Archive for the Täglichlaufen. Laufberichte. Category

Der Moment…

Posted in Besondere Momente, Täglichlaufen. Laufberichte. on 14. November 2016 by Täglichläufer

… der erstarrten Schönheit. Eine angenehme Temperatur von -06 °C schürte meine Erwartung zu Tagesbeginn und ja, selbige wurde wahrlich erfüllt. Behutsam, aber doch stetig erstieg Mutter Sol am Firmament ihren würdigen Thron der brennenden Eleganz und sandte ihre Strahlen unablässig hernieder, welche mit Hingabe versuchten, die zahlreichen Nebelfelder zu durchdringen. Die liebreizende Natur kleidete sich indessen in weiße Gewänder, alles Grün hat sich in ein wundervolles Weiß verwandelt und die Weiher trugen eine filigrane Eisschicht. Wohin ich meinen Blick auch richtete, ich wurde förmlich von der vollkommenen Schönheit erschlagen; zudem führte mich mein Weg hinweg über unermeßliche Diamantenfelder – ein blitzendes Funkeln allenthalben. Abertausende Edelsteine generierten ein prachtvolles Farbenspiel sondergleichen.

Tief im Hain fielen die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen auf die Erde, in einem goldenen Farbton, wie er nur in dieser Jahreszeit zu beobachten ist. Vollkommen edel und erhaben erhellten die tanzenden Lichtspiele den herbstlichen Blätterforst und vereinigten sich mit den kostbaren Brillanten, welche die Pfade ausstaffierten. Sodann traf mich der einzigartige Moment der erstarrten Schönheit völlig unvorbereitet wie ein Blitzschlag. In der Tat, diese Anmut ließ mich innehalten – die Beine versagten mir und ich blieb abrupt stehen und sog den Glanz und die Grazie des eisigen Weltgesangs in mir auf. Lange Zeit verharrte ich und verband meinen Geist mit der Natur und fühlte und genoß nur. Ein stiller und zarter Augenblick, wie er nur selten im Leben zu finden ist. Was für ein Lauf und Moment!

Advertisements

Vollendete Harmonie

Posted in Besondere Läufe, Täglichlaufen. Laufberichte. on 8. Januar 2016 by Täglichläufer

Aufmerksame Späher brachten mir die frohe Kunde und verkündeten und tönten allenthalben frohgemut, daß die unnahbare Frostregentin ob meiner despektierlichen Jahresrückschau, explizit in dem Kontext der enttäuschenden Kälte meinen Unmut durchaus wohlwollend registrierte, um sich in der unabwendbaren Konsequenz endlich herabzulassen – nun doch noch einen annehmbaren Winter zu erschaffen. Und ja, als zauberhaften Auftakt zogen ihre ehernen Sendboten mit einer würdigen Kälte von bis zu -12 °C in den natürlichen Weltgesang ein und hernach wurde das traumhafte Gemälde der liebreizenden Natur in ein edles Weiß gezeichnet, welches trunken vor Glück seinesgleichen suchte. Am 05.01. marschierten die Wolkenfronten mit Engagement auf und in der folgenden Nacht schneite es ohne Unterlaß – welche rare, elementare Gnade.

So begann der 06.01. erhaben finster, zärtlich leise und – weiß. Nach der vielbefahrenen Hauptstraße hieß mich der schwarze Hain mit seiner lächelnden Düsternis willkommen und warf seinen Mantel der Finsternis über mich hernieder, jedwede Impressionen indessen von dem Schnee in vollendeter Harmonie kontrastiert wurden. Zudem schneite es während meines gesamten Laufes und darüber hinaus. Der weiße Samtteppich goutierte mein Täglichlaufen mit seinem eigentümlichen knarzenden Knirschen, was jedoch sehr gedämpft wahrnehmbar war – wie überhaupt das natürliche Leben unter einer dämpfenden Glocke eine dankbare Heimstatt annahm und somit einen ureigenen Genuß entfaltete.

Das zarte Weiß war vollkommen unberührt, nur hier und dort ließen sich einzelne Spuren und Eindrücke erkennen, die dem geneigten Betrachter offenbarten, wie viel Leben sich in den hiesigen Wäldern verbirgt. Menschliche Wesen zeigten sich nicht; wer traut sich schon in der Dunkelheit in einsame Wälder? Und ja, diese Abgeschiedenheit war nahezu greifbar; mich umgab eine Einsamkeit – die wie eine melancholische Sängerin ihren wehmütigen Text in die weite, dunkle Welt hinaus sang – der doch nur für bestimmter Hörer gedacht war. Weiter und weiter lief ich, hinein in die Tiefe des Waldes, selten gewahrte ich Windböen – die die einzigartigen Schneekristalle rasant hin und her wirbelten, in alle Richtungen tanzen ließen. Auch sie vernahmen das leise Wispern des frostigen Forstes und das melancholische Lied der unsichtbaren Künstlerin.

Jählings raschelte es zu meiner Linken. Ein einzelnes Reh näherte sich in großen Sprüngen, kreuzte für einen Moment meinen Weg und verschwand im dichten Unterholz. Mit beruhigender Stimme redete ich das wunderschöne Tier an und noch für kurze Zeit vernahm ich ein leiser werdendes Rascheln. Sodann eroberte eine absolute Ruhe die Umgebung. Die Weiher sind mittlerweile von dem anhaltenden Frost in ihrer Bewegung erstarrt und verharren eingefroren auf wärmere Zeiten. Jene mit Eis behandschuhte Hand wirkt mit eisernen Griff und läßt mehr und mehr erstarren; vertreibt die Stockenten und Bläßhühner immer weiter von ihrem gewohnten Aufenthaltsort – in noch zugängliche Gewässer, die sich der Starrheit widersetzen. Nur eine Ausnahme trotzt der Starre – das Heim von Meister Bockert wird natürlich gewollt vom Eis freigehalten. Von einer Sekunde auf die andere friere auch ich abrupt ein – ich bleibe stehen – einfach so und kann mich nicht entsinnen, daß ich dazu bewußt den Befehl gab. So verharre ich und beobachte das Finsterleben, geboren in einem Reich aus Schnee; im Hintergrund warten die Baumgiganten, entblößt von allen Blattgewändern – nur die nackten Äste streben skelettartig gen Himmel, bewehrt mit einem weißen Hauch der temporären Endlichkeit. Zahlreiche Flocken gleiten leise auf mich hernieder; ich verwandele mich auch langsam, aber sicher in einen Schneemann. Viel Kraft kostet es mich, den beobachtenden Status aufzugeben und wieder in den Laufschritt zu verfallen; zu schön ist das natürliche Leben und zu intensiv die Bannkraft, die es auf mich gravitätisch ausübt.

Mein Dammareal ist still geworden, scheinbar für immerdar eingeschlafen; auch hier verweht ein Hauch von Schwermut alle Geräusche, die sonst den Tag dominieren. Unmerklich registriere ich, daß die Helligkeit an Intensität zunimmt, nur um Nuancen wird es stetig heller. Innerhalb von wenigen Minuten hält das Tageslicht seinen Einzug und urplötzlich ist es hell. Von hier auf jetzt, ungeachtet der ausgeprägten Nuancen, habe ich es nicht wirklich wahrgenommen. Freilich kann von einer wirklichen Helligkeit keine Rede sein – ein graues Heer von Wolkenformationen trübt die Weite des Horizonts und sorgt für steten Schneenachschub. Ich verliere ich mich immer weiter in jenes Habitat, welches von einer wahren Einzigartigkeit beherrscht wird, genieße jeden Augenblick dieser Schneewelt und mir ist bewußt, daß ich nach nur sechs Läufen in dem noch jungen Jahr – bereits den wundervollsten Traumlauf in diesem Jahr absolviert habe.

Viel könnte ich noch schreiben, beschreiben und berichten – mannigfaltige Eindrücke festhalten, doch mein wahres Fühlen und Erleben ist fest in meiner Erinnerung eingeschlossen und kann durch die menschliche Sprache nicht konserviert werden. Vollendete Harmonie. Wahrlich.

Regensturm

Posted in Faszination Regenlauf, Täglichlaufen. Laufberichte. on 23. Juni 2015 by Täglichläufer

Die Welt ist dunkel geworden, aber nicht in einer alles verzehrenden Finsternis, nein, der Weltgesang hat sich grau gewandet. Elementares Grau. Die abgeschiedene Weite dominiert bar jedweder Nuancen und vereinigt sich am freien Horizont mit dem grauen Meer der Unendlichkeit. Bereits in der Nacht öffneten sich die imaginären Wasserschleusen in dem hehren Gewölk und noch am frühen Morgen perlte der liebliche Regen stürmend hernieder und generierte eine latente Angst in meinem Geiste. Eine unsichtbare Macht zog mich gravitätisch an und lud mich ein – an dem raren Geschenk eines Regenlaufes zu partizipieren. Aus Angst vor der versiegenden Regenkraft begab ich mich ohne aufhaltendes Zögern in das nasse Leben und ja, ich verzichtete sogar auf mein standardgemäßes Vorprogramm – und das unterlasse ich nie – und verschob es auf den späteren Abschlußakt. Fürwahr, nach nunmehr zwei Monaten voller Sehnsucht durfte ich heute einen Regenlauf absolvieren – welche Gnade.

Die ersten 800 Meter offenbarten sich wie noch stets als eine wahrliche Qual; entlang der Hauptstraße mit ihren rasenden Blechvehikeln. Im Anschluß trat ich aber ein, in meine geliebte Zauberwelt, geboren in der melancholischen Einsamkeit der belebenden Stille. Sofort entfaltete sich der dämpfende Umhang der Ruhe, der alle unangenehmen Geräusche nachhaltig absorbiert; das Grün der Haine kontrastierte mit dem scheinbar unendlichen Grau in kongenialer Eintracht. Zahlreiche Pfützen hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst harmonisch zu kleinen Seen verbunden und ich selbst war gänzlich durchnäßt. Bei sommerlichen 09 °C erkenne ich gar meinen Atem. In der Ferne wird mir später ein Grußfreund kurz zuwinken, bevor er in seinem schützenden Haus verschwinden wird – dies wird die einzige menschliche Begegnung bleiben. Die geliebte Einsamkeit ist heute absolut und ich kann meine Freude darüber nicht in banale Worte kleiden. Wahre Gefühle lassen sich nicht in trivialen Text fassen.

Zahllose gefiederte Freunde teilen meine Freude und konzertieren in gewohnter Perfektion und hier und dort ruft der Kuckuck; er verkündet sein Entzücken über das nasse Glück. Indessen sind meine Wollmäuse davon gar nicht begeistert – auf meine Begrüßung ernte sich nur – Schweigen. Später vernehme ich nur ein betrübtes „Mäh!“. So setzt sich mein Weg fort, ich passiere den nächsten Wald und begebe mich auf meinen träumenden Damm, der die Tropfen mit Behagen empfängt. Von einem wohlwollenden Sturm kann mitnichten die Rede sein, doch treten heute immer wieder moderate Böen auf, die mich ausnahmsweise nicht entführen wollen, nein, scheinbar ist ihr Bestreben, mich zurückzudrängen; immer wieder galoppieren sie mit aller Macht gegen meine schwarze Präsenz – hoffnungslos. Ich erobere doch meinen Weg. Das grüne Gräsermeer – mitten in dem Hochwasserschutzgebiet gelegen – wird durch den wehenden Odem unbarmherzig hernieder gehalten, ungestüme Sturmreiter fegen wellengleich über die wasserlose Ebene. Es ist das ein wundervoller Anblick, der zum Verweilen reizt.

An meiner Lieblingsstelle unterbreche ich meinen Lauf, betrete den Strand und verharre, halte inne und beobachte den grauen Dunkelsee mit seinen unablässigen Wellen, die nach ihrem eigenen Takt schlagen und Woge um Woge mit einer zarten Gischt an das Land werfen. Die unruhige Wasseroberfläche empfängt das fallende Heer der tanzenden Regentropfen und verzehrt sie lautlos. Doch wenn ich die Augen schließe, vernehme ich das malerische Prasseln; tränengleich rinnt das Naß von den Bäumen, um in dem irrealen Nichts für immerdar zu vergehen. Der Genealoge in mir wird wach und ich frage mich, ob meine Altvorderen diese einzigartige, wunderschöne Örtlichkeit im Sein je gekannt haben? Weilten sie einst an dieser Stelle, vielleicht gar in genußvollen Regenzeiten? Jene Antworten liegen hinter vergänglichen Türen verborgen, die doch nicht mehr existieren. Ich verlasse das Gestade und erspähe meine eigenen Fußabdrücke, die trockenen Sand nach oben aufwühlten, welcher in wenigen Minuten egalisiert sein wird.

Irgendwann nehme ich den Laufschritt wieder auf und trete den obligatorischen Rückweg an, gleichwohl könnte ich für immer und immer weiterlaufen. An diesem Punkt atme ich keinen Sauerstoff mehr ein – ich atme pure, konzentrierte Energie, die sich in meinem Körper mit jedweden Zellen verbindet, ihre gehaltvolle Kraft emittiert und sich entsprechend mit absoluter Macht auswirkt. Kurzum, die lustlose Phase der vergangenen Tage hat sich längst verflüchtigt und in dieser Sekunde lebe ich den unverfälschten Genuß. Vielfältige Impressionen nehme ich noch wahr, die es wert wären, hier erwähnt zu werden, aber nein, ich ziehe mir das Schweigen vor. Verloren im Regenreich. Mit einem Lächeln im Regensturm.

Das Singen des Eises

Posted in Besondere Läufe, Täglichlaufen. Laufberichte. on 9. Dezember 2014 by Täglichläufer

Der weite See lächelt zufrieden erhaben über seine gehaltvolle Freiheit; leise Wellen werden pulsierend in die wehmütige Ferne getragen und greifen ungestüm nach dem leuchtenden Horizont, indessen eine wahre Vereinigung doch nie stattfinden wird. Aber das Wasser kennt keine Hoffnungen, Enttäuschungen. Zärtlich hüllt der belebende Frosthauch die Natur mit seinen weißen Gewändern liebevoll ein und läßt nun auch die bisher ungeschorenen Ränder des Sees anmutig innehalten, erstarrte Momente der Schönheit. Ein Frachtschiff durchquert viele Meter entfernt das flüssige Element und generiert einen vernehmlichen Wellenschlag, welcher sich auf den vergehenden Weg macht, um den Strand zu beiden Seiten zu berühren. Die frostige Oberfläche in Ufernähe hebt und senkt sich lautmalerisch und das Eis beginnt, vernehmlich zu singen – in seiner ureigenen Melodie, die doch niemand verstehen kann. Es knistert und knirscht, ächzt und seufzt und ja, es singt wahrlich mit Hingabe – zutiefst beeindruckt unterbreche ich meinen Lauf und genieße das orchestrale Naturkonzert in der frühen Morgenstunde – geboren in einer wunderbaren Jahreszeit, die an Genuß ihresgleichen sucht.

Demungeachtet erlitt mein Lauf bereits vorher eine überraschende Unterbrechung. Jählings registrierte ich direkt auf dem Pfad vor mir eine Blindschleiche – eingerollt bei -03 °C. Sodann prüfte ich im Anschluß, ob noch Leben in ihr ist und ja, sie bewegte sich behutsam, wenngleich halb erstarrt. Sofort nahm ich sie mit mir und trug sie weiter in den Forst hinein und erschuf – nicht zuletzt dank der Vorarbeit der Wildschweine – ein behagliches Nest und gab ihr damit hoffentlich ein schützendes Heim. Möge sie die kalten Temperaturen gut überstehen und möge sie fern von den tödlichen Wegen bleiben. Und so setzte ich meine Reise fort, in diesem frostigen Gemälde der melancholischen Einzigartigkeit – dem singenden Eis entgegen…

Nebelwelten

Posted in Täglichlaufen. Laufberichte. on 7. Oktober 2014 by Täglichläufer

Oh, du liebliche Nebelmaid, lasse dich mit deinem ureigenen Charme elegant hernieder und verhülle diese meine Welt mit anmutigen Nebelkleidern, die tanzend ihren imaginären Zaubermantel wie einen zitternden Bann über meinen Weltgesang wirken und jedwede Existenz in einem wabernden Dunkelmeer unsichtbar werden lassen. Fürwahr, das zarte Erscheinen der bezaubernden Nebelfee ist in dem bedeutsamen Foliant der Seltenheit beschrieben und bis heute vollzog ich nur 83 Läufe unter diesen exponierten Bedingungen – gerechnet ab dem Jahr 1999. Im Jahre 2011 absolvierte ich 14 Nebelläufe; diese hohe Zahl wurde von diesem Jahr endlich revidiert und nun thront ein neuerlicher Wert von 17 an der Spitze und preist damit die Aktualität. Und ja, diese besondere Gnade ist mir vollauf bewußt und dementsprechend tief wie intensiv ist meine Wertschätzung diesbezüglich.

Der Morgen triumphierte noch nicht und die Nacht hat sich indessen keineswegs endgültig verabschiedet, als ich den Wald verließ und die weite Wiese flankiert von dem ruhenden See in all ihrer Erhabenheit vor mir liegen sah. Doch freilich blieb mir das Wasser verborgen, es harrte unter einem grauen Odem, der fest verankert in der Luft zu schweben schien; diverse Ausläufer greifen gnadenlos nach der Wiese und generieren in drei Metern Höhe ein unbeschreibliches wogendes Nebelband, welches ambitioniert den Pfad erreichen wollte – mit aller Macht – und doch nicht durfte, so daß der finale Abschluß immer mehr ausdünnte und seufzend seine Unzulänglichkeit begreifen mußte. Jene Nebelschwaden lösen sich im unendlichen Nichts auf, wenngleich sie bei ihrer Initiation in omnipotenter Weise alles, aber auch wahrhaft alles aufsaugen und für immerdar verbergen wollen.

Weit im Hintergrund beobachtet ein roter Sonnenball die natürliche Arena, doch auch Mutter Sol muß den Nebeltribut zahlen und so gewinne ich den Eindruck, ein Anfänger im Kunsthandwerk hat mit zu viel Farbe versucht, die Sonne in jenes lebende Gemälde aufzutragen und schlußendlich ist der Schimmer in sich weinend verlaufen und büßt mehr und mehr an Kraft ein. Vor mir liegt der schlafende Damm und je weiter ich ihn beschreite, um so gravitätischer verhüllt mich der nebelhafte Umhang des Schweigens. Die Weiher zu meiner Linken sind bereits entschwunden; haben sie je existiert und wenn ja, kehren sie dereinst zurück? Zehn Meter vor mir sitzt jählings ein Rotfuchs direkt auf dem Weg, er registriert mich gar nicht überrascht und rennt von dannen. Hierbei handelt es sich eher um ein gemächliches Davonlaufen, nach wenigen Metern dreht er sich um und überprüft, ob ich folge. Das Spiel wiederholt sich einmal. Längst habe ich Meister Reineke angeredet, mit leiser beruhigender Stimme – er verläßt den Damm und setzt sich in zehn Metern Abstand hin und beobachtet mich – was für ein wunderschöner Fuchs! – ich bin begeistert und verlasse ihn indes, um mich den Nebelmächten entgegen zu werfen.

Ja, sie entführen mich regelrecht in die ihre Welt, ziehen mich empor und ich lasse mich nur zu gern mitreißen, getragen in Harmonie in ein undefinierbares Kontinuum, welches ich nicht mit Worten beschreiben kann, ja, auch gar nicht will. In jenes Nebelreich trete ich mit Hingabe ein und werde vollkommen absorbiert, nur begleitet von der absoluten Einsamkeit. Niemand wird mir mehr begegnen – was für ein Geschenk! Unterdessen läßt sich der neue Tag nicht mehr verleugnen, die Helligkeit steigt um zahlreiche Nuancen an, die sich nur mit Mühe bewußt registrieren lassen. Das ehedem geschlossene Nebeltuch scheint an Totalität einzubüßen und an manchen Lokalitäten streicheln erste Sonnenstrahlen meine Haut; eine gewisse Wärme gewahre ich, welche stante pede dank der nächsten Nebelphase egalisiert und in das Gegenteil verkehrt wird. Eine belebende Kälte prosperiert allenthalben, um in den wärmenden Sonnenwechsel einzutreten.

Rotgelbes Blattgewerk der hehren Baumriesen sorgen für differenzierte Schattenspiele, geboren im lieblichen Herbst, der sein Bühnenspiel immer überzeugender vorträgt. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Wege mit in den Tod gefallenen Blättern ausstaffiert, die unter meinen Schritten ihr eigentümliches Knistern entwickeln. Ich genieße das wohlige Wechselspiel, gezeichnet in die temporäre Momentaufnahme meiner selbst und verliere mich schlußendlich in den weiten Nebelwelten, die mich behutsam umschließen und parallel dazu doch für immer und immer unerreichbar bleiben und nimmermehr wahrhaft betreten werden können. Und so vergeht er, still und geheimnisvoll wie er gekommen war – der mysteriöse Nebelhauch einer einzigartigen Regentin und ich blicke wehmütig hinterdrein und gebe mich der Hoffnung auf eine Fortsetzung hin.

Fühlen im Regen

Posted in Faszination Regenlauf, Täglichlaufen. Laufberichte. on 25. Juni 2014 by Täglichläufer

Das formidable Schauspiel begann bereits in der vergehenden Nacht; nebulöse Wolkenschiffe segelten erhaben am weiten Horizont entlang, näherten sich majestätisch am Firmament und warfen drohend ihre allgewaltigen Schattenanker hernieder. Mannigfaltige Gewölkformationen, geboren in tiefer Dunkelheit eroberten sodann ungehalten den hehren Himmel und als jedwede Maßnahmen in reibungsloser Perfektion getroffen waren, rasselten unhörbar die scheinbaren Ketten und zogen in der gnadenlosen Konsequenz das schwere Tor empor – die Himmelspforte ward geöffnet und nun ergossen sich ganze Meere an kühlem Naß auf die Erde, partiell in Form von Starkregen. Als der aufkeimende Tag sich behutsam entfaltete, zog sich die tiefschwarze Nacht nur verhalten zurück – die Finsternis blieb indes allenthalben bestehen und auch die tanzenden Regenfronten dominierten weiterhin den noch jungen Morgen.

Lächelnd, nein, fast schon vor Freude grinsend, warf ich mich der lieblichen Regenregentin entgegen, die ihre wehenden Vasallen aussandte, um mich gebührend zu begrüßen. Als ich den Eingang des düsteren Forstes erreichte, registrierte ich mit Verwunderung, daß die schwarzen Pfade sich aufgelöst hatten respektive unter einer beachtlichen Wasserschicht verborgen waren. Der Wald nahm latent die Form eines Sees an – eine derart ausgeprägte Regenkonsequenz erlebte ich sehr, sehr lange nicht und spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, daß der heutige Lauf in Richtung einer Schwimmeinheit tendieren wird – und ich sollte mich glücklicherweise nicht irren. Hinein also in die Fluten! Nach nicht einmal zwei Kilometern war nichts, aber auch gar nicht mehr an mir trocken und weiter ging meine nasse Reise in die einsamen Regenhaine, die die Abgeschiedenheit hochleben ließen, auch die unerschütterlichen Hundebesitzer trauten sich nicht hinein in diese prasselnde Regenwelt. Und still tropfte es unablässig von den Ästen herab.

Dunkelwolken

Streichelnde Sturmhände wehten ungestüm über mich hinfort und wiesen mir den obligaten Weg in eine Welt, die ich doch nicht betreten kann und nur im Geiste finde ich dort Eingang. Ungeachtet dieser Grenzen nahm ich die scheinbare Einladung an und lief geschwind in Richtung Damm, den ich auf Grund der hohen Gräserwälder nur noch temporär betreten darf. Und so verbarg mich der Forst und breitete seine grünen, schützenden Gewänder der Einsamkeit über mich aus, in der ich mich vollständig verlor. Überschwemmte Pfade, wohin ich spähte – nur vereinzelt stachen einzelne Flächen heraus, gleich Inseln, die früher oder später auch noch untergehen werden und die Himmelsschleusen glichen immer noch einem Wasserfall, der kein Verharren, kein Erbarmen kennt.

Die plätschernden Waldseen, die früher einmal Wege genannt werden durften, sorgten beim schnellen Durchschreiten für wiederholte Überraschungen, da die Tiefe stets ein Geheimnis blieb und erst beim Durchqueren preisgegeben wurde – dementsprechend versank ich an ausgewählten Örtlichkeiten bis zu den Knien im wohltemperierten Wasser, welches sich in Abhängigkeit der Lokalität durchaus mal wärmer und dann wiederum kälter, belebender anfühlte. Im Hintergrund konzertierten zahlreiche Vögel und boten ihre Sangeskunst in prachtvoller Weise feil und selbst der Kuckuck stimmte in dieses Dunkelkonzert herrlich mit ein.

Ich selbst hingegen weilte längst in anderen Sphären, die sich nicht mehr in unzulängliche Worte kleiden lassen; hoch zufrieden passierte ich meine Wälder, genoß die traumhafte Regengunst, die sich unterdessen noch tatsächlich intensivierte und sog die außerordentliche Stimmung auf. Genießend, lächelnd und schweigend absolvierte ich meinen heutigen Lauf und ja, f ü h l e n d – nichts ist bedeutender. Ich erlebte und vollzog einen Lauf unter Bedingungen, die ihresgleichen suchten und ihn zu einer wahrhaftigen Rarität erwachsen ließen. Fühlen im Regen – der Rest ist Schweigen.

Wenn ein Traum Wirklichkeit wird

Posted in Täglichlaufen. Laufberichte. on 22. Januar 2014 by Täglichläufer

Willkommen, oh ja, sei mir willkommen, von Herzen – du liebliche Winterregentin! Laß dich nieder und besteige deinen kalten, ehrenwerten und äonenalten Thron der edlen Winterherrlichkeit, der dir über alle Maßen zusteht. In meinem letzten Beitrag gab ich mich der latenten Hoffnung auf eine würdige Witterung hin, die sich in tiefer Sehnsucht begründete und fern der Realität schien, doch heute wurde mein Traum endlich Wirklichkeit und so durfte ich den ersten Schneelauf in diesem Winter vollziehen. Die oben erwähnte Schneemajestät füllt ihren weißen Thron adäquat aus und schwingt ihr Zepter der Kälte ungehalten und doch mit einem unergründlichen Lächeln, welches sich nicht deuten läßt – indessen ihr wehender Frostodem den Weltgesang beherzt eroberte und unter einem zartweißen Hauch zitternd einschloß. Nach dem täglichen Streichelritual mit meiner süßen Katzenfreundin erreichte ich die Brücke, welche ich erklimmen muß, als ich plötzlich intuitiv gewahrte, daß ich nicht mehr allein bin.

Der Schnee kontrastierte strahlend hell zur nächtlichen Dunkelheit und doch konnte ich nichts erspähen, was mein ungewisses Gefühl bestätigen wollte. Zu meiner Linken registrierte ich sodann, daß die schwarze Wand an einer Örtlichkeit viel zu dunkel erschien und jählings löste sich daraus eine verborgene Gestalt, schälte sich unerwartet hervor und kam auf mich zu und grüßte mit den Worten: „Guten Morgen, Sportler!“. Meine Wahrnehmung narrte mich also nicht und nach einem kurzen Gespräch mit dem Nachbar, der seinen Hund ausführte, setzte ich meinen Weg erwartungsfroh fort. Entlang der vielbefahrenen Hauptstraße mit den grellen wie lärmenden Dämonenungetümen lief ich schneller als sich das mit den Bodenverhältnissen – auf Glatteis eine Schneedecke – und dem kostbaren Wert meines täglichlaufenden Konstruktes vereinbaren ließ. Doch ich wollte nur fort, ja fort – von dannen aus dieser Welt der Pseudozivilisation und in die meine eintreten, welche mich im Anschluß rasant aufsog. Konträres Glück.

Endlich trete ich in den einsamen Hain der Abgeschiedenheit ein, in dem die nächtliche Finsternis noch ihre prosperierende Macht ohne Einhalt entfaltet und jedwedes Wesen in ihr dunkles Reich ohne Hoffnung auf Wiederkehr einlädt. Aber die unter meinen Füßen dankbar knirschende Schneedecke sorgt auch hier für eine reine, schimmernde Helligkeit, die in dieser Form lange auf sich warten ließ. An meine Seite gesellt sich ein zarter Windhauch, der mich nicht mehr loslassen wird und die kristallinen Flocken, welche still hernieder rieseln und dabei ihre ureigene Melodie preisen – durcheinander wirbelt und sie elegant hin und her tanzen läßt und nur mein sichtbarer Atem reduziert sie in ihrer fragilen Aura. In der Tat, es schneit und schneit und schneit unaufhaltsam – wenn ein Traum Wirklichkeit wird. Ast um Ast sind die Bäume mit weißer Pracht ausstaffiert und präsentieren sich freudig den aufmerksamen Beobachtern. Sanftes Laufen in einer verhaltenen Traumwelt, den Fokus auf die fühlenden Winde im Schnee gelenkt. Eingefrorene Augenblicke voller Sanftmut; geschrieben in der Sprache der Natur, die das Herz warm berührt und den Alltag vergessen macht. Mit knarzenden Schritten und mit einem genußvollen Lächeln passiere ich den gemäldehaften Wald und als ich selbigen hernach wieder verlasse, wird es sogleich um einige Nuancen lichter, doch die von mir so präferierte Einsamkeit wird weiterhin absolut regieren.

Der Weg vor mir gibt sein Geheimnis ungefragt preis und offenbart, daß bisher niemand auf ihm wandelte, ausgenommen von Meister Reineke und einem Reh. Auch im nächsten Forst tragen die hohen Baumriesen und das zahllose Gesträuch anmutige Schneegewänder, bilden in wispernder Zufriedenheit eine surreale Landschaft im Sein und verneigen sich partiell unter der ungewohnten Last, musikalisch von einigen gefiederten Sangeskünstlern umrahmt, die die allzu forschen Frühlingsausläufer wehmütig verabschieden. Die mysteriösen Weiher halten inne in ihrem Atmen und sind tief erstarrt, eingefroren unter einem sich entfaltenden Tuch filigranen Eises. Stillstand. Als ich die Dammallee abschreite, vernehme ich im Hintergrund der Unsichtbarkeit ein leises Plätschern auf dem Wasser – Schwäne, Graugänse und vor allem zahlreiche Blässhühner erweisen sich als die lautmalerische Quelle. Indessen verbeugen sich die Schilfwälder demütig unter dem Schneehauch der Winterregentin und mahnen, was wahre Stärke bedeutet. Indes flattert ein Graureiher sehr eindrücklich davon und verkündet allenthalben in zorniger Weise, was er von meiner störenden Präsenz hält.

Irgendwann unterbreche ich meinen Lauf und stehe komplett eingeschneit am Seeufer – ein kleiner, dicker und rotschwarzer Schneemann ohne Mütze in kurzer Hose; ich halte nun ebenso inne wie die Weiher zuvor und spähe in das weite Panorama der Unendlichkeit hinein. Der grauschwarze Horizont der Wasseroberfläche vereinigt sich in lieblicher Harmonie mit der grauen Düsternis des Himmels und verwandelt sich in eine einzige Fläche ohne Erhebungen, die scheinbar nie mehr ein Licht durchdringen wird. Eine lange vermißte Stille greift behutsam um sich, sie ist in dem atmosphärisch dichten Leben aus Schnee geboren und dämpft jedwedes Geräusch mit verzehrender Hingabe. Ich verharre regungslos, schweife mit meinen Blicken über das seufzende Wasser und lasse meine Gedanken tanzen, äquivalent der herabfallenden Kristallpracht und beobachte den eingeschlafenen See der Ruhe; wie sein Rand verhalten erstarrt ist, nimmermehr erwachen will – die melodramatische Wintermacht fordert mit ihren -05 °C den standesgemäßen Tribut der Besinnung. Dutzende Blässhühner direkt vor mir haben eine schwarze Traube gebildet und trotzen der mit Frostinsignien behandschuhten Winterhände, die ihr heimatliches Territorium eishart umfassen. Die rare Kombination aus Einsamkeit, Dunkelheit, weißem Schimmer und unablässigem Schneefall bannen mich an jenem Ort, frieren mich in der Gegenwart ein und die Fortsetzung meines Laufes wird mir nicht leicht. Und doch verfalle ich später in den Laufschritt, aber meine Gedanken bleiben erinnernd zurück.

Auf dem Rückweg sehe ich zwar noch meine alten Fußspuren, gleichwohl werden sie langsam aber sicher egalisiert und verschwinden nach und nach – als ob sie nie dagewesen wären. Dies gilt auch sinnbildlich für mein Leben, irgendwann verflüchtigen sich diese meine Spuren der temporären Existenz und verwehen im allumfassenden Nichts – der Kreislauf des Lebens. Die Tiefe des Waldes absorbiert meine Anwesenheit und einmal mehr bin ich mir bewußt, wie wunderbar die Natur doch ist, insbesondere jene Habitate, die ihren Ursprung in erhabenen Schneeträumen haben. Als ich die Schafe besuche und nachdem ich mein Lieblingswollie ausgiebig gestreichelt und zwei rivalisierende Böcke – laut gegeneinander prallend, Kopf gegen Kopf und Horn gegen Horn – beobachtet habe, materialisiert sich meine Hundefreundin Tina aus dem weißen Dunkelreich des Schnees vor mir und stürmt glücklich auf mich zu. Ihr Besitzer wußte längst, daß ich in der Nähe weile; meine in den Schnee gezeichneten und nur in eine Richtung weisenden Spuren sind zu charakteristisch, allein sind es auch die einzigen – denn wer wagt sich in der Finsternis in abgeschiedene Waldgebiete? Nun trete ich endgültig dem Heimweg an und beschließe den ersten Schneelauf in diesem seltsamen Winter, der immerdar seinen festen Platz in meiner Erinnerung einnehmen wird und zu den schönsten Läufen seiner Art gehört. Sei auch künftig willkommen, oh du liebreizende wie anmutige Schneedame und beehre uns recht lange mit deiner intensiven und vollendeten Kunst.