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Täglichlaufen. 18.03.2001-18.03.2010. Neun Jahre.

Posted in Täglichlaufen. 9 Jahre. on 18. März 2010 by Täglichläufer

Nach meinem letzten wortreichen Artikel zum Halbjahresjubiläum schließe ich heute das achte Täglichlaufjahr ab. Erneut wurde ein Jahr Täglichlaufen in die endliche Erinnerung verbannt. Für immer und ewig. Wo ist die Zeit nur geblieben? Mit den heutigen 19 Kilometern in 92 Minuten, bei insgesamt 898 Jahreskilometern – ein schwächerer Start im Vergleich zum Vorjahr, kausal durch die extreme Glatteisphase begründet – wurde mein Jubiläum vollzogen. Jener Weg dorthin wurde Anfang der Woche gnädigerweise durch drei traumhafte Regenläufe in Folge wohlwollend flankiert. Und mein Jubiläumslauf? Blauer Himmel, Sonnenschein und frühlingshafte 14 C°. Die Pflanzenwelt ist erwacht und reckt sich gen Himmel, die Piepmätze singen ohne Unterlaß, geschäftiges Treiben der Eichhörnchen und laut meckernde Graugänse, die es sich auf ihrem Damm gemütlich gemacht haben, während die Grau- und Silberreiher grazil und majestätisch das aufkeimende Leben genießen. Einige von ihnen sind bereits an meine tägliche Präsenz gewöhnt und flüchten nicht mehr, was ihre Wachsamkeit aber nicht tangiert. Kurzum, mein heutiger Jubiläumslauf war ein Traumlauf wie er im Buche steht.

Tatsächlich, es ist mir gelungen. Täglichlaufen. Ohne Ruhetage. Neun Jahre. Ununterbrochen. 18.03.2001-18.03.2010. Was für ein Jubiläum! Der widersprüchliche Sieg eines Antisportlers über sich selbst. Dabei wollte ich nie bewußt zum Täglichläufer werden und gelegentlich erachte ich das Täglichlaufen heute noch als absurd. Verrücktes Leben! Mit immenser Vorfreude und noch größeren Schritten raste die verschleierte Zukunft auf mich zu und verzauberte mich mit einem Lächeln, während die seltsame Realität des Lebens mir diese Leistung ermöglichte. Wahre Freude ist immer eine ernste Angelegenheit und als solches betrachte ich den heutigen Tag. In den vergangenen Wochen schimmerte der Jubiläumsschein immer heller, wies mir den Weg, den ich mit Freuden – aber auch mit latenten Zweifeln beschritt. Ich könnte nun schreiben, nichts ist schöner als Täglichlaufen, mit Leichtigkeit begangen und mal eben so habe ich neun Jahre absolviert. Doch das wäre blanker Unsinn. Ich lebe es zwar, aber richtig verstehen werde ich es nie und dennoch ergibt es für mich einen vollkommenen Sinn. Gleichwohl habe ich mit diesem Stil die beste Konzeption für mich entwickelt, für Körper und Geist. Aber wie mit allen Dingen im Leben, wechseln sich die Höhen beständig mit den Tiefen ab. Ich wäre ein Narr, wenn ich mein Täglichlaufen nur loben würde. Nichts ist nur positiv.

Gerade in der letzten Zeit fiel es mir relativ schwer, trotz der ersten warmen Frühlingstage. Weniger in körperlicher Hinsicht, nein, mehr auf die mentale Einstellung bezogen. Natürlich könnte man annehmen, daß nach über zehn Jahren Täglichlaufen und ab sofort neun Jahren in Serie, Widrigkeiten und Probleme diesbezüglich obsolet wären, aber auch das wäre ein Irrtum. Starke und schwache Phasen kommen und gehen. Auch sie gehören dazu, müssen dazu gehören. Selbst nach Jahren treten Zweifel und Selbstkritik auf – temporäres Hinterfragen des eigenen Agierens ist substantiell – es kommen Tage, an denen ich mich frage, warum ich das eigentlich immer noch praktiziere. Doch all dies sind Gedankenblitze im Nichts, die sich spätestens nach den ersten Kilometern verflüchtigen. Daß ich meinen täglichen Lauf durchziehe, liegt so oder so evident auf der Hand. Solange meine Gesundheit mich treu begleitet, kann mich nichts aufhalten, auch diese schwermütigen Gedanken konterkarieren mein Handeln nicht. Letztendlich besteht Stärke auch aus Schwäche, beide sind tief miteinander verwoben und bedingen sich. Nichts ist perfekt; alles und nichts ist stark – alles und nichts ist schwach und nichts ist, wie es zu sein scheint. Ein Blatt, doch stets zwei Seiten, wobei man die andere nicht immer sehen kann – trotzdem ist sie da. Gerade diese Komplexität ist ein von mir sehr geschätzter Part; das Zusammenspiel der gewachsenen Philosophie des Täglichlaufens mit der eigenen Persönlichkeit. Der Willen als essentieller Beginn.

Es liegt nur an mir selbst, wie ich mein Täglichlaufen lebe. Die Selbstdisziplin basiert erheblich auf Schwierigkeiten und Herausforderungen, die es zu besiegen gilt oder eben nicht. Die Qualität des Täglichlaufens errechnet sich auch durch die gewonnene Erfahrung, welche wiederum zu einem primären Teil aus Widrigkeiten generiert wird, die den Wert definieren und legitimieren. Wenn all dies immer leicht und locker von der Hand gehen würde, ein dauerhafter Spaß ohne Probleme – was per se illusorisch ist – so wäre Täglichlaufen ein langweiliges Etwas, welches ich mit Sicherheit nicht ausüben will. Glücklicherweise entspricht das Gegenteil der Wahrheit. Mutlosigkeit und Hoffnung, Freude und Trauer, Schmerz und Glück, Harmonie und Frieden, Ruhe und Genuß, Wohlbefinden und Probleme, ja, Täler und Wipfel befinden sich im steten Wechselspiel und sorgen tagtäglich für neue Überraschungen und Wendungen.

Freilich obsiegt mehrheitlich der Genuß, aber längst nicht immer – denn wäre es sonst etwas Besonderes in der Natürlichkeit und wüßte ich es dann angemessen zu schätzen? Langfristiges Täglichlaufen ist also kein permanenter großer Spaß, sondern ganz banal ein Stil mit vielen Vorteilen und selbstverständlich auch mit einigen Nachteilen. Man kann es nicht planen, nicht versuchen oder einfach mal nachmachen, weil es der Nachbar zufällig ausübt oder jemand davon las. Täglichlaufen ist viel komplexer als es den Anschein hat; die bedeutenden Punkte habe ich allesamt en détail erläutert. Mit der Zeit lernt man, diese zurück gewonnene Natürlichkeit zu lieben; sie zeichnet verantwortlich für eine tiefe innere Zufriedenheit und läßt eine harmonische Gelassenheit empfinden. Sofern man sich der Nachteile bewußt ist und durchaus auch mal kritische Selbstzweifel zuläßt, welche evident ihren Anteil an der prägenden Langfristigkeit besitzen.

Demungeachtet schleicht sich die von mir oft angesprochene Routine ein, die etwaige Hürden in einer Phase der Problemlosigkeit in einem wabernden Nebel verschwinden läßt. Wie vehement diese trügerische Sicherheit durchbrochen werden kann, wurde mir im September 2009 beeindruckend demonstriert. Ich bin geneigt anzunehmen, daß ich meinen Körper hervorragend kenne und vertraue; ich habe diverse Grenzen ausgelotet, tendiere nicht (mehr) zu Übertreibungen und praktiziere meine Konzeption in einem gemäßigten Rahmen der Balance, welcher die Grundlage der gelobten Zufriedenheit bildet. Alles was man übertreibt, wandelt sich in Traurigkeit. Und dennoch, auf Grund von Unbedachtsamkeit und einer Prise Selbstüberschätzung erhielt ich von meinem fragilen Konstrukt – meiner Gesundheit – die rote Karte. Mein Körper reagierte mit einer Notabschaltung, verursacht durch vier unbedeutende Punkte, die sich in der Summe erheblich auswirkten, was jedoch zum Glück glimpflich verlief, gleichwohl auf einem sehr schmalen Grat – die massivste Bedrohung im vergangenen Täglichlaufjahr – Hundeangriffe lasse ich hierbei außen vor.

Vor einem Jahr verglich ich meine Jahre des Täglichlaufens mit einer Hippeastrumblüte. Meine Serie kam aus dem Nichts, sie besteht für Nichts und wird dereinst im Nichts verlorengehen – so meine damaligen Worte. Die Blüte als Symbol ist durchaus treffend, doch das folgende Photo des Eiszapfens enttarnt sich als adäquateres Sinnbild. Tag für Tag, Jahr um Jahr wächst meine Täglichlaufserie – sie wird länger und mit jedem weiteren Lauf vermindert sich gleichzeitig meine Bereitwilligkeit aufzuhören, respektive wird die Grenze diesbezüglich immer höher. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr weiß ich das Geschenk „Täglichlaufen“ zu würdigen. Ich darf täglich laufen. Ich kann täglich laufen. Ich laufe täglich. Nichtsdestoweniger ist der Eiszapfen, meine Serie – irrelevant wie schön, stark oder diszipliniert – nur ein temporäres nicht greifbares Gebilde. Es kann leicht brechen und wenn die Sonne zu intensiv strahlt, schmilzt es; und das weitaus rasanter als es aufblühte. Mein Täglichlaufen und die damit einhergehende Philosophie, die ich im Laufe der Jahre entwickelte, ist wie ich selbst – nur Staub im Wind. Und gleichgültig, welche Ereignisse ich zukünftig erfahren werde, letztendlich fürchte ich den Schlußpunkt nicht, denn nichts währt ewig.

Ich könnte mich nun lächelnd zurücklehnen und das Ende verkünden. Und jene mit Interesse beobachten, die den gleichen Stil betreiben. Vielleicht erreichen sie ebenfalls neun Jahre und stellen selbst das mit gewichtiger Leichtigkeit in den Schatten; alles ist möglich. Aber den Weg, den ich bisher beschritten habe, wird niemand wieder in der gleichen Form gehen können. Das ist mein Weg, der so nur einmal möglich war. In meinem Leben. Mir ist bewußt, daß ich die Ebene, die ich heute passiert habe, nie wieder in meinem Leben erreichen werde. Neun Jahre Täglichlaufen wird mir nicht noch einmal gelingen. Dies ist für mich, für meinen Körper eine einzigartige Leistung, die nicht mehr reproduzierbar ist. Aus diesem Kontext heraus, werde ich mich weiterhin bemühen, diese Konzeption auch in der Zukunft zu leben. Sofern ich nur im Ansatz die Wahl habe, werde ich mein Täglichlaufen fortsetzen, mit all den zukünftigen Herausforderungen, die noch auf mich warten werden. Ob ich das wunschgemäß realisieren werde, steht freilich auf einem anderen Blatt, die Zukunft ist noch nicht geboren und irgendwann endet alles; wobei ich den Bogen doch einigermaßen gut heraus habe. Aber Wissen und Erfahrung müssen sich auch dem chaotischen Leben unterordnen – jedoch – was man liebt, ehrt man entsprechend.

Schließlich liebe ich mein Täglichlaufen, wobei sich das gemächlich entwickelte. Zu Beginn handelte es sich um eine Trotzreaktion; danach begründete ich es aus statistischen Gründen, um sich anschließend in ein Ritual zu wandeln. Nun war es kein langer Weg mehr, bis die Verinnerlichung erfolgte und Jahre später triumphierte es zu einer Art Lebenseinstellung. Zu einer „Art“ wohlgemerkt. Den finalen Schritt gehen und es zu einer Lebenseinstellung zu definieren, wage ich nicht. Denn dann würde es in Richtung einer törichten Religion tendieren und die Leidenschaft würde sich verabschieden und der Fanatismus ließe grüßen. Für mich wäre dies ein Irrweg. Ich liebe mein Täglichlaufen, aber es ist lange nicht alles im Leben. Viele Dinge sind weitaus wichtiger, die Familie zum Beispiel und nicht zuletzt, das Leben selbst. So sei es. Genug der Härten.

Nichtsdestoweniger sind jene täglichen Kilometer, in denen ich mich als Gast in der geliebten Natur bewege, sehr bedeutende Minuten am Tag. Allein in der natürlichen Welt, in der Einsamkeit genieße ich die beschauliche Ruhe – möglichst ohne andere Menschen. In der Abgeschiedenheit die Weite des Horizontes erleben, beobachten und fühlen, begleitet von meinem vertrauten Körper im Laufschritt – das ist meine Welt, in der ich Kraft schöpfe und die Freiheit des Lebens spüre. Für einen Moment die Zeit anhalten, in der Bewegung Stillstand empfinden und den Moment der Empfindung verkörpern. Zurück zu den Gefühlen, zum Fühlen der eigenen Lebendigkeit und emotionalen Kraft in einer wunderbaren Natur. Meine Zeit, nur für mich. Die Quelle meiner selbst.

Wenn es auch diverse Unannehmlichkeiten im achten Täglichlaufjahr zu vermelden gab, handelte es sich letztendlich nur um Einzelfälle – gemessen an den herrlichen Tagen, an denen das Täglichlaufen vom Genuß dominiert wurde. Hier zeichnete in erster Linie die nahezu omnipotente Natur verantwortlich, die mich während all meiner Läufe treu und ergeben begleitete und nicht selten spektakuläre Gaben darbot. Und wie das achte Jahr begann, endete es auch, mit süßem Nachwuchs bei den Schafen, die mich selbstredend vom Laufen abhielten und mich neugierig beäugten, wie ich sie auch – doch dazu mehr in einem der nächsten Artikel. Ein exponierter Lauf wird eine besondere Position in meiner Erinnerung einnehmen und zwar mein „Salamilauf“. Mittlerweile habe ich selbige angeschnitten und sie hat vorzüglich gemundet. Dieser Lauf verdeutlicht par excellence, was Täglichlaufen auch sein kann: Genußlaufen.

Ich bedanke mich einmal mehr von Herzen bei meinen Eltern und bei Brigitte. Es sei Euch versichert, daß ich Eure Unterstützung stets zu würdigen wußte und immer noch weiß. Verzeiht mir meine Sturheit und Unvernunft, die ich nicht selten an den Tag lege, aber Ihr kennt mich und wißt, daß das Außergewöhnliche nicht auf glatten Wegen geschehen kann, was auch gar keinen Spaß machen würde! Und wenn ich erst einmal einen Pfad betreten habe, gehe ich ihn bis zum Ende – manchmal ohne Rücksicht auf andere Menschen, was durchaus eine Bedingung desselben ist. Herzlichen Dank für Eure Nachsicht und Euer Verständnis und wenn ich Euch in den kommenden Tagen, Monaten und vielleicht auch Jahren mit meinem Täglichlaufen nerven werde – und mich selbst auch, so weiß ich doch Eure Milde zu schätzen. Manchmal frage ich mich, ob ich ebenfalls diese Geduld bezüglich einer derart sturen Person aufbringen könnte, wie Ihr sie mir zuteil werden läßt. Vermutlich nicht.

Nun habe ich mich doch wieder ausführlich über eine Thematik ausgelassen, die eigentlich gar keine Worte verdient. Täglichlaufen. Die natürlichste Geschichte der Welt, äquivalent dem Atmen – meiner Intention nach. Mein Körper und Geist bekommen das, wofür sie konstruiert sind, tägliche Bewegung. Wo ist die Besonderheit? Es gibt keine. Pure Natürlichkeit. Wenngleich ich dies nicht immer in dieser Weise für mich reflektierte und die unwissende und verweichlichte Gesellschaft uns gerne das Gegenteil suggeriert. Eine Gesellschaft, die für die natürlichsten und simpelsten Erkenntnisse wissenschaftliche Studien zur Verifizierung benötigt. Dennoch bin ich stolz auf mich, was dieser einstmals schwache Körper vollbracht hat. Und wenn der „Antisportler“ weiterhin einen festen Platz in meinem Gehirn einnimmt, so ist der Körper doch nicht mehr der, der er einmal war. So vergehen die Tage, die Zeit, die Läufe und das Leben. Ich laufe in die Zukunft und was bleibt? Die Erinnerung an die Vergangenheit; manche Ereignisse ragen leuchtend in diesem grauen Reich auf und strahlen unablässig weiter, während andere mehr und mehr verblassen. So endet mein achtes Jahr, hell glänzend und melancholisch dunkel – doch möchte ich nicht einen einzigen Tag missen. Selbst die unangenehmsten nicht, auch sie sind Bestandteil meines Lebens und machen mich zu dem, was ich bin. Täglichlaufen – mit dem Herzen. Ohne Ruhetage. Neun Jahre. Ununterbrochen. 18.03.2001-18.03.2010. Mein Weg in die Zufriedenheit. –

Das zehnte Serienjahr kann kommen. Ich bin bereit und verharre mit einem Lächeln, irrelevant, was mich erwarten wird. Es beginnt…

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