Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein.
Nun ist es soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2011 wurde aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten das Morgen genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein wahrscheinlich letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick einer vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan.
Das Fazit kann ich vorweg nehmen, das Jahr 2011 war mehr als ein zufriedenes Jahr für mich. Es sollte von wiederholten persönlichen „Rekorden“ geprägt sein, die ich mir einst nicht im Traum hätte vorstellen können. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die Zufriedenheit gewesen. Höhepunkte gab es viele, aber nur ein Tag war von elementarer Bedeutung für mich. Der e i n e Tag. DIE Zäsur in meinem Leben. Doch all das basiert nur auf der Natur, in ihrer Mannigfaltigkeit. Ohne meine geliebten Tiere und der kongenialen Pflanzenwelt gäbe es mein Täglichlaufen nicht.
Januar
Der unausweichliche Auftakt des Jahres begann mit extremen Glatteis und einer reizvollen Flut. Soll heißen, mein Laufareal war allenthalben überflutet – entsprechend standen meine Läufe im Zeichen der Flut. Freilich ließ ich mich von diesem seltenen Schauspiel nicht beirren und nutzte das Eis für Schlitterpartien und auch für die sagenhaften Flutläufe, die nicht immer ohne Folgen blieben. Beim Durchschreiten der Eiswelt brach ich ein und im Anschluß bescherten mir die eleganten Hiebe der Eisschwerter partiell aufgeschnittene Beine. Der einzige Wildschweinkontakt des Jahres fand im Januar statt. Zum Monatsabschluß stürzte ich ordnungsgemäß, jedoch war dies nicht weiter gravierend – ich habe es mit Humor getragen, derweil ich auf dem Rücken lag und den Himmel lächelnd beobachtete.


Februar
Im Februar ergötzte ich mich an dem Anblick, den ein Mann an den Tag legte, mich neugierig beobachtete, indessen ich bis zu den Knien im Wasser stand und selbiges durchwatete. Als besonders spektakulär sollte sich eine Tierbeobachtung erweisen, zwei Schwärme von Spatzen, die später von ca. 30 Grünhänflingen begleitet wurden, waren mehr als beeindruckend. Sehr unschön hingegen erwies sich die mißglückte Schafrettung; allerdings informierte ich den Besitzer, so daß auch diese Geschichte ein gutes Ende fand. Spätestens im Februar rückte mein baldiges Jubiläum immer mehr in den nahen Fokus. Nur noch wenige Tage bis zu diesem surrealen dekadenten Tag.

März
Mein Monat! Der März sollte DER Monat des Jahres für mich werden. Allein, wen wundert es? Vorweg sei meine Begegnung mit dem Nerz erwähnt und natürlich der herzige Nachwuchs bei den Schafen. Sehr traurig hingegen sollte mein Treffen mit einem Reh werden. Das einmalige Wildgansspektakel sucht ebenfalls seinesgleichen. Und nicht zu vergessen, wenige Tage vor meinem Jubiläumslauf vollzog ich eine ungeplante Flugstunde im Wald, mit ungefähr 15 Kilometern pro Stunde – jener Sturz war in der Tat sehr hart, Schwindel und Unwohlsein behinderten den unmittelbaren Weiterlauf, erst nach einigen Minuten verfiel ich erneut in den Laufschritt. Selbst Tage später tat mein Hals weh. Sodann kam er, der E I N E Tag, der zu einer Zäsur in meinem Leben werden sollte. Der 18.03.2011. Zehn Jahre Täglichlaufen in Serie. Eine Dekade im Stil des „Gelebten Täglichlaufens“ – zehn Jahre Tag für Tag. Ausnahmslos. Was für ein unbeschreiblicher Moment. Schlußendlich habe ich damit nur meine tiefe Liebe zum Täglichlaufen zum Ausdruck gebracht. Nicht mehr, nicht weniger. Ein natürlicher Weg. Gleichwohl mußten noch einige Tage in das Land ziehen, bis ich dieses Ereignis wirklich realisierte, um es wahrhaftig annehmen zu können und – mich darüber zu freuen. Ja, ich bin unsagbar stolz auf mich.


April
Auch im April sollte es einen besonderen Höhepunkt für mich geben; das große Ereignis kanalisierte sich in der Geburt eines schwarzen Schafes, was für mich eine immense Überraschung wie Freude war. Mittlerweile ist die Dame ausgewachsen, aber immer noch schwarz und ja, auch recht zurückhaltend. Auch der erste Graugansnachwuchs stellte sich in diesem Monat ein; ebenso vernahm in diesen Tagen den Kuckuck – als Frühlingsboten. Der April verlief – von Ausnahmen abgesehen – in läuferischer Hinsicht ähnlich wie das Jahr selbst – mehr oder weniger unspektakulär und von einer latenten Routine geprägt.


Mai
Im Mai fand eine der seltenen und dafür besonders gehaltvollen Begegnungen statt. Ich traf mich mit dem grenzenlosen Läufer, Marcel, in meinem Laufareal. Wie immer bei derartigen Treffen verging die Zeit viel zu schnell. Zum ersten Mal überhaupt durfte ich Störche in dem Hochwasserschutzgebiet beobachten und an zahlreichen Tagen bescherten mir die Graugansfamilien mit ihrem Nachwuchs amüsante Szenen. Ebenso zählte ich im Mai 12 Fischreiher und einen Silberreiher auf einer Wiese – dies war ein neuer Rekord. Das Wetter war im gesamten Jahr 2011 „seltsam“, so wunderte ich mich auch nicht mehr, als Anfang Mai noch Schneeregen auftrat.

Juni
Der Juni sollte sich als ein Abschnitt der ruhigen Routine erweisen, unschöne Fastunfälle freilich ausgenommen. Ein langjähriger Grußfreund sorgte für eine witzige Einlage während meines Täglichlaufens. Die wunderbare Tierwelt zeichnete für immer neue herrliche Beobachtungen verantwortlich. Gleichwohl die Menschenwelt das Gegenteil verhieß. Hierbei denke ich noch heute mit Unwillen an die Jugendgruppen zurück, die ich nach wie vor als Marodeure betrachte. Was jene Personen im Wald suchten, bleibt mir ein Rätsel – ein Schrottplatz wäre adäquater gewesen. Nur wenige Tage später traf ich erneut junge Menschen, die jedoch das Gegenteil darstellten. Auf den ersten Blick erschienen sie „behindert“ – welch unschöne Bezeichnung – doch für mich waren die sogenannten „normalen“ Jugendlichen die wahren Behinderten. Das Leben ist widersprüchlich.
Juli
Nun sollte die sommerliche Hitze behutsam expandieren, allein – welcher Sommer? So wenig Hitzeläufe wie in diesem Jahr absolvierte ich nie, ein weiterer Rekord 2011. Umso wunderbarer mein Regenlauf bei 12 °C Anfang Juli – sogar der Atem war sichtbar. Finstertränen im Sommerglanz, was für ein Lauf! Wie so oft habe ich mich gefragt, warum dieser grandiose Genuß nur enden mußte? Warum? Doch alles vergeht im Sein, alles. Zum Ende des Monats stach mich eine Biene in den linken Fuß – die Arme. Weiterhin wurden neue Schilder in meinem Laufareal aufgestellt; willkommen in Absurdistan.

August
Erst Monate nach meinem Ausnahmejubiläum realisierte ich selbiges wahrhaftig. Es bedurfte der verstehenden Zeit, diese absolvierte Dekade im Täglichlaufen zu realisieren und anzunehmen. Derlei wird mir in diesem meinem Leben nie wieder gelingen. Aus dem Kontext heraus vollzog sich der Weg des Verstehens über einen langen Zeitraum, eben die Überwindung eines Widerstandes, der Widerstand der Erkenntnis. Im August durfte ich wieder mal einen Nerz beobachten, ein goldiger Geselle, der sich durch eine unbändige Neugierde auszeichnete. An einem Tag im August brach während des Laufens ein großer Ast direkt vor mir ab, welch beeindruckendes Erlebnis. Für einen kurzen Moment verwandelte ich mich in meine tierischen Freunde und beobachtete das Leben aus der anderen Perspektive, beispielsweise aus der eusozialen, wenn auch nur im Geiste.
September
Der liebliche Herbst naht verhalten. Nun sind weitere sechs Monate Täglichlaufen vergangen, das gewohnte Halbjahresjubiläum steht an. Täglichlaufen. Zehn Jahre. Sechs Monate. Bemerkenswert. Noch immer lebe ich diesen Stil. Wer hätte das gedacht? Ich nicht. Nie. Das ist das Leben. Und es geht weiter und weiter. Wie lange noch? Das wird das Leben zeigen. Doch kein Gipfel ohne tiefe Täler. Der Tiefpunkt des Monats war die Nachricht, daß der mächtige Schafbock durch ein Unfall verstorben sei. Ein trauriger Lauf. Mach es gut, mein Lieber! Zum Monatsabschluß kanalisierte sich der Reiz der Begegnungen in dem Treffen mit der Täglichläuferin Kornelia. Auch hier gilt, ein Jammer, wie schnell die Zeit vergeht. Täglichläufer unter sich. Ein spannender Tag.


Oktober
Schrieb ich soeben von zehn Jahren und sechs Monaten Täglichlaufen? Halt, ich überbiete dies sofort mit 12 Jahren Täglichlaufen. Seit nunmehr 12 Jahren darf ich mich als Täglichläufer bezeichnen – die Serie selbst währt nur etwas über eine Dekade, doch den Stil praktiziere ich nun seit 12 Jahren. Oh Leben, was hast du mit mir gemacht? Vor 15 Jahren hätte ich das nicht geglaubt und mich darüber köstlich amüsiert. Sodann kehrten im Oktober endlich meine geliebten Schafe zurück – nach Monaten verwaist ihre Weide nicht mehr und mein täglicher Lauf startet mit seinem wolligen Höhepunkt. Geliebte Wollfreunde!
November
Nebel. Was für ein Genuß implizierendes Wort. In diesem Herbst absolvierte ich derart viele Nebelläufe wie noch nie zuvor in meinem Leben. Auch hier wurde 2011 zum Rekordjahr. Leider war diese einzige Stimmung an mehreren Tagen sehr getrübt. Um weiterhin im Tal der Tränen zu bleiben, erinnere ich mich an dieser Stelle kurz an die entsorgten Fernseher. Ohne Worte. Über die grundsätzlichen Seiten des Täglichlaufens sinnierte ich in dem Gastartikel bei wellbo. Natürlich stand auch jener Abschnitt im Zeichen der herrlichen Tierbegegnungen, von Rehen und Seeadler über Eichhörnchen bis hin zu meinen Schafdamen, die ich oft streichelte, was sie nach wie vor sehr schätzen. Allein, welch fühlendes Wesen mag keine Streicheleinheiten?
Dezember
Oh ehemals zehnter Monat des Jahres, an jener Stelle wärst du würdig wie korrekt platziert in diesem Jahr – der zärtliche Winter macht sich rar. Liebliche Schneewelt, wo weilst du nur? Im Dezember wurde das Gerücht vom goldenen Drachen in die Realität materialisiert. Ein Traumlauf. Bereits Anfang Dezember zeichnete sich ab, daß die Grenze von 5000 Jahreskilometern mehr und mehr in Erscheinung treten würde. Dementsprechend wagte ich davon in einem Artikel zu sprechen und ja, bald durchbrach ich jene Grenze tatsächlich. Was ein Antisportler so vermag! Gekrönt wurde das Ereignis von einer geschenkten Salami, die meinem Lauf eine köstliche Note verlieh. Mein zweiter Salamilauf in über 14 Jahren als Läufer. Ich könnte mich daran gewöhnen. Der stürmische Dezember, gemalt von dem Hauch des Frühlings verging wie das Jahr selbst – mit rasanter Vehemenz. Und damit endet es, mein Täglichlaufen im Jahr 2011. Ob ich im nächsten Jahr diesen Stil weiter praktizieren und ob ich diese Seite pflegen werde, wird die Zeit offenbaren.
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29 (2010: 042) Regenläufe
10 (2010: 027) Glatteisläufe
00 (2010: 001) Gewitterläufe
14 (2010: 009) Nebelläufe
90 (2010: 105) Kälteläufe
05 (2010: 024) Hitzeläufe
06 (2010: 000) Flutläufe
02 (2010: 003) Stürze
00 (2010: 002) Hundeangriffe
01 (2010: 002) Mal Wildschweinkontakt
09 (2010: 019) Mal in Begleitung gelaufen
04 (2010: 004) Mal Fastunfälle mit Autos
80 (2010: 094) Mal Handschuhe getragen
10 (2010: 035) Mal ein langes Oberteil getragen
06 (2010: 027) Mal eine lange Hose getragen
04 (2010: 019) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -10 °C (2010: -15 °C)
heißester Lauf bei 30 °C (2010: 37 °C)
Die Laufberichte des Jahres 2011
05.01.2011 Eistanz im Diamantenmeer
09.01.2011 Die versunkene Welt
14.01.2011 Im Schattenreich. Vampir. Fliegender Hase.
05.02.2011 Sturmtränen
10.02.2011 Durch die Fluten
23.02.2011 Das Lied des Eises
03.04.2011 Die Melodie der Erweckung
30.04.2011 Sturmreiter der Macht
14.05.2011 Die Harmonie im Frieden
30.06.2011 Gefühlte Angst
04.07.2011 Finstertränen im Sommerglanz
23.07.2011 Friedvoller Einklang – Das Lied des Regens
05.08.2011 Oh Leben, was bist du für ein Leben!
25.08.2011 Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Akt II.
08.10.2011 Tanzende Sturmreiter der genußvollen Entfaltung
02.12.2011 Der goldene Drache
Ich habe in diesem Jahr 5100 gelaufene Kilometer erreicht – ohne einen einzigen Marathon, dies versteht sich von selbst. Ein einsames Jahr mit Höhen und Tiefen, welches die Meßlatte für ein Ende meiner Konzeption mehr denn je erhöhte. Waren die Jahre vorher im Stil des Gelebten Täglichaufens schon nicht reproduzierbar für mich, so gilt das nach der erreichten Dekade in diesem Jahr erst recht. Entsprechend betrachte ich dieses Geschenk mit Demut. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2012 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Oh Leben, was bist du für ein Leben!