Einsame Weite der Ruhe am endlosen Horizont

Veröffentlicht in Photos, Täglichlaufen. Laufberichte. am 4. November 2009 von Marcus

Nun ist mein zehnjähriges Täglichläuferjubiläum bereits eine Woche alt; es ist zu einem endlichen Teil der gelebten Geschichte geworden. Von unsichtbaren Händen in das allmächtige Reich der Vergangenheit hinfort getragen. Und so dreht sich das wertvolle Rad des Lebens weiter, die Zeit und ich laufen ehrfürchtig in eine noch nicht geborene Zukunft, die uns mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit besuchen wird, lächelnd für einen Augenblick anhält – um endgültig in das nebulöse Nichts zu verschwinden. Seit Anbeginn der Zeiten.

Der zwielichtige November heißt uns von Herzen willkommen. Dunkle Tage, die nicht wirklich hell werden. Kalte Sturmböen, auf denen Gevatter Regen zauberhaft durch die Welt reitet. Er wütet maßlos; verschlingt mit aller Macht, was sich ihm in den Weg stellt und umhüllt es mit seiner nassen Liebe. Eine trostlose, graue Zeit – bar jeder Hoffnung. So scheint es. Doch der allzu offensichtliche Schein trügt. Die „ungemütliche“ Witterung sorgt dafür, daß oberflächliche Menschen der wahren Erkenntnis fernbleiben. Nur wer mit offenen Armen und freudigen Herzens das Kommende akzeptiert, sich dem Unerwarteten bedingungslos öffnet, wird die Verkörperung der prächtigen Natur verstehen, sie lieben lernen und seinen Frieden mit sich und dem Leben schließen. Er kehrt zu der Quelle seiner selbst zurück.

Meine Lieblingszeit ist gekommen, wenn die Wälder von Menschen gemieden werden. Das Gros der Bäume hat sein Blätterkleid längst abgeworfen und somit die Wege reichhaltig geschmückt. Rotes, gelbes und braunes Laub staffiert die Pfade behaglich aus. Ein leises Rascheln und Knistern ist der Dank für eine behutsame Überquerung. Die einstmals kräftigen Blätter sind mittlerweile welk geworden, verkümmert liegen sie auf der Erde; hier und dort ragen sie wie angespitzt aus dem Boden, um von Regenwürmern in ihr erdiges Reich überführt zu werden. Durch das fehlende Blattwerk erhöht sich die relative Sichtweite im finsteren Forst. Nur den eigenen Herzschlag hörend, laufe ich in aller Stille in die einsame Leere des trüben Waldes. Zahllose Drosseln springen im Unterholz umher, aufgeschreckt suchen sie das Weite. Im Gegensatz zu den mutigen Eichelhähern, die laut schimpfend ihren Unmut kundtun. In der Ferne hämmern fleißige Spechte ohne Unterlaß. Kleine Eichhörnchen lugen hinter großen Stämmen hervor und wundern sich über meine schwarze, vergängliche Präsenz in ihrem Heim.

Ich erreiche den Damm und nach der ersten Biegung erspähe ich – nichts. Abgeschiedenheit. Genau wie ich es liebe. Die von mir so geschätzte Einsamkeit ist mein größter Verbündeter. Gleichwohl ist dieses Jahr anders. Nicht nur der eben erlebte Moment, nein, das gesamte Jahr stellt ein Novum dar. So eine abstrakte Einsamkeit, die regelrecht greifbar ist, habe ich noch nie erlebt. Zwar begegne ich nahezu täglich diversen Personen, als da wären Grußfreunde, Läufer, Walker, Bekannte und Hundebesitzer. Insgesamt betrachtet, hat sich ihre Anzahl jedoch merklich reduziert. Die gelobte Vereinsamung meines Laufareals schreitet voran. Einerseits begrüße ich das sehr, andererseits fehlen sie im gewohnten Bild. Aber das ist das Leben: Menschen kommen. Menschen gehen.

Die dunkelgraue Dominanz der gemalten Wolkenschattierungen setzt sich am Horizont fort und vereinigt sich leidenschaftlich mit dem aufgewühlten Seewasser. Nur der unablässige Bewegungsdrang der rauschenden Wellen enttarnt die jeweiligen natürlichen Elemente – fast bin ich geneigt anzunehmen, es handele sich um eine einzige, kalte Wand. Früher hielt ich selten während meiner Läufe an, doch jetzt kommt das immer öfter vor – zum Ufer spazierend, regungsloses Verharren und auf den See hinaus blickend; der Welle um Welle sein kaltes, klares Wasser an den Strand spült. In dieser weiten Abgeschiedenheit der harmonischen Ruhe lauschen, um das Lied des Lebens zu hören, welches mir der säuselnde Wind vertrauensvoll in mein Ohr flüstert. Nun beschließen die Wolkenheere eine offene Formation und lassen uns Erdenbewohner an ihrem kühlen Naß teilhaben. Ein sanfter Nieselregen setzt ein, der für heute mein treuer Begleiter sein wird. Das ungestüme Wasser sucht sich unaufhaltsam seinen Weg, es rinnt mein Gesicht hinunter, tränengleich perlt es zu Boden und löst sich wieder auf. Tief in mir fühle ich eine belebende Stärke, die sich zögerlich entwickelt, eine geschätzte Kraft von Freiheit, die sich sogleich auf meinen Lauf projiziert.

Das geliebte Laufareal liegt verlassen danieder, nichts bewegt sich. Oder irre ich mich? Vereinzelt leuchten noch grün gekleidete Bäume auf, die sich trotzig der Jahreszeit widersetzen, dennoch! – auch hier demonstriert der Sturm seine Macht und abgetrennte Blätter verlassen für immer ihren angestammten Platz in der Natur. Sie segeln flüsternd herab – wie der stilvolle Tanz der Gezeiten. Plötzlich höre ich ein freudiges Heulen – ähnlich einem Wolf. Beagle Bruno trottet auf mich zu; mit seinem Besitzer führe ich ein kurzes Gespräch. Er winkt leicht mit seinem Regenschirm und fragt mich grinsend, wieso ich so naß wäre. Ich lache und verabschiede mich mit den Worten, daß ich langsam los muß, bevor die Sonne hervor bricht. Doch nicht ohne vorher Bruno zu streicheln, der mich zitternd vor Kälte anguckt. Meine gewohnte Geschwindigkeit aufnehmend, verlasse ich im strömenden Regen den Damm, blicke ein letztes Mal in Richtung des im Wind sich biegenden Schilfes und verliere mich in den Wäldern. Die Intensität der Finsternis vermehrt sich unabänderlich; wohin ich blicke, werde ich Zeuge von der engagierten Aktivität zahlloser Wildschweine. Vermutlich liegen sie im Unterholz versteckt, beobachten mich und fragen sich, wann ich endlich wieder verschwinde.

Ich laufe weiter, mein Körper findet den Rückweg von allein – meine Gedanken schweifen längst in andere Sphären. In vergangenen Zeiten, in alten Erinnerungen und einst absolvierten Läufen mit ihren besonderen Erlebnissen. In direkter Front tauchen die zurückgekehrten Schafe auf, die einmal mehr ihrer Fluchtleidenschaft nachgehen. Später überhole ich schnellen Schrittes einen Radfahrer, der mich entsetzt anstiert, sei es wegen der „Schmach“, weil ein Läufer an ihm vorbeizieht oder ob meiner kurzen Bekleidung, die per definitionem so gar nicht in das allgemeingültige Wetterbild zu passen scheint. Und so endet mein Lauf – ein melancholischer Lauf in einer dunklen Welt voller Ruhe und greifbarer Einsamkeit. Ein Lauf nur für mich, nur für meine eigene Zufriedenheit – geboren in Frieden, Einklang und Harmonie.

Ein Jahrzehnt. Mein Weg als Täglichläufer

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Mein Weg. am 28. Oktober 2009 von Marcus

Die Zeit ist reif. Mein substanziellstes Jubiläum in diesem Jahr. Seit zehn Jahren darf ich mich als Täglichläufer sehen. 1999 – 2009. Vor einer Dekade begann eine Entwicklung, die mich zu einem anderen Menschen werden ließ. Rückblickend betrachtet, handelte es sich um eine bedeutende Zäsur für mich selbst und mein Leben. Ein konkretes Datum kann und will ich nicht nennen. Im September/Oktober/November 1999 vollzog sich die aufkeimende Wandlung vom unregelmäßigen Schönwetterläufer zum Täglichläufer. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade einmal zweieinhalb Jahre dem Laufsport treu. Die Trainingseinheiten expandierten – natürlich unbewußt. Damals nahm ich das Laufen nicht im Ansatz wie heute wahr. Es war eine ganz andere Welt. Eine viel schwächere Ausgabe meiner selbst. Körperlich wie mental.

Nun jährt sich der Auftakt meines Täglichlaufens zum zehnten Mal. Ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin extrem stolz auf mich. Und kann es selbst kaum glauben. Ausgerechnet ich! Es ist aber auch gleichzeitig erschreckend. Wo sind nur die Jahre geblieben? Wie konnte die Zeit derart schnell in die erinnernde Vergangenheit flüchten? Vor meinem geistigen Auge ziehen die schulischen Sportstunden vorbei, an die ich mich mit Grauen zurück erinnere. Als wäre es gestern gewesen! Im Stadion sollte ich laufen und nach 100 Metern beherrschten mich Seitenstiche und die super trainierten Mitschüler zogen Runde um Runde lachend vorbei. Was gäbe ich darum, mit meinem heutigen Körper daran teilzunehmen. Heute wäre ich derjenige, der lächelt. Das Leben wird man nie verstehen; ein seltsamer Zufall bestimmte mich zum Täglichläufer. Mein sportliches Versagen in der Schule lag zum großen Teil natürlich an meiner Person, aber auch der Sportlehrer trug seine Verantwortung daran. Als Mensch, der nur für den Sport lebte, verstand er nicht, seine Begeisterung an die Schüler weiterzugeben oder die bereits vorhandene Freude zu forcieren. Meine einstige Schwäche seinerzeit ist aus heutiger Sicht zu einer Stärke geworden; die Reminiszenz hieran führt dazu, daß ich nie vergessen werde, wie ich früher war, was gleichzeitig auch zu einem latenten Antrieb geworden ist.

Das damalige Unverständnis, was ich dem Sportlehrer entgegen brachte, hat sich in Verständnis transformiert; ich kann ihm keinen Vorwurf machen, zumal wir uns sonst sehr gut arrangierten – bis auf das Fach Sport. Lange nach meiner Schulzeit sah er mich sogar hin und wieder laufen. Eines Tages grüßte ich ihn, jedoch unterbrach ich meinen Lauf nicht. Leider. Ich nahm mir vor, ihn beim nächsten Treffen über meine Täglichlaufaktivität zu informieren und stellte mir sein erstauntes Gesicht vor. Aber wie das Leben so spielt, eine derartige Chance wurde mir nicht zugestanden. Er lebte für den Sport, bedingungsloser Sport war sein Leben und das wurde ihm zum Verhängnis. Kurze Zeit später erlitt er einen Sportunfall und war seitdem gelähmt. Für einen Menschen, der für die Bewegung gelebt hat, ist dies ein Todesurteil. Und so war es auch. Ich sah ihn nie wieder. Ich bin dankbar, daß ich ihn gekannt habe, einen größeren Sportfanatiker habe ich nie wieder getroffen. In meiner Erinnerung lebt er weiter und wird seine Schüler im Sportunterricht zu Disziplin antreiben. Rigoros. – Im Jahr 2000 lernte ich das Täglichlaufen richtig schätzen – wenngleich mir der spezielle Terminus freilich unbekannt war. Auch legte ich noch Ruhetage ein, zwar nur wenige, doch längere „Serien“ bildeten sich nicht.

Es war ein schönes Jahr, der den Grundstein meines Denkens legte. Der Jahresabschluß sollte sich als unschön herausstellen, da gravierende Fußprobleme mich an das Ergometer bannten. Welch deprimierende Zeit! Ich spürte die Kerze, die hell lodernd in mir brennt und wollte laufen, nur laufen und jedes Mal, wenn ich der Flamme Nahrung geben wollte, löschte sie mein Körper. Unmißverständlich. Die gesundheitlichen Probleme zogen sich bis in den März hinein. Als ich dann wieder einigermaßen laufen konnte, faßte ich am 18.03.2001 den bewußten Entschluß, ab sofort jeden Tag zu laufen. Täglich. Ohne Ausnahme. Aus Trotz. Aus Rache. An meinem Körper, dieses unzulängliche Gebilde. Ich wußte, daß das nicht lange gut gehen würde, alsbald würden mich neuerliche Schmerzen zum Pausieren zwingen. Meine Einschätzung sollte sich als Irrturm enttarnen. Die Wehwehchen reduzierten sich enorm, dafür erhöhte sich das Vertrauen in meinen Körper. So lief ich nun täglich und genoß es einfach. Selbstverständlich nicht in der heutigen Intensität, Sensibilität und Wahrnehmung. Selbst die Monate zählte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Vor meinem ersten Jahresjubiläum entstand dann doch ein gewisser Ehrgeiz – „Ein Jahr Täglichlaufen“ – zu vollenden. Und es gelang mir! Von nun an zählte ich die Monate, während ich den Weg in die Täglichläuferzukunft beschritt. An Ruhetage oder Aufhören dachte ich nicht mehr.

Wenn ich geahnt hätte, was ich in den kommenden Jahren alles erleben würde – ich hätte es nicht geglaubt. Die verschiedensten Emotionen erfuhr ich in meinen Laufeinheiten. Ich lief laut lachend durch die Wälder und still weinend. Ich schrie vor Schmerzen auf und zwang mich dennoch weiter zu laufen. Glückliche Läufe wechselten sich mit anstrengenden ab. Melancholische wie traurige Gefühle wurden Zeuge meines Täglichlaufens. Das traurigste Erlebnis in meiner Laufzeit fand 2008 im Zuge eines Regenlaufes statt. Als leidenschaftlicher Regenläufer gab ich mich den nassen Witterungsmächten hin und kostete das kühle Naß par excellence aus. Indes lief ich an einer unbedachten Bushaltestelle vorbei, wo ein an den Rollstuhl gefesselter Mann im strömenden Regen auf den Bus wartete. Jenen Moment, wo sich unsere Blicke trafen, werde ich nie vergessen. Ein trauriger Augenblick des Lebens, voller Gegensätze. In solchen Situationen wird man aufrichtig gewahr, was es bedeutet halbwegs gesund zu sein. Die Gesundheit ist das wichtigste Gut überhaupt im Leben eines jeden Menschen. Das sollten wir nie vergessen. Wie schnell kann sich das seltsame Lebensrad drehen und plötzlich sitze ich in dem Rollstuhl? Leben wir das Leben! Solange wir es noch können.

Die Jahre zogen in das Land und nach wie vor gelang es mir, die Konzeption weiter zu praktizieren. Gleichwohl veränderte sich mein Denken immer mehr. Die aktuelle „Serie“, einst aus einer Trotzreaktion entstanden, wurde zu einem Ritual, welches sich später zu einer Verinnerlichung veränderte, um letztendlich zu einer Art Lebenseinstellung zu werden. Das ist auch der Grund, weswegen ich die erlebten Herausforderungen bisher meistern konnte. Und derlei gab es viele. Die individuelle Grenze, bei Schwierigkeiten Ruhetage einzulegen, erhöhte sich immer gravierender. Täglichlaufen bedeutet nicht nur bei Sonnenschein zu laufen. Gerade die Widrigkeiten sind es, die das Täglichlaufen für mich definieren. So drehte ich 2002 meine Runde – unmittelbar nach einem Sturz, der für ein temporäres Aussetzen der Seh- und Hörkraft sorgte. Ich lief im Winter im hohen Schnee mit blutender Nase und zog eine regelrechte Spur durch die Welt. Wie unangenehm. Für Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar, aber für mich ergibt das einen vollkommenen Sinn, da das Außergewöhnliche nie auf glatten Wegen entstehen kann. Ich geriet in eine Auseinandersetzung mit einem Alkoholiker, der mich ein Jahr lang mehr oder weniger belästigte. Auch erinnere ich mich an mehreren Auseinandersetzungen mit Jugendlichen. Im Laufe der Jahre erlebte ich 16 Hundeangriffe, von denen ich 15 abwehren konnte – gebissen wurde ich nicht. Die lieben Vierbeiner konnten mich noch nie vom Laufen abhalten, im Gegensatz zu einer immens hohen Anzahl von kleinen Fliegen – mein einziger Lauf, den ich je abbrach – so geschehen am 02.10.2000. Im Jahr 1999 war ich Zeuge, wie mehrere Personen aus dem rechten Spektrum Hunde quälten und zu Kampfmaschinen ausbildeten – mit Peitschen und Ketten. Widerlich!

Ja, auch gefährliche Situationen ließen sich nicht vermeiden. Mehrfach drohten mich niederfallende Äste fast zu erschlagen, doch das Glück war mir hold. Ebenso bei diversen Fastautounfällen – allein von 2004 bis heute 29 an der Zahl. Selbstredend ereigneten sich auch kuriose Begebenheiten, wenn ich an zwei Vorfälle mit Polizeihubschraubern denke, die mich in nächster Distanz verfolgten – weil während meines Laufes ein Straftäter gesucht wurde. Obwohl ich grundsätzlich in schwarzer Bekleidung und nicht immer lächelnd durch die Wälder laufe, mußte ich sie hierbei enttäuschen. Ich war nicht der Gesuchte. All das gehört zu meinem Täglichlaufen – dadurch wurde ich, was ich bin. Nicht nur schöne Erfahrungen, auch sehr viele unangenehme gehören dazu, ja, müssen dazu gehören, um meiner Täglichlaufphilosophie ihre langfristige Legitimation, ihren Wert zu verleihen. Aber nichts davon konnte meine Intention unterminieren, im Gegenteil! Und dieses Gefühl und Wissen, die sich daraus generieren, bilden ein Reservoir der Stärke für die Zukunft. Oft wurde meine gelebte Täglichlaufkonzeption relativ heftig von verschiedenen Seiten, vor allem gesundheitlicher Natur bedroht. Nichtsdestotrotz laufe ich weiter täglich. Natürlich ist mir bewußt, daß eines Tages der Moment kommen wird, an dem mich der finale Schlußpunkt erreichen wird, denn nichts hält ewig im Leben. Auch mein Täglichlaufen ist wie alles im Leben nur Staub im Wind. Es kam aus dem Nichts, besteht für Nichts und wird dereinst im Nichts sein Ende finden.

Im nicht wirklich anonymen Internet stieß ich durch Zufall auf das Streakrunner Forum, was mich sehr in Erstaunen versetzte. Sollten noch mehr Menschen täglich laufen? Ich gebe zu, daß ich die Vorstellung recht kurios fand, da ich bis dato die Idee ziemlich verrückt einschätzte. Flugs meldete ich mich an und war von 2006 bis 2009 ein kleiner Teil der täglich laufenden Gemeinschaft. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entstanden jedoch diverse Differenzen, basierend auf divergenten Ansichten, so daß ich mich verabschiedete. Ich lief schon zu lange täglich, als daß mein Denken dort wirklich verstanden werden konnte. Wenn mein Abschied auch im Streit stattfand, war es doch eine schöne Zeit bei den damaligen positiven Laufverrückten, die ich nicht missen möchte. Ich freue mich, noch heute mit vielen Mitgliedern in Kontakt zu stehen.

Nach dem Austritt stellte ich das Zählen der Tage ein, ich beließ es bei 3002 Tagen am 05.06.2009 und kehrte zur Jahres- bzw. Monatszählung zurück. Aktuell ergeben sich Acht Jahre und Sieben Monate Täglichlaufen in Serie. Was ich erwähnenswert finde, ist die Tatsache, wie bekannt man durch das tägliche Laufen wird. Meine Aktivität beschränkt sich in der Majorität in einem expliziten Stadtteil mit seinem Hochwasserschutzgebiet und den angrenzenden Wäldern. Mittlerweile habe ich sehr oft die Erfahrung gemacht, daß ich überall in der Stadt nur als Läufer bekannt bin. Letzten Montag bei der üblichen Jahresuntersuchung bei meinem Zahnarzt begrüßte er mich mit den Worten: „Na, heute schon gejoggt?“. Und das ist nur ein Beispiel von zahllosen. Daran werde ich mich nie gewöhnen.

Die Ursache hierfür dürfte sich auch in der Tatsache kanalisieren, daß ich selbst bei Minusgraden nur mit kurzer Bekleidung unterwegs bin. Abhärtung war stets ein essentieller Bestandteil meiner Konzeption. Wobei sich die Werte automatisch korrigiert haben, soll heißen, so extrem wie früher bin ich längst nicht mehr. Auf Experimente dahingehend verzichte ich komplett, meine persönliche Schmerzgrenze durfte ich leidvoll erfahren. In den letzten Jahren wurde mir die Gnade von 169 Regenläufen gewährt, acht Läufe fanden bei Gewitter statt und 56 Glatteisläufe gesellten sich dazu. Weiterhin durfte ich 43 Mal in Begleitung laufen.

Gemeinsame Läufe kommen recht selten vor, wodurch ich sie besonders zu schätzen weiß. Ich traf in der Vergangenheit im Rahmen meines Täglichlaufens auf viele interessante Menschen, die partiell zu Freunden wurden. Sehr viele Hundefreunde und ihre Besitzer, sowie zahlreiche Grußbekannte lernte ich kennen. Ein großer Teil von ihnen wurden zu einer Art Anhänger, ich freute mich sie nahezu täglich zu sehen. Licht und Schatten liegen immer dicht beieinander. Umso schmerzlicher das Gefühl, wenn langjährige Bekannte auf einmal für immer verschwinden. Menschen kommen und gehen. Das Karussell des Lebens dreht sich beständig. Alte gehen, neue wachsen nach. Eine Homogenität ist nie gegeben.

Das betrifft auch meine liebsten Begleiter, die Tiere. Sie zeichnen oft für die schönsten Erlebnisse verantwortlich. Seien es meine Schafe, die Hochlandrinder, Fasane, die edlen Bussarde und andere erhabene Raubvögel oder niedliche Stockenten, schimpfende Fischreiher und Graugänse. Eichhörnchen, Rehe und Schwarzspechte reihe ich ebenfalls mit ein. Allein die täglichen Beobachtungen und Begegnungen mit ihnen, heben mein Laufen auf eine wunderbare Ebene der Freude. Sie im Wechsel der Jahreszeiten zu beobachten und die Welt, in der sie leben – erzeugt ein einzigartiges Gefühl. Und genau das ist Täglichlaufen. Es ist ein Gefühl. Im finsteren Forst laufen, dunkle Wolken ziehen am Horizont entlang. Plötzlich öffnet sich der graue Himmel, ähnlich zweier Schiebetüren, die sanft zurückgezogen werden; goldene Strahlen brechen mutig hervor und erobern von oben engagiert die Baumkronen. Sie leuchten durch die Bäume, einzelne Strahlen erreichen den Boden, abgefallenes Laub in allen Farben und Tautropfen reflektieren das grandiose Lichtspiel. Welch ein Gefühl! Niemand wird mich verstehen. Wer nicht meine Erfahrungen, Empfindungen, Erlebnisse und Naturliebe im gleichen Maße absolviert und erfahren hat, kann und wird nicht nachvollziehen können, was ich unter Täglichlaufen verstehe. Denn ein Antisportler, der seit zehn Jahren täglich läuft und mehr als achteinhalb in Serie davon – darf widersprüchlich sein. Das bin ich. Ich vereine viele Widersprüche, aber das Leben hat mich dazu bestimmt. Und es hat Recht.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei meinen Eltern und Brigitte bedanken. Vor allem dafür, daß mir Eure Unterstützung stets sicher war. Ich weiß, ich habe es Euch nie leicht gemacht; Euch oft mit meinem Täglichlaufen strapaziert – manchmal nervt es mich selbst (als kleiner Trost) – und Euch wiederholt in Sorge versetzt. Sei es durch nächtliche Waldläufe mit Wildschweinkontakt, meiner Sturheit und Unvernunft oder durch gesundheitliche Eskapaden. Meinen verbindlichsten Dank für Eure Geduld; ich verneige mich. Erneut muß ich Hauptfeldwebel Gl., damaliger Scharfschützenausbilder in meinem Panzergrenadierbataillon meinen Dank aussprechen, er war derjenige der vor endlosen Zeiten mit seinem Vorbild die Leidenschaft zum Regenlauf in mir auslöste – ein überragendes Geschenk. Das ist mein Weg als Täglichläufer. Den ich jederzeit wieder so gehen würde. Exakt so wie bisher. Auch in der Zukunft werde ich nicht vor Herausforderungen gefeit sein. Ich hoffe, daß ich mich noch einige Zeit als Täglichläufer bezeichnen darf. Wohin wird die Reise gehen? In welche Richtung führt mein Weg? Ich weiß es nicht – aber es werden helle wie dunkle Tage aus der Zukunft in die Gegenwart rasen. Wie immer. Täglichlaufen. 1999 – 2009. Ein Jahrzehnt. Eine Dekade.

Quo vadis, Deutschland?

Veröffentlicht in Contra Politik am 25. Oktober 2009 von Marcus

Der Inhalt des heutigen Artikels entzieht sich meiner bewußten Wahrnehmung und sollte hier per se keinen Eingang finden. Im Prinzip ist diese Thematik unwürdig, zu unbedeutend die Kaste, dennoch mache ich eine Ausnahme – letztendlich sind wir alle davon betroffen. Der mündige Wähler hat seine Aufgabe erfüllt und wir haben eine neue Regierung. Dazu später mehr. Der Weg der Berufsfindung mit seiner Ausbildung und Bildung sollte allgemein bekannt sein. Der Bäckermeister beginnt seine Lehrzeit, erhält irgendwann seinen Gesellenbrief und qualifiziert sich anschließend zum Meister seines Faches. Der General fängt als einfacher Rekrut an, studiert und wird im Rahmen von Beförderungen vom Leutnant über Hauptmann vielleicht General, sofern er sich bewährt hat. Und der Physikprofessor an der Universität wird seinen Lehrstuhl verliehen bekommen, weil er einst Physik studiert hat, danach forscht, veröffentlicht, habilitiert und sich als unentbehrlich erweist. Ich unterstelle eine Leistungsgesellschaft, in der die Besten als Leistungsträger durch Qualifikation und Kompetenz höhere und hohe Posten bekleiden werden. In der Regel. Ein Berufsfeld entzieht sich dem – die Politik.

Das neue Kabinett der Bundesregierung ist ein lächerlich schönes Beispiel. Der ehemalige Verteidigungsminister wird nun Arbeits- und Sozialminister. Der alte Wirtschaftsminister hingegen wird Verteidigungsminister. Ein Jurist wird Umweltminister. Der bisherige Innenminister wird Finanzminister. Ein Müllermeister wird Verkehrsminister. Bäumchen, Bäumchen, wechsele Dich! Qualifikation? Unnötig. Kompetenz? Nicht vorhanden. Erfahrung? Nein. Befähigung? Nicht nötig. Zugegeben, hinter diesen Ministerposten stehen Tausende Mitarbeiter in den jeweiligen Ministerien, die unterstützend und beratend einwirken. Nichtsdestotrotz wirkt es grotesk, daß der höchste Vorgesetzte von der Materie keine Ahnung hat. Das ist befremdlich. Die politische Führung eines der wirtschaftlich wichtigsten Länder der Welt beweist uns, daß sie obsolet ist. Jeder kann alles. Jeder macht, was er will. Es ist nicht mehr obligat sein Handwerk zu erlernen. Man muß nichts wissen oder sein Amt adäquat ausfüllen, um ein Millionenvolk zu regieren. Wen wundert es da noch ernsthaft, daß alles in diesem Staat immer teurer wird, die Fahrt in den Generationenabgrund immer schneller vonstatten geht? Die Steuern erhöht werden, das Gesundheitssystem in Schieflage geraten ist, die Schulden steigen usw. usf. Und wer die Wahrheit sagt – Meinungsfreiheit? – wird seiner Ämter enthoben. Welcher Politiker wundert sich noch ernsthaft über die Politikverdrossenheit der Bürger?

Um bei meinen Beispielen zu bleiben, der Bäckermeister übernimmt die Aufgabe des Generals und führt Bürger in Uniform, der Physikprofessor wird die Bäckerei leiten und der General doziert an der Universität in dem Fach Physik über die spezielle Relativitätstheorie. Absurd, oder? Nach vier Jahren müßte die Bäckerei Insolvenz anmelden, stattdessen wird ein neuer Chef geschickt. Ein General. Er wird das Geschäft neu strukturieren und erfolgreich leiten. Und wenn nicht? Auch nicht gravierend. Es ist ja nicht seines. Er haftet nicht persönlich, steht also nicht mit seinem Geld ein. Wie die politische Führungskaste in Deutschland. Bäumchen, Bäumchen, wechsele Dich! Fortsetzung folgt. In vier Jahren. Quo vadis, Deutschland?

Den Weg gehen – VII. Alte Stärke.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Rückschau. am 21. Oktober 2009 von Marcus

Der Auftakt des vergangenen Monats begann zwar noch im Zeichen der unzulänglichen Schwäche, doch ich konnte bereits den genesenden Aufwind spüren. Ein heikles Stadium der körperlichen Gesundheit stellt diese Übergangsphase dar. Subjektiv betrachtet – nahezu wiederhergestellt – der Körper will in bewährte Muster zurückkehren, darf respektive sollte nicht. Sich in Zurückhaltung üben und die Intensität beschränken, ist der weisere Weg. Und so nahm ich mein Standardprogramm nicht sofort wieder auf, sondern näherte mich langsam den einst etablierten Rahmen an. Obwohl die Widrigkeiten sich augenscheinlich in Luft auflösten, benötigte mein Körper mehrere Tage, um die reguläre Form aufzubauen. Nun heiße ich die gewohnte und geschätzte Konstitution erneut in alter Stärke willkommen.

Was bot der siebte Monat in diesem Jahr? In den letzten Wochen wurde der herbstliche Jahreswechsel mit voller Inbrunst vollzogen. Die Temperaturen fielen während meiner Läufe von 18 C° auf 04 C°. In den ruhigen Wäldern verabschieden sich nach und nach die grünen Kleider und die Farben des Herbstes dominieren uneingeschränkt – ein buntes Potpourri im dramatischen Wandel der grünen, roten und gelben Welt in der von mir geliebten Natur. Welch formidabler Anblick! Demungeachtet erreichten mich die ersten kalten wie liebevollen Ausläufer der winterlichen Legionen, die uns immer näher kommen. Vor nicht langer Zeit trauerte ich wehmütig dem Sommer hinterher, doch jetzt freue ich mich auf die kalten Tage. Die kühle, belebende Luft ist ein einziger Genuß; einmal eingeatmet, führt der prosperierende Odem der Wintermacht zu einer Stärke, die sich unverzüglich auf das Laufen auswirkt. Der aufgenommene Sauerstoff verteilt sich im Blut und setzt eine lange vermißte Macht frei. Meine geliebte Kälte – Du bist zurück! Die innere Kraft scheint übermächtig, sie manifestiert sich in großen Schritten, die Geschwindigkeit erhöht sich – greifbare konzentrierte Energie, fühlbar. Ein überhöhtes Empfinden mächtiger Dynamik und immenser Willenskraft, nichts und niemand kann mich während meiner Läufe in natürlicher Freiheit aufhalten. Ungebrochenes, knisterndes Temperament.

Der in die Vergangenheit aufgebrochene Monat offerierte eine gehaltvolle Alternation. Ein langjähriger Hundefreund von mir, der Rottweiler Bow – einst fester Bestandteil meiner täglichen Laufeinheit wird mich nicht mehr begleiten – er verstarb leider. Das gewohnte Bild hat sich einmal mehr verändert, ja, es ist ärmer geworden. Auch meine Schafherde verschwand urplötzlich. Glücklicherweise ist mir nun ihr aktueller Aufenthaltsort bekannt; demnächst werden sie ihr gewohntes Zuhause wieder beziehen. Anfang Oktober blockierte ein umgestürzter Baum den Damm, temporär gelang es mir, Täglichlaufen mit Klettern zu verbinden. Das Hindernis wurde jedoch schneller beseitigt als ich es mir in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hätte. Für einen weiteren Höhepunkt des Monates zeichneten die Hochlandrinder verantwortlich, die sich selbst in den Stand der Freiheit erhoben, um ungehindert ihre Welt zu erkunden.

In dieser Woche stand auf der Wiese in Dammnähe ein Reh und beobachte mich neugierig. Ich blieb stehen und wir guckten uns an, selbst als ich es ansprach, flüchtete es nicht. Wenige Minuten später lief ich an einem edlen Bussard vorbei, der erhaben auf einem Pfahl thronte – die Entfernung betrug drei Meter. Ein wahres Prachtexemplar! Diese beiden Momente verkörpern für mich mein Täglichlaufen par excellence. Den Blick auf die natürliche Welt gerichtet, nicht auf die menschliche. Im Geist während des Laufens völlig versunken, in das innere Reich der Harmonie – was jüngst dazu führte, daß ich spazierende Freunde gänzlich ignorierte. Erst als ich sie längst passiert hatte, wurde mir mein Fauxpas bewußt. Ich kehrte um und korrigierte lächelnd meine Taktlosigkeit, die mir auch sofort verziehen wurde. Das sind meine liebsten Läufe. Wenn sich der Geist scheinbar vom Körper trennt und sich auf eine andere Ebene erhebt – durch die Welt fliegend – im Einklang mit sich selbst.

19.09.2009 06 KM – bei den Schafen angehalten
20.09.2009 09 KM – Erkältung beendet
21.09.2009 10 KM
22.09.2009 10 KM – langes Gespräch mit einer Bekannten
23.09.2009 11 KM – Gespräch mit Grußfreund
24.09.2009 12 KM
25.09.2009 12 KM
26.09.2009 09 KM
27.09.2009 12 KM – Jagdspiel zwischen Bussard und Möwe
28.09.2009 13 KM – Radfahrerin überholt
29.09.2009 13 KM
30.09.2009 13 KM – Gespräch mit Hundehalterin, Hund aggressiv
01.10.2009 11 KM – wunderbarer Regenlauf
02.10.2009 13 KM – Radfahrerin überholt, Baum umgestürzt
03.10.2009 13 KM
04.10.2009 13 KM – Schranke geschlossen; Gespräch Grußfreund
05.10.2009 15 KM – Melancholischer Lauf
06.10.2009 13 KM
07.10.2009 15 KM
08.10.2009 12 KM
09.10.2009 13 KM – Gespräch mit Grußfreundin
10.10.2009 08 KM
11.10.2009 13 KM – drei Fasane aufgeschreckt
12.10.2009 13 KM
13.10.2009 13 KM – Gespräch mit Grußfreund, Hochlandrinder frei
14.10.2009 13 KM
15.10.2009 14 KM
16.10.2009 14 KM
17.10.2009 14 KM
18.10.2009 14 KM – Täglichlaufen: 08 Jahre und 07 Monate

Der Sinn des Lebens

Veröffentlicht in Elementares, Fauna am 17. Oktober 2009 von Marcus

Was ist der sagenumwobene Sinn des Lebens? Eine der elementarsten Fragen, wenn nicht gar DIE essentiellste Fragestellung überhaupt, welche sich die Menschen schon immer stellten. Fast jeder zerbrach sich darüber den Kopf; große Philosophen und Gelehrte, Dichter und Denker. Die Basis eines fundamentalen Disputes, der nie für alle befriedigend beantwortet werden kann. Dabei ist die Antwort simpel, die Erkenntnis einleuchtend – natürlich kanalisiert sich die Beantwortung in der persönlichen Weltsicht, eine individuelle Betrachtung der eigenen Existenz. Der Mensch wird geboren – einfach so – heutzutage in der Regel durch die Vereinigung zwei sich liebender Wesen. Er gibt anschließend ein temporäres Gastspiel auf diesem Planeten ab; in unserem unendlichen Universum der unaufhörlichen Weite. Der Ferne. Des Nichts.

Er lebt, kann selbst jedoch keinen Einfluß auf sein entstehendes Dasein nehmen und wird nach einem begrenzten Augenblick, an dem er am wundervollen Leben partizipiert – für immer in den vergänglichen, unwiderruflichen Sog des ewigen Nichts gezogen werden. Der Sinn des Lebens? Das Leben hat keinen Sinn. Irrelevant, was der menschliche Geist zu interpretieren vermag. Wobei unsere Gattung sehr kreativ im Ersinnen von Rechtfertigungen ist, um unsere triviale Existenz hochtrabend zu legitimieren; wir versuchen sehr engagiert unser beschränktes Agieren als sinnvoll erscheinen zu lassen. Das müssen wir auch, denn die nüchternde Wahrheit wäre zu deprimierend. In der Arterhaltung respektive Fortpflanzung offenbart sich der einzige Sinn allen Lebens. Vereinigung. Geburt. Leben. Tod. Ohne tieferen Sinn. Bedeutungslos. Ein natürlicher Kreislauf. Alles, was wir in diesem Zyklus konstruieren, als da wären – Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Kriege, Krisen – die gesamte Grundlage unserer Zivilisation – dient nur als ablenkende Alibifunktion, um eine scheinbar sinnvolle Tätigkeit zu kreieren und damit dem Leben den Anschein von Sinn zu verleihen.

Bei der Majorität der derzeit noch herrschenden Spezies ist das sogenannte „Kindchenschema“ psychologisch fest verankert. Hierbei handelt es sich um verschiedene Körpermerkmale, die einen Schlüsselreiz etablieren und den Pflegeinstinkt direkt ansprechen. Eine wunderbare Schutzfunktion der Evolution; unabdingbar, um die Grundlage einer langfristigen Aufzucht zu bilden und damit die Eltern an den Nachwuchs zu binden und das Überleben zu gewähren. Dieses Verhalten bewirkt, daß wir menschliche Babys, aber auch Arten übergreifend Jungtiere und Nachwuchs als niedlich deklarieren. So beispielsweise auch der folgende Hochlandrindernachwuchs, den sich Anett als heutiges Thema ausgesucht hat. Ich weiß, daß die explizite Auswahl eine Herausforderung für Dich war und Du Dich beinahe für den Regenlaufbericht entschieden hättest – dies kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Die kleinen Putzels sehen ein wenig wie Teddybären aus – während die älteren eine Karriere als Haarmodel anstreben.

Zu Beginn dieser Woche wunderte ich mich über massive Spuren in meinem Laufareal, vorrangig auf der Dammstrecke – Familie Schwarzkittel wollte ich die Abdrücke allerdings nicht zuschreiben. Bis ich dann diverse, ich formuliere es als „Hinterlassenschaften“ sah, wurde mir alles klar. Offensichtlich konspirierten die Hochlandrinder mit der verschollenen Schafherde, die ihrerseits großmeisterliche Experten der Flucht waren. Seit ein paar Tagen haben also die Rinderherde ihre Umzäunung durchbrochen und sie spazieren – wieder einmal – frei im Hochwasserschutzgebiet umher. Vor exakt einem Jahr lebten sie die allseits gelobte Freiheit und damals begegnete ich einem großen Bullen – direkt vor mir. Ich bin gespannt, ob erneut ein derart naher Kontakt zustande kommen wird. Wenn ich auch schon andere Geschichten hörte, so betrachte ich die gutmütigen Putzels als harmlos. Welch goldiger Anblick, wenn sie ihren Nachwuchs Wagenburgartig in die Mitte nehmen und beschützen. Ein wunderbares Beispiel für den wahren Sinn des Lebens. Schnörkellose biologische Reproduktion. Oder wie es Tolstoi stilvoller formulierte, „Der Sinn des Lebens ist die Vermehrung der Liebe auf Erden“.