Trügerische Sicherheit & Suspekte Fragilität

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufalltag. am 25. November 2009 von Marcus

Trügerische Sicherheit. Welch ein Jahr! Jubiläen ohne Unterlaß. In der Regel assoziiert die menschliche Majorität eine positive Begebenheit mit diesem Terminus. Einmal mehr tanze ich aus der Reihe und definiere ein unschönes Ereignis. Vergangenen Sonntag erlebte ich den zehnten Sturz in meiner Laufkarriere; kurioserweise bereits der dritte in diesem Jahr. Vor ewigen Zeiten gelernte Falltechniken im Judo bewahrten mich vor Schlimmeren. Meine Konstitution ist nur partiell eingeschränkt. Interessant das Zustandekommen des Geschehens, weder Glatteis noch Hundeangriffe zeichneten verantwortlich. Ich lief nicht etwa unkonzentriert, nein, im Gegenteil – ich sah bewußt die Wurzeln, welche einladend den Weg zieren und wich noch einer besonders großen aus – in der nächsten Sekunde erwischte mich eine kleinere. Dabei sind mir sämtliche Pfade en détail vertraut – selbst im Schlaf sollte ein Passieren ohne Probleme eine Option sein. Explizit dies sollte sich jedoch als die Crux in dieser Situation herauskristallisieren. Eine allzu sichere Routine der Gewandtheit, eine trügerische Sicherheit brachte mich schließlich zu Fall. Die Schmerzen werden mich mittelfristig weniger routiniert agieren lassen, was wiederum positiv ist.

Suspekte Fragilität. In den letzten Tagen dominierte eine ungewöhnlich milde Witterung. In der natürlichen Folge marschierten Sturmmanipel, Windkohorten und böige Legionen rauschender Brisen mit bravouröser Macht in mein Laufareal ein und behaupten sich seitdem unangetastet. Sie ritten wild durch die Luft, fegten umbarmherzig durch eine atmosphärisch dichte Welt und tobten sich ohne Rücksicht auf die Wälder kaltherzig aus. Wunderbare Wolkenschiffe flankierten die Sturmfronten und sorgten dafür, daß Mutter Sol ihr graues Verlies am Horizont nicht verlassen konnte. Gleichwohl konnte ich sie am Firmament erahnen, ein verblaßter, sanft schimmernder Kreis in der Ferne, ähnlich einer Energiesparlampe, die immer heller wird – allerdings in meinem Beispiel nicht zur vollen Stärke reifen durfte. Temporär gelang ihr die Flucht und mehrere goldene Strahlen durchbrachen den finsteren Kerker der Ewigkeit und leuchteten auf den aufgewühlten See. Laserstrahlenartig schien sie das Wasser abzutasten, welches wiederum das ungewohnte Licht reflektierte und ein grandioses Naturschauspiel bot – bis das Spektakel urplötzlich seinen Höhepunkt fand und für alle Zeiten abebbte.

Indes der atemlose Sturm seinem Namen alle Ehre machte und ausgelassen herum tollte. Partiell kämpfte ich mit rigoroser Kraft dagegen an und obwohl es sehr warm war, tränten meine Augen. Wie in Zeitlupe kam mir mein Laufen vor, doch nur solange, bis ich wieder geschützte Bereiche erreichte und erstaunt registrierte, mit welch hoher Geschwindigkeit ich in Wirklichkeit lief. Wie befreiend, die eingeschränkte und unsichtbare Wand überwunden zu haben! Mein Damm sah mittlerweile wie ein Schlachtfeld aus, abgefallene Äste allenthalben. Sogar größere Bäume wurden zu ihrem Endspiel gezwungen und werden dereinst meiner damaligen Geliebten nachfolgen. Hier offenbart sich die geschätzte Weisheit, daß nicht Höhe und Kraft Überleben bedeuten, sondern vermeintliche Schwäche und Anpassung. Große Äste werden gnadenlos vom wütenden Sturm gefällt, sobald ihr Zenit überschritten wird, brechen sie in den Tod. Doch anpassungsfähige Zweige – beispielsweise das Schilf – beugen sich leise der stürmischen Macht und richten sich anschließend wieder auf. Die augenscheinliche Schwäche triumphiert über die Stärke.

Zahllose Stolperfallen säumen nun meine Laufstrecke. Eine besonders heikle Gefahr bilden diverse abgeknickte Äste, die noch lose in den Baumkronen hängen. Wann werden auch sie zu Boden fallen? Ein mittelgroßer Zweig schwingt bei Wind wie ein Pendel hin und her – sobald ich diese Örtlichkeit passiere, blicke ich mit Mißtrauen gen Himmel. Nicht minder kritisch ein weiterer Ast, der seit Samstag ein Schattendasein in den Wipfeln führt. Möge ihn die Gravitation anziehen, wenn niemand unter ihm spaziert. So wirken herbstliche Stürme wie meine läuferische Routine eklatant auf mein Täglichlaufen ein, nicht immer im positiven Sinn, doch stets interessant. Und die Konsequenz der stürmischen Kunstfertigkeit etabliert ein unwohliges Gefühl in mir. Die Erinnerung an mich fast erschlagende Äste bleibt in meinem Gehirn präsent, auch wenn jene Situationen längst in die Vergangenheit geflüchtet sind. Täglichlaufen im Herbst, ein spannendes Unterfangen.

Geliebter Regen. Mein Hohelied.

Veröffentlicht in Läufer versus Nichtläufer, Pro Regenlauf am 21. November 2009 von Marcus

Ein gemütlicher Abend vor wenigen Tagen. Anregende Gespräche innerhalb einer illustren Runde dominierten den Moment. Irgendwann tendierten die Worte in Richtung des Laufsportes, speziell auf die Thematik „Regenlauf“. Die Diskussionspartner setzten sich aus mehreren Nichtläufern und einer Ex-Läuferin zusammen. Zusätzlich ein aktiver Läufer mit einer Lauferfahrung, die meine 12 ½ Jahre als sehr gering erscheinen lassen – und nicht zu vergessen, meine Wenigkeit als ein Vertreter der Täglichläuferzunft. Ich muß gestehen, ich bin es leid, Menschen etwas näher bringen zu wollen oder zu erklären, was sie aus einer Form von Intoleranz heraus nur ablehnen. Ein sinnloses Unterfangen. Dies ist mir zu müßig.

Dennoch, nachdem ich lange schwieg, ließ ich mich auf die Unterredung ein. Die Teilnehmer waren in ihrem Denken gespalten. Auf der einen Seite absolute Ablehnung: „Wie kann man nur im Regen laufen? Man wird ja sooo naß! Die Schuhe werden naß! Alles klebt. Eklig! Das ist ungesund! Regen und dann noch Wind? Nein, das kann nicht gut sein!“ – Mehrere Augenpaare sahen mich an: „Wie kannst Du das nur schön finden?“. Dazwischen der aktive Läufer: „Im Sommer, bei 20 oder 25 C° im Regen zu laufen, ist angenehm, ja, aber wenn es kälter wird? Nein. Dann nicht mehr!“. Und zu guter Letzt meine Person auf verlorenem Posten – als leidenschaftlicher Regenläufer.

Ähnlich wie in meiner favorisierten Rubrik „Faszination Regenlauf“ beschrieb ich meine Empfindungen während dieser wunderbaren Witterungsverhältnisse – mein Hohelied auf den Regen. Wie es ist, wenn man im Laufschritt beherzt die Welt erobert und am Horizont die durch finstere Wolken zum Abzug gezwungene Sonne langsam beobachten kann. Allmählich verflüchtigt sie sich, ihre goldenen Strahlen verblassen, gewährt der dunklen Präsenz mehr und mehr Raum, um letztendlich zaghaft zu einem gefühlten Hauch im Nichts zu werden. Während die gelobte Parade der grauschwarz schattierten Geisterwolken immer bravouröser aufzieht und unerbittlich Stellung bezieht. Bis dann die ersten Wassertropfen leise zu Boden segeln, nach und nach, einsame Tröpfchen, die einzelne Sandkörnchen explosionsartig hochfliegen lassen, um anschließend elegant zu verpuffen. Doch diese Einsamkeit ist eine Illusion; das nieder gleitende Regenwasser vereinigt sich zu einem lieblichen Nieselregen und etabliert ein immer stärker werdendes Prasseln. Das T-Shirt durchweicht in wenigen Sekunden, die Haare weinen durch das nasse Stakkato, feinste Rinnsäle bahnen sich ihren natürlichen Weg vom Kopf und perlen Tränengleich mein lächelndes Antlitz herab. Der vormals trockene Pfad verfärbt sich dunkelnaß und die ersten Pfützen reflektieren den grauen Himmel. Zu Beginn weiche ich ihnen noch aus, doch sobald die Schuhe vollkommen naß sind, ist dies nicht mehr nötig. Unbeherrschte Wogen des aufgewühlten Sees bahnen sich unaufhaltsam ihren Weg an das von weißer Gischt gesäumte Ufer; unsichtbare Sturmdämonen reiten wild über das Seewasser.

Die Welt ist eine andere geworden; der Regen hält die Scheuen und Ängstlichen zurück, er sorgt dafür, daß diese berauschende Atmosphäre nur von wenigen Menschen gefühlt werden wird. Die Welt ist zärtlicher geworden, getragen von einer sanften, behaglichen Ruhe. Eine leise Stille, die sich erst in der Nässe offenbart. Der prosperierende Herzschlag des Lebens pulsiert langsamer und zugleich schneller, einer leidenschaftlichen Liebe geschuldet. Regungslos im Geist und voller körperlicher Kraft genieße ich meinen Regenlauf. Gesellen sich noch sanfte bis ungestüme Sturmböen hinzu, kehre ich zu der Quelle meines Seins zurück. Elementares Dasein. Ich laufe nur noch, empfinde, fühle und genieße – und denke nicht mehr. In Frieden und Einklang mit der omnipotenten Natur und mit mir selbst – lebe ich. Auf Gefühle reduziert. Nicht mehr. Nicht weniger.

Nach meiner glühenden Beschreibung der von mir so geliebten Regenläufe blickte ich einmal mehr in verständnislose Gesichter: „Welch ein Unsinn!“ war in ihnen zu lesen; „Du verrückter Kerl!“ – sagten sie lächelnd. Mitfühlend. Furchtsame verstehen Furchtsame. Täglichläufer verstehen Täglichläufer. Leidenschaftliche Regenläufer verstehen leidenschaftliche Regenläufer. Menschen gleicher Art verstehen immer einander. Meinen Vortrag hätte ich mir sparen können, aber das wußte ich vorher. Ich werfe es ihnen jedoch nicht vor. Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da hätte ich über meine Worte auch nur gelacht und mich gefragt, ob das noch normal ist. Doch was ist schon normal? Was ist verrückt? Wer definiert das? Für sich? Für andere? Mit welchem Recht? Die Menschen sehen das, was sie sehen wollen. Wer den Blick hebt, sieht gleichwohl eine andere Welt.

So verging der Abend. Interessante Gespräche zwischen grundverschiedenen Charakteren, die zwar verbunden waren, sich partiell aber nicht verstanden. Sie verstanden mich nicht – und ich verstand sie nicht. Während des nächsten Regengusses werden sie an mich denken und mit dem Kopf schütteln. Auch ich werde mit einem Lächeln an diesen denkwürdigen Disput zurückdenken und ebenfalls mit dem Kopf schütteln, indes ich kräftig in eine Pfütze springen werde und ein nasser Blätterarm gegen meine Schulter peitscht. Zwei konträre Denkweisen, die beide ihre Berechtigung besitzen. Die Kunst besteht darin, sie den anderen nicht aufzuzwingen. Eine simple wie komplexe Erkenntnis. Abschließend betrachtet, danke ich dem beständig unbeständigen Zufall des Lebens für jenen Augenblick, der mich einst zu dem machte, was ich heute bin. Ein inbrünstiger Verehrer der regnerischen Natur, der nassen Welt, des vor Regen triefenden Lebens. Ich liebe es. Aus tiefstem Herzen. Und ja, allein mein Vortrag über die Regenläufe ließ mich lächeln; vor meinem geistigen Auge zogen die erlebten Erinnerungen vorbei, die mich mit tiefer innerer Zufriedenheit auf die entsetzten Freunde blicken ließen. Ein intensives Gefühl.

Den Weg gehen – VIII. Harmonie.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Rückschau. am 18. November 2009 von Marcus

Täglichlaufen in Serie. Acht Jahre – Acht Monate. Zwar ein unbedeutendes Datum, allerdings eine interessante Zahlenkonstellation. Erneut wurde ein Täglichlaufkapitel vom sagenumwobenen Reich der verblaßten Erinnerungen aus der Zukunft angezogen, um dort für alle Zeiten absorbiert zu werden. Das gewichtigste Ereignis in diesem Jahr sollte sich in meinem zehnjährigen Jubiläum als Täglichläufer materialisieren. Wer hätte das einst gedacht? Selbst ich hätte dies als ein unmögliches Vorhaben deklariert. Doch im Nachhinein stellt sich die Welt anders dar, gänzlich konträr zu meinem damaligen Denken, gleichwohl hat das Leben Recht und ich bin froh, daß ich vor einer Dekade den Pfad des Täglichläufers – unbewußt – gewählt habe. Trotz aller Härten würde ich ihn auch mit dem heutigen Wissen exakt wieder so gehen – wie ich es tat. Und diese Erkenntnis – der Sieg über mich selbst – läßt mich stolz lächeln; die Widrigkeiten und Herausforderungen bilden den Nährboden von liebevoller Härte und gewachsener Selbstdisziplin und die daraus gewonnene tägliche Permanenz einer Fortführung meiner Philosophie generiert die gelobte Zufriedenheit und eine mentale wie körperliche Gesundheit, die ich nicht mehr missen möchte. Ich bin dankbar, daß ich das Gefühl des Täglichlaufens in seinen vielen Facetten erfahren, empfinden durfte und weiterhin hoffentlich darf.

Jener vergangene Monat wird als sehr harmonischer Abschnitt in meine Annalen eingehen. Wie im letzten Rückblick bereits formuliert, ist die alte Stärke mit voller Inbrunst zurückgekehrt und hat sich mit der inneren Ruhe vereint, so daß bei den absolvierten Läufen mehrheitlich der lächelnde Genuß obsiegte. Die Wettermächte taten das ihrige und etablierten mit edler Hingabe einen dunkelschönen Oktober/November-Wechsel. Der Jahreszeit entsprechend sanken die Temperaturen von 12 C° auf 01 C° – freilich auf den jeweiligen Laufzeitpunkt bezogen. Somit erfolgten die ersten beiden „Kälteläufe“ zu Beginn des diesjährigen Novembers – nahezu 20 Tage früher als im Vorjahr. Eine wirkliche Anpassung war auf Grund der milden Phasen nicht möglich, ja, offensichtlich auch gar nicht nötig, da die kühlen Gradzahlen sich kaum auf mein Empfinden auswirkten. Im Gegenteil, die klare, kalte Atmosphäre erwies sich mehr als angenehm. Enttäuschend hingegen gerieten die Regenläufe, nur zwei an der Zahl. Ich wage jedoch weiter auf die Gnade der nassen Witterungsgewalt zu hoffen.

Rückblickend betrachtet, verlief der Monat sehr unspektakulär. Die von mir so geliebten Läufe in der Melancholie, geboren in der Einsamkeit dominierten engagiert die letzten Tage. Allein im Laufschritt in der Abgeschiedenheit die dunklen Wälder erkunden; die endlose Himmelsschlacht zwischen eingesperrter Sonne, atemberaubenden Wolken und kräftigen Sturmböen zu beobachten, bildeten die Basis für eine sanfte Ruhe, welche oft knisternd und greifbar war – nur „gestört“ durch zahlreiche Tiere, die sich wie stets in Gelassenheit übten. Die unzähligen Waldpolizisten, ebenfalls bekannt als Eichelhäher in Kooperation mit den Fischreihern enttarnen sich hierbei als Ausnahmen, da sie grundsätzlich erbost ob meiner Präsenz sind – regelrechte Schimpfkanonaden muß ich über mich ergehen lassen, was mich wiederum oft lachen läßt.

Langsam aber sicher neigt sich das Jahr seinem Ende entgegen. Was eben noch so fern in der Zukunft lag, liegt jetzt fast vergessen in der Vergangenheit. Tag um Tag schält sich aus dem Nebel der Dunkelheit, präsentiert uns das temporäre Licht und wankt erneut auf die nächtliche Finsternis zu. Der beständige Kreislauf unseres Lebens. Aus Tage werden Jahre und wir registrieren mit Erstaunen, wo die Zeit geblieben ist. Wir werden sie nie aufhalten können, jedoch in besonderen Momenten ist es uns möglich, sie festzuhalten – sie für den Hauch eines Augenblicks einzufrieren. Wenn uns das mit einer vollkommenen Hingabe gelingt, dann leben wir.

19.10.2009 16 KM – 02 Radfahrer überholt, Gespräch mit Freundin
20.10.2009 14 KM – Damm: Gras gemäht
21.10.2009 14 KM
22.10.2009 14 KM
23.10.2009 14 KM – 04 Vereinsläuferinnen überholt
24.10.2009 13 KM – Fasan beobachtet
25.10.2009 13 KM – Rückkehr der Schafe
26.10.2009 14 KM – 02 Vereinsläuferinnen überholt
27.10.2009 14 KM
28.10.2009 14 KM – Zehnjähriges Täglichläuferjubiläum
29.10.2009 12 KM
30.10.2009 13 KM
31.10.2009 13 KM
01.11.2009 14 KM
02.11.2009 12 KM – Gespräch mit Hundehalter
03.11.2009 12 KM – Radfahrer überholt
04.11.2009 12 KM – Gespräch mit Hundehalter
05.11.2009 08 KM
06.11.2009 14 KM
07.11.2009 14 KM
08.11.2009 13 KM
09.11.2009 14 KM – Schafe beobachtet
10.11.2009 14 KM – Spaziergang mit einer Bekannten
11.11.2009 14 KM
12.11.2009 14 KM – am Seeufer angehalten
13.11.2009 14 KM – am Seeufer angehalten
14.11.2009 14 KM
15.11.2009 14 KM – am Seeufer angehalten
16.11.2009 14 KM – langes Gespräch mit einer Freundin
17.11.2009 14 KM – Radfahrer überholt
18.11.2009 14 KM – Täglichlaufen: 08 Jahre und 08 Monate

Täglichlaufen. Risiko Straßenverkehr.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Stadtverkehr. am 13. November 2009 von Marcus

Nach meiner – freilich – subjektiven Einschätzung nimmt die Aggressivität im Straßenverkehr immer gravierende Ausmaße an. Die Ursachen mögen vielfältig sein. Vor allem Streß, Zeitmangel, eine stete Erhöhung der Verkehrsteilnehmer, Unaufmerksamkeit, Egoismus sowie Rücksichtslosigkeit – und die daraus resultierenden Unfälle und Staus bilden einen negativen Nährboden. In seinem Auto fühlt sich der Mensch in einer Art persönlichen Sicherheitsraum; das geschützte, mobile Wohnzimmer und betrachtet die anderen Verkehrsteilnehmer oft – wenn schon nicht als Feind, doch in einer psychologisch interessanten Form als Gegner – als da wären neben anderen Autos, die Fußgänger und Radfahrer. Status und Geschlecht lasse ich außen vor. Und die Fahrradfahrer? Die betrachten natürlich die Autofahrer und Fußgänger als nervende Hindernisse. Während die unmotorisierten Menschen ihre Feindbilder in Richtung der rüpelhaften Rad- und Autofahrer konstruieren. Das typische Rollenverhalten im Straßenverkehr. Als Täglichläufer kann es zu Konflikten mit allen drei Gruppierungen kommen.

Glücklicherweise ist mir die Option gegeben, relativ schnell den ersten Wald zu erreichen. Weitestgehend vermeide ich die Zivilisation als Laufareal; von seltenen Ausnahmen abgesehen. Gleichwohl existiert während dieser kurzen Strecke ein neuralgischer Punkt, der auf Grund eines in Autofahrerkreisen nicht bekannten Verkehrsschildes zu einer regelrechten Gefahrenzone mutiert. Bei jenem mysteriösen Zeichen handelt es sich um das „Stop-Schild“ – wohlgemerkt das einzige Verkehrszeichen der StVO, auf dem explizit zu lesen ist, wie man sich zu verhalten hat. Die Majorität der Fahrzeugführer interessiert sich nicht dafür und fährt einfach stur weiter. Besonders fatal die Tatsache, daß sie dabei nur nach links blicken und bei freier Straße ohne Rücksicht auf Verluste Gas geben. Von rechts kommende Fußgänger, Radfahrer, Läufer? Irrelevant. Allein von 2004 bis heute erlebte ich an dieser Örtlichkeit 29 Fastunfälle. „Fast“ nur deshalb, weil ich jedes Mal damit rechne. Doch auch dies schützt nur bedingt, wenn das Attentat aus dem Hinterhalt ausgeführt wird. Ein Gespräch mit der Polizei verlief ergebnislos, da die Ordnungshüter nur bei finanziell lohnenden Widrigkeiten agieren – wie mir der Polizist damals bestätigte. Folgendes Photo zeigt die heikle Gefahrenstelle, wobei der Unfallwagen durch einen flüchtenden Straftäter zu Schrott transformiert wurde – ich habe damit nichts zu tun.

Allerdings ergeben sich nicht nur Konfliktsituationen mit Autofahrern, nein, auch mit Fahrradfahrern und Fußgängern. Erstere radeln gerne nebeneinander auf dem Fußweg und weigern sich beharrlich auszuweichen. Oder im Dunkeln ohne Licht mit MP3-Player – ebenfalls auf dem Bürgersteig. Ich gestehe, bei derlei Erlebnissen verläßt mich meine Sanftmut und ich werde ein wenig ungehalten. Warum sollte ich als Täglichläufer auf dem Gehsteig Radfahrern ausweichen – während der Radweg direkt daneben verwaist? Absurd. Die Stimme erhebend und partiell auch vorkommende Drohgebärden meinerseits führen mehrheitlich zu einer nachhaltigen Ermahnung der ignoranten Verkehrsteilnehmer, seien es Rad- oder Autofahrer. Die Gruppe der Fußgänger trägt das geringste Konfliktpotenzial in sich, wobei vielen Personen beispielsweise die Bedeutung einer roten Ampel nicht wirklich bekannt zu sein scheint. Bisher erlebte ich nur wenige unschöne Begebenheiten mit provozierenden Jugendlichen.

Meine Erfahrungen als Täglichläufer im Stadtverkehr wirken sich natürlich auch auf mein eigenes Rollenverhalten aus. Beispielsweise doziere ich gerne an Stopschildern mit einem Augenzwinkern – dessenungeachtet ernst gemeint – in Richtung meiner Mitfahrer: „Hier ist besondere Vorsicht geboten, es könnte ein Läufer vorbei kommen!“. In der Verkehrsproblematik manifestiert sich eine der größten Bedrohungen für meine Konzeption. Ich vertraue auf meine Weitsicht und etwas Glück. – Vielleicht sollten wir uns im Straßenverkehr gelassener verhalten und wenn sich jeder etwas mehr an die etablierten Regeln und Grundsätze halten würde, könnte dadurch die Aggressivität reduziert werden. Möglicherweise in Kombination mit mehr Verständnis und Empathie seinen Mitmenschen gegenüber. Mich selbst nehme ich davon auch nicht aus. Manch unschönes Erlebnis und Auseinandersetzung hat sich letztendlich durch ein Lächeln in Wohlgefallen aufgelöst. Lächeln. Ein hoffnungsvoller Anfang.

Der Tanz der Schmetterlinge

Veröffentlicht in Fauna, ZEN am 9. November 2009 von Marcus

Anfang Juli hieß ich den scheinbar nahenden Winter willkommen. Zu diesem Zeitpunkt herrschten Temperaturen um die 30 C°; mein winterliches Gedankenspiel im Sommer sorgte für eine mentale Abkühlung – wenngleich nur temporär. Was damals noch in der Zukunft lag, liegt heute in der Vergangenheit. Und wie immer, vollzog sich das Leben in einer erschreckenden Geschwindigkeit. Die Realität hat sich einmal mehr gedreht, brütende Treibhausstimmung suche ich heute vergebens. Doch ich bin meinem einstigen Rat gefolgt und habe die heißen Momente genossen. Wohlan, ich blicke bei frischen 0 C° im November auf den Sommer zurück. Es ist nur konsequent, wenn ich mich nun an die sonnigen Tage erinnere. Hierbei beschränke ich mich in meiner Sommerreminiszenz jedoch nur auf eine Facette.

Mein Augenmerk konzentriert sich stellvertretend auf die anmutige Schönheit der Schmetterlinge. Bei folgenden Exemplaren gelang es mir, ihre wunderbare Existenz in einem Bild festzuhalten: Roter Admiral, Kleiner Perlmutterfalter, Tagpfauenauge, Brauner Waldvogel, Trauermantel und der Hummelschwärmer. Besonders zum Letztgenannten war eine durchaus beidseitige Sympathie nicht zu übersehen. Als sie elegant durch die Luft tanzten, konnte ich mir nur schwer die kalten Temperaturen vorstellen – doch jetzt sind sie da. Gegenwärtig verhält es sich so mit den warmen Gradzahlen. Aber auch jene werden wir schneller wieder erleben – als wir es uns derzeit vielleicht ausmalen können. Bald werden sie erneut grazil durch die Natur gleiten.

Roter Admiral

Kleiner Perlmutterfalter

Tagpfauenauge

Brauner Waldvogel

Trauermantel

Hummelschwärmer

Um der hier publizierten Schönheit einen tieferen Sinn zu verleihen, schließe ich mit einer weisen Zen-Anekdote. Die Geschichte fügt sich nahtlos in meine Täglichlaufphilosophie ein. Gleichzeitig projiziert sie ihren Sinn auf das Leben an sich – in einer zutiefst allumfassenden Weise. Eine wunderbare Kombination: Schönheit und Weisheit.

Eines Tages suchte der Schüler seinen Zen-Meister auf.

„Verehrter Meister“, seufzte er, „um Euren Lehren zu folgen, sind so enorm viel Mühe, Selbstdisziplin, Geduld und Beherrschung vonnöten. Das ist mir alles viel zu anstrengend. Ich werde das Studium beenden.” Der erhabene Meister blickte mit einem traurigen Blick auf seinen Schüler. „Kennst Du die Geschichte von der Raupe?” fragte er. Der Schüler schüttelte den Kopf. „Gut, ich werde sie Dir erzählen. „Es war einmal eine Raupe, die hatte das Gefühl, daß die Verwandlung zum Schmetterling zu anstrengend sei. So beschloß sie, eine Raupe zu bleiben“.

Und während sie mühsam, langsam und unzufrieden durch ihr Dasein kroch, schaute sie immer wieder wehmütig hinauf zu all den herrlichen Schmetterlingen, die im Sommerwind von Blume zu Blume tanzten und schwungvoll durch das Leben schwebten”. Der weise Mann beobachtete seinen Schüler und fuhr dann fort: „Nun überlege Dir wohl, ob der scheinbar einfachere und leichtere Weg auch wahrhaftig der einfachere ist“. – Lohnt es sich, bei Widerständen und Herausforderungen aufzugeben oder werden wir dadurch zu dem, was wir sein könnten?

(ZEN-Anekdote) – Von mir modifiziert