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Das Jahr der Wildschweine

Posted in Contra Mensch, Pro Wildschweine on 28. Juni 2012 by Täglichläufer

Vor nicht allzu langer Zeit handelte es sich um rare Momente im vergänglichen Dasein, wenn es mir gelang, wühlende Vertreter der Schwarzkittelfamilie zu begegnen und zu beobachten. Meine erste Begegnung fand im Jahr 2000 im Dunkeln statt, eine schwarze Rotte kreuzte unmittelbar vor mir den finsteren Waldweg und ihre an den Tag, nein, an den Abend gelegte Ignoranz suchte ihresgleichen. Damals war ich latent erstaunt, denn bis dato vernahm ich in der Majorität Geschichten von der Bösartigkeit der scheuen Wildschweine – Märchen von unwissenden Narren. Sodann mußte ich sage und schreibe acht Jahre warten, um erneut die borstigen Freunde zu erspähen. Im Anschluß traf ich sie immer wieder mal und in diesem Jahr erlebte ich bereits sieben Beobachtungen – das ist ein Rekord! Ja, das Jahr 2012 ist für mich das Jahr der Wildschweine.

Mir wurde die Gnade zuteil, sie zu jeder Tageszeit beobachten zu dürfen; von einem einsamen großen Keiler, über zahlreiche Frischlinge bis hin zu einer großen Familie offenbarte mir das Leben viele Konstellationen. Wer nun an die Mär von der Nachtaktivität denkt, den muß ich leider enttäuschen – das Gros unserer Treffen fand im schönsten Sonnenschein am Tag statt. Mittlerweile habe ich 15 Wildschweinkontakte in meiner Laufdatei erfaßt und nicht einmal erwiesen sich jene Begebenheiten als bedrohlich oder gar gefährlich. Im Gegenteil, in der Regel flüchteten die süßen Putzels oder zeigten sich von ihrer neugierigen Seite. Freilich, ich greife sie auch nicht an. Schlußendlich kann ich konstatieren, daß jede einzelne Begegnung eine großartige Bereicherung meiner täglichen Läufe darstellt. Ich möchte nicht eine Beobachtung missen.

In dieser Woche sagte jemand in einem Gespräch zu mir, daß es zu viele von den „Mistviechern“ gäbe, die doch nur alles zerstören, ja, man muß man viel mehr von ihnen „abknallen“. Oh, was für eine Vorlage par excellence für mich! Selbstverständlich pflichtete ich sofort bei, wenngleich in anderer Art und Weise. Jene Aussage kam von einem Angehörigen der temporär scheinbar herrschenden Klasse auf der Erde. Ich wiederhole, „Wildschweine richten nur Schaden an und müssen deswegen getötet werden“. Nun, welches Tier zeichnet verantwortlich für die gewichtigsten und elementarsten Schäden in unserem wertvollen Habitat? Welches Tier ist in der Lage, die gesamte Umwelt, den ganzen Planeten zu zerstören – und macht davon exorbitanten Gebrauch? Von wenigen Ausnahmen wie Viren abgesehen sind mir keine Wesen bekannt – außer der Gattung Mensch – die ihre eigene Lebensgrundlage bewußt, mit voller Absicht und mit Hingabe freudig vernichtet.

Wir rotten Abermillionen Lebewesen aus, zeichnen uns durch extremste Grausamkeit aus, vernichten Arten, die wir nicht einmal kennen mit einem blasierten Lächeln, zerstören Lebensraum um Lebensraum, verseuchen die Weltmeere, verpesten die Atmosphäre, unterwerfen jedwedes Leben, greifen in ökologische Systeme ein, die wir nicht einmal im Ansatz verstehen, züchten lebende Wesen in unerträglich quälender Weise nicht als Nahrungsgrundlage sondern um des schnöden Profits willen und in dieser unserer unermeßlichen Unintelligenz wie Arroganz wagt es ein Vertreter über Wildschweine zu richten? Und deren Tod zu fordern? Mit welchem Recht, mit welchem Recht? Ausgerechnet ein Vertreter unserer törichten Mörderspezies erklärt mir, daß man Wildschweine abschießen müsse? Weil es ihrer zu viel gäbe? Weil sie IHREN Forst, ihre Heimat „zerstören“? Ich war, nein, ich bin sprachlos.

Ja, da ziehe ich doch mit Freuden den Umkehrschluß. Wer kontrolliert und reduziert denn eigentlich unseren eigenen Bestand? Auf unserem armen Planeten vegetieren geschätzt sieben Milliarden Menschen (wer will das zählen?), für eine adäquate und schonende Lebensweise im Kontext der endlichen Ressourcen und in erster Linie einer von RESPEKT zeugenden Lebensweise gegenüber anderen Arten und Gemeinschaften sind das wenigstens sechs zu viel. Aber ein rücksichtsvolles wie verantwortungsvolles Agieren prägte uns noch nie. Spezies Mensch. Ein aus dem Ruder gelaufener evolutionärer Irrtum, der sich verselbständigt hat und in keiner Form mehr kontrollierbar ist, der nicht erkennen will, daß er auf die einzigartige Natur angewiesen ist und ohne selbige nicht (über)leben kann. Oh, sancta simplicitas! Darüber kann man nachdenken. Oder auch nicht.