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Ein Jahrzehnt. Mein Weg als Täglichläufer

Posted in Täglichlaufen. Mein Weg. on 28. Oktober 2009 by Täglichläufer

Die Zeit ist reif. Mein substanziellstes Jubiläum in diesem Jahr. Seit zehn Jahren darf ich mich als Täglichläufer sehen. 1999 – 2009. Vor einer Dekade begann eine Entwicklung, die mich zu einem anderen Menschen werden ließ. Rückblickend betrachtet, handelte es sich um eine bedeutende Zäsur für mich selbst und mein Leben. Ein konkretes Datum kann und will ich nicht nennen. Im September/Oktober/November 1999 vollzog sich die aufkeimende Wandlung vom unregelmäßigen Schönwetterläufer zum Täglichläufer. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade einmal zweieinhalb Jahre dem Laufsport treu. Die Trainingseinheiten expandierten – natürlich unbewußt. Damals nahm ich das Laufen nicht im Ansatz wie heute wahr. Es war eine ganz andere Welt. Eine viel schwächere Ausgabe meiner selbst. Körperlich wie mental.

Nun jährt sich der Auftakt meines Täglichlaufens zum zehnten Mal. Ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin extrem stolz auf mich. Und kann es selbst kaum glauben. Ausgerechnet ich! Es ist aber auch gleichzeitig erschreckend. Wo sind nur die Jahre geblieben? Wie konnte die Zeit derart schnell in die erinnernde Vergangenheit flüchten? Vor meinem geistigen Auge ziehen die schulischen Sportstunden vorbei, an die ich mich mit Grauen zurück erinnere. Als wäre es gestern gewesen! Im Stadion sollte ich laufen und nach 100 Metern beherrschten mich Seitenstiche und die super trainierten Mitschüler zogen Runde um Runde lachend vorbei. Was gäbe ich darum, mit meinem heutigen Körper daran teilzunehmen. Heute wäre ich derjenige, der lächelt. Das Leben wird man nie verstehen; ein seltsamer Zufall bestimmte mich zum Täglichläufer. Mein sportliches Versagen in der Schule lag zum großen Teil natürlich an meiner Person, aber auch der Sportlehrer trug seine Verantwortung daran. Als Mensch, der nur für den Sport lebte, verstand er nicht, seine Begeisterung an die Schüler weiterzugeben oder die bereits vorhandene Freude zu forcieren. Meine einstige Schwäche seinerzeit ist aus heutiger Sicht zu einer Stärke geworden; die Reminiszenz hieran führt dazu, daß ich nie vergessen werde, wie ich früher war, was gleichzeitig auch zu einem latenten Antrieb geworden ist.

Das damalige Unverständnis, was ich dem Sportlehrer entgegen brachte, hat sich in Verständnis transformiert; ich kann ihm keinen Vorwurf machen, zumal wir uns sonst sehr gut arrangierten – bis auf das Fach Sport. Lange nach meiner Schulzeit sah er mich sogar hin und wieder laufen. Eines Tages grüßte ich ihn, jedoch unterbrach ich meinen Lauf nicht. Leider. Ich nahm mir vor, ihn beim nächsten Treffen über meine Täglichlaufaktivität zu informieren und stellte mir sein erstauntes Gesicht vor. Aber wie das Leben so spielt, eine derartige Chance wurde mir nicht zugestanden. Er lebte für den Sport, bedingungsloser Sport war sein Leben und das wurde ihm zum Verhängnis. Kurze Zeit später erlitt er einen Sportunfall und war seitdem gelähmt. Für einen Menschen, der für die Bewegung gelebt hat, ist dies ein Todesurteil. Und so war es auch. Ich sah ihn nie wieder. Ich bin dankbar, daß ich ihn gekannt habe, einen größeren Sportfanatiker habe ich nie wieder getroffen. In meiner Erinnerung lebt er weiter und wird seine Schüler im Sportunterricht zu Disziplin antreiben. Rigoros. – Im Jahr 2000 lernte ich das Täglichlaufen richtig schätzen – wenngleich mir der spezielle Terminus freilich unbekannt war. Auch legte ich noch Ruhetage ein, zwar nur wenige, doch längere „Serien“ bildeten sich nicht.

Es war ein schönes Jahr, der den Grundstein meines Denkens legte. Der Jahresabschluß sollte sich als unschön herausstellen, da gravierende Fußprobleme mich an das Ergometer bannten. Welch deprimierende Zeit! Ich spürte die Kerze, die hell lodernd in mir brennt und wollte laufen, nur laufen und jedes Mal, wenn ich der Flamme Nahrung geben wollte, löschte sie mein Körper. Unmißverständlich. Die gesundheitlichen Probleme zogen sich bis in den März hinein. Als ich dann wieder einigermaßen laufen konnte, faßte ich am 18.03.2001 den bewußten Entschluß, ab sofort jeden Tag zu laufen. Täglich. Ohne Ausnahme. Aus Trotz. Aus Rache. An meinem Körper, dieses unzulängliche Gebilde. Ich wußte, daß das nicht lange gut gehen würde, alsbald würden mich neuerliche Schmerzen zum Pausieren zwingen. Meine Einschätzung sollte sich als Irrturm enttarnen. Die Wehwehchen reduzierten sich enorm, dafür erhöhte sich das Vertrauen in meinen Körper. So lief ich nun täglich und genoß es einfach. Selbstverständlich nicht in der heutigen Intensität, Sensibilität und Wahrnehmung. Selbst die Monate zählte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Vor meinem ersten Jahresjubiläum entstand dann doch ein gewisser Ehrgeiz – „Ein Jahr Täglichlaufen“ – zu vollenden. Und es gelang mir! Von nun an zählte ich die Monate, während ich den Weg in die Täglichläuferzukunft beschritt. An Ruhetage oder Aufhören dachte ich nicht mehr.

Wenn ich geahnt hätte, was ich in den kommenden Jahren alles erleben würde – ich hätte es nicht geglaubt. Die verschiedensten Emotionen erfuhr ich in meinen Laufeinheiten. Ich lief laut lachend durch die Wälder und still weinend. Ich schrie vor Schmerzen auf und zwang mich dennoch weiter zu laufen. Glückliche Läufe wechselten sich mit anstrengenden ab. Melancholische wie traurige Gefühle wurden Zeuge meines Täglichlaufens. Das traurigste Erlebnis in meiner Laufzeit fand 2008 im Zuge eines Regenlaufes statt. Als leidenschaftlicher Regenläufer gab ich mich den nassen Witterungsmächten hin und kostete das kühle Naß par excellence aus. Indes lief ich an einer unbedachten Bushaltestelle vorbei, wo ein an den Rollstuhl gefesselter Mann im strömenden Regen auf den Bus wartete. Jenen Moment, wo sich unsere Blicke trafen, werde ich nie vergessen. Ein trauriger Augenblick des Lebens, voller Gegensätze. In solchen Situationen wird man aufrichtig gewahr, was es bedeutet halbwegs gesund zu sein. Die Gesundheit ist das wichtigste Gut überhaupt im Leben eines jeden Menschen. Das sollten wir nie vergessen. Wie schnell kann sich das seltsame Lebensrad drehen und plötzlich sitze ich in dem Rollstuhl? Leben wir das Leben! Solange wir es noch können.

Die Jahre zogen in das Land und nach wie vor gelang es mir, die Konzeption weiter zu praktizieren. Gleichwohl veränderte sich mein Denken immer mehr. Die aktuelle „Serie“, einst aus einer Trotzreaktion entstanden, wurde zu einem Ritual, welches sich später zu einer Verinnerlichung veränderte, um letztendlich zu einer Art Lebenseinstellung zu werden. Das ist auch der Grund, weswegen ich die erlebten Herausforderungen bisher meistern konnte. Und derlei gab es viele. Die individuelle Grenze, bei Schwierigkeiten Ruhetage einzulegen, erhöhte sich immer gravierender. Täglichlaufen bedeutet nicht nur bei Sonnenschein zu laufen. Gerade die Widrigkeiten sind es, die das Täglichlaufen für mich definieren. So drehte ich 2002 meine Runde – unmittelbar nach einem Sturz, der für ein temporäres Aussetzen der Seh- und Hörkraft sorgte. Ich lief im Winter im hohen Schnee mit blutender Nase und zog eine regelrechte Spur durch die Welt. Wie unangenehm. Für Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar, aber für mich ergibt das einen vollkommenen Sinn, da das Außergewöhnliche nie auf glatten Wegen entstehen kann. Ich geriet in eine Auseinandersetzung mit einem Alkoholiker, der mich ein Jahr lang mehr oder weniger belästigte. Auch erinnere ich mich an mehreren Auseinandersetzungen mit Jugendlichen. Im Laufe der Jahre erlebte ich 16 Hundeangriffe, von denen ich 15 abwehren konnte – gebissen wurde ich nicht. Die lieben Vierbeiner konnten mich noch nie vom Laufen abhalten, im Gegensatz zu einer immens hohen Anzahl von kleinen Fliegen – mein einziger Lauf, den ich je abbrach – so geschehen am 02.10.2000. Im Jahr 1999 war ich Zeuge, wie mehrere Personen aus dem rechten Spektrum Hunde quälten und zu Kampfmaschinen ausbildeten – mit Peitschen und Ketten. Widerlich!

Ja, auch gefährliche Situationen ließen sich nicht vermeiden. Mehrfach drohten mich niederfallende Äste fast zu erschlagen, doch das Glück war mir hold. Ebenso bei diversen Fastautounfällen – allein von 2004 bis heute 29 an der Zahl. Selbstredend ereigneten sich auch kuriose Begebenheiten, wenn ich an zwei Vorfälle mit Polizeihubschraubern denke, die mich in nächster Distanz verfolgten – weil während meines Laufes ein Straftäter gesucht wurde. Obwohl ich grundsätzlich in schwarzer Bekleidung und nicht immer lächelnd durch die Wälder laufe, mußte ich sie hierbei enttäuschen. Ich war nicht der Gesuchte. All das gehört zu meinem Täglichlaufen – dadurch wurde ich, was ich bin. Nicht nur schöne Erfahrungen, auch sehr viele unangenehme gehören dazu, ja, müssen dazu gehören, um meiner Täglichlaufphilosophie ihre langfristige Legitimation, ihren Wert zu verleihen. Aber nichts davon konnte meine Intention unterminieren, im Gegenteil! Und dieses Gefühl und Wissen, die sich daraus generieren, bilden ein Reservoir der Stärke für die Zukunft. Oft wurde meine gelebte Täglichlaufkonzeption relativ heftig von verschiedenen Seiten, vor allem gesundheitlicher Natur bedroht. Nichtsdestotrotz laufe ich weiter täglich. Natürlich ist mir bewußt, daß eines Tages der Moment kommen wird, an dem mich der finale Schlußpunkt erreichen wird, denn nichts hält ewig im Leben. Auch mein Täglichlaufen ist wie alles im Leben nur Staub im Wind. Es kam aus dem Nichts, besteht für Nichts und wird dereinst im Nichts sein Ende finden.

Im nicht wirklich anonymen Internet stieß ich durch Zufall auf das Streakrunner Forum, was mich sehr in Erstaunen versetzte. Sollten noch mehr Menschen täglich laufen? Ich gebe zu, daß ich die Vorstellung recht kurios fand, da ich bis dato die Idee ziemlich verrückt einschätzte. Flugs meldete ich mich an und war von 2006 bis 2009 ein kleiner Teil der täglich laufenden Gemeinschaft. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entstanden jedoch diverse Differenzen, basierend auf divergenten Ansichten, so daß ich mich verabschiedete. Ich lief schon zu lange täglich, als daß mein Denken dort wirklich verstanden werden konnte. Wenn mein Abschied auch im Streit stattfand, war es doch eine schöne Zeit bei den damaligen positiven Laufverrückten, die ich nicht missen möchte. Ich freue mich, noch heute mit vielen Mitgliedern in Kontakt zu stehen.

Nach dem Austritt stellte ich das Zählen der Tage ein, ich beließ es bei 3002 Tagen am 05.06.2009 und kehrte zur Jahres- bzw. Monatszählung zurück. Aktuell ergeben sich Acht Jahre und Sieben Monate Täglichlaufen in Serie. Was ich erwähnenswert finde, ist die Tatsache, wie bekannt man durch das tägliche Laufen wird. Meine Aktivität beschränkt sich in der Majorität in einem expliziten Stadtteil mit seinem Hochwasserschutzgebiet und den angrenzenden Wäldern. Mittlerweile habe ich sehr oft die Erfahrung gemacht, daß ich überall in der Stadt nur als Läufer bekannt bin. Letzten Montag bei der üblichen Jahresuntersuchung bei meinem Zahnarzt begrüßte er mich mit den Worten: „Na, heute schon gejoggt?“. Und das ist nur ein Beispiel von zahllosen. Daran werde ich mich nie gewöhnen.

Die Ursache hierfür dürfte sich auch in der Tatsache kanalisieren, daß ich selbst bei Minusgraden nur mit kurzer Bekleidung unterwegs bin. Abhärtung war stets ein essentieller Bestandteil meiner Konzeption. Wobei sich die Werte automatisch korrigiert haben, soll heißen, so extrem wie früher bin ich längst nicht mehr. Auf Experimente dahingehend verzichte ich komplett, meine persönliche Schmerzgrenze durfte ich leidvoll erfahren. In den letzten Jahren wurde mir die Gnade von 169 Regenläufen gewährt, acht Läufe fanden bei Gewitter statt und 56 Glatteisläufe gesellten sich dazu. Weiterhin durfte ich 43 Mal in Begleitung laufen.

Gemeinsame Läufe kommen recht selten vor, wodurch ich sie besonders zu schätzen weiß. Ich traf in der Vergangenheit im Rahmen meines Täglichlaufens auf viele interessante Menschen, die partiell zu Freunden wurden. Sehr viele Hundefreunde und ihre Besitzer, sowie zahlreiche Grußbekannte lernte ich kennen. Ein großer Teil von ihnen wurden zu einer Art Anhänger, ich freute mich sie nahezu täglich zu sehen. Licht und Schatten liegen immer dicht beieinander. Umso schmerzlicher das Gefühl, wenn langjährige Bekannte auf einmal für immer verschwinden. Menschen kommen und gehen. Das Karussell des Lebens dreht sich beständig. Alte gehen, neue wachsen nach. Eine Homogenität ist nie gegeben.

Das betrifft auch meine liebsten Begleiter, die Tiere. Sie zeichnen oft für die schönsten Erlebnisse verantwortlich. Seien es meine Schafe, die Hochlandrinder, Fasane, die edlen Bussarde und andere erhabene Raubvögel oder niedliche Stockenten, schimpfende Fischreiher und Graugänse. Eichhörnchen, Rehe und Schwarzspechte reihe ich ebenfalls mit ein. Allein die täglichen Beobachtungen und Begegnungen mit ihnen, heben mein Laufen auf eine wunderbare Ebene der Freude. Sie im Wechsel der Jahreszeiten zu beobachten und die Welt, in der sie leben – erzeugt ein einzigartiges Gefühl. Und genau das ist Täglichlaufen. Es ist ein Gefühl. Im finsteren Forst laufen, dunkle Wolken ziehen am Horizont entlang. Plötzlich öffnet sich der graue Himmel, ähnlich zweier Schiebetüren, die sanft zurückgezogen werden; goldene Strahlen brechen mutig hervor und erobern von oben engagiert die Baumkronen. Sie leuchten durch die Bäume, einzelne Strahlen erreichen den Boden, abgefallenes Laub in allen Farben und Tautropfen reflektieren das grandiose Lichtspiel. Welch ein Gefühl! Niemand wird mich verstehen. Wer nicht meine Erfahrungen, Empfindungen, Erlebnisse und Naturliebe im gleichen Maße absolviert und erfahren hat, kann und wird nicht nachvollziehen können, was ich unter Täglichlaufen verstehe. Denn ein Antisportler, der seit zehn Jahren täglich läuft und mehr als achteinhalb in Serie davon – darf widersprüchlich sein. Das bin ich. Ich vereine viele Widersprüche, aber das Leben hat mich dazu bestimmt. Und es hat Recht.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei meinen Eltern und Brigitte bedanken. Vor allem dafür, daß mir Eure Unterstützung stets sicher war. Ich weiß, ich habe es Euch nie leicht gemacht; Euch oft mit meinem Täglichlaufen strapaziert – manchmal nervt es mich selbst (als kleiner Trost) – und Euch wiederholt in Sorge versetzt. Sei es durch nächtliche Waldläufe mit Wildschweinkontakt, meiner Sturheit und Unvernunft oder durch gesundheitliche Eskapaden. Meinen verbindlichsten Dank für Eure Geduld; ich verneige mich. Erneut muß ich Hauptfeldwebel Gl., damaliger Scharfschützenausbilder in meinem Panzergrenadierbataillon meinen Dank aussprechen, er war derjenige der vor endlosen Zeiten mit seinem Vorbild die Leidenschaft zum Regenlauf in mir auslöste – ein überragendes Geschenk. Das ist mein Weg als Täglichläufer. Den ich jederzeit wieder so gehen würde. Exakt so wie bisher. Auch in der Zukunft werde ich nicht vor Herausforderungen gefeit sein. Ich hoffe, daß ich mich noch einige Zeit als Täglichläufer bezeichnen darf. Wohin wird die Reise gehen? In welche Richtung führt mein Weg? Ich weiß es nicht – aber es werden helle wie dunkle Tage aus der Zukunft in die Gegenwart rasen. Wie immer. Täglichlaufen. 1999 – 2009. Ein Jahrzehnt. Eine Dekade.