die Brücke und dann sah ich es. Plötzlich kam es auf mich zu. Es kam, um mich zu holen – nein, um mir etwas zu bringen. Ein 40 Tonnen LKW mit geschätzten 60 Kilometern pro Stunde raste auf mich zu – gleich einem schnaubenden Dämon mit roter Schnauze, getragen und flankiert von brausender Wassergischt, die in alle Richtungen nur so davon spritzte. Ich machte mich auf den Einschlag bereit und schloß meine Augen. In der Sekunde traf mich eine volle Breitseite aus Wasser – es war, als ob ich gegen eine Wand laufen würde; große Wassertropfen prasselten auf mich ein, die ich auf meinem Oberkörper durchaus konzentriert fühlte.

Die letzten trockenen Punkte waren somit auch durchnäßt. Mein T-Shirt ähnelte einer glänzenden Lederbekleidung, wie ein Kettenhemd preßte es sich fest an meinen Körper. Enttäuscht über diese grobe Begrüßung erhöhte ich mein Tempo, um die ruhigen Wälder zu erreichen. Die Intensität des von mir geliebten Himmelswassers ließ im grünen Forst sofort nach, dafür intensivierte sich die lautmalerische Kulisse – das Prasseln verstärkte sich. Überall plätscherte und tropfte es von den Bäumen und Blättern. Noch wich ich den vielen Wasserlöchern aus und genoß die Einsamkeit und jene besondere Atmosphäre, die so nur im Wald bei Regen zu finden ist. Wenige Tiere sprangen umher, vereinzelt sang eine Drossel, aber der ganze Wald war dennoch voller Leben, auch er kostete den Regen wahrlich aus. Das kühle Naß suchte sich seinen Weg und rann an mein Gesicht hinunter. Ich verließ den ersten Wald und sofort nahm das nasse Bombardement eklatant zu, was ich mit einem Lächeln gelassen akzeptierte. Die Ruhe und Einsamkeit suchte ihresgleichen – in der Abgeschiedenheit doch nicht allein. Tief in Gedanken versunken, setzte ich meinen Weg zum Damm fort und lebte meine Leidenschaft aus.

2009_Juni_Wald

Der Boden unter meinen Schuhen quittierte jeden Schritt schmatzend. Mittlerweile bestanden meine Laufschuhe nur noch aus Wasser. Nun gab es keinen Grund mehr den Pfützen auszuweichen; ich verfiel in alte Grenadier-Muster – jede Pfütze war mein! Partiell sank ich 30 Zentimeter tief ein, doch das störte mich nicht. Auch der Damm lag verlassen in der Weite des Regens. Aus dem Nichts gesellte sich Gevatter Wind zu mir und umarmte mich fest, um mich gemeinsam mit ihm fortzuziehen; ich ließ mich treiben und folgte ihm. Insgeheim bedauerte ich es, daß es nicht noch 10 C° kälter war, dennoch war ich höchst zufrieden. Die Wolken am Horizont offenbarten für den aufmerksamen Betrachter ihre verschiedenen Graunuancen, ein grandioser Anblick. Mein Körper eroberte Schritt um Schritt mein Laufareal, fast wie eine Maschine – mein Geist abgetrennt vom Körper genoß nur die traumhafte Atmosphäre. Ich erinnerte mich an vergangene Zeiten, wo ich nie auf die Idee gekommen wäre, im Regen zu laufen. An dieser Stelle muß ich nochmals meinen Dank an Hauptfeldwebel Gl. aussprechen, seines Zeichens damaliger Scharfschützenausbilder in meinem Panzergrenadierbataillon, der diese Liebe zum Regenlauf in mir entzündete. Wenngleich er das wohl nie lesen wird, mein verbindlicher Dank ist ihm sicher.

2009_Juni_Regenlauf

Der Weg des Alleinseins führte mich zurück in die Wälder. Mit Staunen entdeckte ich mehrere Waldarbeiter, die es sich unter einer Art Pavillon eher ungemütlich eingerichtet hatten. Schwache Menschen. Nicht ihr Schutzsuchen vor dem Regen, nein, an ihrer Stelle würde ich ebenso handeln. Ihre Augen. Augen sagen mehr als Worte – ihr Entsetzen verrät die Einstellung in ihrem Denken. Sie gucken mich verständnislos an – ich lächele sie ebenso verständnislos an. Wie so oft in ähnlichen Begegnungen. Durch regelrechte Bäche kämpfe ich mich durch den Wald und werde nach insgesamt 15 Kilometern zurückkehren.

Unterwegs mußte ich öfter an Brigitte und Christian denken. Danke für Deinen Regentanz, Christian; Du hättest es ebenso genossen – während Brigitte wohl eher mit dem Kopf geschüttelt hätte. Zu Hause wringe ich meine Bekleidung aus, selbst meine Unterwäsche und die Socken triefen vor Wasser – die Füße sind aufgeweicht. Ein Lauf nach meinem Geschmack – besser geht es nicht. Mit Freuden folgte abschließend die kalte Dusche. Was für ein Tag! Mein Tag! Das zweite Bild zeigt mich direkt nach dem Lauf und das erste Bild entstand während meiner letzten Radtour, die zum Ende buchstäblich ins Wasser fiel, wie jene Wolken implizieren.

Majestäten am Horizont

Veröffentlicht in Fauna am 23. Juni 2009 von Marcus

Während meiner täglichen Laufrunden beobachte ich naturgemäß die unterschiedlichsten Tiere. Manche sind klein und süß, andere groß und scheu, wiederum andere relativ zahm und edel. Das Spektrum der Variabilität ist mannigfaltig. Meine besondere Liebe gilt den Raubvögeln, die stolz und erhaben durch die Lüfte gleiten. Ihre Anmut und Grazie bleibt unerreicht. Majestätisch kreuzen sie am Horizont und beobachten ihre Welt mit scharfen Augen. Nahezu jeden Tag treffe ich auf Bussarde, Adler und Falken. In ihnen sehe ich ungezügelte Leidenschaft, romantische Kraft, den Ruf nach Freiheit und gefühlvolle Stärke. Ausgewählte Exemplare reagieren auf meine Anwesenheit nicht mit Flucht, sondern bleiben in einer geringen Distanz ruhig auf einem Ast sitzen und beobachten den schwarz gekleideten Läufer, der ihnen die Aufwartung macht. Permanentes Anreden und meine wiederholte Präsenz initiieren ein latentes Vertrauen, welches ich besonders zu schätzen weiß.

Das imposanteste Schauspiel überhaupt bot sich für mich im vergangenen November – als ein temporärer Schneeregen einsetzte, in dessen Entwicklung bedrohlich dunkle Wolken von Sol persönlich angestrahlt wurden und somit ein goldenes Wolkenband in der Ferne erzeugt wurde. Unmittelbar davor flog ein stolzer Bussard direkt in Richtung Sonne – ein erlauchter Anblick voller atemberaubender Schönheit und graziler Eleganz. Eine schöne Erinnerung. Die Schnee-Eule und der Weißkopfadler sollen stellvertretend jene wunderbaren Tiere symbolisieren. Wenngleich beide Arten in meinem Laufgebiet nicht heimisch sind.

Vielleicht stehen sie auch nur sinnbildlich für den Traum vieler Menschen sich in die Luft zu erheben und zu fliegen. Wer täte das nicht gern? Wie ein Adler durch den Himmel schweben, getragen vom leisen Sturm und die beschränkte, menschliche Perspektive hinter sich lassen und ja – einfach nur frei sein! Mentale Barrieren niederstrecken und die Weite genießen – auch die des Geistes. Unerfüllte Sehnsüchte.

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Den Weg gehen – III. Routine.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Rückschau. am 19. Juni 2009 von Marcus

Ich ging einst nicht davon aus, daß meine Seite über diesen langen Zeitraum existieren wird. Besonders im jenen Kontext, daß ich nicht gerne allzu private Details von mir veröffentliche. In den letzten Jahren habe ich für mich einen akzeptablen Kompromiß geschlossen, zumal in primärer Hinsicht das Täglichlaufen dominiert. Meine ersten Aufzeichnungen zum Thema Sport entstanden 1997 – auf die Idee auch den Beginn meines Laufens zu dokumentieren, kam ich leider nicht. Damals dachte ich nicht, daß ich dem Laufsport treu bleiben werde. Zeiten ändern sich. Menschen manchmal auch. Zwei Jahre später entstand meine Laufdatei, jedoch sorgte ein Computerdefekt dafür, daß ich die Daten eines halben Jahres verlor. Die nächste Zäsur – in Form einer Intensivierung fand 2004 statt, seitdem protokolliere ich mein Täglichlaufen akribisch.

Die Lehre aus dem Datenverlust kanalisierte sich in der Konsequenz alle eminent wichtigen Daten auszudrucken. Papier ist geduldig und es ist real, nicht virtuell. Manchmal frage ich mich, ob die von mir verfaßten Laufaufzeichnungen meinen Nachfahren erhalten bleiben. Auf das Internet vertraue ich hierbei nicht unbedingt. Allgemein gefragt, was ist heute schon haltbar und hat Bestand für die Zukunft? Unsere Zivilisation hat zwar Wissen angehäuft wie nie eine andere Generation je zuvor, doch was nutzt das – immerhin vertrauen wir auf fragile Technologien. CD, DVD, Blueray, Festplatten, USB-Sticks? Sinnlose Erfindungen ohne jedweden Wert, da sie generell nicht zukunftssicher sind. Sicherlich sind sie praktisch, doch wie offenbart sich der Vorteil, wenn ich in 30 Jahren damit nichts mehr anfangen kann, wenn sie denn bis dahin überhaupt überdauern – die grundsätzlich inkorrekten Herstellerangaben diesbezüglich lasse ich außen vor. Wer hat heute noch einen Computer zu Hause, der „uralte“ Disketten lesen kann? Die Technik schreitet voran – ständig erleben wir Wechsel, Neuerungen und Modifikationen, doch die Haltbarkeit ist immer begrenzt. Permanentes Umkopieren? Nicht wirklich eine Alternative. Eine Datensicherheit für die Zukunft? Die existiert nicht.

Wenn unsere Zivilisation niedergeht, bleibt von unserem Wissen nicht viel übrig – unser immenses Wissen ist in der Majorität nur virtuell. Übertrieben vereinfacht formuliert – Strom weg – Wissen weg. Ägyptische Hieroglyphen auf Steintafeln als Beispiel haben Jahrtausende erduldet und sind immer noch lesbar, wenngleich das natürlich keine Option ist. Ich besitze Unterschriften von meinen Vorfahren, die 150 Jahre alt sind oder ein partiell vergoldetes Familienbuch, fast 100 Jahre alt. Diese für mich unschätzbaren Werte haben bis heute die Zeit überdauert – was mir also wichtig ist, vertraue ich nur dem Papier an. Und vielleicht liest irgendwann ein Urenkel von mir, was für einen verrückten Vorfahr er hatte – wer weiß das schon. Wie dem auch sei, nun zu meinem eigentlichen Thema – schließlich hat sich erneut ein Laufmonat in die Vergangenheit verabschiedet. Tempus fugit.

Dieser Monat war ein Abschnitt der durchschnittlichen Routine. Es gab Läufe, die einfach nur wunderschön waren; ebenso kamen Läufe vor, bei denen ich mich fragte, wieso ich mir das eigentlich antue. Mentale Schwäche, Selbstzweifel und Energiegeladene Läufe voller Kraft wechselten sich ab. Ein starker, schwacher Monat. Höhen und Tiefen kamen vor, so ist das Leben.

Zum Monatsbeginn titulierte mich ein Bekannter als „Rundumläufer“, was immer er damit auch ausdrücken wollte, ich habe laut gelacht. Der Fund einer Brieftasche bildete einen interessanten Anlaß für mich – welch Freude, als ich sie dem Eigentümer zurückgeben durfte! Ende Mai wurde auf meinem Damm endlich das Gras gemäht, gleichwohl schießt es langsam wieder in die Höhe, um bald erneut meine Strecke zu verkürzen. Am 03.06. absolvierte ich den 3000. Täglichlauftag meiner aktuellen Serie und stellte damit gleichzeitig die Tageszählweise ein. Ein stolzer Tag! Dreitausend Tage Laufen in Folge ohne einen Ruhetag – erreicht von einem Mensch, der früher bei 100 Metern Laufen fast ins Koma fiel – welch Genugtuung! Den tierischen Höhepunkt bildete ein Nachwuchsfuchs, der zum Knuddeln süß war und vor mir flüchtete. Nicht minder interessant, die „Jagd“ zweier Raben auf einen Raubvogel. Hinterher jagen, stellen, verstecken, abwarten und von vorn – ein imposantes Schauspiel.

Als weniger schön stellte sich die Treppe heraus, die ich zu Beginn und am Ende meines Laufes passieren muß – oberhalb weist sie zerstörte Stufen auf. Am 09.06. wäre ich selbige fast hinunter gefallen – ich konnte mich gerade so am Geländer festhalten. Als stetigen Kontrast die lustigen Radfahrer, welche in ihrer Ehre gekränkt sind, wenn ich sie im Laufschritt überhole. Das Klicken und Klacken der Gänge verrät mir ihr Denken. Größere Sturmschäden traten in diesem sehr windigen Monat ebenfalls auf. Die Temperaturen schwankten von 11 C° bis 28 C°, insgesamt betrachtet ein zu frischer Mai/Juni. Die Chance eines Regenlaufes bot sich mir wieder nicht. Die Enttäuschung hält an. Zu guter Letzt habe ich den ich dritten Monat des achten Täglichlaufjahres vollendet – ein weiterer Triumph, den ich hier mit zwei natürlichen Bilder garnieren werde.

2009_Juni_Himmel
2009_Juni_Rosen

Meine Rückschau neigt sich ihrem Ende entgegen, ich schließe mit einem Hinweis. Am 17.06. passierte ich eine Straße als auf der Fahrbahn ein Auto mit nicht geringem Tempo selbige entlang fuhr. Direkt dahinter ein LKW, ebenfalls relativ schnell und mit einem nicht vorhandenen Sicherheitsabstand. Das Auto wollte rechts abbiegen, signalisierte das, verringerte die Geschwindigkeit und mußte abwarten, bis ich die Straße endgültig überquert hatte. Der LKW rechnete nicht damit, hupte aufgebracht und zog in letzter Sekunde auf die linke Fahrspur; er hatte Glück, daß dort niemand fuhr. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, was passieren kann, wenn man einen adäquaten Sicherheitsabstand vernachlässigt. Ein korrekter Abstand zum Vorgängerfahrzeug ist keine leere Warnung, sondern kann durchaus der Gesundheit förderlich sein. Mit ein wenig vorausschauendem Denken ist es möglich unser Wohlbefinden aktiv zu beeinflussen. In diesem Sinn, bleiben wir gesund!

19.05.2009 13 KM – linker Fuß, Schmerzen im Zeh
20.05.2009 13 KM – Gespräch mit Bekannten
21.05.2009 13 KM – Zehschmerzen wieder weg
22.05.2009 14 KM – weiße Gans gesichtet
23.05.2009 13 KM
24.05.2009 13 KM – Labrador “Anton” zwang mich zum Anhalten
25.05.2009 14 KM – dritte Mal einen Schwarzspecht gesehen
26.05.2009 14 KM – mit einer Läuferin gemeinsam gelaufen
27.05.2009 12 KM – Damm: Gras gemäht; Traktor blockierte Weg
28.05.2009 14 KM
29.05.2009 14 KM – Gespräch mit Grußfreundin, Radfahrer überholt
30.05.2009 14 KM
31.05.2009 14 KM
01.06.2009 14 KM
02.06.2009 14 KM
03.06.2009 14 KM – 3000. Täglichlauftag
04.06.2009 14 KM – Fuchsnachwuchs gesichtet
05.06.2009 14 KM
06.06.2009 14 KM – Raben – Raubvogel – Jagd
07.06.2009 14 KM
08.06.2009 14 KM
09.06.2009 13 KM – fast die Treppe hinunter gefallen
10.06.2009 13 KM – zwei Radfahrer überholt
11.06.2009 14 KM
12.06.2009 13 KM – Gespräch mit Bekannten; Sturmschäden
13.06.2009 14 KM – Baum blockierte Waldweg
14.06.2009 13 KM
15.06.2009 14 KM
16.06.2009 13 KM – neue Grußfreundin mit Hündin “Roxy”
17.06.2009 13 KM – Radfahrerin überholt
18.06.2009 13 KM – 08 Jahre und 03 Monate Täglichlaufen