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Gefühlte Angst

Posted in Täglichlaufen. Angst., Täglichlaufen. Laufberichte. on 30. Juni 2011 by Täglichläufer

Als ich heute früh den Laufschritt aufnahm, fühlte ich die Andersartigkeit des Tages. Nur noch 15 °C zeigte das Thermometer an; der dunkle Himmel wurde von grauschattierten Wolkenschiffen in allen erdenklichen Nuancen beherrscht. Unbeholfene Regentröpfchen prasselten hernieder, allein, sie schienen nicht den Boden zu erreichen. Dazu gesellte sich in edler Harmonie ein berauschender Wind mit grazilen Böen, kurzum – die Witterungsbedingungen waren annehmbar. Während der ersten zwei Kilometer vollzog ich selbst eine Wandlung; die sich minimal intensivierenden Tropfen sog ich förmlich in mich hinein, die Wasserpartikel vereinigten sich und bildeten einen unsichtbaren, flüssigen Tornado – direkt in meinen Körper hinein. Ich atmete tief durch und fühlte das befreiende Leben; die Geisterketten, die mich in den vergangenen Tagen mental und körperlich unterminierten, wurden regelrecht weg gesprengt. Das Korsett der Unzulänglichkeit barst und die gewohnte Kraft entfaltete sich ungestüm.

Ich lief und lief und lief und lief doch nicht, nein, ich flog nur so dahin. Die Landschaft zog förmlich an mir vorbei, in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Für den Bruchteil einer Sekunde wünschte ich mir einen verbissenen Wettkampfläufer an meine Seite, um mich einer Machtdemonstration hinzugeben, wozu ein zufriedener Täglichläufer fähig ist. Freilich, sofort verwarf ich diesen lustigen Gedanken der Schwäche, dennoch – ich mußte laut lachen. Plötzlich fühlte ich mich beobachtet, rechts über mir – in nur zwei Metern Abstand – erspähte ich einen Bussard, der mich neugierig beobachtete. Selbstverständlich redete ich ihn gleich an, „Naaa, meine Schöne?“. Sie blieb völlig entspannt sitzen. Ebenso während meines Rückweges. Ja, diese Begegnung hat mich wieder in die Realität zurückgeholt. Und, schrieb ich nicht eben, ich sei zufrieden? Nein, das ist nicht wahr – zu diesem Zeitpunkt war ich nicht nur zufrieden, nein, ich war glücklich! In der Ferne vor mir lag die einsame Weite des Horizontes und je schneller ich lief, ich kam ihr doch nicht näher. Ich wollte in das Firmament hinein laufen, aufsteigen und laufen, laufen! Doch wie klein, klein bin ich – angesichts dieser beeindruckenden natürlichen Weltgewalt.

Das graudunkle Leben in Kombination mit Sturmböen umschloß mich und riß mich mit sich. Das Glück unterwarf sich der Melancholie, ich genoß es. Ich beschäftigte mich gedanklich mit meinem Täglichlaufen. Einst habe ich etwas begonnen, ohne es zu wollen; später nahm ich es nicht wirklich wahr, schätzte es nicht adäquat – war davon genervt, um es demungeachtet weiter zu praktizieren. Irgendwann lernte ich es wahrhaft lieben, bis es zu einem Teil meiner selbst wurde. Diese meine Liebe ist eine Art Geschenk. Nein, noch viel mehr, mehr. Seit über zehn Jahren laufe ich Tag für Tag, was dies für mich bedeutet, sollte evident auf der Hand liegen, wenngleich das niemand außer mir selbst verstehen wird. Nicht einmal ich kann dies würdig beschreiben. Und, warum sollte ich auch? Jedoch, irgendwann endet diese Reise, muß enden. Nichts währt ewig. Freilich, die Zukunft ist noch nicht geboren; vielleicht laufe ich nochmals fünf Jahre oder aber nur noch drei Tage. Erst in der vergangenen Woche erlebte ich zwei neuerliche Fastunfälle.

Wenn ich auch immer damit rechne, entsprechend vorbereitet bin und gelangweilt antworte, „das berührt mich nicht weiter“, so ist das doch nur der äußere Schein. Innerlich obsiegt doch eine latente Unruhe, es bewegt mich. Wenn nicht gesundheitliche Widrigkeiten, so wird vielleicht diese Thematik dereinst zum Ende meines Täglichlaufens führen. Vor diesem Tag habe ich durchaus ein wenig Angst, gleichwohl dieses Wort partiell überzeichnet ist. Nach über einer Dekade im Täglichlaufen eines Tages damit brechen, wird alles andere als einfach werden. Zu sehr ist mir das Täglichlaufen in Fleisch und Blut übergangen, zu einer Quelle der geliebten Ruhe und ausgeglichenen Kraft geworden. Natürlich, hierbei handelt es sich nur um simples Laufen; das ist lange nicht alles im Leben, aber doch, es ist ein sehr gewichtiger Teil meiner selbst. „Gelebtes Täglichlaufen“, formuliert meine Intention perfekt, es ist der größte Vorteil, aber auch der größte Nachteil. Und all das, all das – ohne es je zu wollen. Wie hätte sich dies alles entwickelt, wenn ich das bewußt gewollt hätte? Sicherlich wäre ich dann schon sehr lange kein Täglichläufer mehr.

Der Regen verstärkt sich. Mitten im Wald bleibe ich abrupt stehen, mein Gehirn initiiert ein unbewußtes Signal, der Körper folgt ohne Verzug. Ich schließe die Augen, für einen Moment und höre nur, empfinde das wahre Leben. Die Regentropfen, wie sie von meinem Antlitz hernieder perlen – die stürmischen Hände, die mich zärtlich streicheln und das laut vernehmliche Säuseln im dunkelgrünen Blätterwald. Die Gedanken ziehen gleich der Wolken am Himmel dahin, „Zukunftsängste“ gleiten ebenso von dannen wie starke oder schwache Gedanken. Da kommt es wieder, das Glück, ja – ich bin nur noch glücklich. Ich öffne meine Augen…

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