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Die Kunst des Täglichlaufens

Posted in Täglichlaufen. Organisation. on 13. Dezember 2009 by Täglichläufer

Eine essentielle Thematik meiner Täglichlaufphilosophie konzentriert sich auf die Organisation derselben – allgemein im Leben wie speziell im Alltag. Das bewußte Auseinandersetzen mit dem täglichen Lauf respektive der Realisierung im Tagesablauf kann zu einer Herausforderung werden und die Frage der Verwirklichung stellt sich entsprechend täglich neu. Zahllose Faktoren wirken hierbei auf die Konzeption ein, insbesondere die Familie, der Beruf, Freunde und diverse weitere Verpflichtungen tragen das ihre dazu bei – und nicht alle sind manipulierbar. Zumal die Zeit in der heutigen schnellebigen Gesellschaft ein rares Gut darstellt. Wer hat schon noch Zeit? Oder ist das nur eine Illusion, die man selbst bestimmen kann? Und so erlebt man tagtäglich Schwierigkeiten, die den Stil des täglichen Laufens konterkarieren. Die Primärfrage lautet also, wie bringe ich den Lauf im Tag unter? Sekundäre Einsprüche kanalisieren sich in Richtung der Distanz, der präferierten Strecke und nicht zuletzt der explizite Tageszeitpunkt. Wird es ein Lauf in der Dunkelheit oder ist es mir möglich, bestimmte Termine zu verschieben, um noch im Hellen zu laufen? Möchte ich überhaupt Verabredungen revidieren? Nur für den täglichen Lauf? Sofern man die Umstände kontrollieren kann, ist es eine Frage der persönlichen Definition, bzw. welche Ebene man als Täglichläufer erreicht hat.

Ein Anfänger im Täglichlaufen wird schwerlich Termine verlegen, nur um mal eben so zu laufen. Wozu auch. Schließlich gibt es Wichtigeres im Leben als Täglichlaufen. Natürlich. Wer hingegen die Konzeption über viele Jahre praktiziert und den Stil en détail verinnerlicht hat – weit über eine Ritualisierung hinaus – wird sich selbstredend bemühen, seinen täglichen Lauf zu absolvieren. Hindernisse werden gemeistert. Ausnahmslos. Dies kann zu kuriosen Begebenheiten führen, etwa dann, wenn man mit normaler Bekleidung kurze drei Kilometer läuft oder mitten in der Nacht aufsteht, um in den Wald für einen Lauf zu verschwinden. Oder anstatt zu schlafen, stellt man seinen Wecker 90 Minuten früher und konzentriert sich auf den Lauf, um entspannt in den Tag zu starten. Was für den Durchschnittsläufer seltsam anmutet, ergibt für den Täglichläufer einen vollkommenen Sinn, da die gelebte Selbstdisziplin ihren Tribut fordert und somit den individuellen Wert des Stils erhöht. Beispielsweise bin ich persönlich kein Freund des Fernsehens, eine der Lieblingsbeschäftigungen der meisten Menschen. Allein, die dadurch gesparte Zeit, kann man wunderbar in das Täglichlaufen investieren. In der Nacht vom vergangenen Freitag zum Samstag mußte ich meinen Lauf in die nächtlichen Morgenstunden integrieren, mir blieb keine andere Wahl. Wenngleich mir der Zeitpunkt nicht behagt hat, konnte ich meine Runde dennoch genießen – allein am finsteren Wasser. Von aller Welt verlassen gehörte die einsame Dunkelheit mir, nur mir allein. Behutsam umarmt von einer alles verzehrenden Nebelwand, flankiert von der goldenen Mondsichel zu meiner rechten. Untermalt von einem Vogelkonzert und einem lauthals schimpfenden Fischreiher. Eine nächtliche Atmosphäre des puren Genusses.

Manche Täglichläufer unterwerfen sich dem in den USA fragwürdig definierten Täglichläuferreglement und akzeptieren auch das sonderbare „Midnight-Double“, welches in Notsituationen gelaufen wird, um die „Serie“ zu halten. Soll heißen, ich laufe um 23:30 Uhr los und kehre um 00:30 Uhr zurück – ich laufe also eine Stunde und gebe das als zwei Läufe aus. In meinen Augen ist das ebenso inadäquat wie sinnlos. Wie kann ich einen Lauf als zwei ausgeben? Das ist kein Täglichlaufen mehr, sondern das Konstruieren eines Alibis – einer täuschenden Unwahrheit, um die Fortsetzung der Serie zu legitimieren. Damit gibt man die Intention des Täglichlaufens der Lächerlichkeit preis. Dann hat man jenen Punkt erreicht, daß man nur noch läuft, um die Serie zu erhalten, ergo wurde der erste Grundstein gelegt, um das Ende der Konzeption zu forcieren. Täglichlaufen ist ein wunderbares Gefühl, aber wie oben schon angedeutet, bedeutet das lange nicht alles. Als Täglichläufer sollte man zu sich selbst so ehrlich sein und eingestehen, daß diese Philosophie irgendwann ihren logischen Schlußpunkt finden wird und muß – sie mit künstlichen Ausreden zu verlängern, ist unangemessen und bedenklich.

Gleichwohl bedarf es nur einer wirklichen Voraussetzung im Leben eines Täglichläufers. Nur der Wille zum Willen ist erforderlich. Selbstverständlich existieren immer wieder einmal Probleme, die auch den stärksten Willen behindern. Wer spätabends erschöpft von der Arbeit nach Hause kommt und sich fragt, warum tue ich mir jetzt noch einen Lauf an? – weiß wovon ich rede. Dennoch, in diesen Fällen reduziert man eben die Distanz oder verlegt den Lauf in die Nacht. Ein wahres Hindernis ist das nicht. Nicht denken. Laufen. Nichts ist jemals einfach. Und wenn Täglichlaufen so simpel wäre, so wäre die gebührende Wertschätzung eine andere und der Stil letztendlich keine Besonderheit. Wer die Konzeption des Täglichlaufens verinnerlicht hat, sie liebt und lebt, wird für sich immer einen Weg finden – diese Intention zu leben und zu realisieren. Für manche mag dies eine Kunst sein, doch in Wahrheit handelt es sich um keine Kunst. Sondern um Natürlichkeit.