Ein Hauch von tanzender Lieblichkeit

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Laufberichte. am 27. Januar 2012 von Täglichläufer

Zarte Schneeflocken gleiten sanft hernieder. Vereinigen sich behutsam mit Millionen ihresgleichen, verbundene kristalline Formen in reinster Vollkommenheit. Mehr und mehr manifestieren sich aus dem grauen Nichts, fallen aus dem endlosen Horizont der Unendlichkeit am Firmament. Rasende Sturmreiter und leise Windböen entfalten ihren kühlen Hauch der fühlbaren Macht und generieren Wirbel um Wirbel in den weißen Dendriten. Sie reißen sie erbarmungslos mit sich, hoch empor und schwungvoll schweben sie hernach zu Boden. Die Welt trägt nun ein leuchtendes, weithin hell strahlendes Gewand in edler Eleganz. Ein eigentümliches Knirschen entsteht unter meinen Laufschuhen. Die weiße Schicht wächst und wächst. Einzelne melancholische Flocken berühren zärtlich meine Augen, lösen sich flüchtend auf – Wasser rinnt mein Antlitz herab. Tränengleich.

Ohne Unterlaß tanzen die anmutigen Schneekristalle zu ihrer ureigenen und stillen Melodie, die doch nur sie allein vernehmen können. Der wirbelgleiche Takt variiert in kongenialer Eintracht im Zeichen einer unsichtbaren Liebe, die nur dem sensiblen Betrachter offenbar wird. Greifbare Einsamkeit umarmt mich, verleitet mich, immer tiefer wie bewußter in den Hain des prosperierenden Lebens einzutreten. Einstmals kahle Äste reizen mit weißer Tracht; hier und dort schweben vereinzelt Schneewolken auf die Erde, von Sturmböen oder Schwarzspechten malerisch initiiert. Oh du liebliche Schneewelt der Romantik, wie wunderschön bist du doch! So kunstvoll gestaltet, so vollkommen – allein mir fehlen die Worte. Wie lange mußte ich auf dich warten! Wie lange! Ich laufe und laufe und will nie mehr aufhören, ein Schneelauf in die Unendlichkeit – der nie enden wird und doch enden muß. Nichts währt ewig in diesem meinem Leben, temporäre Existenz im flüchtigen Dasein der gelebten Fragilität. Meine Gedanken ziehen indes von dannen, überholen mich – verlieren sich ebenfalls im weiten Nichts. Später begegne ich Spaziergängern, sie starren mich ungläubig an, stören den friedvollen Einklang. Wahrscheinlich erregt meine kurze Bekleidung ihr Aufsehen; ein Schauer durchfährt sichtbar ihre Körper.

Ich blende sie bewußt aus, mein Geist gebiert von selbst mein Lieblingszitat von Herrn Heine, „Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet“. So war es immer, wird es immer sein. Innerhalb einer Sekunde sind jene Personen verschwunden, mental verdrängt – körperlich von der famosen Schneewelt absorbiert. Die Schneeode stimmt eine neuerliche Strophe der gehaltvollen Intensität an, komponiert und getragen von purem Genuß. Und ich, ich kleines, unbedeutendes Wesen darf an diesem Frieden in selten gekannter Harmonie partizipieren. Welch Glück! Welch ein Tag, welch ein Lauf. An dieser Stelle schließe ich; wozu bedarf es noch weiterer törichter Wörter? Der Genuß, der Genuß bleibt. Für immer und immer.

Den Weg gehen – X. 2012. Zehn Jahre, zehn Monate. Dunkelnasser Auftakt.

Veröffentlicht in Täglichlaufen. Rückschau. am 18. Januar 2012 von Täglichläufer

Täglichlaufen. Zehn Jahre, zehn Monate. Tiefer, weiter, empfindsamer, intensiver – und demütiger, demütiger beschreite ich den unbekannten Pfad des fragilen Täglichlaufens von der gelebten wie flüchtigen Zukunft in die unendliche Vergangenheit; nun sind es nur noch zwei Monate bis zu meinem elfjährigen Jubiläum, so ich es denn erreichen werde. Dies wird die Zukunft offenbaren. Jedwedes Sinnieren ist irrelevant. Das seltsame Jahr 2011 ist für immer und immer von uns geschieden. Aber auch 2012 hat ungewohnt begonnen, zumindest im Kontext der alternierenden Witterungsbedingungen. Der Winter mit seiner lieblichen Schneewelt bleibt auch weiterhin verlustig; welch ein Jammer, Enttäuschung. Umso angenehmer erwies sich der nasse Jahresauftakt, der in dieser beharrlichen Konsequenz ein glückliches Novum für mich darstellte. Den letzten Tag des vergangenen Jahres krönte ich traditionell mit einem zweiten Lauf in der alles verzehrenden Finsternis und schloß das verstorbene Laufjahr 2011 mit exakt 5100 Jahreskilometern ab. Aber welcher leidenschaftliche Naturläufer interessiert sich für törichte Kilometerangaben? Die traurigen Ereignisse, fröhlichen Erlebnisse und grandiosen Begebenheiten dahinter, die ihresgleichen suchen, sind von elementarer Bedeutung im Zeichen der von mir so präferierten Zufriedenheit.

Das junge wie hoffnungsvolle Jahr startete auch gleich mit einem Höhepunkt – der gemeinsame Lauf mit Marcel in der tiefschwarzen Dunkelheit. Nur wenige Tage später beobachtete ich drei Wildschweine im schönsten Sonnenschein am Vormittag, die sich von dem schwarzen Täglichläufer nicht im Ansatz stören ließen. Auge in der Auge mit der Leitbache, freilich auf Distanz. Vielleicht nahmen sie mich als verwandtes Schwarzkittel wahr; von der perzeptiven Optik her betrachtet – darf man das durchaus in dieser Form interpretieren, wenngleich meine grabenden Fähigkeiten respektive Ambitionen nicht sonderlich ausgeprägt sind. Ein Jahr mußte ich auf dieses seltene Erlebnis warten und ja, das war eine wundervolle Beobachtung. Ich wollte das wühlende Maulwurf-Schwarzwild-Trio nicht aus ihrer Heimstatt vertreiben und korrigierte entsprechend meinen Weg. Ein wenig b e w u ß t e Rücksicht für andere Lebewesen hat noch nie geschadet, im Gegenteil.

Als eminent herausragend erwies sich ein Frühlingslauf in der prosperierenden Natur Anfang Januar. Der weite Horizont bot ein Himmelsspektakel mit hunderten Graugänsen feil, die lärmend, nein, lautmalerisch musizierend über ihre heimatliche Wiese kreisten; derweil flogen im Hintergrund zwei weiße anmutige Höckerschwäne, die indessen von der golden leuchtenden Sonne angestrahlt wurden – ich unterbrach meinen Lauf und konnte dieses Schauspiel nur genießen. Erhaben blendendes, reines Weiß. Oh wir Menschen, wie klein sind wir doch in Relation zu der nahezu vollkommenen Natur! Wie klein, klein! Auch meine geliebten Schafe kamen bald zu ihrem standesgemäßen Recht; dementsprechend legte ich viele, viele Streichelpausen für meine wolligen Schafdamen in diesem Monat ein und als besonderes Bonbon verteilte ich generös Mohrrüben – die „schrabsende“ Freude war überwältigend. So setzt es sich fort, mein Lied vom gelebten Täglichlaufen – das Jahr hat begonnen wie es endete – mit genußvollem Täglichlaufen im Zeichen der inneren Zufriedenheit. Zehn Jahre, zehn Monate. Was für ein Geschenk. Ich weiß es zu schätzen. – – Blauer Himmel, Sonnenschein. Ein riesiger Baum wird von Mutter Sol gleich leuchtenden Diamanten angestrahlt. Ich richte mein Blick empor, in die hohen Baumkronen. Schweigende Einsamkeit umschließt mich…

19.12.2011 14 KM – Hochwasser steigt an
20.12.2011 14 KM – Gespräch mit Grußfreund
21.12.2011 14 KM – Gespräch mit Grußfreund
22.12.2011 16 KM – interessante Begegnung
23.12.2011 16 KM – Nebellauf
24.12.2011 15 KM – Regenlauf
25.12.2011 15 KM – Kälte-, Regen- und Salamilauf
26.12.2011 16 KM – Lauf wie im Frühling
27.12.2011 16 KM – erneuter Frühlingslauf
28.12.2011 14 KM – Frühlingslauf, Radfahrerin überholt (ungehalten)
29.12.2011 14 KM – Gespräch mit Grußfreundin, Schafe gestreichelt
30.12.2011 14 KM – Kälte- und Regenlauf, Erlebnis Reh
31.12.2011 14 KM – Schafe gestreichelt
31.12.2011 08 KM – traditioneller Silvester-Zweitlauf im Dunkeln
31.12.2011 Jahresabschluß: 5100 Jahreskilometer
01.01.2012 14 KM – Gespräch mit Grußfreundin, Regenlauf
02.01.2012 14 KM – Regenlauf
03.01.2012 14 KM
04.01.2012 14 KM – großer Baum umgefallen, Schafe gestreichelt
05.01.2012 14 KM – Sturmlauf
05.01.2012 13 KM – Lauf mit Marcel im Dunkeln
06.01.2012 14 KM – zwei Schranken geschlossen
07.01.2012 14 KM – Regenlauf, vier Rehe beobachtet
08.01.2012 14 KM – Kälte- und Regenlauf
09.01.2012 14 KM – Regenauf
10.01.2012 14 KM – mehrere Gespräche geführt, Wildgansspektakel
11.01.2012 14 KM – Regenlauf, Gespräch, Schafe gestreichelt
12.01.2012 14 KM
13.01.2012 14 KM – Schafe gestreichelt, Schranke geschlossen
14.01.2012 14 KM – Wildschweinkontakt, Schafe gestreichelt
15.01.2012 14 KM – Wintersonnenlauf, Gespräch Grußfreundin
16.01.2012 12 KM – Schafe gestreichelt
17.01.2012 14 KM – Fuchs beobachtet, viele Silberreiher
18.01.2012 14 KM – 10 Jahre und 10 Monate Täglichlaufen
Jahres-KM bis 18.01.2012: 263 KM

Grenzenlose Finsternis

Veröffentlicht in Besondere Läufe, Faszination Nachtlauf, Zusammenkünfte am 6. Januar 2012 von Täglichläufer

Alles verzehrende Dunkelheit in der tiefen Finsternis des elementaren Seins, jedwede Lichtquelle wird von dem schwarzen Nichts der flüchtigen Unendlichkeit erbarmungslos absorbiert. Mächtige Sturmböen peitschen die massiven Wolkenfronten am Firmament mit orkanartiger Hingabe vor sich her. Verhaltener Nieselregen stimmt harmonisch in das liebliche Dunkelkonzert der Natur ein, indessen sie ihre allgewaltige Macht forciert. Die melancholische Einsamkeit in den Wäldern erscheint greifbar, sie durchdringt den empfindsamen Betrachter förmlich. Nicht weit vor dem schlafenden Forst findet eine exponierte Begegnung des Lebens statt. Zwei Läufer treffen sich in der Dunkelheit, jene Zusammenkunft wird der erste Höhepunkt in diesem meinem Täglichläuferjahr werden. Der grenzenlose Läufer Marcel und meine täglichlaufende Wenigkeit haben beschlossen, einen gemeinsamen Lauf in mein von belebender Finsternis geprägtes Laufareal zu realisieren.

Und so eroberten wir gemeinsam, die nicht wirklich verlassene Einsamkeit in dem schwarzen Areal meiner täglich praktizierten Laufliebe. Über aufgeweichte Pfade im Zeichen von Matsch und vielen Pfützen, hinweg über abgebrochene und in den Tod gefallene Zweige, die allenthalben den Weg besetzten. Hinein in die weite Dunkelheit des rauschenden Waldes, untermalt von knarzenden Ästen und seufzenden Baumgebilden in der Unsichtbarkeit. Ja, hierbei handelte es sich um einen Lauf, der durch seine Einzigartigkeit von sich Reden macht. Zudem war es der erste Tag in diesem Jahr, an dem ich zweimal gelaufen bin und nicht zu vergessen, der erste gemeinsame Lauf überhaupt – auf das neue Jahr bezogen. Allein die unzähligen Graugänse goutierten unser läuferisches Agieren nur mit Unwillen – ebenso ein Greifvogel, der auch nicht sonderlich begeistert war. Divergierende Wahrnehmungen. Lieber Marcel, herzlichen Dank für Dein Erscheinen, es war mir eine große Ehre und ich habe mich sehr gefreut. Unseren Lauf in der grenzenlosen Finsternis habe ich genossen und ja, ich freue mich auf die baldige Fortsetzung.

Die vergangene Zukunft – Jahresrückblick 2011

Veröffentlicht in Jahresrückblicke am 29. Dezember 2011 von Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein.

Nun ist es soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2011 wurde aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten das Morgen genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein wahrscheinlich letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick einer vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan.

Das Fazit kann ich vorweg nehmen, das Jahr 2011 war mehr als ein zufriedenes Jahr für mich. Es sollte von wiederholten persönlichen „Rekorden“ geprägt sein, die ich mir einst nicht im Traum hätte vorstellen können. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die Zufriedenheit gewesen. Höhepunkte gab es viele, aber nur ein Tag war von elementarer Bedeutung für mich. Der e i n e Tag. DIE Zäsur in meinem Leben. Doch all das basiert nur auf der Natur, in ihrer Mannigfaltigkeit. Ohne meine geliebten Tiere und der kongenialen Pflanzenwelt gäbe es mein Täglichlaufen nicht.

Januar

Der unausweichliche Auftakt des Jahres begann mit extremen Glatteis und einer reizvollen Flut. Soll heißen, mein Laufareal war allenthalben überflutet – entsprechend standen meine Läufe im Zeichen der Flut. Freilich ließ ich mich von diesem seltenen Schauspiel nicht beirren und nutzte das Eis für Schlitterpartien und auch für die sagenhaften Flutläufe, die nicht immer ohne Folgen blieben. Beim Durchschreiten der Eiswelt brach ich ein und im Anschluß bescherten mir die eleganten Hiebe der Eisschwerter partiell aufgeschnittene Beine. Der einzige Wildschweinkontakt des Jahres fand im Januar statt. Zum Monatsabschluß stürzte ich ordnungsgemäß, jedoch war dies nicht weiter gravierend – ich habe es mit Humor getragen, derweil ich auf dem Rücken lag und den Himmel lächelnd beobachtete.

Februar

Im Februar ergötzte ich mich an dem Anblick, den ein Mann an den Tag legte, mich neugierig beobachtete, indessen ich bis zu den Knien im Wasser stand und selbiges durchwatete. Als besonders spektakulär sollte sich eine Tierbeobachtung erweisen, zwei Schwärme von Spatzen, die später von ca. 30 Grünhänflingen begleitet wurden, waren mehr als beeindruckend. Sehr unschön hingegen erwies sich die mißglückte Schafrettung; allerdings informierte ich den Besitzer, so daß auch diese Geschichte ein gutes Ende fand. Spätestens im Februar rückte mein baldiges Jubiläum immer mehr in den nahen Fokus. Nur noch wenige Tage bis zu diesem surrealen dekadenten Tag.

März

Mein Monat! Der März sollte DER Monat des Jahres für mich werden. Allein, wen wundert es? Vorweg sei meine Begegnung mit dem Nerz erwähnt und natürlich der herzige Nachwuchs bei den Schafen. Sehr traurig hingegen sollte mein Treffen mit einem Reh werden. Das einmalige Wildgansspektakel sucht ebenfalls seinesgleichen. Und nicht zu vergessen, wenige Tage vor meinem Jubiläumslauf vollzog ich eine ungeplante Flugstunde im Wald, mit ungefähr 15 Kilometern pro Stunde – jener Sturz war in der Tat sehr hart, Schwindel und Unwohlsein behinderten den unmittelbaren Weiterlauf, erst nach einigen Minuten verfiel ich erneut in den Laufschritt. Selbst Tage später tat mein Hals weh. Sodann kam er, der E I N E Tag, der zu einer Zäsur in meinem Leben werden sollte. Der 18.03.2011. Zehn Jahre Täglichlaufen in Serie. Eine Dekade im Stil des „Gelebten Täglichlaufens“ – zehn Jahre Tag für Tag. Ausnahmslos. Was für ein unbeschreiblicher Moment. Schlußendlich habe ich damit nur meine tiefe Liebe zum Täglichlaufen zum Ausdruck gebracht. Nicht mehr, nicht weniger. Ein natürlicher Weg. Gleichwohl mußten noch einige Tage in das Land ziehen, bis ich dieses Ereignis wirklich realisierte, um es wahrhaftig annehmen zu können und – mich darüber zu freuen. Ja, ich bin unsagbar stolz auf mich.

April

Auch im April sollte es einen besonderen Höhepunkt für mich geben; das große Ereignis kanalisierte sich in der Geburt eines schwarzen Schafes, was für mich eine immense Überraschung wie Freude war. Mittlerweile ist die Dame ausgewachsen, aber immer noch schwarz und ja, auch recht zurückhaltend. Auch der erste Graugansnachwuchs stellte sich in diesem Monat ein; ebenso vernahm in diesen Tagen den Kuckuck – als Frühlingsboten. Der April verlief – von Ausnahmen abgesehen – in läuferischer Hinsicht ähnlich wie das Jahr selbst – mehr oder weniger unspektakulär und von einer latenten Routine geprägt.

Mai

Im Mai fand eine der seltenen und dafür besonders gehaltvollen Begegnungen statt. Ich traf mich mit dem grenzenlosen Läufer, Marcel, in meinem Laufareal. Wie immer bei derartigen Treffen verging die Zeit viel zu schnell. Zum ersten Mal überhaupt durfte ich Störche in dem Hochwasserschutzgebiet beobachten und an zahlreichen Tagen bescherten mir die Graugansfamilien mit ihrem Nachwuchs amüsante Szenen. Ebenso zählte ich im Mai 12 Fischreiher und einen Silberreiher auf einer Wiese – dies war ein neuer Rekord. Das Wetter war im gesamten Jahr 2011 „seltsam“, so wunderte ich mich auch nicht mehr, als Anfang Mai noch Schneeregen auftrat.

Juni

Der Juni sollte sich als ein Abschnitt der ruhigen Routine erweisen, unschöne Fastunfälle freilich ausgenommen. Ein langjähriger Grußfreund sorgte für eine witzige Einlage während meines Täglichlaufens. Die wunderbare Tierwelt zeichnete für immer neue herrliche Beobachtungen verantwortlich. Gleichwohl die Menschenwelt das Gegenteil verhieß. Hierbei denke ich noch heute mit Unwillen an die Jugendgruppen zurück, die ich nach wie vor als Marodeure betrachte. Was jene Personen im Wald suchten, bleibt mir ein Rätsel – ein Schrottplatz wäre adäquater gewesen. Nur wenige Tage später traf ich erneut junge Menschen, die jedoch das Gegenteil darstellten. Auf den ersten Blick erschienen sie „behindert“ – welch unschöne Bezeichnung – doch für mich waren die sogenannten „normalen“ Jugendlichen die wahren Behinderten. Das Leben ist widersprüchlich.

Juli

Nun sollte die sommerliche Hitze behutsam expandieren, allein – welcher Sommer? So wenig Hitzeläufe wie in diesem Jahr absolvierte ich nie, ein weiterer Rekord 2011. Umso wunderbarer mein Regenlauf bei 12 °C Anfang Juli – sogar der Atem war sichtbar. Finstertränen im Sommerglanz, was für ein Lauf! Wie so oft habe ich mich gefragt, warum dieser grandiose Genuß nur enden mußte? Warum? Doch alles vergeht im Sein, alles. Zum Ende des Monats stach mich eine Biene in den linken Fuß – die Arme. Weiterhin wurden neue Schilder in meinem Laufareal aufgestellt; willkommen in Absurdistan.

August

Erst Monate nach meinem Ausnahmejubiläum realisierte ich selbiges wahrhaftig. Es bedurfte der verstehenden Zeit, diese absolvierte Dekade im Täglichlaufen zu realisieren und anzunehmen. Derlei wird mir in diesem meinem Leben nie wieder gelingen. Aus dem Kontext heraus vollzog sich der Weg des Verstehens über einen langen Zeitraum, eben die Überwindung eines Widerstandes, der Widerstand der Erkenntnis. Im August durfte ich wieder mal einen Nerz beobachten, ein goldiger Geselle, der sich durch eine unbändige Neugierde auszeichnete. An einem Tag im August brach während des Laufens ein großer Ast direkt vor mir ab, welch beeindruckendes Erlebnis. Für einen kurzen Moment verwandelte ich mich in meine tierischen Freunde und beobachtete das Leben aus der anderen Perspektive, beispielsweise aus der eusozialen, wenn auch nur im Geiste.

September

Der liebliche Herbst naht verhalten. Nun sind weitere sechs Monate Täglichlaufen vergangen, das gewohnte Halbjahresjubiläum steht an. Täglichlaufen. Zehn Jahre. Sechs Monate. Bemerkenswert. Noch immer lebe ich diesen Stil. Wer hätte das gedacht? Ich nicht. Nie. Das ist das Leben. Und es geht weiter und weiter. Wie lange noch? Das wird das Leben zeigen. Doch kein Gipfel ohne tiefe Täler. Der Tiefpunkt des Monats war die Nachricht, daß der mächtige Schafbock durch ein Unfall verstorben sei. Ein trauriger Lauf. Mach es gut, mein Lieber! Zum Monatsabschluß kanalisierte sich der Reiz der Begegnungen in dem Treffen mit der Täglichläuferin Kornelia. Auch hier gilt, ein Jammer, wie schnell die Zeit vergeht. Täglichläufer unter sich. Ein spannender Tag.

Oktober

Schrieb ich soeben von zehn Jahren und sechs Monaten Täglichlaufen? Halt, ich überbiete dies sofort mit 12 Jahren Täglichlaufen. Seit nunmehr 12 Jahren darf ich mich als Täglichläufer bezeichnen – die Serie selbst währt nur etwas über eine Dekade, doch den Stil praktiziere ich nun seit 12 Jahren. Oh Leben, was hast du mit mir gemacht? Vor 15 Jahren hätte ich das nicht geglaubt und mich darüber köstlich amüsiert. Sodann kehrten im Oktober endlich meine geliebten Schafe zurück – nach Monaten verwaist ihre Weide nicht mehr und mein täglicher Lauf startet mit seinem wolligen Höhepunkt. Geliebte Wollfreunde!

November

Nebel. Was für ein Genuß implizierendes Wort. In diesem Herbst absolvierte ich derart viele Nebelläufe wie noch nie zuvor in meinem Leben. Auch hier wurde 2011 zum Rekordjahr. Leider war diese einzige Stimmung an mehreren Tagen sehr getrübt. Um weiterhin im Tal der Tränen zu bleiben, erinnere ich mich an dieser Stelle kurz an die entsorgten Fernseher. Ohne Worte. Über die grundsätzlichen Seiten des Täglichlaufens sinnierte ich in dem Gastartikel bei wellbo. Natürlich stand auch jener Abschnitt im Zeichen der herrlichen Tierbegegnungen, von Rehen und Seeadler über Eichhörnchen bis hin zu meinen Schafdamen, die ich oft streichelte, was sie nach wie vor sehr schätzen. Allein, welch fühlendes Wesen mag keine Streicheleinheiten?

Dezember

Oh ehemals zehnter Monat des Jahres, an jener Stelle wärst du würdig wie korrekt platziert in diesem Jahr – der zärtliche Winter macht sich rar. Liebliche Schneewelt, wo weilst du nur? Im Dezember wurde das Gerücht vom goldenen Drachen in die Realität materialisiert. Ein Traumlauf. Bereits Anfang Dezember zeichnete sich ab, daß die Grenze von 5000 Jahreskilometern mehr und mehr in Erscheinung treten würde. Dementsprechend wagte ich davon in einem Artikel zu sprechen und ja, bald durchbrach ich jene Grenze tatsächlich. Was ein Antisportler so vermag! Gekrönt wurde das Ereignis von einer geschenkten Salami, die meinem Lauf eine köstliche Note verlieh. Mein zweiter Salamilauf in über 14 Jahren als Läufer. Ich könnte mich daran gewöhnen. Der stürmische Dezember, gemalt von dem Hauch des Frühlings verging wie das Jahr selbst – mit rasanter Vehemenz. Und damit endet es, mein Täglichlaufen im Jahr 2011. Ob ich im nächsten Jahr diesen Stil weiter praktizieren und ob ich diese Seite pflegen werde, wird die Zeit offenbaren.

Statistikauszug 2011 hier mehr:

29 (2010: 042) Regenläufe
10 (2010: 027) Glatteisläufe
00 (2010: 001) Gewitterläufe
14 (2010: 009) Nebelläufe
90 (2010: 105) Kälteläufe
05 (2010: 024) Hitzeläufe
06 (2010: 000) Flutläufe
02 (2010: 003) Stürze
00 (2010: 002) Hundeangriffe
01 (2010: 002) Mal Wildschweinkontakt
09 (2010: 019) Mal in Begleitung gelaufen
04 (2010: 004) Mal Fastunfälle mit Autos
80 (2010: 094) Mal Handschuhe getragen
10 (2010: 035) Mal ein langes Oberteil getragen
06 (2010: 027) Mal eine lange Hose getragen
04 (2010: 019) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -10 °C (2010: -15 °C)
heißester Lauf bei 30 °C (2010: 37 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2011

05.01.2011 Eistanz im Diamantenmeer
09.01.2011 Die versunkene Welt
14.01.2011 Im Schattenreich. Vampir. Fliegender Hase.
05.02.2011 Sturmtränen
10.02.2011 Durch die Fluten
23.02.2011 Das Lied des Eises
03.04.2011 Die Melodie der Erweckung
30.04.2011 Sturmreiter der Macht
14.05.2011 Die Harmonie im Frieden
30.06.2011 Gefühlte Angst
04.07.2011 Finstertränen im Sommerglanz
23.07.2011 Friedvoller Einklang – Das Lied des Regens
05.08.2011 Oh Leben, was bist du für ein Leben!
25.08.2011 Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Akt II.
08.10.2011 Tanzende Sturmreiter der genußvollen Entfaltung
02.12.2011 Der goldene Drache

Ich habe in diesem Jahr 5100 gelaufene Kilometer erreicht – ohne einen einzigen Marathon, dies versteht sich von selbst. Ein einsames Jahr mit Höhen und Tiefen, welches die Meßlatte für ein Ende meiner Konzeption mehr denn je erhöhte. Waren die Jahre vorher im Stil des Gelebten Täglichaufens schon nicht reproduzierbar für mich, so gilt das nach der erreichten Dekade in diesem Jahr erst recht. Entsprechend betrachte ich dieses Geschenk mit Demut. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2012 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Oh Leben, was bist du für ein Leben!

5000 Jahreskilometer. Und wie die Salami laufen lernte – Akt II.

Veröffentlicht in 5000 Jahreskilometer, Besondere Läufe, Täglichlaufen. Status. am 25. Dezember 2011 von Täglichläufer

Also sprach ich am 07.12., „…wenn es mir gelingen sollte, 5000 Kilometer zu erreichen, werde ich sagen: „Was ein Antisportler so vermag.“ – – Wohlan, heute darf ich dies tatsächlich verkünden. Was ein Antisportler so vermag! Mit dem heutigen Lauf habe ich die faszinierende Grenze von 5000 Jahreskilometern durchbrochen. Insgesamt habe ich in diesem Jahr bisher 5004 Kilometer absolviert. Je nach Interpretation, Horizont und persönlicher Konstitution mag das viel oder wenig erscheinen, ich ziehe es jedoch vor – mich nicht mit anderen zu vergleichen.

Diese 5000 Kilometer sind nebenbei entstanden, als unbedeutendes Nebenprodukt des Pfades, den ich mehrheitlich genußvoll beschreite, den Weg der Zufriedenheit – eben als eine liebliche Strophe in meinem Lied vom Täglichlaufen. Jene Kilometer sind ohne Training entstanden, ohne Läufe, die manch einer als „Marathon“ tituliert, ohne Zwang, ohne Verbissenheit – ohne mich darauf bewußt zu konzentrieren oder das gar als Ziel zu definieren. Nein, all dies ist obsolet. Diese gelaufenen Kilometer sind ein unbewußtes wie unbedeutendes Nebenprodukt einer wahrhaft intensiven Liebe, meiner Liebe zum Täglichlaufen. Ich betrachte das als Geschenk und verneige mich in Demut vor dem Leben, welches es mir und meinem Körper ermöglichte, diesen Wert im Laufschritt zu erreichen. Ich möchte nicht einen Meter davon missen. Wer weiß, wohin für mich die Reise im Täglichlaufen gehen wird. Aber so lange es mir möglich ist, werde ich den Weg des Täglichlaufens mit einem zufriedenen Lächeln beschreiten – auch wenn es hart wird, ja, dann erst recht. Die Härten und Widrigkeiten verleihen dem Täglichlaufen den wahren Wert. Doch das Gros dieser 5000 Kilometer sind in Zufriedenheit und Harmonie entstanden. Ja, ich freue mich durchaus über diese überschrittene Grenze – dies stellt einen Höhepunkt für mich dar.

Während ich heute früh den oben genannten Kilometerakt vollzog, gab ich mich dem strömenden Regen in der Kälte hin. Ich befand mich auf dem Rückweg, als ich von einem edlen Spender erneut eine Salami geschenkt bekam. Meinen verbindlichsten Dank an dieser Stelle. Sofort erinnerte ich mich an meinen ersten Salamilauf im vergangenen Jahr. Heute sollte sich die damalige Begebenheit fortsetzen. Ich sehe mich als Genußmensch, entsprechend interpretiere ich auch mein Täglichlaufen – doch mit einer köstlich duftenden Salami in der Hand zu laufen, ja, dies besitzt einen ureigenen Charakter, der seinesgleichen sucht. Welch Wohlgeruch kitzelte meine empfindsame Nase und die Geschmackssinne. Glücklicherweise befand ich mich auf dem Heimweg, denn lange hätte ich diese unbeschreibliche Disziplin nicht mehr aufbringen können – mich zurückzuhalten und nur platonisch schmachtende Blicke auf die Köstlichkeit zu werfen. Was ist das für ein Tag heute! Passend zu meinen 5000 Jahreskilometern genoß ich mein Täglichlaufen im wahrsten Sinne des Wortes. Täglichlaufen. Genußlaufen.

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