Täglichlaufen. Stolze und kostbare 25 Jahre und Fünf Monate in Serie. Erneut ist ein Monat Täglichlaufen in die unbegreifliche Vergangenheit eingetreten und hinterläßt temporär den Monatsrückblick zurück; ich singe das gleiche alte Lied einmal mehr. Aber so ist die Ordnung der Dinge und noch darf ich sie in dieser für mich seltenen Konstellation formen, realisieren und leben. Die Zeit wird mich lehren wie lange noch.
In der soeben abgeschlossenen Phase vollzogen die Temperaturen ihr Wechselspiel zwischen 06 °C und 20 °C. Am 01.08. begrüßte mich der frühe Morgen mit einem lieblichen Gewitter und oh Wunder, oh Wunder – es regnete sehr intensiv, was ich doch sehr zu schätzen wußte. Gleichwohl hat mich die Intensität durchaus überrascht – denn die trockenen Waldwege wurden innerhalb von Sekunden geflutet, die sich zu beachtlichen Seen entwickelten – in einer Rasanz, welche in meiner Erinnerung nichts vergleichbares auffinden läßt. Zahlreiche Läufe fanden – trotz der frühen Morgenstunden – in einer drückenden, schwülen Atmosphäre statt, was nicht wirklich zu meinem Lieblingswitterungen zählt. Der 12.08. bildete hier eine greifbare Ausnahme, denn bei 06 Grad atmete ich pure Energie ein und flog förmlich durch meine einsamen Wälder – ein Energieschub sondergleichen, der jedwede Sommerlethargie nachhaltig hinweg fegte.
Als ich Ende Juli in den tiefen Forst eintrat, kam mir ein älterer Mann entgegen – er sah mich, verließ sofort den Weg und nahm einen großen Ast in die Hand und kehrte anschließend auf den Pfad zurück; ignorierte mich aber völlig. So ganz kann ich dieses Verhalten nicht deuten – sollte der Ast als Verteidigung dienen? Sah er mich, also den harmlosen Läufer als Bedrohung an? Eine kuriose Situation. Drei Tage später erlebte ich meine 129. Wildschwein-Begegnung mit zwei Schwarzkitteln, die mich freundlich Grummel-Grunzend begrüßten. Die harmlosen Stadtschweine, welche mittlerweile hier überall lustwandelten, wurden indessen ermordet – wie das hier in dieser elenden Stadt so üblich ist. Jedes Lebewesen wird als Bedrohung eingestuft und freudig getötet. Im vergangenen Jahr habe ich auch den Fehler gemacht, den Notruf zu wählen, weil ein Reh in einem Zaun eingeklemmt war. Wir haben einst wiederholt Rehe befreit – diese „Tradition“ begründete auch meinen Anruf – aber nein, die Feuerwehr kam erst gar nicht – stattdessen erschien ein Polizist, der das arme Tier sofort erschoß. Der Sachverhalt wurde erst gar nicht geprüft. Es bestand also nie ein echtes Interesse, das wertvolle Leben zu erhalten.
Am 31.07. trat in ich eine wundervolle Nebelwelt ein, die sich ungewohnt mystisch verhielt, entgegen meinen Erfahrungen. Allein der natürliche Weltgesang überrascht immer wieder und so lasse ich ich mich gerne umarmen, von den verborgenen Mächten des Nebelreiches und mich melancholisch entführen; in alte, andere Zeiten, Lebenswelten. Der nächste Lauf indes folgt – bereits morgen.
