Archive for the Jahresrückblicke Category

Die vergangene Zukunft – Täglichlaufen. Jahresrückblick 2016.

Posted in Jahresrückblicke on 29. Dezember 2016 by Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es für immerdar in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein. So war die Ordnung der Dinge und so wird sie immer sein.

Nun ist es einmal mehr soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2016 wurde vernichtend aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten jedweden Moment genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick meiner vergangenen Zukunft – in diesem Jahr in reduzierter Form und nur auf die schnöde Statistik konzentriert. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden.

Fürwahr, das Fazit kann ich vorweg nehmen – wie schon in den Jahren zuvor war auch das Jahr 2016 wieder ein zutiefst zufriedenes Jahr im Kontext Täglichlaufen für mich, was meine Konzeption des gelebten Täglichlaufens wie noch immer bestätigt und für sie spricht. Aber das liegt in der Natur der Sache. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die stete Zufriedenheit gewesen, explizit auch gesundheitlicher Natur, wofür ich sehr dankbar bin – eine Ausnahme gab es freilich in diesem Jahr und viel fehlte nicht, so wäre mein fragiles Konstrukt vom Täglichlaufen endgültig zerbrochen, doch ja – ich hatte Glück und darf die Fortsetzung noch leben. Dementsprechend betrachte ich diesen meinen Weg mit Demut und werde ihn weiterhin in der gewohnten Form beschreiten – solange ich darf; denn das der Willen vorhanden ist, muß ich nicht exponiert betonen. Auch künftig werde ich Körper und Geist in diesem Stil wertschätzen; allein, wie könnte ich auch nicht?

Statistikauszug 2016 hier mehr:

025 (2015: 026) Regenläufe
001 (2015: 000) Glatteisläufe
000 (2015: 000) Gewitterlauf
020 (2015: 014) Nebelläufe
111 (2015: 106) Kälteläufe
000 (2015: 004) Hitzeläufe
000 (2015: 000) Flutläufe
000 (2015: 000) Sturz/Stürze
000 (2015: 000) Hundeangriff(e)
014 (2015: 005) Mal Wildschweinkontakt
002 (2015: 000) Mal Biberkontakt
000 (2015: 001) Mal in Begleitung gelaufen
002 (2015: 006) Mal Fastunfälle mit Autos
095 (2015: 097) Mal Handschuhe getragen
032 (2015: 030) Mal ein langes Oberteil getragen
005 (2015: 000) Mal eine lange Hose getragen
000 (2015: 000) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -13 °C (2015: -06 °C)
heißester Lauf bei 26 °C (2015: 30 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2016

08.01.2016 Vollendete Harmonie
14.11.2016 Der Moment…

Ich habe in diesem Jahr 4564 gelaufene Kilometer erreicht – ohne „Marathon“, „Wettkampf“, „Leistungen“, „Pläne“, „Ziele“, „Training“ oder sonstigem Schnickschnack, der in der lustigen Laufwelt so gerne gepriesen wird – dies versteht sich natürlich von selbst. Mit dem Wert bleibe ich erneut 5000 Jahreskilometern – wie schon im vergangenen Jahr und eine nachhaltigere Reduktion meiner Umfänge ist mir nur partiell gelungen; nichtsdestotrotz liegt der Wert im Rahmen meiner aktuellen Intention. Was sagen die Kilometer schon über Genuß, Freude und Härten aus? Nichts. Von wahrer Bedeutung war in diesem Jahr nur mein 18.03.2001–18.03.2016 – Jubiläum von 15 Jahren Täglichlaufen. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2017 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird sodann genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Für immerdar. Oh Leben, was bist du für ein Leben!

Die vergangene Zukunft – Täglichlaufen. Jahresrückblick 2015.

Posted in Jahresrückblicke on 29. Dezember 2015 by Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es für immerdar in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein. So war die Ordnung der Dinge und so wird sie immer sein.

Nun ist es einmal mehr soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2015 wurde vernichtend aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten jedweden Moment genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick meiner vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Teure Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan, es mag beginnen.

Fürwahr, das Fazit kann ich vorweg nehmen – wie schon in den Jahren zuvor war auch das Jahr 2015 wieder ein zutiefst zufriedenes Jahr im Kontext Täglichlaufen für mich, was meine Konzeption des gelebten Täglichlaufens wie noch immer bestätigt und für sie spricht. Aber das liegt in der Natur der Sache. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die stete Zufriedenheit gewesen, explizit auch gesundheitlicher Natur, wofür ich sehr dankbar bin – entsprechend betrachte ich diesen meinen Weg mit Demut und werde ihn weiterhin in der gewohnten Form beschreiten – solange ich darf; denn das der Willen vorhanden ist, muß ich nicht exponiert betonen. Auch künftig werde ich Körper und Geist in diesem Stil wertschätzen; allein, wie könnte ich auch nicht?

Januar

In aller Stille vollzog sich der Jahresauftakt in Liebe und Zufriedenheit und ja, in diesem Stil setzte sich meine täglichlaufende Reise entsprechend fort. Der absolute Höhepunkt in dem ersten Monat des Jahres enttarnte sich als mein: 1000. Kältelauf. Bezogen auf einen Zeitraum, der am 01.01.2000 seine Initiation feierte. Mit anderen Worten, vom 01.01.2000 bis zu diesem Tag absolvierte ich 1000 Läufe, die alle dem unerbittlichen Reich der hehren Kälteregentin geschuldet sind. Was für eine bedeutende Zahl – 1000 Läufe in meinem geliebten Frostgesang, eine wahrhaft seltene statistische Begebenheit, die nur mit immens viel Geduld zu generieren ist, doch freilich in meinem geliebten, gelebten Täglichlaufenkontinuum geboren wurde. Am 31.01. erlebte ich einen Lauf, der sich nicht in Worte kleiden ließ – ein einzigartiger Traumlauf in einer weißen Schneewelt im herrlichen Sonnenschein bei blauem Himmel lud mich zum Genießen ein. Die Kraniche tröteten, die Silberreiher standen am Ufer und die Vögel sangen allenthalben wie im Frühling.

Februar

Der Februar stand wie so oft im Zeichen des wolligen Nachwuchses, der nur tiefe Freude bereitete. Am 15.02. durfte ich ein neugeborenes – vollkommen schwarzes – Schafbaby auf dem Arm halten und jener Moment wurde natürlich zu einem unvergleichlichen Augenblick in diesem Weltgesang. Auch schloß ich im Februar meine Fütterungstätigkeit bei meinen geliebten Wollfreunden ab – wenngleich nur temporär. Aktuell (seit dem 28.12.) trage ich erneut die Verantwortung für das kulinarische Wohl meiner geliebten Putzels. Schrecklich war die Phase im Anschluß, als ich mein Amt beendete hatte und täglich an ihnen vorbei lief und doch kein Futter mehr vergeben durfte – das Theater ihrerseits war riesig. Am 24.02. lief ich in einem Abstand von nur drei Metern an mehreren Graugänsen vorbei – nach meiner Anrede blieben sie stehen und guckten neugierig. Drei Tage später erschreckte ich an einem Feldrand zwei Graugänse; ich erschien praktisch aus dem Nichts heraus. Sie schimpften und flogen davon – nach meiner unmittelbaren Anrede landeten sie sofort wieder und stellten das Schimpfen ein und spazierten entspannt umher. Als Täglichläufer ist man schließlich auch in der tierischen Welt bekannt.

Wollies_2015

März

Einmal mehr der März. Nur ein Datum ist wahrlich von Bedeutsamkeit in diesem Monat – der 18.03.2015. Auch 2015 vollzog ich an diesem ausgewählten Datum mein elementarstes Jubiläum: 14 Jahre Täglichlaufen in Serie. Nun ist er also tatsächlich erschienen – der eine Tag in diesem Jahr – der für mich von essentieller Bedeutung ist und bisher von mir nur sehnsüchtig erhofft werden durfte. Behutsam, geheimnisvoll und doch unaufhaltsam näherte sich der 18.03.2015 aus der noch nicht geborenen Zukunft und trat heute vernehmlich wispernd in diesen temporär lebenden Weltgesang ein; in mein ureigenes Dasein, welches nicht mehr ist wie ich selbst auch, nur Staub im Wind. In der Tat, mit dem heutigen Lauf in den frühen Morgenstunden habe ich mein scheinbar obligates Jahresjubiläum vollzogen – an dieser Stelle darf ich zurückblicken auf 14 Jahre Täglichlaufen in Serie. Ausnahmslos. Seit heute stehe ich auf der 14. Jahresebene in der Zunft der Täglichläufer, ein würdiger Moment in diesem meinem Leben Was für ein Tag! Was könnte ich heute in der Jahresrückschau diesbezüglich noch anmerken? Nichts. Der schönste Lauf im März fand zweifelsohne am 31.03. statt – ein starker Sturm dominierte das Weltgeschehen, kongenial verbunden mit Schnee- und Schneeregen in einer greifbaren, finsteren Einsamkeit, die ihresgleichen suchte und ja, mich fand. Niemand wagte sich hinaus in jene herrliche Atmosphäre und ich habe es wahrlich genossen. Nach nunmehr 14 Jahren Täglichlaufen weiß ich dieses Geschenk in tiefer Dankbarkeit und zufriedener Demut in absoluter Weise zu schätzen.

18.03.2015

April

Im April erspähte ich zum ersten Mal den diesjährigen Graugansnachwuchs – drei lütte, goldige Federbälle paddelten ihren viel zu schnellen Eltern hinterdrein. Was war das für ein herziger Anblick! Um bei dieser gefiederten Thematik zu bleiben, darf folgendes Erlebnis nicht unerwähnt bleiben. Am 08. April kam mir mitten im Wald ein edler Bussard entgegen; direkt auf meine laufende Präsenz zu und zudem in Kopfhöhe, um kurz vor mir nach rechts abzudrehen und in einem Abstand von nur einem Meter passierte er oder sie mich höchst entspannt – welch nahe Begegnung!Um den Genuß zu trüben, erlebte ich Ende April den dritten Fastunfall in diesem Jahr. Auch hierbei bleibt alles wie gewohnt. Ein Trauerspiel. Weiterhin übernahm ich erneut das gewichtige Amt als Futterlehrling für meine geliebten Wollfreunde, wenngleich zeitlich sehr begrenzt – für nur eine Woche. Die Freude ob meiner Aktivität war auf beiden Seiten freilich unbegrenzt; allein das Theater nach meiner Amtsaufgabe war entsprechend nicht minder gewaltig. Doch schlußendlich mußten wir uns alle wieder daran gewöhnen, der Alltag obsiegte. Ende April vernahm ich zum ersten Mal den Kuckuck in diesem Jahr.

Mai

Der Mai stand ganz im Zeichen des Frühlings. Am 04.05. – quakten zum ersten Mal in diesem Jahr die Froschels in meinem Hochwasserschutzgebiet, spätestens an dieser Stelle wurde der frühlingshafte Wandel wahrhaftig vollzogen. Im tiefen Wald beobachtete ich ein Reh; wir sahen uns beide an, bis es dann gemütlich weiter spazierte – von Flucht war keine Rede. Durchaus ein Novum. Die erste und letzte Begleitung in diesem Jahr läuferischer Natur fand am 16.05. statt – in den Morgenstunden begleitete mich ein Lauffreund mit seinem Schäferhund und so eroberten wir zusammen den natürlichen Weltgesang. Am 24.05. wurde mir die große Ehre zuteil, einen Kranich in einem Abstand von nur zehn Metern zu passieren, der temporär die Flügel ausbreitete, um mich dann gelassen zu beobachten. Insgesamt war jener Monatsabschnitt ein sehr beschaulicher, beherrscht von der edlen Natur.

Juni

Im Juni war nur ein Lauf von wahrer Gewichtung, der Regensturm: Die Welt ist dunkel geworden, aber nicht in einer alles verzehrenden Finsternis, nein, der Weltgesang hat sich grau gewandet. Elementares Grau. Die abgeschiedene Weite dominiert bar jedweder Nuancen und vereinigt sich am freien Horizont mit dem grauen Meer der Unendlichkeit. Bereits in der Nacht öffneten sich die imaginären Wasserschleusen in dem hehren Gewölk und noch am frühen Morgen perlte der liebliche Regen stürmend hernieder und generierte eine latente Angst in meinem Geiste. Eine unsichtbare Macht zog mich gravitätisch an und lud mich ein – an dem raren Geschenk eines Regenlaufes zu partizipieren. Von einem wohlwollenden Sturm kann mitnichten die Rede sein, doch treten heute immer wieder moderate Böen auf, die mich ausnahmsweise nicht entführen wollen, nein, scheinbar ist ihr Bestreben, mich zurückzudrängen; immer wieder galoppieren sie mit aller Macht gegen meine schwarze Präsenz – hoffnungslos. Ich erobere doch meinen Weg. Das grüne Gräsermeer – mitten in dem Hochwasserschutzgebiet gelegen – wird durch den wehenden Odem unbarmherzig hernieder gehalten, ungestüme Sturmreiter fegen wellengleich über die wasserlose Ebene. Es ist das ein wundervoller Anblick, der zum Verweilen reizt. An meiner Lieblingsstelle unterbreche ich meinen Lauf, betrete den Strand und verharre, halte inne und beobachte den grauen Dunkelsee mit seinen unablässigen Wellen, die nach ihrem eigenen Takt schlagen und Woge um Woge mit einer zarten Gischt an das Land werfen. Die unruhige Wasseroberfläche empfängt das fallende Heer der tanzenden Regentropfen und verzehrt sie lautlos. Doch wenn ich die Augen schließe, vernehme ich das malerische Prasseln; tränengleich rinnt das Naß von den Bäumen, um in dem irrealen Nichts für immerdar zu vergehen. Was für ein Lauf!

2015_Juni_01
2015_Juni_02
2015_Juni_03

Juli

Am 01.07. flüchtete ein riesiger Seeadler vor meiner laufenden Wenigkeit, bis er nach meinem Anreden zurückkehrte, sich auf einen Ast setzte und das kommende Geschehen abwartete. Allein als ich mich unmittelbar näherte, flog er doch noch von dannen – dennoch, ein beeindruckendes Erlebnis. Sodann absolvierte ich im Juli meinen 300. Hitzelauf. Nicht wirklich ein feierliches Datum. Das gilt ebenso für meine Begegnung mit der Polizei, die keinen anderen Aufgaben wahrnehmen, als harmlose Täglichläufer in ihrem Agieren zu behindern und parallel dazu, ihre Wehrfähigkeit zu reduzieren. Deutschland ist wahrlich ein erbärmliches Land. Jene Begegnung war durchaus eine Zäsur und erschütterte meine Grundfeste als Läufer; immerhin praktiziere ich das seit 18 Jahren.

300
2015_Juli_Nashorn_2

August

Das sommerliche Zepter wurde mit brennender Macht geschwungen und selbst sehr früh – war es einfach nur drückend, schwül und unangenehm in den Wäldern, in meinem Laufareal. Als ob das nicht herausfordernd genug wäre, erlebe ich während meiner Läufe entomologische Dauerangriffe von allen Flanken und so kann ich nur konstatieren, daß ich mich nicht erinnern kann, jemals eine derart lange Phase erlebt zu haben, in der ich mein Täglichlaufen hochgradig widerwillig praktizierte. Am 07.08. erlebte ich den fünften Fastunfall in diesem Jahr; der Fahrer eines 40 t Vehikel beschloß, mich „auf das Korn“ zu nehmen und in der letzten Sekunde entging ich diesem frevelhaften Attentat, was mein Bild dieser Zunft einmal mehr bestätigt. Kurios ist nur, daß ich weit vor dem LKW lief – also war ich weithin sichtbar, weiß gekleidet im Sonnenschein und nicht zu übersehen – es sei denn, der Fahrer war blind. Am 18.08. tendierte der Auftakt meines Laufes in Richtung Starkregen und ich sog förmlich greifbare Energie ein, die sich entsprechend auf Körper und Geist auswirkte. Die sommerlichen, niederdrückenden Ketten, welche mich bis dato fesselten, fielen von mir ab – gelöst von Geisterhand und so eroberte ich mein Laufareal höchst zufrieden und flog wie der Wind durch den Weltgesang. Ein weiterer Monat hauchte sein Leben für immerdar aus.

2015_August_Sturm

September

September. Ein halbes Jahr nach dem 18.03.2015: Täglichlaufen. Stolze und kostbare Vierzehn Jahre und Sechs Monate in Serie. Oder anders formuliert, mein Halbjahresjubiläum feiert heute seinen temporären Moment, geboren in Zeit und Raum und hinein getragen, in diese meine flüchtige Welt des Täglichlaufens und entsprechend mental und körperlich von mir in Harmonie geformt und geprägt – so konstatierte ich damals. Tempus fugit. In weniger als drei Monaten wird vielleicht die 15 hernieder leuchten. So verrinnt sie, die Lebenszeit. Am 16.09. begann der Tag sehr finster und ein nasser Hauch ließ sich herab, um die irdische Welt zu beschenken, gleichwohl konnte ich das bei aller Regenliebe nicht als Regenlauf gelten lassen, so daß mein 350. Regenlauf weiterhin in der Zukunft auf den Vollzug warten darf. Doch auch jener Tag sollte sich bald materialisieren. Der Ausklang offenbarte sich relativ frisch. Heute früh (29.09.) erfolgte der erste Kältelauf in dieser aktuellen Herbst/Winterphase und zum ersten Mal überhaupt zieht nun der September in diese meine Statistik (gerechnet ab 2000) ein. Dennoch, ein Winter sollte nicht folgen, ungeachtet dieser vorzeitigen Frische.

2015_September_Regenbogen

Oktober

Das einstmals grüne Blattgewerk welkt melancholisch in den unendlichen Tod ohne Hoffnung auf Wiederkehr und auch mein Halbjahresjubiläum wurde vernehmlich trauernd in das vollendete Verderben gesogen, um zukünftig höchst bescheiden in der Erinnerung zu leuchten. Und so zieht ein neuerlicher Monat Täglichlaufen in die surreale Vergänglichkeit ein, der gleichsam bedeutungsvoll wie bedeutungslos für mich war. Nach all den Jahren darf ich meine sogenannte „Serie“ im Täglichlaufen fortsetzen, wofür ich sehr dankbar bin – welches explizit für die herbstliche Zeit in einem besonderen Maße gilt. Es ist eine wahre Gnade, dem natürlichen Wechsel der Jahreszeiten täglich im Laufschritt beizuwohnen. Täglichlaufen in der alles verzehrenden, herbstlichen Finsternis auf dem frostigen Pfad in den Winter – welch ein Traum! In der Tat, zuweilen werden sie wahr. Am 08.10. erlebte ich endlich meinen 350. Regenlauf, den ich nicht in einen schnöden Artikel gießen wollte, doch ja, ich habe das Regenglück wahrlich genossen. Noch im Oktober hoffte ich auf einen schneereichen Winter oder zumindest auf eine adäquate Winterkälte, doch bis heute enttäuscht die Frostregentin.

November

Im November glitten direkt über meine täglichlaufende Wenigkeit acht Schwäne hinweg, begleitet von ihrem eigentümlich sonoren Sirren, welches ich als prachtvoll erachte. Doch damit der beobachtenden Freude nicht genug, nein, nur einen Tag später vollzog sich ein identisches Spektakel – jedoch mit neun Schwänen. Was für ein imposanter Anblick. Der Herbst vergeht indessen unentschlossen, der Winter naht zurückhaltend. Vielleicht. Die säuselnden Blättergewänder sind durchlässig geworden, weinen still und der hehre Sturm obsiegt allenthalben. Eines Morgens unterbrach ich jählings meinen Lauf und weilte verloren zwischen den mich umgebenden Baumgiganten, deren empor ragende Kronen im ungestümen Wind hin und her tanzten, begleitet von einem sonoren Rauschen, das jedwede Töne absorbierte. Lautes Schweigen. Ein einzelnes Blatt wurde von einer unsichtbaren Hand ergriffen, drehte sich in dem Sturm immer wieder um sich selbst, wurde unstet in alle Richtungen geworfen, um irgendwann endgültig leise hernieder zu gleiten. Ich stand immer noch regungslos und beobachtete das Geschehen, den ureigenen Tanz der wispernden Baumgesellen; es spielte dazu eine wehende Melodie, die ich doch nicht wahrnehmen konnte. Es blieb bei dem einen Blatt. Eine melancholische Szene, gezeichnet an einem finsteren Tagesbeginn in ein vergängliches Gemälde der Abgeschiedenheit. Und doch sehr fesselnd, ein wahrhaftig magischer Moment, der sich nicht mit unzulänglichen Worten beschreiben läßt – die bedeutenden Augenblicke im Leben kann man nur fühlen. Meine ungewisse Reise setzt sich fort, in diesem meinem Täglichlaufen – genau wie das einsame Blatt. Und wohin es getragen wird, weiß nur der Wind.

Dezember

Dezember. Der zehnte Monat des Jahres machte seinem Namen alle Ehre; so darf es nicht irritieren, daß der Sommer zurückkehrte. Nichtsdestotrotz entschädigte mich die Natur mit ausgewählten Momenten. Um das reine Weiß erneut zu hochleben zu lassen – wie schon im November, sei der 05.12. erwähnt, bei 04 °C von einem unangenehmen Wind flankiert, flog ein edler Silberreiher von dannen, der von der leuchtenden Sonne gravitätisch angestrahlt wurde, um somit sein nobles Weiß um ein Vielfaches zu intensivieren. Bei den nachhaltigen Böen ließ er sich mehr treiben, als das er sich selbst bemühen mußte. Dieses konzentrierte Weiß am weiten, blauen Firmament findet keine Entsprechung – so traumhaft phantastisch wurde es in mein Lebensgemälde von der omnipotenten Natur gezeichnet. Sodann bot der stärkste Sturm der vergangenen Jahre sein Schauspiel im Dezember feil. Diese erlebte Entfesselung war wahrlich eine Machtdemonstration ohnegleichen. Allein die Wälder erschufen gehaltvolle Impressionen, die einen gewichtigen Eindruck auf mich ausübten. Fürwahr, die Baumriesen hämmerten wild um sich; die hehren Kronen schlugen fechtend ineinander, verkrallten sich vernehmlich kämpfend und erzeugten kratzende Geräusche, die in Kombination mit einem ungestümen Rauschen im Hintergrund alles beherrschten und in aller Deutlichkeit demonstrierten, wie klein und unbedeutend wir Menschen doch sind. Jener Lauf war im Zeichen der Naturgewalten höchst faszinierend wie inspirierend. Und so verweht die Jahresrückschau gnadenlos im Zeitenwind und nur noch wenige kostbare Tage stürzen über uns hernieder, so fällt dieses Jahr in den wohlverdienten Tod. Das reguläre Jahr endet – das Täglichlaufjahr obsiegt weiterhin. Doch nicht mehr lange. Gelebtes Täglichlaufen.

Sommer_2015_a
Dezember_Sonne
Sommer_2015_b

Statistikauszug 2015 hier mehr:

026 (2014: 029) Regenläufe
000 (2014: 000) Glatteisläufe
000 (2014: 001) Gewitterlauf
014 (2014: 024) Nebelläufe
107 (2014: 104) Kälteläufe
004 (2014: 003) Hitzeläufe
000 (2014: 000) Flutläufe
000 (2014: 000) Sturz/Stürze
000 (2014: 000) Hundeangriff(e)
005 (2014: 003) Mal Wildschweinkontakt
000 (2014: 001) Mal Biberkontakt
001 (2014: 004) Mal in Begleitung gelaufen
006 (2014: 002) Mal Fastunfälle mit Autos
097 (2014: 102) Mal Handschuhe getragen
030 (2014: 023) Mal ein langes Oberteil getragen
000 (2014: 003) Mal eine lange Hose getragen
000 (2014: 001) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -06°C (2014: -13 °C)
heißester Lauf bei 30°C (2014: 28 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2015

23.06.2015 Regensturm

Ich habe in diesem Jahr 4749 gelaufene Kilometer erreicht – ohne „Marathon“, „Wettkampf“, „Leistungen“, „Pläne“, „Ziele“, „Training“ oder sonstigem Schnickschnack, der in der lustigen Laufwelt so gerne gepriesen wird – dies versteht sich natürlich von selbst. Mit dem Wert bleibe ich unter 5000 Jahreskilometern – wie zuletzt 2010 – aber dergleichen ist per se irrelevant. Was sagen die Kilometer schon über Genuß, Freude und Härten aus? Nichts. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2016 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird sodann genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Für immerdar. Oh Leben, was bist du für ein Leben!

Die vergangene Zukunft – Täglichlaufen. Jahresrückblick 2014.

Posted in Jahresrückblicke on 28. Dezember 2014 by Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es für immerdar in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein. So war die Ordnung der Dinge und so wird sie immer sein.

Nun ist es soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2014 wurde vernichtend aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten jedweden Moment genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick meiner vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Teure Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan, es mag beginnen.

Fürwahr, das Fazit kann ich vorweg nehmen – wie schon in den Jahren zuvor war auch das Jahr 2014 wieder ein zutiefst zufriedenes Jahr im Kontext Täglichlaufen für mich, was meine Konzeption des gelebten Täglichlaufens wie noch immer bestätigt und für sie spricht. Aber das liegt in der Natur der Sache. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die stete Zufriedenheit gewesen, wofür ich sehr dankbar bin – entsprechend betrachte ich diesen meinen Weg mit Demut und werde ihn weiterhin in der gewohnten Form beschreiten – solange ich darf; denn das der Willen vorhanden ist, muß ich nicht exponiert betonen. Auch künftig werde ich Körper und Geist in diesem Stil wertschätzen; allein, wie könnte ich auch nicht?

Januar

Still und leise wurde der Jahresauftakt von mir vollzogen, in greifbarer Einsamkeit, verbunden mit melancholischer Abgeschiedenheit setzte ich am 01.01. mein Täglichlaufen fort – so wie es am 31.12. endete. Ich gab mich der trostlosen Hoffnung auf die weiße Winterpracht hin, wurde gleichwohl diesbezüglich immens enttäuscht – doch das ist das Leben. So darf es nicht irritieren, daß ich in der ersten Rückschau vom aufkeimenden Frühling sinnierte. Die Sonne regierte ungestüm von ihrem hehren Himmelsthron, derweil konzertierten zahlreiche Vögel und boten ihre Sangeskunst feil. Schlußendlich irrte ich mich aber. Nur vier Tage später vollzog ich meinen ersten Schneelauf und jener Lauf war ein Traumlauf ohnegleichen, ja, wenn ein Traum Wirklichkeit wird. Weiterhin durfte ich im Januar Meister Bokert, Meister Reineke und nicht zuletzt neue Wollies beobachten – ein wunderbarer Auftakt.

Februar

Auch im Februar betraten neue Wollfreunde von mir die Bühne des Lebens und mein liebster Wollfreund Schmusi feierte seinen ersten Geburtstag. So ein Schaf wie mein Schmusi hat die Welt noch nicht gesehen und wird sie wahrlich auch nie mehr erfahren. Doch in diesem Moment im Dezember, wo ich diese Zeilen niederschreibe, geht eine partielle Wehmut mit einher, denn aus seinem Sommerurlaub ist Schmusi nicht mehr zurückgekehrt, da er eine andere Heimat fand. Aber auch das ist das Leben. Nichts währt ewig, doch in meinem Herzen lebt er nach wie vor weiter – als das liebste Schmuseschaf, welches je existierte. Wiederholt lief ich im Februar sehr nahe an einem Bussard vorbei oder später an Enten und auch einige Kraniche tolerierten meine allzu nahe Präsenz. Bemerkenswert.

schmusi

März

Einmal mehr der März. Nur ein Datum ist wahrlich von Bedeutsamkeit in diesem Monat – der 18.03.2014. Auch 2014 vollzog ich an diesem ausgewählten Datum mein elementarstes Jubiläum: 13 Jahre Täglichlaufen in Serie. Und ich gestehe, ich habe es genossen, einfach nur genossen! Die Welt hat sich in den vergangenen Tagen rasant verdunkelt, Sturmmächte zogen drohend auf und rangen wild mit jedem, der es wagte sich ihnen entgegen zu stellen. Ungehaltene Wellen des wütenden Sees peitschten jähzornig an das weiße Ufer, die hohen Baumwipfel tanzten miteinander nach ihrer ureigenen Melodie, die doch niemand versteht und das hehre Blattgewerk säuselte gedankenvoll in den Böen und gab sich dem prosperierenden Blütenzauber hin. Der heutige Lauf war wie immer an einem 18.03. einer latenten Melancholie geschuldet, die sich kongenial mit den Witterungsverhältnissen vereinigte, die mich mit der geliebten Einsamkeit in meine reizenden Wälder begleiteten. Mannigfaltige Impressionen aus der Vergangenheit im Kontext Täglichlaufen werden wieder lebendig, erscheinen höchst real und bleiben doch nur flüchtige Bilder in meinem Geist. Bei aller Freude, bei allem Stolz frage ich mich, wie es mir gelingen konnte, diesen Weg bis heute zu beschreiten. Ich kann dieses Geschenk an mich selbst nur mit Demut annehmen – und mit dem Bemühen, es auch künftig mit aller Sorgfalt zu pflegen. Ein weiterer Höhepunkt manifestierte sich in einem riesigen Seeadler, der stolz und erhaben in die funkelnde Sonne gleich einem glitzernden Diamantenmeer hinein flog – was für eine faszinierende Darbietung! Zudem hörte ich Ende März zum ersten Mal – so lange ich hier überhaupt laufe – eine Eule rufen. Was für ein Monat!

13_Jahre

April

Der April stand im Zeichen meiner zahlreichen tierischen Freunde. Die lieben Graugänse bekamen herzigen Nachwuchs und es war mir eine große Lust, diese kleinen, kuscheligen Federbälle zu beobachten. Zum Ende des Monats gewahrte ich den Ruf des Kuckucks erstmalig und damit wurde der Frühling endgültig eingeläutet. Auch wunderbare Nebelläufe luden zum Genießen im Laufschritt ein und jene Einladungen nahm ich nur zu gerne an. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht erahnen, daß 2014 das Jahr des Nebels werden und sich in der gnadenlosen Konsequenz in meiner Nebelstatistik an die Spitze stellen würde.

Buntspecht

Reigen_2014_01

Goldglänzender Rosenkäfer

Reigen_2014_02

Schafnachwuchs

Reigen_2014_03

Schafnachwuchs

Reigen_2014_04

Eidechse

Reigen_2014_05

Mai

Nach dem Kuckuck im April ließ sich der Pirol im Mai nicht lange bitten und begrüßte den warmen Weltgesang auf die seine Weise und ich nahm als stiller, laufender Beobachter daran teil. Und wie so oft in diesem Jahr, nahm ich mich auch im Mai den rasenden Weinbergschnecken an. Den wichtigsten Lauf in jenem Monat lasse ich hier erneut hochleben: Die flüchtigen Nebelelemente wurden gleich zarter Tupfer hauchdünn in meinem Laufareal aufgetragen, die sich in Wassernähe natürlich zart intensivierten. In geringer Höhe über die lieblichen Weiher zogen wispernde Nebelschwaden hinweg und vermittelten den Eindruck, als ob der See kochen würde; elegant trieben die weißgrauen Dämpfe über den nassen Spiegel und verzauberten in einer Art und Weise, welche ich bis dato noch nie beobachten durfte; ja, die erhabene Nebelfürstin zog mich in ihren wehenden Bann, umarmte mich hernach und maskierte alles Leben unter ihren Nebelgewändern. Auch die lächelnde Königin der Abgeschiedenheit entfaltete ihre Macht und breitete ihren Umhang der Einsamkeit auf diesen Augenblick aus, so daß ich vollkommen verloren in jenem wunderschönen Nebelreich meinen Lauf absolvieren durfte. Verhaltenes Schweigen in der Stille. In meiner Erinnerung werden diese traumhaften Kilometer nimmermehr vergehen.

Juni

Anfang Juni läutete der erste Hitzelauf, die mehr oder weniger heiße Phase in diesem nun sterbenden Jahr ein. Auch Schmusi kommt hier wieder bildlich zu seinem Recht. Indessen ließ mich ein Schwarzspecht auf nur fünf Meter an sich heran, um mich erst zu beobachten und im Anschluß seiner geschäftigen Klopftätigkeit nachzugehen. Sodann offerierte mir das hehre Leben höchstselbst drei Kontakte mit der lieben Familie Schwarzkittel und das sogar in unmittelbarer Nähe. Einerseits haben mich diese Begegnungen sehr erfreut, denn hierbei handelt es um sehr edle und freundliche Gesellen aus dem heimischen Forst, doch andererseits betrüben mich solche Treffen stets, da die Wildschweine derart verschreckt sind und voller Angst in hoher Geschwindigkeit flüchten. Als den wichtigsten Tag in diesem Monatsabschnitt möchte ich nur einen Lauf werten, der den bezeichnenden Titel Fühlen im Regen trägt und schloß mit folgenden Eindrücken – Ich selbst hingegen weilte längst in anderen Sphären, die sich nicht mehr in unzulängliche Worte kleiden lassen; hoch zufrieden passierte ich meine Wälder, genoß die traumhafte Regengunst, die sich unterdessen noch tatsächlich intensivierte und sog die außerordentliche Stimmung auf. Genießend, lächelnd und schweigend absolvierte ich meinen heutigen Lauf und ja, f ü h l e n d – nichts ist bedeutender. Ich erlebte und vollzog einen Lauf unter Bedingungen, die ihresgleichen suchten und ihn zu einer wahrhaftigen Rarität erwachsen ließen. Fühlen im Regen – der Rest ist Schweigen.

Wollies_aktuell_01
Wollies_aktuell_03
2014_Juni_Sommerzauber
Dunkelwolken

Juli

Lange habe ich mir den Tag herbeigesehnt und im Juli wurde meine Hoffnung endlich erfüllt – auf meinem Damm wurde erwartungsgemäß das Gras gemäht; eine banale Tatsache und doch durchaus essentiell für mein Täglichlaufen, denn somit konnte ich zu meiner geliebten Standardstrecke zurückkehren. Ende Juli weilte entspannt erhaben auf meinem Laufpfad ein edler Rotfuchs, der mich nicht eher bemerkte, als bis ich ihn anrief – wer nun vielleicht annimmt, er sprang sodann überrascht von dannen, der irrt – denn Meister Reineke erhob sich in aller Ruhe und bewegte sich in Richtung Wiese und das mit einer Contenance, die ihresgleichen suchte. Ein Prachtexemplar. Meiner seltenen Gewitterlauf-Statistik konnte ich eine weitere Einheit zuschreiben und auch meine Fast-Unfallstatistik erhöhte sich leider. Langweilig.

August

Gleich der fernen Zukunft nahm ich bereits im August ein unentschlossenes Leuchten wahr; mein täglichlaufender Pfad zog mich weiter und weiter in sein Reich und ja, das Halbjahresjubiläum warf seinen strahlenden Schattenglanz voraus. Der August wurde der heißen Jahreszeit gemäß von unsäglichen Dasenattacken dominiert – diese entomologischen Angriffe hoben mein Täglichlaufen wahrhaft in herausfordernde Spähren und auch meinen befreundeten Schnecken der Familie Weinberg nahm ich mich wieder in rettender Weise an. In der Monatsmitte konnte der sensible Betrachter bereits den ersten herbstlichen Hauch in den Wäldern wahrnehmen.

2014_Juli_Froschels_01
2014_Juli_Froschels_03

September

Oh ja, auch im September obsiegte eine besondere Zahl – hierbei kann es sich nur um die 18 handeln, welche mein Halbjahresjubiläum, symbolisiert, was ich mit freudiger und feierlicher Genugtuung zur Kenntnis nahm. Die Gnade des Täglichlaufen war mir ein weiteres halbes Jahr hold und ja, ich preise es bis heute mit großem Behagen und in steter Zufriedenheit. Meistens. Schwächliche Phasen der temporären Unlust im Dezember darf ich hier im strahlenden September getrost ignorieren. Für den tierischen Höhepunkt zeichneten vielleicht fünfzig Schwäne verantwortlich, die einen beeindruckenden Kreis bildeten, der weithin in hellem Weiß erstrahlte und das aufmerksame Betrachterauge faszinierend bannte. Apropos Schwäne – ein Schwan flog unter einer Brücke hindurch, indes ich zu der gleichen Zeit auf ihr weilte und so durfte ich den eleganten Schwan unter mir fliegen sehen – was für ein seltener Anblick, geschuldet einer traumhaften Perspektive. Den schönsten Lauf des Jahres 2014 erlebte ich am 29.09. – geboren im Nebelreich; ein Lauf ohnegleichen – ohne Entsprechung, ohne Worte. So geht er hin, der wispernde September.

2014_August Froschels_01
2014_September_Natur_03

Oktober

Spätestens im Oktober war es Zeit – wahrlich Zeit – das Jahr 2014 zum Jahr des Nebels zu küren, wenngleich sich derlei längst angekündigt hatte. Dementsprechend verwundert es nicht, wenn ein weiterer der schönsten Läufe überhaupt in diesem Jahr, erneut den Nebelwelten zugerechnet werden muß. Der Morgen triumphierte noch nicht und die Nacht hat sich indessen keineswegs endgültig verabschiedet, als ich den Wald verließ und die weite Wiese flankiert von dem ruhenden See in all ihrer Erhabenheit vor mir liegen sah. Doch freilich blieb mir das Wasser verborgen, es harrte unter einem grauen Odem, der fest verankert in der Luft zu schweben schien; diverse Ausläufer greifen gnadenlos nach der Wiese und generieren in drei Metern Höhe ein unbeschreibliches wogendes Nebelband, welches ambitioniert den Pfad erreichen wollte – mit aller Macht – und doch nicht durfte, so daß der finale Abschluß immer mehr ausdünnte und seufzend seine Unzulänglichkeit begreifen mußte. Jene Nebelschwaden lösen sich im unendlichen Nichts auf, wenngleich sie bei ihrer Initiation in omnipotenter Weise alles, aber auch wahrhaft alles aufsaugen und für immerdar verbergen wollen. Zum Ende des Monats traf sie endlich ein, die zärtliche Königin der Kälte – und regiert sodann die künftige Phase mit ihrem blauweißen Eiszepter; unerbittlich und doch stets lächelnd wie verzaubernd.

November_2014_Herbst_01
November_2014_Herbst_02

November

Freilich durfte auch im November von Schnee keine Rede sein, das Wetter enttäuschte wahrlich. Doch in meinem Täglichlaufen ist ein Ereignis von besonderer Gewichtung und zwar meine fünfzehnjährige Mitgliedschaft in der Zunft der Täglichläufer. Seit diesem Herbst gebe ich mich nun seit 15 Jahren dem Täglichlaufen hin. Hierbei ist von der Konzeption des Täglichlaufen an sich die Rede; die rigorosen 13 Jahre und 08 Monate fließen zwar selbstredend mit ein, doch betrat ich den Pfad des Täglichlaufens bereits im Jahr 1999 und ja, es ist erschreckend, wo die Zeit bleibt. In diesen meinen Anfängen war es unvorstellbar für mich, auch nur im Ansatz an eine Entwicklung zu denken, wie ich sie in der Konsequenz vollzogen habe. Natürlich, einst stand jene Thematik per se nicht im Fokus meiner Konzentration – was ich heute als essentielle Grundlage für die gelebte Permanenz betrachte. Das Wissen von 15 absolvierten Jahren in diesem Stil – generiert ein stolzes Gefühl und läßt mich mit einem sehr, sehr zufriedenen Lächeln zurückblicken und in das Reich der Erinnerungen eintauchen. Am 20.11. durfte ich zum ersten Mal überhaupt beobachten, wie Schwäne miteinander kommunizieren. Ich stand am Ufer und drei Schwäne zu meiner linken und drei zu meiner rechten Seite führten eine Unterhaltung und jede Stimme hatte ihren ureigenen charakteristischen Klang. Seit so vielen Jahren durchstreife ich täglich mein Laufareal und derart viel Zeit mußte vergehen, bis ich derlei vernehmen durfte.

November_2014_Herbst_03
November_2014_Herbst_04
November_2014_Herbst_05

Dezember

Wenngleich die weißstrahlende Winterpracht auch in diesem Dezember ein Schattendasein feierte, so wurde jener Abschnitt demungeachtet doch von der belebenden Kälte beherrscht. Am 09.12. durfte ich eine Blindschleiche retten und ich hoffte, daß mein gebasteltes Nest ihr eine sichere Heimstatt bot. Mittlerweile erreichen die Minustemperaturen bereits wieder zweistelligen Regionen, so daß ich heute gar in langer Hose gelaufen bin – zum dritten Mal in diesem Jahr. Eine lange Hose – schrecklich. Zudem absolvierte ich heute den 100. Kältelauf in diesem Jahr und in nächster Zukunft werde ich den 1000. Kältelauf zelebrieren. Zusätzlich wurde mir der heutige Kältelauf mit einer großen Geschenktüte versüßt, die unter anderem einen Dresdner Stollen beinhaltete, ja, auch das kann Täglichlaufen bedeuten. Ebenfalls am 28.12. durchbrach ich in diesem Jahr die Grenze von 5000 Jahreskilometern und blieb damit auf einem ähnlichen Niveau wie in den Vorjahren. Durch mein Täglichlaufen sind meine Laufschuhe einer nicht gewöhnlichen Belastung ausgesetzt, gleichwohl muß ich an dieser Stelle konstatieren, daß die Qualität einen neuen Negativrekord erreicht hat. Doch halt, sprach ich von Qualität? Im Kontext Laufschuhe? – ich bin wahrhaft ein Narr.

Murks

Allein wer interessiert sich schon für unbedeutende Jahreskilometer? Gewichtiger erscheint mir doch die nachfolgende Betrachtung, welche ich aus meiner letzten Rückschau übernehme – … hätte ich das nie für möglich erachtet, derart tief in diese mysteriöse, unbekannte Welt vorzudringen; zuerst unbewußt im Kontext einer wahrlichen Banalität; geboren im Trotz – sodann immer bewußter, immer aufmerksamer, immer wertschätzender, immer respektvoller, immer fokussierter und lebendiger – fürwahr, immer einnehmender. Allein wie simpel ist dieses Täglichlaufen! So einfach, so einfach! Natürlich banal, ja, natürlich. Und doch so schwer, so herausfordernd und so unsagbar diffizil. In den vergangenen Tagen fragte ich mich in ausgewählten Momenten, was ich hier eigentlich mache – eingehüllt in tiefer Finsternis, nur umgeben von eisiger Kälte und mich dem stürmischen Odem des Winters entgegen werfend – obgleich ich derlei Bedingungen doch übermächtig liebe, wollte ich flüchten – nur noch flüchten. Und ja, ich flüchtete und rannte und rannte und registrierte einmal mehr das Schwere im Einfachen und das Einfache im Schweren. Schlußendlich obsiegte der Widerspruch über sich selbst oder ich selbst über mich? Täglichlaufen ist ein wahrer Widerspruch in sich; muß es sein. Wie dem auch sei, starke und schwache Phasen kommen, gehen. Schlußendlich erhalten sie die bedeutende Demut und dafür bin ich dankbar. Temporäre Zweifel sind noch stets ein Garant für die gelebte Permanenz des eigenen Handels gewesen. Nur einen Tag nach der Veröffentlichung meines Jahresrückblickes kleideten sich die Haine und die Natur in weiß – in der Nacht schneite es mächtig und mein Lauf, noch in der Finsternis beginnend – war ein Traumlauf ohnegleichen. Unbeschreiblich schön. Geliebte Winterwelt im Schnee!

Statistikauszug 2014 hier mehr:

029 (2013: 027) Regenläufe
000 (2013: 003) Glatteisläufe
001 (2013: 000) Gewitterlauf
024 (2013: 013) Nebelläufe
104 (2013: 121) Kälteläufe
003 (2013: 007) Hitzeläufe
000 (2013: 000) Flutläufe
000 (2013: 001) Sturz/Stürze
000 (2013: 001) Hundeangriff(e)
003 (2013: 001) Mal Wildschweinkontakt
001 (2013: 002) Mal Biberkontakt
004 (2013: 000) Mal in Begleitung gelaufen
002 (2013: 003) Mal Fastunfälle mit Autos
102 (2013: 119) Mal Handschuhe getragen
023 (2013: 041) Mal ein langes Oberteil getragen
003 (2013: 001) Mal eine lange Hose getragen
001 (2013: 001) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -13 °C (2013: -15 °C)
heißester Lauf bei 28 °C (2013: 30 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2014

22.01.2014 Wenn ein Traum Wirklichkeit wird

25.06.2014 Fühlen im Regen

07.10.2014 Nebelwelten

09.12.2014 Das Singen des Eises

Ich habe in diesem Jahr 5049 gelaufene Kilometer erreicht – ohne „Marathon“, „Wettkampf“, „Leistungen“, „Pläne“, „Ziele“, „Training“ oder sonstigem Schnickschnack, der in der Laufwelt so gerne gepriesen wird – dies versteht sich natürlich von selbst. Nur die Liebe zum Täglichlaufen hat mir das ermöglicht. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2015 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird sodann genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Für immerdar. Oh Leben, was bist du für ein Leben!

Die vergangene Zukunft – Täglichlaufen. Jahresrückblick 2013.

Posted in Jahresrückblicke on 28. Dezember 2013 by Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es für immerdar in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein. So war die Ordnung der Dinge und so wird sie immer sein.

Nun ist es soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2013 wurde vernichtend aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten jedweden Moment genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick meiner vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Teure Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan, es mag beginnen.

Fürwahr, das Fazit kann ich vorweg nehmen, das Jahr 2013 war wieder ein zutiefst zufriedenes Jahr im Kontext Täglichlaufen für mich, was meine Konzeption des gelebten Täglichlaufens wie noch immer bestätigt und für sie spricht. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die stete Zufriedenheit gewesen, wofür ich sehr dankbar bin – entsprechend betrachte ich diesen meinen Weg mit Demut und werde ihn weiterhin in der gewohnten Form beschreiten – solange ich darf; denn das der Willen vorhanden ist, muß ich nicht exponiert betonen. Auch künftig werde ich Körper und Geist in diesem Stil wertschätzen; allein, wie könnte ich auch nicht?

Januar

Der vergangene Jahresauftakt eröffnete den ehedem neuerlichen Abschnitt jählings mit einem Höhepunkt und lud mich zu einem formidablen Regenlauf ein, der das neue Jahr nicht hätte besser einläuten konnte. Doch wie alles im Leben ist nichts ohne Schatten und nur wenige Tage später veröffentlichte ich einen Artikel mit dem Titel: „Erschreckende Paukenschläge“. Die Autorin war einmal mehr das Leben und glücklicherweise durfte ich mein Täglichlaufen weiterleben. Nicht viel später trat ich in die Pforte der Einsamkeit ein und war mit den vorherigen Widrigkeiten halbwegs entschädigt. In diesem Monat kam ich so nah an einen Fuchs heran – wie noch nie zuvor – in nur zwei Metern Entfernung lief ich an Meister Reineke vorbei – ein rarer Moment. Endlich fand meine langjährige Freundin Tina ihren gebührlichen Einstand auf meiner Seite; ich hoffe, daß wir uns auch im neuen Jahr oft begegnen werden. Zudem fand zu Jahresbeginn der letzte Wildschweinkontakt (21.) statt und bei meinen Wollies stellte sich herziger Nachwuchs ein, welchen ich mit Freuden begrüßte.

2013_Januar_Damm

2013_Januer_Tina_2

Februar

Weitere Schafe betraten die Bühne des Lebens und eines der Neuankömmlinge schloß mich sofort in sein Herz; und ich ihn freilich auch und jene Liebe zu meinem „Schmusi“ hält bis heute an und selten findet ein Lauf ohne Streicheleinheiten statt. Der intensivste Lauf, einem mächtigen Feuermeer geschuldet, wird immer seinen mahnenden Platz in meiner Erinnerung einnehmen. Nicht minder beeindruckend waren zwei edle Seeadler, die ich bei ihrem Frühstück beobachten durfte – selbst ich erlebe derlei nicht alle Tage. Umso alltäglicher erscheinen mir die zahlreichen Bussardbegegnungen, wenngleich sie das natürlich nicht sind.

2013_Februar_Schafe_6

März

Ja, der März. Nur ein Datum ist wahrlich von Bedeutsamkeit in diesem Monat – der 18.03.2013. Auch 2013 vollzog ich an diesem ausgewählten Datum mein gewichtiges Jubiläum: 12 Jahre Täglichlaufen in Serie. Nach der Lektion in Demut zu Beginn des Jahres mit seinen schwachen Stunden hatte ich damals nicht damit gerechnet, doch ja, es ist mir gelungen und die Herausforderungen habe ich mit einem Lächeln verbannt. Täglichlaufen. 12 Jahre. Ausnahmslos. Erneut habe ich für mich die nächst höhere Ebene der Natürlichkeit erklommen – auf diesem Weg, der aus dem unendlichen Nichts kommt und in das endliche Nichts führen wird. Ein neuerliches Jahr habe ich im Zeichen des widersprüchlichen Täglichlaufens generiert wie konsolidiert und ja, ich freue mich unbändig darüber. Bei all der erkennbaren und gleichzeitig unbewußten Fragilität im Dasein ist es für mich umso bemerkenswerter, daß ich mich immer noch meinem Täglichlaufen hingeben darf, seit nunmehr 12 Jahren – in der Tat ein essentieller Bestandteil in meinem Leben. Möge sich diese meine Reise weiter fortsetzen. Der tierische Höhepunkt an jenem Tag manifestierte sich in vier Buntspechten, die zugleich auf einem Baum umher tollten. Sodann hatte ich Ende März ein Stelldichein mit der lieblichen Maid der Höhenmeter, was ich schlußendlich auch genießen durfte. Statistisch bemerkenswert war die Tatsache, daß ich in diesem Monat meinen 800. Kältelauf absolvieren durfte, gerechnet ab dem 01.01.2000.

18.03.2013

2013_Maerz_Berge_a

2013_April_Wolli

April

Meine Wollfreunde bewiesen indessen, daß sie ihre höchst kompetenten wie zertifizierten Fluchtfähigkeiten bis heute besitzen. So wunderte es mich nicht wirklich, als sie erneut ihre heimatliche Weide nahezu geschlossen verließen, um die umgebende Welt kulinarisch zu erobern. Auf Grund meiner skandalösen Intervention konnten sie ihre Freiheit leider nicht lange genießen, was jedoch im Rahmen der Sicherheit unumgänglich war – auch greift hier freilich meine Pflicht und Verantwortung als Ehrenschaf. Im April drangen die Vandalen in meine Laufwelt ein. Oh, meine liebe Winterkönigin, ich harre mit Inbrunst auf deine belebende und schützende Präsenz – konstatierte ich damals. Als Neuankömmlinge in meinem Weltgesang durfte ich mehrere Kraniche begrüßen, die sich scheinbar in meiner Laufwelt heimisch einrichteten und weithin ihre Anwesenheit verkündeten, in dem sie engagiert trompeteten. Ende April gab sich das erste Mal in diesem Jahr der Kuckuck die Ehre und begrüßte somit den Frühling. Im Mai folgte hernach der Pirol und debütierte mit seiner großartigen Sangeskunst. Die soeben erwähnten Kraniche wohnten Ende Dezember immer noch in meinem Laufareal und flogen erst heute morgen lautmalerisch in den Sonnenaufgang hinein.

Mai

Endlich durften meine Graugansfreunde ihrem herzigen Nachwuchs das Leben zeigen, was in diesem Jahr verzögert stattfand – ein wunderbarer Anblick, der stets ein Lächeln der Freude in mein Antlitz zauberte. Auch im Mai zeichnete ein Regenlauf kausal für einen der schönsten Augenblicke verantwortlich. Im einsamen Regenwind lief ich in die weite Abgeschiedenheit hinein, die ihresgleichen suchte und dementsprechend trat ich in jenen Sekunden in eine komplett andere Welt ein, in ein konträres Paralleluniversum der wahren Bedeutsamkeit, welches ich nicht in Worte kleiden kann und will. Fühlen im friedvollen Frieden der belebenden Natur; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Manche Impressionen erfordern ein gehaltvolles Schweigen, um ihre ergreifende Wirkung auch par excellence zu registrieren und hernach zu festigen. Erneut stand ich Auge in Auge mit einem Rotfuchs, in dieser Sekunde hielt das Leben inne, fror die Zeit ein. Tempus fugit.

2013_Mai_1

Juni

Im Juni sorgte Königin Sol für die ersten Hitzeläufe, die ich natürlich nicht unbedingt mit einem Lächeln goutierte, demungeachtet nahm ich auch die schönen Seiten des Sommers wahr. Später tobte ein ungehaltener Wind über mein Laufareal und unsichtbare Sturmhände griffen gierig ächzend nach den hehren Bäumen, zerrten brutal an ihnen; die ihre unschuldigen Äste wehrhaft hoch empor gen Horizont streckten, um sie voller Zorn dem kostbaren Leben zu entreißen. Lange lagen die holzigen Überreste traurig weinend auf meinem Damm, doch riefen sie nie nach Vergeltung. So sei es. Die daraus resultierenden Schäden sind nicht vergleichbar mit jenen von Kyrill oder Xaver; dieser namenlose Sturm obsiegt über alle anderen, mit wehender Macht. Ein junger Waschbär zog ebenfalls in das tote Land ein, obgleich er völlig unversehrt aussah – ein trauriger Anblick.

2013_Juni_Blaumeisen_1

2013_Juni_Blaumeisen_3

2013_Juni_Sturmschaeden_06

Juli

Meine geliebten Wollfreunde baten mich im Juli lauthals um Hilfe und als Ehrenschaf kam ich stante pede dieser Aufforderung nach und begab mich auf einen gewagten Rettungseinsatz, der auf Grund gewisser Obliegenheiten, die mich zu einer latenten Zurückhaltung zwangen – jedoch scheiterte. Abschließend informierte ich den adäquaten Ansprechpartner, den „Herrn der Schafe“, der entsprechend der Kompetenz kraft Natur der Sache seines Amtes walten wollte, was zu jenem Zeitpunkt obsolet war, denn meine vorwitzigen Wollmäuse hatten sich selbst geholfen. Die Aufregung war immens, ebenso die gewaltigen Schrammen, die ich davon trug, nicht zuletzt eine lädierte Laufhose – doch was tut man nicht alles, für diese herzigen Gesellen? Das galt auch für einen kleinen Nachwuchsfrosch, den ich hoffentlich in eine mehr oder weniger gesicherte Zukunft überführen konnte.

2013_Juli_Libelle_2

August

Auch im August durfte ich zahlreiche tierische Freunde beobachten, von Seeadlern über Füchse bis zu Schwäne, die elegant durch die Lüfte schwebten. Ein weiterer Lauf wurde von einer belebenden Einsamkeit und wunderbaren Stille dominiert, Wolkenschwerter. In diesem Monat rettete ich noch eine prachtvolle Weinbergschnecke, die hoffentlich überlebt hat. Als nicht minder schön offenbarte sich ein Pirolkonzert von mindestens vier Pirolen – das war schier unglaublich. Ein ungehaltener wie zorniger Gewittersturm wütete in meiner Laufwelt und wirkte sich einmal mehr gewaltig aus – die Macht der Natur. Der oben angeführte Seeadler stellte noch eine Besonderheit dar, denn noch nie sah ich bis dato einen derart großen wie eminent stolzedlen Greifvogel in freier Wildbahn fliegen; dies erwies sich als eminent beeindruckend.

2013_Juli_Wolken_1

2013_Sommer_02

September

Seit meinem einzigartigen Jubiläum ist bereits ein halbes Jahr vergangen und noch immer absorbiert die omnipotente Zeit jedwedes Leben, aber dennoch überdauert mein Täglichlaufen, lebt weiter und offenbart eine scheinbare Permanenz. Dementsprechend feierte ich mein Halbjahresjubiläum, welches in dieser Phase seine ureigene Gewichtigkeit besitzt, die ich nur unzulänglich in Worte kleiden kann. Und ja, noch immer setzt sich mein Täglichlaufen fort, auch über Zwölf Jahre und Sechs Monaten hinaus. Welch ein Geschenk, welch eine Gnade! Im September fand auch der schönste Regenlauf in diesem nun toten Jahr statt – das war mehr Schwimmen als Laufen. Langsam neigt sich das Jahr dem Niedergang entgegen und im Sonnennebel entfaltet die goldene Herbstmacht ihre temporären Gewänder des alljährlichen Wandels. Ein Heer von solaren Strahlen geht seinen Weg und leuchtet unablässig durch die hohen Baumkronen und Lichtkegel um Lichtkegel werden von dem endlosen Himmel herab gesandt, um die Wassertropfen auf den Grashalmen zu kitzeln. Formidable Lichtspiele alternieren im finsteren Schattenglanz und generieren eine beeindruckende Atmosphäre greifbarer Schönheit, die mich vergessen läßt, wo ich mich befinde und in welcher Welt ich lebe. Licht und Schatten dominieren kristallartig im Wechselschimmer des allumfassenden Nichts, die charismatischen Sonnenblitze werden immer wieder gebrochen und doch behaupten sie ihren unausweichlichen Pfad der Eroberung, gleich raren Diamantentränen der triumphierenden Einzigartigkeit. Nebelfelder erheben und streben willkürlich in scheinbar alles verzehrenden Wolken empor und vereinigen sich in Harmonie mit dem goldenen Schimmer und malen eine Momentaufnahme in das allgegenwärtige Leben, die so in dieser Form nimmer mehr zu sehen sein wird. Ich sauge jene bedeutenden Impressionen in mir auf und folge den Nebelreitern in ihr dichtes, graues Reich der Unwägbarkeit. Nicht nur über die leise wogenden Wasserflächen tanzen die Nebelbänke, sondern auch über die noch grünen Wiesen singen sie ihr graziles Lied der Verborgenheit.

2013_Sonnennebel

Oktober

Der Oktober begann ungewöhnlich frisch – mit nur -02 °C – und das am 02.10. – ein neuer Bestwert. Zu jenem Zeitpunkt wagte ich die Prognose: „Möglicherweise werde ich 2013 den bisherigen Höchstwert von 2010 übertrumpfen. Das mag nun keine Besonderheit sein, aber bemerkenswert sind die Fakten, daß es in den vergangenen 13 Jahren nicht einmal so früh d e r a r t kalt wurde; auf jenen genannten Zeitraum bezogen, kam der Wert von -02 °C anderthalb bis zwei Monate zu früh. Zudem erfolgte der letzte Kältelauf im Frühjahr so spät wie nie zuvor. Anders formuliert – das Jahr 2013 preist die Kälte“. Ich sollte mich nicht irren. Freilich irrte ich in der Annahme, daß der Dezember besonders kalt werden sollte – bei 12 °C am 24.12. erwies sich diese These als konträr. Von unangenehmer Natur sollte sich ein Sturz erweisen, der schlußendlich aber unbedeutend war, was für einen neuerlichen Hundeangriff nicht galt. Es handelte sich um den 22. Hundeangriff respektive Konflikt, den das Leben in meine Vergangenheit schrieb. Er wird nicht der letzte bleiben.

2013_Herbst_a

2013_Damm

November

Voller Zorn beginnt der November, denn erbärmliche Wilderer, die indessen schnellstens das Weite suchten, mordeten in meinem Laufareal. Ohne Worte. Seit Oktober vollziehe ich nahezu täglich einen Streichellauf nach dem nächsten, was sich freilich nicht nur auf die lieben Schafe beschränkt. Mittlerweile gilt das auch für zwei Katzen, die mich nun täglich vor dem Laufen begrüßen – ein weiteres Ritual hat sich etabliert und ich liebe es. Die liebliche Natur generierte viele Höhepunkte und insbesondere die künstlerischen Spinnen beeindruckten in tiefer Art und Weise: „Eines Morgens griffen die mit Reif behandschuhten Hände der galoppierenden Vorhut der anreisenden Winterregentin um sich und überzogen die hehre Welt mit einem weißen Hauch der Zärtlichkeit. Die unzähligen, filigranen Spinnennetze, die meinen Pfad zu beiden Seiten säumen, verwandelten sich in schimmernde Diamantketten, die zudem von der solaren Macht kristallfunkelnd angestrahlt wurden und in der Folge ein atemberaubendes reflektierendes Lichtspiel aufführten und damit der edlen Schönheit nicht genug, nein, weiterhin streichelten liebevolle Windhände über die traumhaften Netze hinweg, so daß sie leise erhaben in den Böen zitterten – und wieder muß ich an dieser Stelle festhalten, was für ein Anblick! Im Anschluß trug das natürliche Leben geisterartige Nebelkleider und die eben beschriebenen Meisterstücke der Arachniden erstarrten in und unter den wabernden Nebelfeldern der tief ausgeprägten Finsternis, die elegant eine unsichtbare Dramaturgie tanzten. Eingefroren im innehaltenden Diesseits, geschuldet einer melancholischen Romantik.

Dezember

In den letzten beiden Monaten sorgten formidable Nebelläufe für eine Atmosphäre der melancholischen Ruhe in einer schweigenden Welt der fühlenden Abgeschiedenheit für Impressionen, die es mir wiederholt unmöglich machten, sie in Worte zu gießen und mein diesbezüglicher Laufbericht demonstrierte dies entsprechend unzulänglich. „In der dämmernden Dunkelheit entfaltet sich mehr und mehr ein prosperierender Nebel, der gierig ungehalten den elementaren Weltgesang zärtlich umhüllt, um ihn in seine gedämpfte Atmosphäre des melancholischen Schweigens aufzusaugen. Stille. Lautlosigkeit greift entschlossen um sich; gepaart mit einer traurig weinenden Einsamkeit, die ihresgleichen sucht. Graue und schwarze Farbnuancen dominieren die weite, kahle Abgeschiedenheit in den menschenleeren Hainen der schweigenden Ruhe. Surreale Nebelbänke wabern leise vorüber, tanzen ihren eigenen Tanz der hernieder perlenden Tränen, der einer unsichtbaren Choreographie folgt und heißen mich ohne Worte in den Wäldern willkommen.“

Anfang Dezember lächelte die Natur zudem zutiefst stürmisch und pries die elementaren Winde – im Lächeln des Orkans “Xaver“. Mit unbändiger Kraft warf ich mich den wild um sich greifenden Sturmhänden entgegen, doch die tanzenden Böen lächelten nur ungehalten ob meiner törichten Ambitionen und trieben mir eiskalt die Tränen in die Augen. Hernach realisierte ich mein Pseudojubiläum von 300 Regenläufe – gerechnet ab dem 01.01.2000, was in der Summe gewaltig erscheint, aber schlußendlich doch nicht ist. Welche Interpretation auch nachhaltiger sein mag, die Zahl „300“ steht für vollendeten Genuß, der über alle Zweifel erhaben ist. Weiterhin erlebte ich in diesem Jahr 118 Kälteläufe – somit löst 2013 den bisherigen Rekordhalter 2010 mit seinen 105 Kälteläufen mit kühler Leichtigkeit ab. Endlich durfte ich im Dezember nach langer Zeit wieder mehrfach Meister Bokert erspähen. Abschließend sei noch angemerkt, daß ich das dritte Jahr in Folge 5000 Jahreskilometer realisiert habe – ein täglichlaufender Indikator von zufriedenem Genuß und gelebter Zufriedenheit in Harmonie und Frieden.

2013_Dezember_Sturm

2013_November_Wald

Statistikauszug 2013 hier mehr:

027 (2012: 29) Regenläufe
003 (2012: 07) Glatteisläufe
000 (2012: 01) Gewitterlauf
013 (2012: 09) Nebelläufe
121 (2012: 88) Kälteläufe
007 (2012: 08) Hitzeläufe
000 (2012: 00) Flutläufe
001 (2012: 01) Sturz/Stürze
001 (2012: 01) Hundeangriff(e)
001 (2012: 12) Mal Wildschweinkontakt
002 (2012: 07) Mal Biberkontakt
000 (2012: 02) Mal in Begleitung gelaufen
003 (2012: 01) Mal Fastunfälle mit Autos
119 (2012: 80) Mal Handschuhe getragen
041 (2012: 21) Mal ein langes Oberteil getragen
001 (2012: 12) Mal eine lange Hose getragen
001 (2012: 01) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -15 °C (2012: -16 °C)
heißester Lauf bei 30 °C (2012: 35 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2013

08.01.2013 Die Pforte der Einsamkeit
10.02.2013 Feuermeer
04.04.2013 Von Bergen, Höhenmetern und Kältewahrnehmung
26.05.2013 Einsam im Regenwind
02.08.2013 Wolkenschwerter
29.09.2013 Sonnennebel
02.12.2013 Melancholisches Schweigen
06.12.2013 Im Lächeln des Orkans

Ich habe in diesem Jahr 5061 gelaufene Kilometer erreicht – ohne „Marathon“, „Wettkampf“, „Leistungen“, „Pläne“, „Ziele“, „Training“ oder sonstigem Schnickschnack, der in der Laufwelt so gerne gepriesen wird – dies versteht sich natürlich von selbst. Nur die Liebe zum Täglichlaufen hat mir das ermöglicht. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden; wenngleich ich vor einem Jahr die sogenannte Tradition bewußt torpedierte. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2014 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird sodann genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Für immerdar. Oh Leben, was bist du für ein Leben!

Die vergangene Zukunft – Jahresrückblick 2012

Posted in Jahresrückblicke on 27. Dezember 2012 by Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein. So war die Ordnung der Dinge und so wird sie immer sein.

Nun ist es soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2012 wurde vernichtend aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten jedweden Moment genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick einer vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Teure Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan, es mag beginnen.

Das Fazit kann ich vorweg nehmen, das Jahr 2012 war wieder einmal ein sehr zufriedenes Jahr im Kontext Täglichlaufen für mich, was meine Konzeption des gelebten Täglichlaufens einmal mehr bestätigt und für sie spricht. Gesundheitliche Widrigkeiten erlebte ich in diesem Jahr nicht, auch daran ist mein Täglichlaufen nicht ganz unschuldig. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die stete Zufriedenheit gewesen, wofür ich sehr dankbar bin – entsprechend betrachte ich diesen meinen Weg mit Demut und werde ihn weiterhin in der gewohnten Form beschreiten – solange ich darf; denn das der Willen vorhanden ist, muß ich nicht exponiert betonen.

Januar

Der Jahresauftakt begann mit einem Höhepunkt par excellence und jener manifestierte sich in der ungeplanten Begegnung mit Marcel. In der grenzenlosen Finsternis vollzogen wir einen gemeinsamen Lauf, der elementarer hätte nicht sein können. Wenige Tage später durfte ich drei Wildschweine im schönsten Sonnenschein am Vormittag beobachten, die sich von der schwarzen Laufpräsenz nicht im Ansatz gestört fühlten. Auge in der Auge mit der Leitbache, freilich auf Distanz. Eine weitere, einzigartige Beobachtung sollte ich ebenfalls Anfang Januar erleben. Der weite Horizont bot ein Himmelsspektakel mit hunderten Graugänsen feil, die lärmend, nein, lautmalerisch musizierend über ihre heimatliche Wiese kreisten; derweil flogen im Hintergrund zwei weiße anmutige Höckerschwäne, die indessen von der golden leuchtenden Sonne angestrahlt wurden – ich unterbrach meinen Lauf und konnte dieses Schauspiel nur genießen. Erhaben blendendes, reines Weiß. Am 19.01. vernahm ich ein Drosselkonzert, wodurch ich den subjektiven Eindruck gewann, mich im allerschönsten Frühling zu befinden.

Februar

Im Februar gab ich mich ganz den ausgiebigen Biberbeobachtungen hin, die ich wiederholt erleben durfte. Nach all den Jahren, nach all den vielen Spuren ihrer Existenz durfte ich zum ersten Mal einen Vertreter der Biberzunft in freier Natur ohne Störung aus nächster Nähe beobachten. Im ersten Moment bekam Meister Bokert einen Schreck, später offenbarte er sich als neugieriger Geselle mit ureigenem Charme. Auf Grund einer greifbaren Kälte lief ich temporär in langer Bekleidung, was sich selbstverständlich als angenehm unangenehm erwies. Diese „Serie“ dauerte vom 30.01. bis zum 08.02. und das gab es vorher noch nie. Als ich endlich! zu meiner Standardbekleidung zurückkehrte, atmete und lebte ich wahrhaftig auf. In diesen Tagen absolvierte ich meinen 700. Kältelauf – bezogen auf einen Zeitraum von 12 Jahren. Mit der kurzen Bekleidung verstummten auch die Schreckrufe der Passanten, die über meine Winterkleidung entsetzt waren; immerhin nahm ich nun das gewohnte Bild wieder ein. Später gesellte sich zu der Winterkälte noch Glatteis, welches in dieser Zeit das Täglichlaufen zu einer Herausforderung machte, die freilich schlußendlich beherrscht wurde.

März

März. Freilich, das ist d e r Monat im Jahr für mich. Auch im diesem Jahr vollzog ich mein Jubiläum am 18.03. – seit nunmehr 11 Jahren hält meine Serie im gelebten, geliebten Täglichlaufen an. Wer hätte das gedacht? Ich? Nein, nie. Das ist das Leben. Doch es hat Recht. In diesem Sinn habe ich die Termini Disziplin wie Selbstdisziplin verbannt, denn das sind Definitionen für etwas, was unnötig ist. In meinem Denken ist dafür kein Platz mehr, derlei war vor einigen Jahren von gewichtiger Bedeutung. Elf Jahre Täglichlaufen hat mit Disziplin nichts mehr gemein. Ebenso der humorige Begriff „Motivation“. Wer muß sich schon für die Liebe, Zufriedenheit, Gesundheit, Einklang und Genuß motivieren? Als weniger angenehm enttarnte sich eine Drahtfalle mitten im tiefen Wald; glücklicherweise geriet der Installateur nicht in meinen Einflußbereich und viel wichtiger war indessen die Tatsache, daß ich die Sperre noch rechtzeitig erkannte. Dennoch, der März war mein Monat.

April

Im April sollte ich wieder einmal auf Familie Schwarzkittel treffen, wie so oft in diesem Jahr. Von prachtvoller Eleganz und edler Anmut zeugte ein wunderschöner Bussard; zuerst vernahm ich die kaum wahrnehmbaren Schwingungen des Flügelschlages, der im Anschluß in nur zwei Metern Abstand ruhig über meinen Kopf hinweg glitt und sich anschließend auf einem Ast hernieder ließ, um den kleinen Täglichläufer unten am Boden neugierig zu beobachten, indessen ich mit der gleichen Intention nach oben spähte. Als einer der schönsten Läufe erwies sich der pure Laufgenuß unter dem Sonnenfall der Stille. Was für ein Lauf! Ende April meldete sich der Kuckuck erstmalig in diesem Jahr.

Mai

Allzu viele Hitzeläufe bot dieses Jahr – welch Glück – nicht feil, doch der erste fand bereits am 11.05. statt. Spätestens im Mai realisierte ich, daß 2012 DAS Jahr der Wildschweine sein wird, der 12. Kontakt seit 1997 sollte stattfinden. Das ist bemerkenswert. Und dabei sollte es nicht bleiben. Am 17.05. mußte ich meinen Lauf unterbrechen, um meine wolligen Fluchtschafe zu ihrer Weide zurückzuführen – diese Ausbrecherkönige sind immer für eine Überraschung gut! Ebenfalls Anfang Mai nahm ich am ersten Pirolkonzert des Jahres teil. Später war ich Zeuge einer Schafschur; freilich unterbrach ich meinen Lauf, um das für meine „Wollies“ aufregende Ereignis persönlich in Augenschein zu nehmen und um den armen Delinquenten zu beruhigen, in dem ich ihr den Kopf streichelte.

Juni

Erneut fand ein Jubiläum statt. Seit nunmehr 15 Jahren gehöre ich der Läuferzunft an; jene Tatsache ist mindestens genauso bemerkenswert wie meine Serie im Täglichlaufen. Schließlich habe ich Laufen einst mehr oder weniger verabscheut. Und wieder durfte ich einen Lauf erleben, der seinesgleichen suchte, und sich nicht im Ansatz wahrhaft beschreiben ließ. Gleichwohl habe ich es versucht, ungeachtet dessen ist es bei einem „Versuch“ geblieben. An einem Tag durfte ich wieder einmal ein Schafbaby auf dem Arm halten, oh was war das für ein herziger Anblick – dieses kleine, kuschelweiche Baby! Am 09.06. gelang es mir, den größten – bis dato – von mir beobachten Seeadler zu erspähen. Herrlich!

Juli

Zu Beginn des Julis nahm ich ungewollt einen neuerlichen Hundekonflikt in meine Statistik auf; der 21. mittlerweile. Menschen. Sie lernen es nicht. Besonders prachtvoll hingegen, wurde eine neuerliche Bussardbeobachtung. Nicht viel später trottete mir ein herziger Nachwuchsfuchs entgegen, der jedoch leider einen direkten Kontakt vermied und sich rasant in die sogenannten „Büsche schlug“. Ein Anblick, der zu Herzen ging.

August

Im August fand während meines Täglichlaufens die 16. Wildschweinbegegnung statt und man sollte es nicht glauben, doch es werden weitere (auf 20 erhöht sich der Wert) folgen, womit ich nicht wirklich rechnete. Den 38. Fastunfall – immerhin der einzige in diesem Jahr – erlebte ich am 20.08. – ich wiederhole mich: Menschen. Sie lernen es nicht. Sodann erfolgte eine Begegnung mit einem vierbeinigen Gesellen, auch bekannt als Hund. Im grünen Sommerforst entstand urplötzlich ein lärmender Tumult im Unterholz, freilich erwartete ich eine Gruppe von Elefanten oder zumindest eine Rotte Schwarzkittel, doch ich sollte mich eminent irren – ein unsagbar kleiner Mikrohund brach engagiert durch das Gestrüpp und vollzog einen nie dagewesenen Sturmangriff auf meine Person. Nur eines sei an dieser Stelle angemerkt, ich wehrte mich nicht – demungeachtet verließen wir beide unversehrt den Ort des Geschehens. Am 15.08. kam ich in den Genuß eines unbeschreiblich schönen Laufes; hätte ich versucht, jene Kilometer in Worte zu kleiden – ich wäre gnadenlos gescheitert, entsprechend verzichtete ich auf die unzureichende Tat. Wie unbegreiflich herrlich ist doch die Natur!

September

Mein 270. Regenlauf wurde zu einem einzigartig herrlichen Lauf. Und natürlich, das Halbjahresjubiläum warf seine leuchtenden Schatten voraus. Am 18.09. vollzog ich das halbe Jahr und die Serie setzt sich fort – welch Gnade, welch Gnade! Der einzige Gewitterlauf des Jahres sollte ebenfalls im September stattfinden. Auch die süßen Eichhörnchen sorgten für eine Überraschung, denn auf einem Baum zählte ich sage und schreibe sieben Eichhörnchen, die sehr engagiert miteinander spielten und munter hin und her, herauf und herunter sprangen und mich dabei neugierig beäugten und keine Sekunde an Flucht dachten. Über diese süßen Wuschelputze mußte ich bis über beide Ohren grinsen. Nicht weniger faszinierend und doch gänzlich anderer Art sollte am 01.09. das Saisonende der segelnden Zunft eingeläutet werden. Dutzende Segelboote mit weißen Segeln, die von der frühen Morgensonne unter einem blauen Himmelspanorama angestrahlt wurden, leuchteten in hellen Formen und bildeten einen Anblick, eine rare Impression, die es wert gewesen wäre – von einem kompetenten Künstler in einem Gemälde für immer und immer festgehalten zu werden.

Oktober

Der Oktober bot einmal mehr viele Tierbeobachtungen feil. Besonders herausragend war jener Moment, als zwei Rehe meinen Weg kreuzten. Sie blieben trotz Anrede stehen, guckten mich neugierig an und gingen dann gemächlich weiter – ohne Angst. Wenn ich das Serienhafte in meinem Täglichlaufen ausblende und mich nur auf die Jahre an sich konzentriere, in der ich diese mit Hingabe lebe, so erreiche ich im Laufe der Zeit einen Wert von von 13 Jahren als Täglichläufer. Das Leben hat einen seltsamen Humor. Die geistige und körperliche Symbiose schreitet voran. Ich hoffe, daß noch einige Läufe, Kilometer und/oder Wochen diese selbstverständliche, natürliche wie nicht selbstverständliche, nicht natürliche Summe erhöhen werden, doch ich kann mich nur überraschen lassen und stelle mich entsprechend den Unwägbarkeiten des Lebens – lächelnd.

November

Der dunkle November besann sich und begann entsprechend gar nicht finster, sondern strahlend hell, was die Kathedralen der Sonne eindrucksvoll bewiesen. Doch sollte diese Witterung nicht von einer langen Beständigkeit sein und die edle Finsternis zog endlich in den lieblichen Hain der melancholischen Einsamkeit ein. In der Konsequenz wurden meine Läufe von einer greifbaren Stille beherrscht, die ich so sehr schätze.

Dezember

Oh ehemals zehnter Monat des Jahres, an jener Stelle wärst du würdig wie korrekt platziert in diesem Jahr – der zärtliche Winter macht sich rar. Liebliche Schneewelt, wo weilst du nur? So und nicht anders konstatierte ich vor einem Jahr an dieser Stelle. Doch in diesem Jahr begann er winterlich und pünktlich am 01.12. fiel der erste Schnee. Dementsprechend war es kein Wunder, daß ich hernach den 750. Kältelauf vollzog. Und jener Lauf war die pure Lust. Oh geliebte Winterwelt, dich kann man nur von Herzen lieben. Nach Jahren der abhärtenden Routine habe ich ausnahmsweise, die bis dato an den Tag gelegte Grenze, bis zu welcher Temperatur ich in kurzer Bekleidung laufe, verändert, freilich im Rahmen des Abhärtungsgedanken. Ein neuerlicher Höhepunkt offenbarte sich in einer wechselseitigen Beobachtung. Meister Reineke, gar nicht scheu, blieb plötzlich stehen, setzte sich gemütlich hin und beobachtete mich neugierig – so wie ich ihn, wenngleich ich stehen blieb. Irgendwann zog jeder mutig seines Weges. Nicht ein Tag vergeht ohne formidable Tierbeobachtungen – eine der intensivsten Gnaden des Täglichlaufens. Auch in diesem Jahr übersprang ich die 5000 Jahreskilometer-Hürde, wie der Dezember zeigen sollte. Mit aller Wahrscheinlichkeit werde ich gar die 5100 Kilometer aus dem Vorjahr überholen. Bei aller Bedeutungslosigkeit ist der Wert für mich ungeachtet dessen faszinierend, da er schlußendlich meine Liebe zu der Natur und zu meinem Täglichlaufen symbolisiert. Erstarrte Weiher der Friedlichkeit, weiße Eisflächen am Firmament, stille Windböen wispern melancholisch ihre Wehklagen, eingefrorene Wellen der harmonischen Bewegung begleiten die Einsamkeit in einen Weltgesang der tiefen Zufriedenheit und ich darf daran partizipieren. Täglich. So endet das Jahr.

Statistikauszug 2012 hier mehr:

29 (2011: 29) Regenläufe
07 (2011: 10) Glatteisläufe
01 (2011: 00) Gewitterlauf
09 (2011: 14) Nebelläufe
88 (2011: 90) Kälteläufe
08 (2011: 05) Hitzeläufe
00 (2011: 06) Flutläufe
01 (2011: 02) Sturz/Stürze
01 (2011: 00) Hundeangriff(e)
12 (2011: 01) Mal Wildschweinkontakt
02 (2011: 09) Mal in Begleitung gelaufen
01 (2011: 04) Mal Fastunfälle mit Autos
80 (2011: 80) Mal Handschuhe getragen
21 (2011: 10) Mal ein langes Oberteil getragen
12 (2011: 06) Mal eine lange Hose getragen
01 (2011: 04) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -16 °C (2011: -10 °C)
heißester Lauf bei 35 °C (2011: 30 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2012

27.01.2012 Ein Hauch von tanzender Lieblichkeit
02.02.2012 Erstarrtes Glück. Mein erster Biberkontakt.
26.04.2012 Unter dem Sonnenfall der Stille
03.06.2012 Das leuchtende Gemälde
13.09.2012 Spätsommer
13.11.2012 Kathedralen der Sonne
06.12.2012 Das weinende, leuchtende Gemälde der Finsternis

Ich habe in diesem Jahr 5109 gelaufene Kilometer erreicht – ohne einen einzigen Marathon oder Wettkampf, dies versteht sich von selbst. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2013 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird sodann genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Für immerdar. Oh Leben, was bist du für ein Leben!

Die vergangene Zukunft – Jahresrückblick 2011

Posted in Jahresrückblicke on 29. Dezember 2011 by Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein.

Nun ist es soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2011 wurde aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten das Morgen genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran partizipieren werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein wahrscheinlich letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick einer vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Frieden. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan.

Das Fazit kann ich vorweg nehmen, das Jahr 2011 war mehr als ein zufriedenes Jahr für mich. Es sollte von wiederholten persönlichen „Rekorden“ geprägt sein, die ich mir einst nicht im Traum hätte vorstellen können. Mein Täglichlaufen ist auch in diesem Jahr ein Garant für die Zufriedenheit gewesen. Höhepunkte gab es viele, aber nur ein Tag war von elementarer Bedeutung für mich. Der e i n e Tag. DIE Zäsur in meinem Leben. Doch all das basiert nur auf der Natur, in ihrer Mannigfaltigkeit. Ohne meine geliebten Tiere und der kongenialen Pflanzenwelt gäbe es mein Täglichlaufen nicht.

Januar

Der unausweichliche Auftakt des Jahres begann mit extremen Glatteis und einer reizvollen Flut. Soll heißen, mein Laufareal war allenthalben überflutet – entsprechend standen meine Läufe im Zeichen der Flut. Freilich ließ ich mich von diesem seltenen Schauspiel nicht beirren und nutzte das Eis für Schlitterpartien und auch für die sagenhaften Flutläufe, die nicht immer ohne Folgen blieben. Beim Durchschreiten der Eiswelt brach ich ein und im Anschluß bescherten mir die eleganten Hiebe der Eisschwerter partiell aufgeschnittene Beine. Der einzige Wildschweinkontakt des Jahres fand im Januar statt. Zum Monatsabschluß stürzte ich ordnungsgemäß, jedoch war dies nicht weiter gravierend – ich habe es mit Humor getragen, derweil ich auf dem Rücken lag und den Himmel lächelnd beobachtete.

Februar

Im Februar ergötzte ich mich an dem Anblick, den ein Mann an den Tag legte, mich neugierig beobachtete, indessen ich bis zu den Knien im Wasser stand und selbiges durchwatete. Als besonders spektakulär sollte sich eine Tierbeobachtung erweisen, zwei Schwärme von Spatzen, die später von ca. 30 Grünhänflingen begleitet wurden, waren mehr als beeindruckend. Sehr unschön hingegen erwies sich die mißglückte Schafrettung; allerdings informierte ich den Besitzer, so daß auch diese Geschichte ein gutes Ende fand. Spätestens im Februar rückte mein baldiges Jubiläum immer mehr in den nahen Fokus. Nur noch wenige Tage bis zu diesem surrealen dekadenten Tag.

März

Mein Monat! Der März sollte DER Monat des Jahres für mich werden. Allein, wen wundert es? Vorweg sei meine Begegnung mit dem Nerz erwähnt und natürlich der herzige Nachwuchs bei den Schafen. Sehr traurig hingegen sollte mein Treffen mit einem Reh werden. Das einmalige Wildgansspektakel sucht ebenfalls seinesgleichen. Und nicht zu vergessen, wenige Tage vor meinem Jubiläumslauf vollzog ich eine ungeplante Flugstunde im Wald, mit ungefähr 15 Kilometern pro Stunde – jener Sturz war in der Tat sehr hart, Schwindel und Unwohlsein behinderten den unmittelbaren Weiterlauf, erst nach einigen Minuten verfiel ich erneut in den Laufschritt. Selbst Tage später tat mein Hals weh. Sodann kam er, der E I N E Tag, der zu einer Zäsur in meinem Leben werden sollte. Der 18.03.2011. Zehn Jahre Täglichlaufen in Serie. Eine Dekade im Stil des „Gelebten Täglichlaufens“ – zehn Jahre Tag für Tag. Ausnahmslos. Was für ein unbeschreiblicher Moment. Schlußendlich habe ich damit nur meine tiefe Liebe zum Täglichlaufen zum Ausdruck gebracht. Nicht mehr, nicht weniger. Ein natürlicher Weg. Gleichwohl mußten noch einige Tage in das Land ziehen, bis ich dieses Ereignis wirklich realisierte, um es wahrhaftig annehmen zu können und – mich darüber zu freuen. Ja, ich bin unsagbar stolz auf mich.

April

Auch im April sollte es einen besonderen Höhepunkt für mich geben; das große Ereignis kanalisierte sich in der Geburt eines schwarzen Schafes, was für mich eine immense Überraschung wie Freude war. Mittlerweile ist die Dame ausgewachsen, aber immer noch schwarz und ja, auch recht zurückhaltend. Auch der erste Graugansnachwuchs stellte sich in diesem Monat ein; ebenso vernahm in diesen Tagen den Kuckuck – als Frühlingsboten. Der April verlief – von Ausnahmen abgesehen – in läuferischer Hinsicht ähnlich wie das Jahr selbst – mehr oder weniger unspektakulär und von einer latenten Routine geprägt.

Mai

Im Mai fand eine der seltenen und dafür besonders gehaltvollen Begegnungen statt. Ich traf mich mit dem grenzenlosen Läufer, Marcel, in meinem Laufareal. Wie immer bei derartigen Treffen verging die Zeit viel zu schnell. Zum ersten Mal überhaupt durfte ich Störche in dem Hochwasserschutzgebiet beobachten und an zahlreichen Tagen bescherten mir die Graugansfamilien mit ihrem Nachwuchs amüsante Szenen. Ebenso zählte ich im Mai 12 Fischreiher und einen Silberreiher auf einer Wiese – dies war ein neuer Rekord. Das Wetter war im gesamten Jahr 2011 „seltsam“, so wunderte ich mich auch nicht mehr, als Anfang Mai noch Schneeregen auftrat.

Juni

Der Juni sollte sich als ein Abschnitt der ruhigen Routine erweisen, unschöne Fastunfälle freilich ausgenommen. Ein langjähriger Grußfreund sorgte für eine witzige Einlage während meines Täglichlaufens. Die wunderbare Tierwelt zeichnete für immer neue herrliche Beobachtungen verantwortlich. Gleichwohl die Menschenwelt das Gegenteil verhieß. Hierbei denke ich noch heute mit Unwillen an die Jugendgruppen zurück, die ich nach wie vor als Marodeure betrachte. Was jene Personen im Wald suchten, bleibt mir ein Rätsel – ein Schrottplatz wäre adäquater gewesen. Nur wenige Tage später traf ich erneut junge Menschen, die jedoch das Gegenteil darstellten. Auf den ersten Blick erschienen sie „behindert“ – welch unschöne Bezeichnung – doch für mich waren die sogenannten „normalen“ Jugendlichen die wahren Behinderten. Das Leben ist widersprüchlich.

Juli

Nun sollte die sommerliche Hitze behutsam expandieren, allein – welcher Sommer? So wenig Hitzeläufe wie in diesem Jahr absolvierte ich nie, ein weiterer Rekord 2011. Umso wunderbarer mein Regenlauf bei 12 °C Anfang Juli – sogar der Atem war sichtbar. Finstertränen im Sommerglanz, was für ein Lauf! Wie so oft habe ich mich gefragt, warum dieser grandiose Genuß nur enden mußte? Warum? Doch alles vergeht im Sein, alles. Zum Ende des Monats stach mich eine Biene in den linken Fuß – die Arme. Weiterhin wurden neue Schilder in meinem Laufareal aufgestellt; willkommen in Absurdistan.

August

Erst Monate nach meinem Ausnahmejubiläum realisierte ich selbiges wahrhaftig. Es bedurfte der verstehenden Zeit, diese absolvierte Dekade im Täglichlaufen zu realisieren und anzunehmen. Derlei wird mir in diesem meinem Leben nie wieder gelingen. Aus dem Kontext heraus vollzog sich der Weg des Verstehens über einen langen Zeitraum, eben die Überwindung eines Widerstandes, der Widerstand der Erkenntnis. Im August durfte ich wieder mal einen Nerz beobachten, ein goldiger Geselle, der sich durch eine unbändige Neugierde auszeichnete. An einem Tag im August brach während des Laufens ein großer Ast direkt vor mir ab, welch beeindruckendes Erlebnis. Für einen kurzen Moment verwandelte ich mich in meine tierischen Freunde und beobachtete das Leben aus der anderen Perspektive, beispielsweise aus der eusozialen, wenn auch nur im Geiste.

September

Der liebliche Herbst naht verhalten. Nun sind weitere sechs Monate Täglichlaufen vergangen, das gewohnte Halbjahresjubiläum steht an. Täglichlaufen. Zehn Jahre. Sechs Monate. Bemerkenswert. Noch immer lebe ich diesen Stil. Wer hätte das gedacht? Ich nicht. Nie. Das ist das Leben. Und es geht weiter und weiter. Wie lange noch? Das wird das Leben zeigen. Doch kein Gipfel ohne tiefe Täler. Der Tiefpunkt des Monats war die Nachricht, daß der mächtige Schafbock durch ein Unfall verstorben sei. Ein trauriger Lauf. Mach es gut, mein Lieber! Zum Monatsabschluß kanalisierte sich der Reiz der Begegnungen in dem Treffen mit der Täglichläuferin Kornelia. Auch hier gilt, ein Jammer, wie schnell die Zeit vergeht. Täglichläufer unter sich. Ein spannender Tag.

Oktober

Schrieb ich soeben von zehn Jahren und sechs Monaten Täglichlaufen? Halt, ich überbiete dies sofort mit 12 Jahren Täglichlaufen. Seit nunmehr 12 Jahren darf ich mich als Täglichläufer bezeichnen – die Serie selbst währt nur etwas über eine Dekade, doch den Stil praktiziere ich nun seit 12 Jahren. Oh Leben, was hast du mit mir gemacht? Vor 15 Jahren hätte ich das nicht geglaubt und mich darüber köstlich amüsiert. Sodann kehrten im Oktober endlich meine geliebten Schafe zurück – nach Monaten verwaist ihre Weide nicht mehr und mein täglicher Lauf startet mit seinem wolligen Höhepunkt. Geliebte Wollfreunde!

November

Nebel. Was für ein Genuß implizierendes Wort. In diesem Herbst absolvierte ich derart viele Nebelläufe wie noch nie zuvor in meinem Leben. Auch hier wurde 2011 zum Rekordjahr. Leider war diese einzige Stimmung an mehreren Tagen sehr getrübt. Um weiterhin im Tal der Tränen zu bleiben, erinnere ich mich an dieser Stelle kurz an die entsorgten Fernseher. Ohne Worte. Über die grundsätzlichen Seiten des Täglichlaufens sinnierte ich in dem Gastartikel bei wellbo. Natürlich stand auch jener Abschnitt im Zeichen der herrlichen Tierbegegnungen, von Rehen und Seeadler über Eichhörnchen bis hin zu meinen Schafdamen, die ich oft streichelte, was sie nach wie vor sehr schätzen. Allein, welch fühlendes Wesen mag keine Streicheleinheiten?

Dezember

Oh ehemals zehnter Monat des Jahres, an jener Stelle wärst du würdig wie korrekt platziert in diesem Jahr – der zärtliche Winter macht sich rar. Liebliche Schneewelt, wo weilst du nur? Im Dezember wurde das Gerücht vom goldenen Drachen in die Realität materialisiert. Ein Traumlauf. Bereits Anfang Dezember zeichnete sich ab, daß die Grenze von 5000 Jahreskilometern mehr und mehr in Erscheinung treten würde. Dementsprechend wagte ich davon in einem Artikel zu sprechen und ja, bald durchbrach ich jene Grenze tatsächlich. Was ein Antisportler so vermag! Gekrönt wurde das Ereignis von einer geschenkten Salami, die meinem Lauf eine köstliche Note verlieh. Mein zweiter Salamilauf in über 14 Jahren als Läufer. Ich könnte mich daran gewöhnen. Der stürmische Dezember, gemalt von dem Hauch des Frühlings verging wie das Jahr selbst – mit rasanter Vehemenz. Und damit endet es, mein Täglichlaufen im Jahr 2011. Ob ich im nächsten Jahr diesen Stil weiter praktizieren und ob ich diese Seite pflegen werde, wird die Zeit offenbaren.

Statistikauszug 2011 hier mehr:

29 (2010: 042) Regenläufe
10 (2010: 027) Glatteisläufe
00 (2010: 001) Gewitterläufe
14 (2010: 009) Nebelläufe
90 (2010: 105) Kälteläufe
05 (2010: 024) Hitzeläufe
06 (2010: 000) Flutläufe
02 (2010: 003) Stürze
00 (2010: 002) Hundeangriffe
01 (2010: 002) Mal Wildschweinkontakt
09 (2010: 019) Mal in Begleitung gelaufen
04 (2010: 004) Mal Fastunfälle mit Autos
80 (2010: 094) Mal Handschuhe getragen
10 (2010: 035) Mal ein langes Oberteil getragen
06 (2010: 027) Mal eine lange Hose getragen
04 (2010: 019) Mal zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -10 °C (2010: -15 °C)
heißester Lauf bei 30 °C (2010: 37 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2011

05.01.2011 Eistanz im Diamantenmeer
09.01.2011 Die versunkene Welt
14.01.2011 Im Schattenreich. Vampir. Fliegender Hase.
05.02.2011 Sturmtränen
10.02.2011 Durch die Fluten
23.02.2011 Das Lied des Eises
03.04.2011 Die Melodie der Erweckung
30.04.2011 Sturmreiter der Macht
14.05.2011 Die Harmonie im Frieden
30.06.2011 Gefühlte Angst
04.07.2011 Finstertränen im Sommerglanz
23.07.2011 Friedvoller Einklang – Das Lied des Regens
05.08.2011 Oh Leben, was bist du für ein Leben!
25.08.2011 Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Akt II.
08.10.2011 Tanzende Sturmreiter der genußvollen Entfaltung
02.12.2011 Der goldene Drache

Ich habe in diesem Jahr 5100 gelaufene Kilometer erreicht – ohne einen einzigen Marathon, dies versteht sich von selbst. Ein einsames Jahr mit Höhen und Tiefen, welches die Meßlatte für ein Ende meiner Konzeption mehr denn je erhöhte. Waren die Jahre vorher im Stil des Gelebten Täglichaufens schon nicht reproduzierbar für mich, so gilt das nach der erreichten Dekade in diesem Jahr erst recht. Entsprechend betrachte ich dieses Geschenk mit Demut. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2012 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden. Aber ich, ich steige irgendwann aus. Oh Leben, was bist du für ein Leben!

Die vergangene Zukunft – Jahresrückblick 2010

Posted in Jahresrückblicke on 26. Dezember 2010 by Täglichläufer

Das Jahr ist noch neu, gleichwohl wird es mit eisernen Schritten wie alle anderen zuvor vergehen. Unausweichlich wird es in den Strudel der Zeit gesogen und am Ende werden wir uns erneut fragen, wo die schönen Momente des Jahres nur geblieben sind. Dann beginnt es von vorn, das Spiel des Lebens. Immer wieder. Nur die Spieler können sich einer beständigen Ablösung sicher sein.

Nun ist es soweit. Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2010 wurde aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten das Morgen genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran teilhaben werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens. Mein wahrscheinlich letzter Beitrag in diesem Jahr; der obligatorische Jahresrückblick einer vergangenen Zukunft. Das bald endgültig sterbende Jahr war voller Höhen und Tiefen, durchzogen von Glück, Zufriedenheit, Melancholie, Trauer, Heiterkeit, Schmerzen, Genuß, Herausforderungen, Widrigkeiten, Hoffnung und Disziplin. Im groben Rahmen lasse ich exponierte Erlebnisse Revue passieren. Momente aus dem geliebten Reich der Erinnerungen, die mir so vorkommen, als ob sie eben erst passiert wären. Wohlan.

Januar

Der Januar des Jahres 2010 begann wie schon im Vorjahr winterlich und zeichnete sich durch eine entsprechende Glätte aus, in Kombination mit sehr viel Schnee, der den einen oder anderen Lauf zu einer Herausforderung werden ließ, welches sich natürlich auf meine Laufumfänge auswirkte und sie eklatant reduzierte. Umso angenehmer und genußvoller die weiße Winterwelt. Gleich zwei Hundeangriffe läuteten den Jahresbeginn extrem negativ für mich ein. Und zum ersten Mal überhaupt, empfand ich das Gefühl der Angst. Hundeangriff 1. Hundeangriff 2. Am 18.01. vollzog ich den ersten Regenlauf des Jahres, der für einen Moment jene bösen Erlebnisse verdrängen konnte.

Februar

Im Februar dominiert eine bis dato nicht gekannte Glatteisphase, vom 04.02. bis 14.02. regierte sie uneingeschränkt. In der logischen Konsequenz stürzte ich zweimal und das an zwei Tagen hintereinander! Sodann erlebte ich eine Konfrontation mit einem Jugendlichen, der nicht in der Lage war mich ungehindert vorbeizulassen. Ich neutralisierte das Hindernis auf meine Weise. Bezüglich der unsäglichen Hundethematik hatte sich meine Geduld indessen endgültig erschöpft. Gespräche mit dem Ordnungsamt und der Polizei sollten folgen. Der Erfolg blieb zweifelhaft – schließlich wurde ich ja nicht totgebissen! Immerhin war ich derart unverfroren und wehrte mich – Skandal! Der absolute Höhepunkt im Februar war der absolvierte Salamilauf. Ganze 13 Kilometer mit einer duftenden Wildschweinsalami in der Hand gelaufen – einzigartig. Wer hat je ähnliches erlebt?

März

Der stürmische März läutete den diesjährigen Geburtsreigen bei den herzigen Schafen ein. Mehrfach durfte ich den Nachwuchs auf dem Arm halten. Ein wahres Wunder des Lebens! Später gelang es mir sogar, einen Fischotter zu beobachten – und er mich. Wie stets im März durfte ich auch im Jahr 2010 mein bedeutendes Täglichläuferjubiläum würdig begehen, am 18.03.2010 lief ich 19 Kilometer und feierte damit mein neunjähriges Jubiläum. Neun Jahre Täglichlaufen. Wer hätte das gedacht? Und bis heute darf ich meine Philosophie weiter leben. Welch Gnade. Mein Geschenk der persönlichen Wertschätzung an mich selbst.

April

Wie schon im Vorjahr verlief auch 2010 der April mehr oder weniger entspannt. Von einigen Ausnahmen freilich abgesehen. Ein weiterer Fastunfall gesellte sich diesem absurden Konto in meiner Statistik hinzu. Einmal mehr hatte ich Glück. Wer weiß, wie oft das noch gut gehen wird. Die wunderbare Tierwelt ließ mich jedoch – wie so oft – diese heiklen Erlebnisse vergessen. Jener Tag, an dem ich durch eine Grauganskolonie lief, sie sich teilte und die wachsamen Gänse kein Fluchtverhalten zeigten, nahm einen besonderen Platz in meiner Erinnerung ein. Nach jedem Gipfel müssen wir ein Tal durchschreiten, welches sich später in einer neuen Müllhalde direkt im Wald offenbarte – ohne Worte. Ende April begann ich mit neuen Streckenerkundungen, die im Mai ihre Fortsetzung finden sollten.

Mai

Im Mai absolvierte ich weitere Erkundungsläufe in einem großen Waldareal, was ich bisher läuferisch unbewußt ignoriert hatte. Neues zu entdecken, ist per se spektakulär, was sich auch in diesem Fall bestätigte. Der stille Wald offerierte liebliche Reize, denen ich nur zu gern erlag, wenngleich vermutlich nicht jeder so dachte, wie der ältere Sportler ob meiner allzu plötzlichen Präsenz erfahren mußte. Im Laufe des Jahres stellte ich neuerliche Erkundungen ein und begnügte mich mit den gewohnten Wäldern. Am 10.05. unterbrach ich meinen Lauf, um eine riesige Weinbergschnecke zu retten, die gemütlich über eine Straße düste – ich spielte Lufttaxi und setzte sie behutsam in ein nahes Grasgebiet ab – möge sie lange leben. – so schrieb ich damals. Ich hoffe, sie hat überlebt.

Juni

Anfang Juni erlebte ich eine Begegnung mit einer Ricke, die nicht zu ihren Kitzen gelangen konnte – ein herzzerreißendes Erlebnis. Ein weiteres Ereignis stand ebenfalls im Zeichen der Trauer. Im Rahmen von Forstarbeiten wurden in meinem Laufareal nach meiner subjektiven Betrachtung umfangreiche Zerstörungen realisiert. Der Anblick betrübte mich zutiefst, ein Jammer! Als ebenfalls unschön sollte sich ein Lauf durch hohe Gräser offenbaren, was sich anschließend mit extremen Juckreiz rächen sollte. Sehr heiter wiederum war das extrem harte Autorennen mit einem kleinen Jungen, der freilich als strahlender Sieger aus dem Duell hervorging. Abschließend lief ich nach zwei Jahren wieder einmal während eines Gewitters.

Juli

Im Juli absolvierte ich die heißesten Läufe des Jahres. Wie im Winter in kurzer Bekleidung erfuhr ich nun auch im Sommer staunende Ablehnung allenthalben. Menschen. Eine schwächliche Spezies. Das Jahr 2010 war ein besonderes Jahr, bot es mir doch permanent grandiose Begegnungen mit diversen Greifvögeln an. Als exponierter Höhepunkt galt der unmittelbare Kontakt mit einem riesigen Seeadler – was für ein Gefühl, derart stolze Raubvögel in freier Wildbahn beobachten zu dürfen.

August

Erneut ein Monat, der mit einem kleinen Jubiläum aufwarten konnte, mein 200. Regenlauf – auf die vergangenen zehn Jahre bezogen. Ein nasses Jubiläum der vollkommenen Zufriedenheit und des totalen Glückes: Die Welt ist eine andere geworden; der Regen hält die Scheuen und Ängstlichen zurück, er sorgt dafür, daß diese berauschende Atmosphäre nur von wenigen Menschen gefühlt werden wird. Die Welt ist zärtlicher geworden, getragen von einer sanften, behaglichen Ruhe. Eine leise Stille, die sich erst in der Nässe offenbart. Der prosperierende Herzschlag des Lebens pulsiert langsamer und zugleich schneller, einer leidenschaftlichen Liebe geschuldet. Es war ein Gefühl, als ob sich diverse Energieteilchen des Lebens, unbedeutende Partikel nur – in mir sammelten und eine Art Strom bildeten, ihre Kraft an mich transmittierten, die sich mit meinem Geist, meiner selbst verbanden und Verborgenes mobilisierten. Scheinbar an der elementaren Substanz des Lebens selbst partizipieren. Ein Gefühl, was sich nicht beschreiben läßt. Ein verborgener Wildschweinkontakt sorgt für eine Überraschung – direkt auf dem Damm. Im August führte ich mit einem Ultraläufer ein interessantes Gespräch, wir sind auf der gleichen Wellenlänge, wie sich später herausstellt. Nur eines ist bemerkenswert, er nennt sich Ultraläufer und absolviert nicht annähernd meine Jahreskilometer; was mich doch enttäuschte.

September

Wiederholt ein feierlicher Monat. Entgegen meiner üblichen Intention definierte ich für mich ein Ziel: Zehn Jahre Täglichlaufen in Serie. Ich bin geneigt anzunehmen, daß mir dieses Vorhaben gelingen wird; entsprechend bemühe ich mich im Rahmen meiner Kräfte auf diesen Tag hinzuarbeiten. Doch soweit ist es noch nicht. Nicht minder bedeutend für mich, das gewohnte Halbjahresjubiläum: Neun Jahre, sechs Monate Täglichlaufen in Serie. Tempus fugit. Der krönende Monatsabschluß offenbart sich in dem Treffen mit den Runningfreaks Melanie & Steffen in Berlin. Ein nachhaltiges Ereignis, welches nur leider viel zu schnell vom Leben in die Vergangenheit verbannt wurde. Es war sehr schön, Euch kennenzulernen.

Oktober

Endlich Herbst. Die Zeit der seltenen Nebelläufe. Und ja, mehr als einmal nahm ich die wabernde Einladung an und genoß jene surreale Welt par excellence. Melancholisch einzigartige Momente warteten auf der Bühne des Lebens auf mich und rissen mich mit. Ein verharrender Augenblick in der allumfassenden Existenz des Daseins. Gewaltige, besondere Momente beherrschten ihn, die für mich einen vollkommenen Sinn ergeben. Nur ein Wort kann das beschreiben, freilich nur im Ansatz: Erfüllung. Welch melancholische Stimmung! Sie zeichnet ein symbolisches Bild, was Täglichlaufen für mich darstellt. Empfinden und Fühlen. Besinnung auf das wahre Leben. Ebenso spektakulär sollten sich die acht Wildschweine erweisen, denen ich wie gebannt nachsah. Ungebändigte Kraft. Indessen durfte ich das letzte große Jubiläum in diesem Jahr begehen, 11 Jahre als Täglichläufer. Wer erfahren möchte, was das für mich bedeutet, der möge gleichfalls 11 Jahre Täglichlaufen praktizieren. Aber selbst dann wird er nicht meine Wahrnehmung entwickeln können – das ist mein Weg. Der Weg des gelebten Täglichlaufens.

November

Auch im November erspähte ich Spuren von Meister Bokert, dem possierlichen Biber. Gleichwohl ist er ein recht scheuer Geselle, den ich bisher selten beobachten durfte. Der vorletzte Monat des Jahres verlief entspannt und ohne große Ereignisse. Wenn meine Gesundheit derzeit auch auf der Höhe zu sein scheint, gab ich mich dennoch einer adäquaten Wertschätzung derselben in formulierter Form hin. Meine unbedeutende Erkenntnis sei in wenigen Worten wiederholt: Der Gesundheit mehr Aufmerksamkeit schenken, sie gebührend wertschätzen und sie nicht als Selbstverständlichkeit betrachten – denn das ist sie nicht. Sie ist ein Teil von uns, der behutsam gepflegt werden möchte. Schließlich versiegt unsere Existenz schneller als wir denken. Es gibt zahlreiche Krankheiten, da hilft alles Geld der Erde nicht. Was wirklich wichtig ist, das zeigt sich erst in den schweren Momenten des Lebens. Und wie unbedeutend erscheinen dann manche Ziele oder Ereignisse, die zuvor als so eklatant wichtig galten. Einfach mal innehalten, die eigene Lebensweise reflektieren, die Prioritäten überdenken und den wahren Wert des Lebens erkennen. Freilich, dies mag kein allgemeingültiger Weg sein, aber eine sinnvolle Option, die man vielleicht nutzen kann. – Ende November fuhr ein Auto langsam an meiner Seite und der Beifahrer lud mich zum diesjährigen Silvesterlauf ein, was ich recht witzig fand.

Dezember

Ungewöhnlich kalt begann der winterliche Auftakt des frostigen Witterungsregenten. Am 01.12. bereits -10 °C – ein Novum. Einen Tag später fiel der erste Schnee und nicht nur die weiße Pracht fiel zu Boden, nein, ich selbst nahm mir ein Beispiel und stürzte hinterdrein. Der dritte Sturz in diesem Jahr. Wenige Tage später wurde dieser Fauxpas durch den schönsten Lauf des Jahres 2010 kompensiert. Bei -10 °C absolvierte ich einen wahrhaftigen Traumlauf. Nach einiger Zeit setzte ein sanfter Schneefall ein, der sich mehr und mehr intensivierte. Tief verschneite Wälder verbunden mit einer greifbaren Einsamkeit der weiten Abgeschiedenheit. Ich beobachtete viele Rehe (und sie mich), ein großer Fuchs flüchtete vor mir. Was für herrliche 16 Kilometer! Der Lauf hätte nie enden dürfen. Auch der traurigste Lauf in meiner gesamten Laufzeit sollte im Dezember stattfinden; ein Erlebnis mit einem Reh, was mir fast die Tränen in die Augen trieb. Als endgültiger Jahresausklang offenbarte sich das Treffen mit der Täglichläuferin Petra – schön, Dich kennengelernt zu haben, wenngleich die Zeit zu schnell verging. So endet ein kalt-nasses Rekordjahr.

Folgende zwei Videos bilden stellvertretend die tierische Reminiszenz des Jahres. Ja, auch in diesem Jahr zeichneten die zahlreichen Tiere kausal für die schönsten Momente überhaupt verantwortlich. Was wäre ich ohne euch? Ich freue mich auf neue spannende Begegnungen; sei es mit Wildschweinen, mit „meinen“ Schafen, diversen Greifvögeln, Füchsen und den stets meckernden Fischreihern. Ohne euch wäre mein Täglichlaufen nichts.

Statistikauszug 2010 hier mehr:

042 (2009: 19) Regenläufe
027 (2009: 17) Glatteisläufe
009 (2009: 08) Nebelläufe
105 (2009: 79) Kälteläufe
024 (2009: 23) Hitzeläufe
003 (2009: 03) Stürze
002 (2009: 01) Hundeangriffe
019 (2009: 07) Mal in Begleitung gelaufen
004 (2009: 06) Mal Fastunfälle mit Autos
094 (2009: 54) Mal Handschuhe getragen
035 (2009: 10) Mal ein langes Oberteil getragen
027 (2009: 10) Mal eine lange Hose getragen
an 19 (2009: 05) Tagen zweimal gelaufen
kältester Lauf bei -15 °C (2009: -17 °C)
heißester Lauf bei 37 °C (2009: 34 °C)

Die Laufberichte des Jahres 2010

02.01.2010 Weiße Harmonie in der Märchenwelt
27.01.2010 Kristalline Diamanten im goldenen Schattenglanz
22.02.2010 Wie die Salami laufen lernte
26.04.2010 Impressionen einer Liebe
04.05.2010 Die Poesie der Erfüllung
22.06.2010 Wolkenschiffe II
28.07.2010 Ein Hauch von Magie
29.08.2010 Die Verkörperung von Frieden, Harmonie und Zufriedenheit
12.10.2010 Das dunkle Phantom im Nebelreich
22.10.2010 Ein Anfang ohne Ende?
03.12.2010 Frostiger Schneetanz im Finsterglanz
08.12.2010 Springen? Oder nicht springen…

Ich habe in diesem Jahr 4922 gelaufene Kilometer erreicht – ohne einen einzigen Marathon, dies versteht sich von selbst. Ein einsames Jahr mit Höhen und Tiefen, welches die Meßlatte für ein Ende meiner Konzeption einmal mehr erhöhte. Traditionell bedingt, werde ich Silvester zwei Läufe absolvieren und damit das Jahr verabschieden. So vergeht das Jahr, die Zeit, das Leben, das Dasein – unsere temporäre Existenz – alles schreitet beständig in die vergangene Zukunft, die doch noch nicht existiert und dereinst atemberaubend schnell vergehen wird. Das Jahr hat seinen endgültigen Eintritt in die Geschichte vollzogen. Was bleibt? Erlebnisse. Erinnerungen. Erfahrungen. Und, ein Lächeln. Ja, ich lächele. Das neue Jahr – 2011 – kann kommen. Wird kommen, muß kommen. Und wird genauso rasant im Nichts verglühen. Die Reise wird nie enden.