Archive for the Faszination Regenlauf Category

Regensturm

Posted in Faszination Regenlauf, Täglichlaufen. Laufberichte. on 23. Juni 2015 by Täglichläufer

Die Welt ist dunkel geworden, aber nicht in einer alles verzehrenden Finsternis, nein, der Weltgesang hat sich grau gewandet. Elementares Grau. Die abgeschiedene Weite dominiert bar jedweder Nuancen und vereinigt sich am freien Horizont mit dem grauen Meer der Unendlichkeit. Bereits in der Nacht öffneten sich die imaginären Wasserschleusen in dem hehren Gewölk und noch am frühen Morgen perlte der liebliche Regen stürmend hernieder und generierte eine latente Angst in meinem Geiste. Eine unsichtbare Macht zog mich gravitätisch an und lud mich ein – an dem raren Geschenk eines Regenlaufes zu partizipieren. Aus Angst vor der versiegenden Regenkraft begab ich mich ohne aufhaltendes Zögern in das nasse Leben und ja, ich verzichtete sogar auf mein standardgemäßes Vorprogramm – und das unterlasse ich nie – und verschob es auf den späteren Abschlußakt. Fürwahr, nach nunmehr zwei Monaten voller Sehnsucht durfte ich heute einen Regenlauf absolvieren – welche Gnade.

Die ersten 800 Meter offenbarten sich wie noch stets als eine wahrliche Qual; entlang der Hauptstraße mit ihren rasenden Blechvehikeln. Im Anschluß trat ich aber ein, in meine geliebte Zauberwelt, geboren in der melancholischen Einsamkeit der belebenden Stille. Sofort entfaltete sich der dämpfende Umhang der Ruhe, der alle unangenehmen Geräusche nachhaltig absorbiert; das Grün der Haine kontrastierte mit dem scheinbar unendlichen Grau in kongenialer Eintracht. Zahlreiche Pfützen hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst harmonisch zu kleinen Seen verbunden und ich selbst war gänzlich durchnäßt. Bei sommerlichen 09 °C erkenne ich gar meinen Atem. In der Ferne wird mir später ein Grußfreund kurz zuwinken, bevor er in seinem schützenden Haus verschwinden wird – dies wird die einzige menschliche Begegnung bleiben. Die geliebte Einsamkeit ist heute absolut und ich kann meine Freude darüber nicht in banale Worte kleiden. Wahre Gefühle lassen sich nicht in trivialen Text fassen.

Zahllose gefiederte Freunde teilen meine Freude und konzertieren in gewohnter Perfektion und hier und dort ruft der Kuckuck; er verkündet sein Entzücken über das nasse Glück. Indessen sind meine Wollmäuse davon gar nicht begeistert – auf meine Begrüßung ernte sich nur – Schweigen. Später vernehme ich nur ein betrübtes „Mäh!“. So setzt sich mein Weg fort, ich passiere den nächsten Wald und begebe mich auf meinen träumenden Damm, der die Tropfen mit Behagen empfängt. Von einem wohlwollenden Sturm kann mitnichten die Rede sein, doch treten heute immer wieder moderate Böen auf, die mich ausnahmsweise nicht entführen wollen, nein, scheinbar ist ihr Bestreben, mich zurückzudrängen; immer wieder galoppieren sie mit aller Macht gegen meine schwarze Präsenz – hoffnungslos. Ich erobere doch meinen Weg. Das grüne Gräsermeer – mitten in dem Hochwasserschutzgebiet gelegen – wird durch den wehenden Odem unbarmherzig hernieder gehalten, ungestüme Sturmreiter fegen wellengleich über die wasserlose Ebene. Es ist das ein wundervoller Anblick, der zum Verweilen reizt.

An meiner Lieblingsstelle unterbreche ich meinen Lauf, betrete den Strand und verharre, halte inne und beobachte den grauen Dunkelsee mit seinen unablässigen Wellen, die nach ihrem eigenen Takt schlagen und Woge um Woge mit einer zarten Gischt an das Land werfen. Die unruhige Wasseroberfläche empfängt das fallende Heer der tanzenden Regentropfen und verzehrt sie lautlos. Doch wenn ich die Augen schließe, vernehme ich das malerische Prasseln; tränengleich rinnt das Naß von den Bäumen, um in dem irrealen Nichts für immerdar zu vergehen. Der Genealoge in mir wird wach und ich frage mich, ob meine Altvorderen diese einzigartige, wunderschöne Örtlichkeit im Sein je gekannt haben? Weilten sie einst an dieser Stelle, vielleicht gar in genußvollen Regenzeiten? Jene Antworten liegen hinter vergänglichen Türen verborgen, die doch nicht mehr existieren. Ich verlasse das Gestade und erspähe meine eigenen Fußabdrücke, die trockenen Sand nach oben aufwühlten, welcher in wenigen Minuten egalisiert sein wird.

Irgendwann nehme ich den Laufschritt wieder auf und trete den obligatorischen Rückweg an, gleichwohl könnte ich für immer und immer weiterlaufen. An diesem Punkt atme ich keinen Sauerstoff mehr ein – ich atme pure, konzentrierte Energie, die sich in meinem Körper mit jedweden Zellen verbindet, ihre gehaltvolle Kraft emittiert und sich entsprechend mit absoluter Macht auswirkt. Kurzum, die lustlose Phase der vergangenen Tage hat sich längst verflüchtigt und in dieser Sekunde lebe ich den unverfälschten Genuß. Vielfältige Impressionen nehme ich noch wahr, die es wert wären, hier erwähnt zu werden, aber nein, ich ziehe mir das Schweigen vor. Verloren im Regenreich. Mit einem Lächeln im Regensturm.

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Fühlen im Regen

Posted in Faszination Regenlauf, Täglichlaufen. Laufberichte. on 25. Juni 2014 by Täglichläufer

Das formidable Schauspiel begann bereits in der vergehenden Nacht; nebulöse Wolkenschiffe segelten erhaben am weiten Horizont entlang, näherten sich majestätisch am Firmament und warfen drohend ihre allgewaltigen Schattenanker hernieder. Mannigfaltige Gewölkformationen, geboren in tiefer Dunkelheit eroberten sodann ungehalten den hehren Himmel und als jedwede Maßnahmen in reibungsloser Perfektion getroffen waren, rasselten unhörbar die scheinbaren Ketten und zogen in der gnadenlosen Konsequenz das schwere Tor empor – die Himmelspforte ward geöffnet und nun ergossen sich ganze Meere an kühlem Naß auf die Erde, partiell in Form von Starkregen. Als der aufkeimende Tag sich behutsam entfaltete, zog sich die tiefschwarze Nacht nur verhalten zurück – die Finsternis blieb indes allenthalben bestehen und auch die tanzenden Regenfronten dominierten weiterhin den noch jungen Morgen.

Lächelnd, nein, fast schon vor Freude grinsend, warf ich mich der lieblichen Regenregentin entgegen, die ihre wehenden Vasallen aussandte, um mich gebührend zu begrüßen. Als ich den Eingang des düsteren Forstes erreichte, registrierte ich mit Verwunderung, daß die schwarzen Pfade sich aufgelöst hatten respektive unter einer beachtlichen Wasserschicht verborgen waren. Der Wald nahm latent die Form eines Sees an – eine derart ausgeprägte Regenkonsequenz erlebte ich sehr, sehr lange nicht und spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, daß der heutige Lauf in Richtung einer Schwimmeinheit tendieren wird – und ich sollte mich glücklicherweise nicht irren. Hinein also in die Fluten! Nach nicht einmal zwei Kilometern war nichts, aber auch gar nicht mehr an mir trocken und weiter ging meine nasse Reise in die einsamen Regenhaine, die die Abgeschiedenheit hochleben ließen, auch die unerschütterlichen Hundebesitzer trauten sich nicht hinein in diese prasselnde Regenwelt. Und still tropfte es unablässig von den Ästen herab.

Dunkelwolken

Streichelnde Sturmhände wehten ungestüm über mich hinfort und wiesen mir den obligaten Weg in eine Welt, die ich doch nicht betreten kann und nur im Geiste finde ich dort Eingang. Ungeachtet dieser Grenzen nahm ich die scheinbare Einladung an und lief geschwind in Richtung Damm, den ich auf Grund der hohen Gräserwälder nur noch temporär betreten darf. Und so verbarg mich der Forst und breitete seine grünen, schützenden Gewänder der Einsamkeit über mich aus, in der ich mich vollständig verlor. Überschwemmte Pfade, wohin ich spähte – nur vereinzelt stachen einzelne Flächen heraus, gleich Inseln, die früher oder später auch noch untergehen werden und die Himmelsschleusen glichen immer noch einem Wasserfall, der kein Verharren, kein Erbarmen kennt.

Die plätschernden Waldseen, die früher einmal Wege genannt werden durften, sorgten beim schnellen Durchschreiten für wiederholte Überraschungen, da die Tiefe stets ein Geheimnis blieb und erst beim Durchqueren preisgegeben wurde – dementsprechend versank ich an ausgewählten Örtlichkeiten bis zu den Knien im wohltemperierten Wasser, welches sich in Abhängigkeit der Lokalität durchaus mal wärmer und dann wiederum kälter, belebender anfühlte. Im Hintergrund konzertierten zahlreiche Vögel und boten ihre Sangeskunst in prachtvoller Weise feil und selbst der Kuckuck stimmte in dieses Dunkelkonzert herrlich mit ein.

Ich selbst hingegen weilte längst in anderen Sphären, die sich nicht mehr in unzulängliche Worte kleiden lassen; hoch zufrieden passierte ich meine Wälder, genoß die traumhafte Regengunst, die sich unterdessen noch tatsächlich intensivierte und sog die außerordentliche Stimmung auf. Genießend, lächelnd und schweigend absolvierte ich meinen heutigen Lauf und ja, f ü h l e n d – nichts ist bedeutender. Ich erlebte und vollzog einen Lauf unter Bedingungen, die ihresgleichen suchten und ihn zu einer wahrhaftigen Rarität erwachsen ließen. Fühlen im Regen – der Rest ist Schweigen.

Friedvoller Einklang – Das Lied des Regens

Posted in Faszination Regenlauf, Täglichlaufen. Laufberichte. on 23. Juli 2011 by Täglichläufer

Vor vielen, vielen Sekunden in diesem Monat, in dieser Welt. In der Nacht brachten sich Legionen von Wolkenschiffen in Stellung, marschierten in nassen Formationen auf und beehrten das allumfassende Leben mit einem sanften Dauerbombardement von Regentropfen. Unablässig perlte der frische Odem hernieder und selbst am frühen Morgen schien der Witterungsregent gnädig gestimmt zu sein. Meine Stimmung hingegen, war gar nicht erhaben; enttäuschte Liebe. Wieder und wieder wurden meine Erwartungen nicht erfüllt – dieses Jahr ist kein wahres Regenlaufjahr. Entsprechend mißtrauisch betrete ich die Straße, erspähe eine Nachbarin hinter ihrer verregneten Fensterscheibe; sie lächelt mich nur an, winkt, schließlich weiß sie um meiner Regenlaufliebe. In dem Moment, wo sich unsere Blicke treffen, bin ich bereits komplett durchnäßt – die Regenmacht ist gewaltig wie allgegenwärtig.

Der thronende Himmel wird unbarmherzig von dunklen Wolken beherrscht, gleichwohl differenziert die weite Leere in allerfeinsten Nuancen, von tiefem Schwarz bis hellem Grau. Nichts ist statisch, die Wolkenfront gleitet wie ein unbeherrschter Fluß am rauschenden Firmament entlang. Der grüne Forst empfängt mich mit absoluter Einsamkeit und Finsternis, heißt mich liebevoll willkommen. Meine scheinbare Enttäuschung hat sich verflüchtigt, sie wurde ersetzt, doch durch was? Dies läßt sich nicht in Worte kleiden. Zufrieden lächelnd setze ich diesen meinen Weg fort; genieße, ja, genieße. Auf dem Pfad haben sich längst ausgedehnte Pfützen gebildet, und sie expandieren. Allenthalben tropft und perlt es von den Bäumen, in den hohen Kronen, von Blatt zu Blatt, rinnt leise herunter, über Ast zu Ast; das Wasser gleitet zärtlich zu Boden und vereinigt sich mit den Wasserlachen. Vereinzelt stimmen Vögel in das Lied des Regens ein und teilen meine Hingabe an jene einzigartige Welt. Friedvoller Einklang.

Die Dunkelheit des Waldes absorbiert meine Wenigkeit, ich vereinige mich mit der Düsternis und gehöre scheinbar nur noch zu der geliebten Natur. Ich laufe und laufe, aber nur der Körper läuft – automatisch; mein Geist hat die unzulängliche Hülle längst verlassen und saugt jedes Detail dieser grandiosen Regenwelt in sich auf. Gleitet durch Raum und Zeit, taucht in den Mikrokosmos der vollkommenen Existenz ein. Ich bin angekommen. Er verbindet sich mit den nassen Elementarteilchen und rast nur so dahin, führt meinem Körper eine unglaublich lebendige Energie hinzu, die er umgehend in komprimierte Kraft verwandelt und mich weit ausgreifen läßt und ja, jetzt rast auch mein Körper. Doch kann er meinem Geist nicht folgen, das ist ein ungleicher Kampf. Den Pfützen weiche ich nicht aus, durch jedwede Wasseransammlung muß ich laut patschend hindurch. Der Damm liegt verlassen in seiner Abgeschiedenheit vor mir, bietet den machtvollen Sturmböen zahllose Angriffsflächen, während sich das Schilf nur scheinbar der übermächtigen Gewalt widerstrebend beugt.

Irgendwann erreiche ich mein Lieblingsufer, es lädt zum Innehalten ein – wie so oft. Auch dieses Mal erliege ich diesem surrealen Reiz und blicke auf den mürrischen See hinaus. Sturmreiter galoppieren wild über das Wasser, ihre Windpeitschen wühlen den See ungestüm auf, werfen Welle um Welle an den Strand. Unendlich viele Tropfen fallen mit hoher Geschwindigkeit hernieder, um die flüssige ewige Vereinigung einzugehen. Doch die Wellenbewegungen sind nicht permanent kraftvoll, ein stetiger Wandel dominiert das Dasein. Der aufgebrachte Wellenreigen läßt leise nach, holt tief Atem – verharrt für einen Augenblick, um sich dann noch vehementer aufzulehnen. Jetzt werden sogar meine Füße umspült, was ich ignorierend hinnehme. Ich verharre ebenso, lasse nur meine Gedanken hinfort ziehen – noch nasser kann ich nicht mehr werden – und genieße die seltsam ruhigen Minuten in dieser aufgewühlten nassen, finsteren Regen- und Sturmwelt. Bewegung und Ruhe, alles ist im Fluß, fließt dahin, alles ist eins; verbunden in greifbarer wahrhaftiger Harmonie. Und ich kleines Wesen darf an jenem erfüllenden Genuß wie Frieden partizipieren. Welch Glück! Welch Glück für mich! Ich weiß das zu schätzen.

Wie oft stand ich hier an dieser Stelle im intensivsten Regen. Wie oft durfte ich diese seltenen Regenläufe mit ihren ganz eigenen Momenten genießen. Plötzlich erinnere ich mich an mein zehnjähriges Täglichläuferjubiläum, der Gedanke kam unbewußt – wie das Täglichlaufen selbst. Ein unbedeutendes wie bedeutendes Ereignis für mich, was ich noch nicht wirklich in Gänze verarbeitet habe, zu gewaltig wirkt dieser Tag nach. Und irgendwie ist diese Leistung auch eine Last, wiegt schwer auf meinen Schultern. Sodann generiert die mentale Welt Menschen in meinem Gehirn, die einst Anteil an meinem Täglichlaufen nahmen. Menschen kommen. Und gehen. Wie fragil doch alles ist! Die Gedanken ziehen weiter, von dannen; bieten Raum für andere Erinnerungen, noch weit persönlicher Natur. Tränengleich rinnt der Regen mein Antlitz herab, ich löse mich von jenem Ort und erklimme wieder den Damm, um meinen Blick schweifen zu lassen. Ich will weiter und will doch nicht weiter. Meine Abdrücke am Ufer werden sofort egalisiert. Das Gräsermeer bewegt sich äquivalent den Seewellen, zwei junge Rehe springen munter hin und her. Riesige Bäume winken mit ihren grünen Armen in der Ferne.

Später verliere ich mich in der Unendlichkeit der tiefen Wälder, nur begleitet von den feuchten Sturmreitern und der mich umschließenden Einsamkeit. Ich sauge weiterhin die phantastischen Witterungsbedingungen detailliert auf, doch nicht mit den Augen oder den Ohren, nein, mit dem Herzen. Diese Symphonie, komponiert von der Natur an das Leben kann man nur mit dem Herzen würdig wahrnehmen. Und tief in meinem Innern setzt sich dieser Lauf fort, auch wenn der reale Lauf längst beendet ist. Regen. Harmonie. Frieden. Einsamkeit. Liebe. Melancholie. All das und noch viel mehr. Das ist meine Welt, dafür lebe ich. – Meinen letzten Regenlaufbericht formulierte ich vor gut einem Jahr, die Zeit war reif für einen neuerlichen. Doch was fühlte, empfand ich wirklich? Allein, ich kann das nicht in Worte fassen; zu klein bin ich, um die Größe des Lebens auch nur annähernd zu verstehen und dann gar darüber zu schreiben! Dennoch, ich singe mit – das Lied des Regens, im friedvollen Einklang mit mir selbst.

Mein 200. Regenlauf. Oder die Verkörperung von Frieden, Harmonie und Zufriedenheit.

Posted in 200. Regenlauf, Faszination Regenlauf, Pro Regenlauf on 29. August 2010 by Täglichläufer

Obacht! Ich muß Sie warnen. Ja, Sie! Sollte sich jetzt die Welt verdunkeln, ein starker Sturm aufziehen, der heulend seinen Wehmut klagt und sich unter ihrem Flachbildschirm Rinnsale von Wasser bilden – ja, dann ist das von mir gewollt. – – –

Welch ein pathetischer Titel für ein wenig schnöde Statistik, die nur partiell korrekt ist. Freilich durfte ich am vergangenen Donnerstag meinen 200. Regenlauf absolvieren – auf Basis meiner Daten, die im Jahr 2000 ihren Ursprung haben. Doch auch 1998 und 1999 erlebte ich bereits die ersten Regenläufe, welche ich damals jedoch nicht gesondert in meiner Laufstatistik erfaßte, schließlich war ich nur ein schwächlicher Schönwetterläufer. Ergo bezieht sich die nasse Zahl 200 nur auf ein Jahrzehnt, meine Laufjahre zuvor – wabern hinter einem nebulösen Schleier. Verborgen im Reich der Erinnerungen. Für immer.

Der 23. Regenlauf in diesem Jahr sollte also mein 200. nach der Zehnjahreszählung werden. Und ja, er ist formidabel gelungen – der scheinbar affektiert formulierte Titel erreicht die Realität bei weitem nicht. Der Tag begann dunkel, er wollte nicht erwachen; eine düstere Morgenwelt umhüllte mich – während es leise regnete. Sehr verhalten, der Horizont weinte still und lautlos, nur die belebenden Windböen entführten mich in eine fast totale Einsamkeit. Trotz der gelebten Bescheidenheit der nassen Witterungsmächte war ich nach wenigen Minuten durchnäßt, was mich nur beflügelte. Belebende Kraft. So ging es fort und ich folgte den zahlreichen Wolken, die von einem imaginären Künstler schwungvoll voller Nuancen in den Himmel gezeichnet wurden. Die Intensität des Regens blieb nicht statisch, sie verstärkte und verringerte sich nach Belieben, doch ließ sie während meiner 15 Kilometer nie wirklich nach, wenngleich die Eindringlichkeit ein ausgewogenes Maß nicht überschritt.

Mein treuer Begleiter, die Einsamkeit, ließ mich nicht los. Allein und fernab von Menschen durchstreifte ich im Laufschritt mein geliebtes Hochwasserschutzgebiet mit seinen angrenzenden Wäldern und nur zahlreiche Tierbegegnungen beeindruckten mich zutiefst. Der leise Regen, die finsteren Wolken und die Unendlichkeit am Firmament verkörperten eine pure Harmonie des Seins, die tief in mir eine tiefe Zufriedenheit und Frieden auslösten. In diesen Minuten des schweigsamen Laufens durchströmte mich die nicht greifbare Aura des Glücks, ja, der pure Genuß obsiegte. Jedwede Beschreibung dieser Wonne wäre nur unzureichend, so daß ich mir diese erspare. Was sind auch Worte im Vergleich zu Empfindungen, zu Gefühlen! Der 200. Regenlauf war ein zufriedener Genußlauf par excellence, wie er nur von der Glücksseligkeit höchstselbst geschrieben werden kann. So stehe ich erstarrt am Ufer, verharre in diesem Wimpernschlag des Lebens; während unaufhörlich die Tropfen hernieder trommeln, die Wellen durch den steten Sturm an den Strand getragen werden, die facettenreichen Wolken in der weiten Ferne melancholisch von dannen ziehen und hoffe auf mehr Läufe in dieser von mir so geschätzten Witterung. Wie wertvoll ist dieser eine erfüllende Moment! Als lächelnde Reminiszenz schließe ich mit erinnernden Eindrücken aus vergangenen regnerischen Täglichlauftagen, die ich einst in den entsprechenden Berichten in Worte gegossen habe – von Freude bis Trauer. – Dunkelheit. Regen. Wind. Starkregen. Sturmböen. Einsamkeit. Abgeschiedenheit. Melancholie. Tränen im Regen. Willkommen. In meiner Welt!

Tränen im Regen, Erinnerungen

Das T-Shirt durchweicht in wenigen Sekunden, die Haare weinen durch das nasse Stakkato, feinste Rinnsäle bahnen sich ihren natürlichen Weg vom Kopf und perlen Tränengleich mein lächelndes Antlitz herab.

Die Welt ist eine andere geworden; der Regen hält die Scheuen und Ängstlichen zurück, er sorgt dafür, daß diese berauschende Atmosphäre nur von wenigen Menschen gefühlt werden wird. Die Welt ist zärtlicher geworden, getragen von einer sanften, behaglichen Ruhe. Eine leise Stille, die sich erst in der Nässe offenbart. Der prosperierende Herzschlag des Lebens pulsiert langsamer und zugleich schneller, einer leidenschaftlichen Liebe geschuldet.

Es war ein Gefühl, als ob sich diverse Energieteilchen des Lebens, unbedeutende Partikel nur – in mir sammelten und eine Art Strom bildeten, ihre Kraft an mich transmittierten, die sich mit meinem Geist, meiner selbst verbanden und Verborgenes mobilisierten. Scheinbar an der elementaren Substanz des Lebens selbst partizipieren. Ein Gefühl, was sich nicht beschreiben läßt.

So stand ich erstarrt am Ufer des im Sturm aufgewühlten Sees, die Regentropfen suchten sich ebenso wie die unbarmherzigen Wellen ihren Weg und ich sah nur schweigend auf das Wasser hinaus – zugleich streichelte mich unablässig der behagliche Wind. Mein Körper glich einer Dampfsäule, während der liebevolle Niederschlag stetig zunahm. Die Zeit vergessend, sämtliches Denken auf ein absolutes Minimum reduziert. Nur noch fühlend.

Bedecktes Land. Leere Weite. Ungestüme Freiheit. Beherrschende Einsamkeit, trotziger Regen und leiser Sturm arbeiteten Hand in Hand und hielten jeden aufmüpfigen Besucher von meiner Welt entfernt, was ich sehr zu schätzen wußte. Die Tiefe des Waldes wirkte durch die konzentrierten Regentröpfchen weitaus finsterer als es sonst die Regel ist. Eine aussichtslose Dunkelheit streckte ihren Arm nach mir aus – ich wehrte mich nicht – sie umarmte mich und zog mich in den schwarzen Wald.

Das Bewußtsein tritt in den Hintergrund, nur die elementaren Empfindungen sind noch von Bedeutung – durch die Welt laufend, mit dem Geist unbewußt fliegend – stürme ich durch die Wälder, nur die grundlegendsten Dinge fühlend.

Ich verlasse den ersten Wald und beobachte die unendlich leere Weite des Himmels. Jener zeigt sich von seiner zutiefst düsteren Seite, gleichwohl die Grauschattierungen sich in mannigfaltigen Nuancen stufenlos voneinander absetzen. Die Finsternis sollte weiterhin das Zepter der Herrschaft tragen, was ich von Herzen begrüßte; ich gönne es ihr.

Just in dieser Sekunde verschärften sich die grauen Schatten am Firmament und transformierten sich in schwarze Nuancen. Der illusionäre Regenkünstler bot mir einen nassen Pakt an, den ich nicht ausschlagen konnte. Ich akzeptierte und gestand mir den Regenlauf ein – plötzlich setzte eine Sturmböe ein, strich um mein Gesicht und riß mich willensstark mit sich – vielleicht als Symbol für das soeben vollzogene Bündnis. Der feine Niederschlag wurde durch kräftigen Regen ersetzt; sämtliche Geigen, die vorher den Himmel bevölkerten, entluden sich mit Macht.

Nachdem mein 162. Regenlauf beendet war, stand ich auf der Straße, ca. eine Minute mit geschlossenen Augen. Regungslos. Mein Geist löste sich augenscheinlich vom Körper und in Gedanken absolvierte ich den Lauf erneut – nur in einer viel höheren Geschwindigkeit.

Gewaltige Flotten von Wolkengaleonen präsentierten sich in einer prächtigen Parade – auf facettenreichen Graunuancen basierend – und demonstrierten der entfernten Erde ein kräftiges Regenkonzert. Eine bis in das kleinste Detail abgestimmte Symphonie, welche stakkatoartig die Regentröpfchen in die ehedem sommerliche Welt entließen. Einmalig komponiert – eine Ode an das Leben.

Ich verlasse die Wälder und laufe ausnahmsweise entlang der Straße, was mir natürlich nicht gefällt. Unendliche Autokolonnen, Abgase und Lärm – nicht meine Welt. An einer Bushaltestelle warten eine Frau und ein Mann im Rollstuhl. In der Regel handelt es sich um starke Charaktere, die mitnichten bedauert werden wollen. Dennoch, der Mann tut mir leid. Blickkontakt. Augen sagen mehr als Worte. Laufen bei dieser Witterung bedeutet für mich die Erfüllung meiner Laufintention schlechthin und dieser Mensch ist augenscheinlich am Rollstuhl gefesselt. Der traurige Blick des Mannes macht mich betroffen. Was mich jedoch über alle Maßen ärgert, ist die Tatsache, daß die besagte Bushaltestelle nicht überdacht ist. Die beiden stehen im Regen, wortwörtlich.

Nach 200 Metern bin ich komplett durchnäßt; auf der Brücke breite ich meine Arme aus, gucke in den Himmel, nehme die Wolken in ihren differenzierten Grauschattierungen wahr und kann nur noch lächeln. Die vorbei fahrenden Autofahrer denken sicherlich, „So ein Spinner“. Ja, sollen sie ruhig. Je größer die unverständlichen Blicke, desto mehr sagt das über diese Personen aus und umso ausgeprägter mein Lächeln.

An dieser Stelle muß ich nochmals meinen Dank an Hauptfeldwebel Gl. aussprechen, seines Zeichens damaliger Scharfschützenausbilder in meinem Panzergrenadierbataillon, der diese Liebe zum Regenlauf in mir entzündete. Wenngleich er das wohl nie lesen wird, mein verbindlicher Dank ist ihm sicher.

Als ich zu Hause ankomme, ist nichts mehr an mir trocken. Die Kleidung ist schwer geworden und klebt am Körper. Der Lauf war schön, ein sehr nachdenklicher Lauf, durchwoben von Melancholie und Freude – die unterschiedlichsten Gefühle. Begegnungen wie die heutige reißen mich aus der Routine und offenbaren, wie fragil die Endlichkeit doch ist. Ich habe unverschämtes Glück, daß ich schon so lange täglich laufen darf. Wir sollten jeden einzelnen Lauf genießen, wer weiß, was das Leben für uns noch bereithält.

Die Poesie der Erfüllung

Posted in Faszination Regenlauf on 4. Mai 2010 by Täglichläufer

Gestern, Montag. Der Tagesbeginn offenbarte sein düsteres Wesen. Am Firmament dominierten Heerscharen graudunkler Wolken, uneingeschränkt. Bar der ungetrübten Heiterkeit, der blaue Himmel verstimmt hinter der Bühne des allumfassenden Äthers verschollen. Zärtlich fielen die ersten Wassertröpfchen zur Erde, ein leiser Landregen setzte ein. Verführte. Ich gestehe, mein Vertrauen hinsichtlich eines wahrhaftigen Regenlaufes war nicht sehr ausgeprägt – zu oft wurde ich enttäuscht. Heute jedoch nicht. Ich trat auf die Straße und lief nicht sogleich los, nein, die ersten Meter spazierte ich und ließ den sichtbaren Atem hinter mir. Die Augen geschlossen und tief die würzige Luft einatmend, konzentrierte ich mich auf die einzigartige Aura, die in dieser exponierten Form nur während der weinenden Natur herrscht. Es war ein Gefühl, als ob sich diverse Energieteilchen des Lebens, unbedeutende Partikel nur – in mir sammelten und eine Art Strom bildeten, ihre Kraft an mich transmittierten, die sich mit meinem Geist, meiner selbst verbanden und Verborgenes mobilisierten. Scheinbar an der elementaren Substanz des Lebens selbst partizipieren. Ein Gefühl, was sich nicht beschreiben läßt.

Die daraus resultierende Kraft entfaltete sich unmittelbar, ja, bereits auf der Brücke stürmte ich regelrecht mit aller Macht in Richtung meines Laufareals. Welch strömende Energie, ein herrliches Gefühl! Diese Empfindung sollte durchweg die gesamten Kilometer regieren, nur temporär gelähmt von einem negativen Erlebnis, als da wäre ein erneuter Fastunfall am berühmt-berüchtigten Stopschild. Ich erhob jäh meine Stimme und ermahnte die Fahrerin, so daß sie im Auto vor Schreck zusammenzuckte, derweil sie gleichzeitig zügig die Bremse betätigte. Am Stopschild anhalten? Mitnichten! Wie kann ich nur das Unmögliche erwarten? Im Anschluß erreichte ich den Wald und der Ärger verschwand im Schattenreich des Vergessens.

Der grüne, intensiv duftende Forst indes, hieß mich mit einer Einsamkeit willkommen, die ihresgleichen suchte. Eine Abgeschiedenheit, die sich scheinbar verdichtete und somit greifbar wurde, ein sensibler Hochgenuß für alle Sinne. Unaufhörlich prasselte das kühle Naß bei 10 C° durch die Baumkronen und rieselte über die Äste von Blatt zu Blatt und glitt zu Boden, um dort spiegelnde Lachen zu bilden. Die Lachen expandierten und verformten sich zu Pfützen, welche partiell ausgedehnte Eroberungen vornahmen. Währenddessen intensivierte sich die gelobte Lautmalerei des Regens, ich fühlte es, er nahm zu – wurde stärker und stärker. Als treuen Verbündeten sandten die Wettermächte einen lieblich säuselnden Wind, der mit seinem Hauch der Ruhe das Blattwerk behutsam streichelte, seinem Willen unterwarf und es in seinem vitalen Rhythmus bewegte.

Ich verlasse den ersten Wald und beobachte die unendlich leere Weite des Himmels. Jener zeigt sich von seiner zutiefst düsteren Seite, gleichwohl die Grauschattierungen sich in mannigfaltigen Nuancen stufenlos voneinander absetzen. Die Finsternis sollte weiterhin das Zepter der Herrschaft tragen, was ich von Herzen begrüßte; ich gönne es ihr. Im nächsten Wald dehnte sich selbige auf Grund der zahlreicheren Bäume mit rigorosem Engagement aus. Das dichte Blätterdach schützt mich in keiner Weise vor dem lieblichen Regen, dessen Legionen längst jedweden Widerstand brachen. Ich erreiche den Damm, meine Schuhe quittieren schmatzend Schritt um Schritt ihren Bewegungsdrang und sofort umarmt mich eine Windböe, die mich in eine andere mentale Atmosphäre entführen will, was ihr auch liebkosend gelingt. Vollzogene Verführung.

In der lauten Stille setze ich meinen Weg fort und trotz des Niederschlages singen viele Vögel unbeirrt weiter und lassen mich an ihren Gesängen teilhaben. Neben der Nachtigall sorgt besonders der Kuckuck für eine musikalische Untermalung, die perfekt in diesen melancholischen Tag paßt. Vor meinem geistigen Auge ziehen vergangene Erlebnisse vorbei, die alle in Beziehung zu meinem Täglichlaufen respektive Laufgebiet stehen. In den letzten zwei Jahren hat sich viel verändert, alte Bekannte und Grußfreunde verschwanden, neue kamen hinzu. Der Lauf des Lebens. Alles setzt sich fort, rast in die Zukunft; unaufhörlich für alle Zeiten – nur wir selbst erreichen dereinst eine Grenze, die wir nicht passieren können. Sie ist nicht sichtbar und doch ist sie da, früher oder später wird ihr jeder von uns begegnen. Ich blicke nach links auf den ungestümen See hinaus und plötzlich wird mein Lauf abrupt unterbrochen. Meine Bewegung friert ein – ohne großes Nachdenken – kam der Befehl zum Stillstand. Und was erspähe ich?

Zwei Graugansfamilien mit Nachwuchs, jeweils mit fünf bis sieben Küken, die neben den stolzen Eltern ganz aufgeregt im Wasser schwimmen. In diesem Augenblick geht die Sonne auf, die Sonne des Herzens und berührt mich tief mit einem Lächeln. Was für ein süßer Anblick! Es fällt mir schwer mich davon zu lösen; gleichwohl laufe ich weiter – gegen die Regenfront. Mittlerweile hat sich der feine Landregen in einen reißenden Schauer verwandelt, der unangefochten auf mich niedergeht. Hernach erteilt mein Gehirn überraschenderweise erneut den Befehl zu einer kurzen Pause. So verharre ich in der greifbaren Einsamkeit, in einer Umgebung, in der sich weit und breit kein Mensch bewegt – und schließe die Augen und gebe mich völlig der gefühlten Empfindung hin. Ich fühle das Wasser, was in Rinnsälen unaufhörlich mein Antlitz herab läuft und höre den prasselnden Regen, nehme jeden einzelnen Tropfen wahr, spüre die Umarmung des Windes – und genieße die Präsenz des Momentes. Die Zeit, das Leben scheint sich in seinem Fluß zu verlangsamen, stagniert und pulsiert anschließend doch wieder in die Normalität zurück. Ein glückliches Gefühl erobert mein Inneres und generiert eine Form von Erfüllung. Möge der Augenblick nie enden!

Aber nichts währt ewig. Ich öffne die Augen, setze mich in Bewegung. Nach einiger Zeit liegt das Hochwasserschutzgebiet in meinem Rücken und ich durchquere einmal mehr den tiefen Forst, der mich finster verheißungsvoll beobachtet. Die fehlende Helligkeit wirkt wie die Agonie des Lichtes, surreale Impressionen allenthalben. Eine irreale Welt. Da! Ein Zweig bricht, es knackt. Knistert. Im Dickicht bewegen sich zwei weiße hüpfende Punkte von mir weg und Sekunden später springen die Rehe aus dem Unterholz und rennen, nicht wirklich ängstlich in ein anderes Waldstück. Meine letzte tierische Begegnung für heute, das Finale kündigt sich an. Ich sauge diverse nasse Eindrücke auf, die in die Endlichkeit vergehen und wechsele in eine Phase des Nichtdenkens. Nur noch Laufen in der triefenden Welt; der Körper bewegt sich automatisch und mein Geist scheint auf eine andere, divergierende Erkenntnisebene des Seins zu wandeln. Auch diese Empfindung konterkariert eine explizite Beschreibung, man muß es spüren.

Später kehre ich gemächlich in die sogenannte Zivilisation zurück, zwar widerwillig, aber dies ist leider unvermeidlich. Mehrere Jugendliche kommen mir entgegen, allesamt gut vor der Nässe gesichert – teilweise treffen mich die gewohnt entsetzten Augenpaare. Wahrer Genuß ist eben nicht immer sofort nachvollziehbar – innerlich lächele ich, denn einst war ich auch so und hätte den schwarz gekleideten Täglichläufer auch nicht verstanden. Die Zeiten ändern sich und manchmal sogar die Menschen.

Nach leidenschaftlichen 16 Kilometern findet mein nasser Lauf seinen Ausklang. Während ich mein T-Shirt – was an mir wie ein Brustharnisch liegt – auswringe, steigen einmal mehr die Dampfsäulen nach oben. So endet mein siebter Regenlauf in diesem Jahr, ein Traumlauf wie er nicht hätte besser sein können. Komponiert in Liebe von einer großartigen Dichterin – der Natur. Und wird zu einer wunderbaren Erinnerung, die mich hoffentlich noch lange lächeln läßt. – Täglichlaufen. Natur. Elementare Gewalten. Geliebter Regen – Diese Kombination führt nur zu einem: Erfüllung.

Kommentatoren mit der neuesten Generation an Computertechnologie mögen die Wasserlache verzeihen, die beim Betrachten des Photos entstand.

Die Trias der Zufriedenheit: Einsamkeit. Harmonie. Einklang.

Posted in Faszination Regenlauf on 5. September 2009 by Täglichläufer

Donnerstag. Sie war schon da. Noch bevor ich den beginnenden Tag begrüßte, war sie schon da – die Dunkelheit. Die nächtliche Finsternis verflüchtigte sich zwar bei Tagesanbruch, gleichwohl wurde die vermeintlich helle Zeit von einer tiefen Schwärze beherrscht. Heimlich gesellten sich ohne Vorwarnung trübe Regenwolken dazu. In meinem Vorgängerbeitrag zogen sie wehmütig von dannen, nun sind sie zurückgekehrt. Gewaltige Flotten von Wolkengaleonen präsentierten sich in einer prächtigen Parade – auf facettenreichen Graunuancen basierend – und demonstrierten der entfernten Erde ein kräftiges Regenkonzert. Eine bis in das kleinste Detail abgestimmte Symphonie, welche stakkatoartig die Regentröpfchen in die ehedem sommerliche Welt entließen. Einmalig komponiert – eine Ode an das Leben. Die Einladung dem kunstvollen Werk als Zuschauer respektive Läufer beizuwohnen, nahm ich nur zu gern an. Bei angenehmen 18 C° begann ich mit großen Schritten meinen täglichen Lauf. Sofort prasselte das kühle Naß unaufhörlich auf mich ein. Ich hieß die Nässe willkommen – so wie sie mich auch – wir wurden eins und das Konzert begann. Mein Hohelied auf den Regenlauf.

Ich rechnete mit einer absoluten Einsamkeit in meinem Laufareal, was sich später jedoch als Irrtum offenbaren sollte. Auf Grund der parkenden Autos am Waldrand wußte ich bereits vor einem etwaigen Kontakt, auf wen ich treffen würde. Wenige Minuten später spazierte auf dem Damm im strömenden Regen eine Grußfreundin mit ihrem Hund. Sie strahlte mich an und sagte, „Nun hast Du Dein Lieblingswetter!“. Sie hatte es vortrefflich erkannt! Déjà vu! Die gleiche Frau, der gleiche Ort, fast der gleiche Satz – wie in meinem letzten Regenlaufbericht. Selbst ungewöhnliche Situationen wiederholen sich. Es sollte für heute die einzige Begegnung mit Menschen sein. Glücklicherweise. Tropfen für Tropfen kostete ich jeden Meter der Laufstrecke aus. Während meines Rückweges hielt ich an dem Zugang zum verborgenen Pfad an, um meinen Lieblingsplatz aufzusuchen.

Auf dem engen, geschlängelten Weg dorthin trat exakt das ein, was ich längst befürchtet hatte. Riesige Pfützen eroberten das Terrain. Es regnete bisher nur wenige Stunden und der Zugang war dennoch kaum passierbar. Bei Dauerregen wird der Weg derart überschwemmt sein, daß der Strand nicht mehr erreichbar ist. Heute aber gelang mir noch der hoffnungsfrohe Durchbruch. So stand ich erstarrt am Ufer des im Sturm aufgewühlten Sees, die Regentropfen suchten sich ebenso wie die unbarmherzigen Wellen ihren Weg und ich sah nur schweigend auf das Wasser hinaus – zugleich streichelte mich unablässig der behagliche Wind. Mein Körper glich einer Dampfsäule, während der liebevolle Niederschlag stetig zunahm. Die Zeit vergessend, sämtliches Denken auf ein absolutes Minirum reduziert. Nur noch fühlend. Was ich in diesen Moment fühlte, läßt sich nicht mit Worten beschreiben – vielleicht erfaßt der Terminus „Traum“ am ehesten die mir offerierte Impression. Mit sanfter Gewalt mußte ich mich zwingen, den Lauf fortzusetzen – sonst würde ich wohl jetzt noch an diesem Platz stehen und die dargebotene anmutige Schönheit der Natur genießen.

Bedecktes Land. Leere Weite. Ungestüme Freiheit. Beherrschende Einsamkeit, trotziger Regen und leiser Sturm arbeiteten Hand in Hand und hielten jeden aufmüpfigen Besucher von meiner Welt entfernt, was ich sehr zu schätzen wußte. Die Tiefe des Waldes wirkte durch die konzentrierten Regentröpfchen weitaus finsterer als es sonst die Regel ist. Eine aussichtslose Dunkelheit streckte ihren Arm nach mir aus – ich wehrte mich nicht – sie umarmte mich und zog mich in den schwarzen Wald. Hier intensivierten sich die wohlriechenden Düfte des Forstes, tief sog ich die würzige und belebende Luft ein – die darin geballte Energie war beinahe greifbar, ja sichtbar! Parallel sondierten weitläufige Pfützen die Wege. In der Ferne leuchtete der blaue Regenschutz der Waldarbeiter – und tatsächlich beherbergte selbiger drei Männer mit ausdruckslosen Gesichtern. Ich musterte sie ebenfalls emotionslos mit versteinerter Miene und ließ mich von der Abgeschiedenheit weiterhin forttragen. Sicherlich empfanden sie die heutige Wetterlage nicht mit den Gefühlen wie ich es tat.

Meine hingegen, waren überaus hochfliegender Natur. Das Gros meiner Läufe absolviere ich in relativer Ruhe und Harmonie. Doch jene Läufe, die besonderen Witterungsverhältnissen geschuldet sind, übertreffen diese angenehmen Gefühle um ein Vielfaches. Das Bewußtsein tritt in den Hintergrund, nur die elementaren Empfindungen sind noch von Bedeutung – durch die Welt laufend, mit dem Geist unbewußt fliegend – stürme ich durch die Wälder, nur die grundlegendsten Dinge fühlend. Ein Genuß der Zufriedenheit par excellence.

Alles hat seine Zeit. Und selbst traumhafte Läufe flüchten in die Vergangenheit. Ich beschloß noch eine zusätzliche Runde anzuhängen und lief ausnahmsweise direkt an der Straße entlang. Selbst gewähltes Kontrastprogramm. Alle paar Meter zierten lustige Wahlplakate die Straßenlaternen. Spöttisch dreinblickende Gesichter auf jedem, in Kombination mit diverser Wahlkampfpropaganda. Beispielsweise „Reichtum für alle!“ – Ich sehe die Politiker regelrecht vor mir, wie sie kaum noch vor Lachen gehen konnten, als sie sich diesen Unsinn ausdachten. Auch die Märchen der anderen Parteien sind genauso absurd, ja, höchst lächerlich. Während ich ein Schild nach dem anderen im Laufschritt passiere, frage ich mich, ob die Initiatoren ernsthaft davon ausgehen, daß nur ein einziger Bürger diese unehrlichen Versprechen auch nur im Ansatz glaubt? Das glauben sie doch selbst nicht! Den unrealistischsten Himmel auf Erden versprechend, um nach der Wahlposse die Kollektivamnesie auszuleben. Immer die gleiche Komödie lethargischer Lügengeschichten einer inkompetenten Kaste. Wie langweilig. Den temporären, absurden Gedankenausflug in die Politik schüttele ich nur zu gerne von mir ab, um die restlichen Meter meines Regenlaufes mit voller Hingabe zu genießen.

So endet mein wunderbarer Regenlauf. Ein Lauf, wie er in diesem Jahr bisher viel zu selten aufgetreten ist. Nichtsdestotrotz keimt in mir die leise Hoffnung, daß mich der Herbst diesbezüglich nicht enttäuschen wird. Doch die Zukunft ist noch nicht geboren.

Elementare Besinnung

Posted in Faszination Regenlauf on 24. Juli 2009 by Täglichläufer

Der Morgen zeigte sich von einer zutiefst schrecklichen Seite – blauer Himmel und Sonnenschein. Wie unschön. Zu meiner Beruhigung gastierte das Ensemble der vermeintlichen Sommerschönheit nur temporär, um später eine dramatische Wandlung zu vollziehen. Weißgraue Wolken beharrten auf ihr Recht, setzten selbiges rigoros durch und übernahmen das omnipotente Zepter der allumfassenden Witterung. In brennender Hoffnung auf Regen startete ich meinen täglichen Lauf. Nach wenigen Metern setzte eine kaum wahrnehmbare Verdunkelung in der Wolkendecke ein, nach meinem Eintritt in den ersten Wald wurde dieser Effekt eklatant verstärkt. In der Mitte des Weges bewunderte ich eine weiße Blume, welche kräftig in der Ferne leuchtete. Wieso fiel sie mir früher nie auf? Als ich mich der schönen Pflanze näherte, zerfielen plötzlich ihre Blüten in drei Teile und flogen davon; drei Kohlweißlinge zeichneten verantwortlich für diese herrliche Blume – ein zauberhafter Anblick! Geschuldet einer natürlichen Welt.

Das nächste Erlebnis oder vielmehr ein Fest für die Sinne stellt die kleine Holzbrücke dar. Vor wenigen Tagen wurde der Holzboden erneuert, so daß nun beim Überqueren ein angenehmer Duft von würzigem Holz in die Nase steigt – tiefes Durchatmen ist höchst empfehlenswert. Nach drei Kilometern berühren mich zaghafte – noch vereinzelte – Wassertropfen. Ja, sie offenbaren ihre Schüchternheit. Ich wage nicht auf mehr zu hoffen. Doch manchmal wird ein Traum Wirklichkeit. Innerhalb weniger Minuten alarmierten die nassen Tröpfchen ihre Familien und etablierten damit ein regelrechtes Heer – ich hieß den Sprühregen willkommen. Vor mir erspähte ich eine Grußfreundin mit ihrem Kampfhund; sie strahlte mich an und sagte: „Das ist jetzt Dein Lieblingswetter, oder?!“ – Ich lächelte schelmisch und antwortete, „Wenn es denn regnen würde, ja!“. Zu diesem Zeitpunkt wertete ich das Wetter noch nicht als Regenlauf. Mein Shirt war mehr vom Schweiß als vom Regen durchnäßt und erinnerte noch lange nicht an das von mir so geliebte Wasserkorsett.

Den Himmel beobachtend setzte ich meinen einsamen Weg in den Horizont fort. Kurzzeitig hörte der erfrischende Wolkenbruch auf, um wenige Minuten später zurückzukehren. Immer noch feiner Landregen. Regenlauf? Oder nicht? Das ist hier die Frage! Just in dieser Sekunde verschärften sich die grauen Schatten am Firmament und transformierten sich in schwarze Nuancen. Der illusionäre Regenkünstler bot mir einen nassen Pakt an, den ich nicht ausschlagen konnte. Ich akzeptierte und gestand mir den Regenlauf ein – plötzlich setzte eine Sturmböe ein, strich um mein Gesicht und riß mich willensstark mit sich – vielleicht als Symbol für das soeben vollzogene Bündnis. Der feine Niederschlag wurde durch kräftigen Regen ersetzt; sämtliche Geigen, die vorher den Himmel bevölkerten, entluden sich mit Macht. Ein unaufhörliches Prasseln war die Folge.

Ich reduzierte die Geschwindigkeit und für einen Moment schloß ich meine Augen. Konzentration. Höchste Konzentration auf die elementaren Kräfte – was für ein besinnlicher Augenblick. Tropfen um Tropfen trommelte in einer lange vermißten Intensität zu Boden, rann über die Äste, durch die Baumkronen brechend, suchte sich den Weg auf die Erde, um überall Pfützen zu bilden. Über eine Distanz von einem Kilometer schloß ich wiederholt meine Augen und kostete jede Sekunde davon aus. Welch vollendeter Genuß für mich! Mittlerweile war ich gänzlich durchnäßt, meine Schuhe schmatzten mit jedem Schritt und mein Shirt wechselte den Aggregatzustand des Korsetts in eine Art Ritterrüstung – ähnlich eines Kettenhemdes, nur in einem klebenden Zustand.

Im Wald sangen lauthals mehrere Vögel, Pirol und Eichelhäher waren nicht zu überhören. Die lautmalerische Kulisse kulminierte im grünen und nassen Hain. Geräusche und Klänge intensivierten sich um ein vielfaches. Große Äste, die in den Weg hineinreichen und denen ich normalerweise ausweichen würde, sollten heute ein prickelndes Hindernis darstellen. Ich suchte die Konfrontation und lief direkt auf sie zu – klatschend flogen sie gegen meine Schulter und spritzten ihr Wasser in alle Richtungen. Die kalte Hand des Waldes berührte mich und wollte mich nicht fort lassen. Voller Gefühl rieselte das kostbare Himmelsnaß auf meinem Gesicht und streichelte mein Antlitz im Wechsel mit dem Atem des Windes. Ich wünschte, die Zeit würde anhalten und dieser Augenblick in der Unendlichkeit einfrieren. Das ist das Leben!

Mit einem zufriedenen Lächeln passierte ich die belebenden Wälder mit ihrer atemberaubenden und doch so beruhigenden Kraft und trat den Heimweg an. Augenscheinlich dominierte nun ein Starkregen, meine Sicht schränkte sich leicht ein. Der Autoverkehr brauste an mir vorbei und die weiße Gischt trug die Fahrzeuge mit Heldenmut davon. Partiell stand die Straße unter Wasser, was meiner hochfliegenden Stimmung jedoch nicht trüben konnte. Nachdem mein 162. Regenlauf beendet war, stand ich auf der Straße, ca. eine Minute mit geschlossenen Augen. Regungslos. Mein Geist löste sich augenscheinlich vom Körper und in Gedanken absolvierte ich den Lauf erneut – nur in einer viel höheren Geschwindigkeit. Anschließend spazierte ich sehr langsam im Regen und freute mich auf meine kalte Dusche. Der heutige Lauf war ein Traum, ein wahrhaft gewordener Traum – nichts auf der Welt kann dieses elementare Gefühl von Freiheit aufwiegen. Elementare Besinnung. Manchmal werden Träume wahr.