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Täglichlaufen. Ein Gedankenspaziergang.

Posted in Täglichlaufen. Plädoyer. on 6. November 2008 by Täglichläufer

Wer möchte, darf folgenden Beitrag als Plädoyer für das Täglichlaufen interpretieren. Das dürfte keine Überraschung sein, schließlich impliziert das bereits der Titel meiner Seite. Demungeachtet bin ich versucht den Artikel nicht mit der Feder der Schönfärberei zu formulieren, soll heißen, daß auch Kritik einfließen wird.

Es ist keine Kunst täglich zu laufen. Es ist eine Kunst täglich zu laufen. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen diesen Sätzen. Die natürlichste Sache der Welt. Auf Grund unserer Erziehung, unseres Lebensstils und unserer gesellschaftlichen Entwicklung betrachten wir es heutzutage als suspekt und unnatürlich. Doch nur weil die Majorität dieses Denken hofiert, ja, als nicht salonfähig deklariert, ist es nicht korrekt – sie wissen es nur nicht besser. Meine Einstellung diesbezüglich muß ich nicht weiter erläutern. Ich praktiziere es, definiere es aber nicht zum einzig Wahren – denn das ist es nicht. Gesunde Zweifel schützen vor Fanatismus. Ich würde Täglichlaufen nie zur Nachahmung empfehlen, bin ich doch selbst auch nur hinein gestolpert. Wie könnte ich dann andere Menschen davon überzeugen wollen? Eine Konzeption, die Pro und Contra in sich vereinigt. Wie im Leben, kein Licht ohne Schatten – keine Berge ohne Täler. So wie alles im Sein. Denn nichts hat eine Seite im Leben, nur manchmal sieht man die versteckte nicht, doch sie ist da.

Man läuft täglich oder eben nicht. Ein Versuchen gibt es nicht. Unzählige Aspekte bedingen diesen Stil. Einige kann man beeinflussen, andere nicht. Genau das macht es zu einer Herausforderung. Und all diese Punkte stehen auf einem Fundament – Gesundheit als essentiellste Basis. Wer Täglichlaufen langfristig ausüben will, darf sich nicht der Vorstellung hingeben, möglichst lange durchhalten oder sehr viele Tage zu einer Serie aneinander reihen zu wollen. Dieser nächstliegende Weg kann funktionieren, aber wahrscheinlich wird er sehr schwungvoll zu einem furiosen Ende führen. Das geheimnisvolle Mysterium liegt in der Erkenntnis, heute laufen zu wollen. Weil es Freude bereitet. Weil man das Laufen liebt. Weil es einem gut tut. Weil es der Gesundheit dient. Weil es stark macht. Weil es ein phantastisches Gefühl in einem auslöst. Das gilt aber nur für diesen einen Tag. Ist der nächste Tag da – darf man wiederum nur an das Heute denken, nicht an das Morgen. Das Morgen ist nur eine Vision.

Hat man diese Intention in allen Facetten verinnerlicht, steht einer langen Serie nichts mehr im Wege, sie fällt als unbedeutendes und irrelevantes Nebenprodukt automatisch an – die entsprechende Gesundheit als fundamentales Zentrum seiner Selbst vorausgesetzt. Totale Konzentration auf das Sammeln von Tagen als reinen Selbstzweck führt ebenfalls zu einem Finale. Eine weitere Folge manifestiert sich in der Enttarnung der Motivation als Illusion. Wozu sich noch zum Laufen motivieren, wenn auf Grund des Stils der tägliche Lauf fester Bestandteil des Tages ist? Allein der Zeitpunkt stellt oft ein Problem dar, jedoch ein lösbares.

Diese Einsicht gelebt, wird zum langfristigen Erfolg führen. Und gleichzeitig stellt sie die größte Gefahr dar. Denn wer zahllose Tage oder bereits Jahre absolviert hat, wird nicht mehr ohne besonderen Grund sein Tun beenden. Bei erfreulicher Gesundheit ist das obsolet. Aber wenn man krank ist, neigt man dazu seine Serie aufrecht zu erhalten, obwohl der Verstand und die Vernunft durchaus koexistieren und evident zum Ausdruck bringen, daß ein Ende einfach nur adäquat und sinnvoll wäre. Die Crux liegt darin, zu erkennen, wie weit man gehen darf, bevor es kontraproduktiv und damit schädlich für sich und die Gesundheit wird. Härte gegen sich selbst? Bis zu einem gewissen Grad besteht die Option, danach wird sich die vermeintliche Härte in das Gegenteil verkehren. Gleichwohl reduzieren sich nach meiner Erfahrung Verletzungen und ähnliche Unwägbarkeiten immens. Insgesamt betrachtet, war ich nie so gesund wie in meinen Jahren als Täglichläufer. Nicht zu vergleichen mit den Schwierigkeiten als „Normalläufer“. Maßvolles Praktizieren als Essenz. Glücklicherweise lehrt einem das Täglichlaufen ein besseres Verständnis zu seinem Körper, man muß sich nur vertrauen.

Der nächste Schwerpunkt liegt in den absolvierten Kilometern. Im Laufe der Zeit erreicht man eine Ebene, auf der man mindestens eine selbst definierte Kilometerzahl täglich laufen möchte. Erst wird es zur Gewohnheit, später mutiert es zum Ritual. Paßt man nicht auf, so werden diese Spinnweben der Ritualität zu festen Drähten aus Metall, denen man sich nur noch schwer widersetzen kann. Man unterschätzt sich. Man überschätzt sich. Ein Weg voller Hürden, Hindernisse und offener Türen, die man nicht sieht oder nicht sehen will.

Den Pfad der steten Gesundheit mußte ich temporär verlassen, partiell wurde es kritisch, doch letztlich war mir das Glück hold. Mein größter Vorteil liegt einleuchtend auf der Hand. Ich wollte nie ein Täglichläufer werden, was mir eine gewisse Distanz ermöglicht. Zumal ich mir das nie hätte vorstellen können. Eigentlich absurd. Und doch hat mich das Leben zum Täglichläufer gemacht. Ich liebe es. Ich lebe es. Und ja, ich bin ehrlich – ich gebe es zu – von Zeit zu Zeit wird es mir zu viel, nicht nur körperlich, vor allem auch mental. Dann wünsche ich mir, unvorstellbar, Ruhetage – nur einen! – einfach mal nicht laufen. Doch, ich kann dem nicht nachgeben, weil ich schwach bin. Auch das gehört dazu. Oft fehlt mir die Kraft für eine Fortsetzung, denn es bedarf nicht wenig davon. Der schwierigste Prozeß besteht darin, nicht aufzugeben. In der Theorie simpel, die Praxis ist das Leben. Diese Phasen lassen sich mit noch so viel Disziplin nicht vermeiden; das wäre auch unlogisch und irreal.

Meine bisherigen Jahre waren sehr erlebnisreich. Im Guten wie im Schlechten. Ich will mich nicht explizit festlegen, doch bin ich sicher, daß ich erneut so handeln würde. Letztendlich hat mich mein Täglichlaufen zu einem anderen Menschen gemacht. Ich werde nie wieder so sein wie vorher. Ja, es ist eine Art von Geschenk, welches jedoch seinen Preis hat, seinen Tribut fordert. Es hat sich in mir die Fähigkeit entwickelt, die Natur in ihrer atemberaubenden Schönheit täglich neu beobachten zu können. In all ihrer Vielfältigkeit. Es hat mich einfühlsamer und sensibler werden lassen. Durch die tägliche Dokumentation bin ich mir meiner selbst viel mehr bewußt. Auch ist mein Augenmerk auf die Zeit konzentriert, auf unsere kurze, vergängliche und unwiederbringliche Existenz in dieser Welt, in diesem Leben. Meine Wahrnehmung hat sich verschärft, ich achte mehr die kleinen Dinge des Lebens, weiß das Unscheinbare zu schätzen und genieße den Moment. Allein dafür hat sich der Pfad des täglichen Laufens schon gelohnt und unendlich oft ausgezahlt.

Und jeden Tag frage ich mich, wie lange noch? Wie weit werde ich diesen Weg noch beschreiten? Ich weiß es nicht. Die Zukunft ist noch nicht geboren. – Täglichlaufen. Ein besonderer Stil. Mit Vor- und Nachteilen. Natürlich. Eine Leidenschaft. Meine Leidenschaft. Man muß sein Herz daran binden, ohne das Herz und sich selbst darin zu verlieren.

Leben heißt Lernen

Leben heißt lernen,
daß wir uns Zeit nehmen müssen,
wenn wir welche haben wollen,
daß wir verantwortlich sind
für Gedachtes und Nichtgedachtes,
Gesagtes und Nichtgesagtes,
Getanes und Nichtgetanes,
daß der Sinn des Lebens
darin liegt, immer die Liebe
und das Leben im Sinn zu haben.

Leben heißt lernen,
daß es nicht darauf ankommt,
ob wir uns etwas schenken,
sondern darauf, ob wir imstande sind,
uns gegenseitig etwas zu geben;
daß das Wesen des Lebens
die Veränderung ist;
daß wir Liebe säen müssen,
wenn wir Liebe ernten wollen.

Leben heißt lernen,
die Kunst der Gelassenheit auszuüben:
das Weglassen, das Zulassen,
das Loslassen,
daß die schwierigste Aufgabe
unseres Lebens darin besteht,
nie aufzugeben,
daß unser Menschsein untrennbar
mit dem Menschwerden verbunden ist.

(Ernst Ferstl)