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Finstertor…

Posted in 300. Regenlauf on 9. Dezember 2013 by Täglichläufer

…oder mein 300. Regenlauf in dem Zeitraum von 2000 bis 2013. Also, sprach meine Statistik und verkündete mir gestern ehrenvoll, daß ich zum 300. Mal im Zeichen des geliebten Regens gelaufen bin – gerechnet ab dem 01.01.2000 bis zum gestrigen Tage. Was für eine formidable Zahl! Ich kann den vollendeten Genuß, der sich dahinter verbirgt, nicht im Ansatz beschreiben. Zudem ist mir das nasse Glück auch heute hold gewesen – der 301. Regenlauf sollte vollzogen werden. In Anbetracht der zahlreichen abgefallenen Äste auf den Waldpfaden wollte ich erst bei Tageslicht meinen Lauf beginnen, doch die wehenden Regenhände griffen ungestüm nach meiner Person und rissen mich in die Dunkelheit hinaus, in den stürmenden Weltgesang, der mich vor allem mental eroberte. Wie könnte ich widerstehen und „vernünftig“ warten?

Die Heerscharen an rollenden Blechvehikeln rasten ungehalten an mir vorbei, gleich Dämonen mit ihren grellen Scheinwerfern; tosender Lärm. Wie sehnte ich mich nach dem ruhigen Hain der Einsamkeit, den ich sodann endlich passierte. Die schwarze Nacht neigte sich noch nicht zur Rüste und so empfing mich das Finstertor des Waldes mit seinem verborgenen Regenreich der weiten Abgeschiedenheit. Ich trat glücklich ein und in jenem Moment verschloß es hinter mir seine Pforten vernehmlich wispernd – irgendwo in der Düsternis ächzte ein großer Ast in den Böen und generierte ein knarzendes Geräusch wie in den uralten Gespensterfilmen. Angekommen, ja, ich bin angekommen in meiner lieblichen Laufwelt, wenngleich ich weniger als nichts erspähen kann, so entschlossen dominiert das tiefe Schwarz, indessen es allenthalben von den Baumgesellen hernieder prasselt.

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß ich meinen 200. Regenlauf erst im Jahr 2010 realisieren durfte und nun nach nur drei Jahren bereits bei 300 angekommen bin und doch habe ich gleichwohl immer den subjektiven Eindruck, daß es nicht genug regnet und das Jahr viel zu trocken ist. Allein, es kann nicht genug für mich regnen – ein „genug“ ist irrelevant. Einmal mehr kehrte ich in der Erinnerung zu jenem Tag zurück, an dem sich meine Regenlaufliebe hoch lodernd entzündete und sehe den damaligen Hauptfeldwebel G., Scharfschützenausbilder in meinem Panzergrenadierbataillon lebhaft vor mir, wie er sich über den Regen wie ein kleines Kind freute und in den Laufschritt wechselte und ich nur staunen konnte. Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet. Wie unwissend war ich doch einst!

Was habe ich ihm nur zu verdanken!? Über 300 Regenläufe, die einen Genuß und eine Zufriedenheit verkörpern, die ich nicht beschreiben kann und ja, nicht beschreiben will. Oh geliebte Regenwelt, diesem einzigartigen Reigen kann man sich nur mit elementarer Liebe hingeben und ich bin geneigt anzunehmen, daß noch viele, viele Einladungen in dieser traumhaften Art auf mich warten werden. Diese Symphonie, komponiert von der Natur an das Leben kann man nur mit dem Herzen würdig wahrnehmen. Auch zukünftig singe ich das Lied des Regens, im friedvollen Einklang mit mir selbst.

Der Tagesbeginn offenbarte sein düsteres Wesen. Am Firmament dominierten Heerscharen graudunkler Wolken, uneingeschränkt. Bar der ungetrübten Heiterkeit, der blaue Himmel verstimmt hinter der Bühne des allumfassenden Äthers verschollen. Zärtlich fielen die ersten Wassertröpfchen zur Erde, ein leiser Landregen setzte ein. Verführte. Die Augen geschlossen und tief die würzige Luft einatmend, konzentrierte ich mich auf die einzigartige Aura, die in dieser exponierten Form nur während der weinenden Natur herrscht. Es war ein Gefühl, als ob sich diverse Energieteilchen des Lebens, unbedeutende Partikel nur – in mir sammelten und eine Art Strom bildeten, ihre Kraft an mich transmittierten, die sich mit meinem Geist, meiner selbst verbanden und Verborgenes mobilisierten. Scheinbar an der elementaren Substanz des Lebens selbst partizipieren. Ein Gefühl, welches ich nicht in Worte kleiden will.

Ich verlasse den ersten Wald und beobachte die unendlich leere Weite des Himmels. Jener zeigt sich von seiner zutiefst düsteren Seite, gleichwohl die Grauschattierungen sich in mannigfaltigen Nuancen stufenlos voneinander absetzen. Die Finsternis sollte weiterhin das Zepter der Herrschaft tragen, was ich von Herzen begrüßte; ich gönne es ihr. Im nächsten Wald dehnte sich selbige auf Grund der zahlreicheren Bäume mit rigorosem Engagement aus. Das dichte Blätterdach schützt mich in keiner Weise vor dem lieblichen Regen, dessen Legionen längst jedweden Widerstand brachen. Ich erreiche den Damm, meine Schuhe quittieren schmatzend Schritt um Schritt ihren Bewegungsdrang und sofort umarmt mich eine Windböe, die mich in eine andere mentale Atmosphäre entführen will, was ihr auch liebkosend gelingt. Vollzogene Verführung.

Gewaltige Flotten von Wolkengaleonen präsentierten sich in einer prächtigen Parade – auf facettenreichen Graunuancen basierend – und demonstrierten der entfernten Erde ein kräftiges Regenkonzert. Eine bis in das kleinste Detail abgestimmte Symphonie, welche stakkatoartig die Regentröpfchen in die winterliche Welt entließen. Einmalig komponiert – eine Ode an das Leben. Bedecktes Land. Leere Weite. Ungestüme Freiheit. Beherrschende Einsamkeit, trotziger Regen und leiser Sturm arbeiteten Hand in Hand und hielten jeden aufmüpfigen Besucher von meiner Welt entfernt, was ich sehr zu schätzen wußte. Die Tiefe des Waldes wirkte durch die konzentrierten Regentröpfchen weitaus finsterer als es sonst die Regel ist. Eine aussichtslose Dunkelheit streckte ihren Arm nach mir aus – ich wehrte mich nicht – sie umarmte mich und zog mich in den schwarzen Wald. Ein sehr nachdenklicher Lauf, durchwoben von Melancholie und Freude – die unterschiedlichsten Gefühle. Begegnungen wie die heutige reißen mich aus der Routine und offenbaren, wie fragil die Endlichkeit doch ist. Ich habe unverschämtes Glück, daß ich schon so lange täglich laufen darf. Wir sollten jeden einzelnen Lauf genießen, wer weiß, was das Leben für uns noch bereithält.

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