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Quot homines, tot sententiae

Posted in Täglichlaufen. Wahrnehmung. on 24. Januar 2010 by Täglichläufer

Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet, sprach einst Heinrich Heine – der erste Satz eines meiner Lieblingszitate. Auch auf mein Täglichlaufen trifft diese Weisheit zu. Oder wie ich in meinem Wegweiser formulierte: „Furchtsame verstehen Furchtsame. Ignoranten verstehen Ignoranten. Schwächlinge verstehen Schwächlinge. Täglichläufer verstehen Täglichläufer. Menschen gleicher Art verstehen immer einander“. Entsprechend die unterschiedliche Wahrnehmung meiner Laufkonzeption, in Abhängigkeit des sportlichen Hintergrundes. Selbstverständlich ist mir bewußt, daß mich nur verstehen kann, der meinen Weg in ähnlicher Weise beschritten hat und eine identische Ebene der Erkenntnis erreicht hat. Zumal diese exotische Unterart langfristig Anforderungen stellt, die nur sehr wenige Menschen erfüllen wollen, können. Man muß es wahrhaftig lieben lernen, andere Ansätze erscheinen mir nicht schlüssig. Auf die Eindrücke wie Täglichlaufen im Allgemeinen oft erfaßt wird, gehe ich nicht weiter ein, das ist gleichsam amüsant wie absurd. Ohne jede Bedeutung.

In meinem privaten Umfeld differenziere ich zwischen meiner Familie, Freunden, Nachbarn, Bekannten und Grußfreunden/bekannten – also jene Personen, die mich nahezu täglich durch ihre Anwesenheit begleiten. Familienintern vollzog sich äquivalent zu meiner persönlichen Entwicklung ebenfalls eine Wandlung der individuellen Perzeption. Gerade in den Anfangsjahren obsiegte die Verständnislosigkeit, niemand verstand, warum ich das praktiziere. Ich selbst vielleicht am wenigsten. Besonders an bedeutenden Feiertagen, Geburtstagen oder bei gesundheitlichen Widrigkeiten wurde mein Täglichlaufen mit offener Ablehnung betrachtet: „Warum mußt du selbst an diesem Tag laufen?“, „Kannst du nicht einmal pausieren, nur einmal?“. Freilich, damals dachte ich nicht im Ansatz wie heute und ich antwortete meistens, daß ich kein „Einschnitt in meiner Statistik“ möchte und verschwand anschließend im Wald. Im Laufschritt, versteht sich.

Im steten Wechsel der Jahre hat sich das Schema komplett verschoben, in eine Richtung zwischen Stolz und geduldiger, unterkühlter Akzeptanz. Daß ich täglich laufe, ist für jedwede Person in meinem nächsten Umkreis absolut evident – dies wird nicht mehr in Frage gestellt. Aus diesem Kontext heraus, offenbart sich auch die Tatsache, daß nur noch „besondere“ Jubiläen und ungewöhnliche Lauferlebnisse exponiert registriert werden – die Folge der natürlichen Normalität. Man kennt mich nicht mehr anders. Ergo entzieht sich die gesamte Täglichlaufkonzeption der bewußten, familiären Wahrnehmung. Und bestimmte Familienmitglieder konzentrieren sich vielmehr auf die Thematik, wie lange ich mein Täglichlaufen noch „durchhalte“. Ähnlich wie eben beschrieben, betrifft das auch die Freunde. Mich von anderen Dingen zu überzeugen zu wollen – was sie längst aufgegeben haben – scheiterte regelmäßig.

Bei Personen, die etwas entfernter dem inneren Zirkel gegenüberstehen, enttarnt sich eine andere Betrachtung. Bei jenen Menschen wirkt meine Laufphilosophie suspekt, ich bin geneigt anzunehmen, daß ich von einigen wenigen Passanten den inoffiziellen Status „Verrückter“ erhalten habe. Rückmeldungen, wie: „Jeden Tag, jeden Tag!“ – als harmloses Beispiel, oder andere heitere Antworten und Anekdoten bestätigen meine Theorie an manchen Tagen. Dennoch, daß ich täglich laufe, wird in der Majorität mit Anerkennung goutiert, gerade auch im Fokus der Abhärtungskomponente – solange bis sie Details erfahren – dann verflüchtigt sich die Vorstellungskraft; natürlich in erster Linie auf die Gesundheit bezogen. Ergänze ich das Themenfeld mit meiner Wettkampfresistenz und meiner Marathonablehnung löst sich das letzte, wage Verständnis endgültig auf. Selbst wenn ich das wollte, hätte ich dafür nicht die Kraft – letztendlich würde das meinen Stil vorzeitig enden lassen, denn eine derartige Kombination gelingt nur sehr wenigen Menschen.

Mein gelebtes Täglichlaufen ist zu abstrakt für andere Menschen. Und die offenkundige Ziellosigkeit meinerseits, mutet in unserer ziel- und leistungsorientierten Gesellschaft antiquiert an. Der vollkommene Sinn erschließt sich nur mir selbst. Aber mittlerweile erwarte ich weder Verständnis noch Zustimmung. Gleichwohl amüsiere ich mich über die vielfältigen Wortmeldungen, die ich tagtäglich während meiner Runden erlebe. Meistens mit einem inneren, zufriedenen Lächeln. Was ich hingegen auch in der Zukunft nicht praktizieren werde, sind permanent zwei Läufe pro Tag und den „ganzen Tag“ laufen, wie mir Passanten bereits unterstellt haben.

Abschließend betrachtet, zeichnet sich in meinem Fall die externe Wahrnehmung mehrheitlich positiv aus, wenngleich mein Handeln niemand wirklich im korrekten Sinn interpretieren kann, ja, auch nicht soll und muß. So setze ich mein Täglichlaufen fort, registriere weiterhin die differenziertesten Reaktionen, geboren aus verschiedenen Gründen und genieße den Nutzen meiner Konzeption in ihren Einzelheiten – und bei all den berechtigten Denkweisen werde ich eines nicht vergessen. Das Leben hat Recht. Und was ist schon verrückt? Ist es nicht verrückt, sich nicht täglich zu bewegen? Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet.