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Der Moment…

Posted in Besondere Momente, Täglichlaufen. Laufberichte. on 14. November 2016 by Täglichläufer

… der erstarrten Schönheit. Eine angenehme Temperatur von -06 °C schürte meine Erwartung zu Tagesbeginn und ja, selbige wurde wahrlich erfüllt. Behutsam, aber doch stetig erstieg Mutter Sol am Firmament ihren würdigen Thron der brennenden Eleganz und sandte ihre Strahlen unablässig hernieder, welche mit Hingabe versuchten, die zahlreichen Nebelfelder zu durchdringen. Die liebreizende Natur kleidete sich indessen in weiße Gewänder, alles Grün hat sich in ein wundervolles Weiß verwandelt und die Weiher trugen eine filigrane Eisschicht. Wohin ich meinen Blick auch richtete, ich wurde förmlich von der vollkommenen Schönheit erschlagen; zudem führte mich mein Weg hinweg über unermeßliche Diamantenfelder – ein blitzendes Funkeln allenthalben. Abertausende Edelsteine generierten ein prachtvolles Farbenspiel sondergleichen.

Tief im Hain fielen die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen auf die Erde, in einem goldenen Farbton, wie er nur in dieser Jahreszeit zu beobachten ist. Vollkommen edel und erhaben erhellten die tanzenden Lichtspiele den herbstlichen Blätterforst und vereinigten sich mit den kostbaren Brillanten, welche die Pfade ausstaffierten. Sodann traf mich der einzigartige Moment der erstarrten Schönheit völlig unvorbereitet wie ein Blitzschlag. In der Tat, diese Anmut ließ mich innehalten – die Beine versagten mir und ich blieb abrupt stehen und sog den Glanz und die Grazie des eisigen Weltgesangs in mir auf. Lange Zeit verharrte ich und verband meinen Geist mit der Natur und fühlte und genoß nur. Ein stiller und zarter Augenblick, wie er nur selten im Leben zu finden ist. Was für ein Lauf und Moment!

Von Rehen

Posted in Besondere Momente, Täglichlaufen. Laufalltag. on 2. August 2016 by Täglichläufer

Der Tagesbeginn mühte sich redlich, sich von seiner finsteren Seite zu zeigen und reizte gar lieblich mit Nieselregen. Allein es blieb bei dem Bemühen, denn die Dunkelheit war nur latent ausgeprägt und auch der vermeintliche Regen zieht nicht in meine Regenstatistik ein. Demungeachtet wußte ich die angenehmen Temperaturen zu schätzen, welche sich kausal auf meinen heutigen Lauf auswirkten und für eine greifbare Energie verantwortlich zeichneten – wie ich sie lange nicht erfahren durfte. Die Einsamkeit des hehren Forstes war von einer wundervollen Einzigartigkeit geprägt und so genoß ich mein Täglichlaufen in einem besonders gehaltvollen Maße. Tief im Hain befand ich mich mittlerweile auf dem Rückweg und bog an einer Wegkreuzung ab, um jählings direkt vor mir ein mittelgroßes Reh zu erspähen.

Für den Bruchteil einer Sekunde fror die surreale Zeit scheinbar ein – wir sahen uns an und sinnierten wohl beide, wie die Begegnung sich nun weiter entwickeln würde. Ich verlangsamte abrupt meine Geschwindigkeit, indessen der Zeitenfluß sein gewohntes Tempo wieder aufnahm und das edle Reh sofort im Unterholz verschwand. Nachdem es zwei Meter hinter sich gebracht hatte, redete ich das schöne Tier auch schon an – getreu meiner Art, mit jedem Tier zu kommunizieren – und nach zehn Metern hielt es inne und drehte sich zu mir um und beobachtete mich. Ich hielt meinen Monolog fröhlich weiter und verließ den Ort des Geschehens, um nicht weiter zu stören. Das Reh zeigte auch – wie so oft – kein Fluchtverhalten mehr und ich freute mich sehr, diesen seltenen Vertrauensbeweis erhalten zu haben.

Bereits gestern früh gelang es mir, ein sehr großes Reh bei seinem Morgenmahl zu beobachten, welches in einem ungefähren Abstand von 100 Metern verharrte. Nach einiger Zeit gewahrte es mich – ich begrüßte es im Anschluß – es ließ sich aber mitnichten von meiner Präsenz stören. In der Tat, das ist Täglichlaufen. Und die bedeutendsten Momente sind für mich jene, wenn Wildtiere nach dem Anrufen nicht flüchten oder gar zurückkehren, wie ich es beispielsweise mit diversen Raubvögeln wiederholt erlebte. Solange sie nur auf mich treffen, werden sie auch n i e enttäuscht werden.

Liebe & Anhänglichkeit

Posted in Besondere Momente, Täglichlaufen. Laufalltag. on 7. November 2013 by Täglichläufer

Bevor ich den Laufschritt aufnehmen kann, gewahre ich eine urplötzliche Bewegung in meinem Augenwinkel, ich spähe nach rechts und erkenne eine Nachwuchskatze, die geschwind das Nachbargrundstück verläßt und auf mich zu stürmt. In der nächsten Sekunde streicht sie um meine Beine wie eine Schlange, windet sich hin und her und der Beginn meines Laufes verschiebt sich folgerichtig, da ich mich nun auf die gemäßen Streicheleinheiten konzentrieren muß. Das süße, kleine Köpfchen guckt vertrauensvoll zu mir hoch und sodann vernehme ich einen Hubschrauber, der in meine Richtung geflogen kommt, doch halt, nein! – das sonore Brummen hat seinen Ursprung nicht in der Luft, sondern auf der Erde und die wahre Quelle ist – freilich die junge Katze. Sie brummt und schnurrt ohne Unterlaß und genießt das unablässige Streicheln von mir. Ich natürlich nicht minder, wenngleich ich selbst nicht schnurre, dafür umso mehr lächele. Irgendwann erhebe ich mich dennoch und trete meinen täglichen Lauf an und die kleine Nachwuchskatze begleitet mich vielleicht fünfzig Meter, bevor sie zurückbleibt. Eine herzige Begegnung, die in dieser Form nicht zum ersten Mal stattfand.

Tiefschwarze Wolkenfronten ziehen ungehalten am Firmament in die Vergänglichkeit, der einsame See legt verlassen in diesem Weltgesang und wird nur von einem Polizeiboot gekrönt, welches in den stürmischen Wogen hin und her gleitet. Heute führe ich einen Beutel mit mir, in dem ich diverse kulinarische Köstlichkeiten verwahre, um sie meinen geliebten Wollfreunden zu verehren. Als ich vor ihnen stehe, werde ich erwartungsvoll beobachtet und als ich den Beutel hochhalte, damit er sich aufdreht, treten sämtliche Schafe per zweifacher Lichtgeschwindigkeit in Zeit und Raum ein, materialisieren sich aus dem Nichts und bilden einen Halbkreis vor meiner Wenigkeit. Sollten an dieser Stelle Einwände von Physikern erhoben werden, daß eine zweifache Lichtgeschwindigkeit nicht realisierbar ist, nun, ihnen sei gesagt, sie mögen mit leckerem Futter vor einer Schafherde treten und somit einen Selbstversuch wagen.

Wäre der Zaun nicht gewesen, sie hätten mich in ihrer herrlichen Gier überrannt. Die erste Reihe stand mit erhobenen Hufen am Zaun und ließ sich von mir füttern; welche Herausforderung, alle gerecht zufrieden zu stellen! In Mikrosekunden war mein Mitbringsel verzehrt und der Halbkreis löste sich in seine wolligen Bestandteile auf, natürlich bis auf eine Ausnahme, denn mein Schmuseschafi blieb selbstredend bei mir, um sich seine täglichen Streicheleinheiten abzuholen. Und so streichelte ich nach der Katze nun den lieben „Schmusi“ – denn so nenne ich die herzige Wollmaus, die schon als Baby mit nur zwei Tagen sofort zu mir kam und sehr anhänglich war. Wenn es im Anschluß die Augen schließt und nur noch genießt, ist es in seinem Element. Doch auch hier muß irgendwann das Ende eintreten, schließlich liegen noch einige Kilometer vor mir. Ich verabschiede mich und will loslaufen, aber mein Schmusi rennt am Zaun nebenher; noch einmal halte ich an und setze das große Streicheln fort, indessen er wieder mit erhobenen Hufen aufgerichtet und mit treuen Blicken mich am Laufen hindern will. Ja, ich gestehe es gerne ein, wie kann man in dieser Situation einfach weiterlaufen? Ich liebe diese treuen und lieben Freunde von Herzen. Das nachfolgende Photo zeigt Schmusi Anfang des Jahres als Babywollie.

2013_Februar_Schafe_6

Hernach auf dem Rückweg erfolgt einmal mehr eine kurze Pause bei Schmusi und endlich erobere ich wieder den Wald und prompt löst sich in der Ferne eine dunkle, schwarze Gestalt und rast auf mich zu. Nein, ich laufe auf keinen Spiegel zu – vor mir steht meine Freundin Tina, die vor Freude ganz aufgeregt ist und ihrerseits nun gestreichelt werden will. Unterbreche ich dieses fast tägliche Prozedere, um mit ihrem Herrchen zu reden, so stupst sie mich an und fordert die Fortsetzung ein. Wie kann ich nur damit aufhören!? – – Hierbei handelte es sich um drei ausgewählte Beispiele, die ich heute Morgen erlebte – selten vergeht ein Lauf respektive Tag, an dem ich meinen Lauf nicht für obligate Streicheleinheiten unterbrechen darf und ja, ich genieße diese Momente auch sehr. In Kombination mit all den anderen tierischen Gesellen, insbesondere Familie Schwarzkittel, den zahlreichen edlen Bussarden oder den prachtvollen Seeadlern und den zutraulichen Rehen zeichnen sie für die wahren Höhepunkte verantwortlich, im Zeichen von Anhänglichkeit und treuer Liebe. Wie wahr doch die folgenden Worte von da Vinci nur sind. Und wenn mich jemand fragt, was Täglichlaufen bedeutet, so verweise ich auf diesen Artikel, denn genau das ist Täglichlaufen.

Die Mitteilungsmöglichkeit
des Menschen ist gewaltig,
doch das meiste, was er sagt,
ist hohl und falsch.

Die Sprache der Tiere ist begrenzt,
aber was sie damit zum Ausdruck bringen,
ist wichtig und nützlich.

Jede kleine Ehrlichkeit
ist besser als eine große Lüge.

(Leonardo da Vinci)

Das leuchtende Gemälde

Posted in Besondere Momente on 3. Juni 2012 by Täglichläufer

Die solare Omnipotenz sinkt mit einem strahlenden Lächeln zwischen den Wolkenschiffen hernieder und verzaubert all jene Betrachter, die sich mit dem Herzen ihrem ureigenen Charme hingeben. Ich beschreite meinen geschätzten Weg des zufriedenen Täglichlaufens und versuche, den elementaren Pfad zu entdecken, der mich direkt in den Horizont hinein geleiten wird, allein, so sehr ich auch suche – ich entdecke keinen wahrhaftigen Weg, den ich im Laufschritt erkunden könnte. Doch dies ist ein Glück, denn so bleibt nur das gefühlvolle Beschreiten mit allen Sinnen, auf dem imaginären Pfad vom unendlichen Firmament im Zeichen von Raum und Zeit, getragen von einer surrealen Äonenspur – die direkt mit ungekannter Macht in mein Herz strömt. Und so lasse ich mich einfach treiben; im Laufschritt und laufe und laufe, hinein in dieses kunstvoll arrangierte Gemälde. In ein leuchtendes Gemälde, welches den kostbaren Moment der Einzigartigkeit behutsam einfängt und mich für immer und immer prägen wird.

Die Zeit verlangsamt sich stetig, der allumfassende Fluß des flüchtigen Lebens rinnt langsamer in die gelebte Vergänglichkeit, ich halte inne und koste das Sein mit all seinen differenzierten Facetten aus. Indessen verebbt auch der mich bis zu dieser Sekunde begleitende Wind, er verwandelt sich in einen leisen Hauch, der mich zärtlich streichelt. Die ungestümen Wellentäler holen vernehmlich Atem, alles erstarrt, ja, alles friert nahezu ein – und ich selbst? Ich laufe nach wie vor und komme doch nicht vorwärts, irrelevant wie schnell ich mich auch bewege. Die Sekunden werden zu Minuten und die Minuten zu Stunden – so scheint es, freilich handelt es sich nur um einen subjektiven Irrtum in der Wahrnehmung, nichtsdestotrotz genieße ich jeden Augenblick davon. Irgendwann normalisiert sich das seltsame Dasein wieder, das Erwachen kommt plötzlich und der wiedererstarkte Sturm reißt mich ungehalten mit sich, um mich in eine fremdartige Welt zu zerren, die ich doch nie betreten kann.

Das strahlende Gemälde am weiten Himmel versinkt immer mehr in der lieblichen Finsternis, für heute verläßt es den Tag und gibt sich der unausweichlichen Dunkelheit hin. Mit einem Lächeln wende ich von diesem grandiosen Schauspiel ab, ich verlasse meinen Damm und gebe den beobachten Blick auf den See auf, kehre aus den Wäldern zurück und beschließe irgendwann meinen Lauf der raren Einzigartigkeit, an der ich temporär partizipieren durfte. Was bleibt? Geschätzte Eindrücke unglaublich lebendiger Impressionen. Und Schweigen. Glückliches Schweigen. Nur ein Windhauch berührt leise das pulsierende Blattwerk im tiefen Forst…

Die Harmonie im Frieden

Posted in Besondere Momente, Täglichlaufen. Laufberichte., Täglichlaufen. Philosophie. on 14. Mai 2011 by Täglichläufer

Der offene Himmel wird von weißgrauen Wolkenschiffen beherrscht, die geschwind im blauen Meer dahinziehen und partiell unentschlossen navigieren. Von dannen für alle Zeiten. Indessen die Sonne sich nur zeitweilig die Ehre gibt und ihre goldenen Strahlen lächelnd hernieder sendet. Der Damm liegt verlassen in der Abgeschiedenheit und lädt mich wehmütig zu einem Besuch ein, worauf ich mich freilich mit Freuden einlasse. Überhaupt, mein gesamtes Laufareal läßt die gelobte Einsamkeit hochleben, eine stille wie belebende Einsamkeit, in der ich mich dem erkenntnisreichen Täglichlaufen par excellence hingeben kann. Nur getragen von einer melancholischen, gehaltvollen Stimmung – welche in jeder Faser meines Körpers und auch Geistes eindringt, die allumfassenden Partikel entfaltet, tiefe Zufriedenheit manifestiert und mich nahtlos in das wahre Leben integriert. Dies kann man nur sehen, fühlen und empfinden – mit dem Herzen. Das ist Täglichlaufen, ein unbeschreibliches Gefühl von Liebe, Frieden und Glück. Für den Unwissenden mag sich diese meine Anschauung natürlich übertrieben pathetisch anhören; allein wer mich versteht, wird nur zustimmend lächeln.

Nicht selten laufe ich an meinem Lieblingsufer einfach vorbei, mehr oder weniger unbeachtet; ja, ein kurzer Blick und schon konzentriere ich mich nach vorn, auf den zukünftigen Pfad. Doch nicht heute, nein, es gelingt mir nicht. Ein unsichtbarer Magnetismus erfaßt mich, zieht mich in seinen anziehenden Bann und wie von Geisterhand werden meine Schritte umgelenkt und die mit Unsichtbarkeit behandschuhte Hand leitet mich zum Strand. Eine unbekannte Macht hat mich zum Seeufer geführt, ohne mich zu fragen, ja, ich bin fast willenlos. Aber ich weiß, das sind jene besonderen Momente in unserem Raum-Zeit-Kontinuum, die nicht nach einem etwaigen Sinn fragen; sie lassen sich nicht erklären – sie sind einfach. So stehe ich am Wasser und erfasse die Begebenheiten der komplexen Situation. Im Hintergrund vernehme ich in der Ferne einen sangeskräftigen Pirol und nicht weit von ihm entfernt den unermüdlichen Kuckuck, der nicht minder engagiert die holde Damenwelt beeindruckt.

Ich selbst beobachte den ungestümen See, der ruhelos Welle um Welle mit Inbrunst an das Land wirft. Wenn auch kein Sturm das Witterungszepter führt, so weht dennoch ein nicht unbedeutender Wind in der natürlichen Welt. Das Schilf biegt und unterwirft sich demütig den wehenden Gewalten, die leidenschaftlich über den See galoppieren und sich mit den Wogen zu vereinigen scheinen. Selbst das Gras bewegt sich wellenartig, die Bäume vollziehen ihren zärtlichen Blättertanz, während hingegen die kraftvollen Kronen sich nur behutsam dieser Stärke beugen. Vereinzelte, tote Blätter treiben im Wasser, werden nach vorn geworfen, um eine Sekunde später zurückgezogen zu werden. Anschließend gleiten sie erneut nach vorn, unendlich oft wiederholt sich das konvulsivische Spiel.

Am Strand regungslos verharrend, beobachte ich das formidable Panorama, welches sich mir am Horizont bietet. Mein Blick schweift in die Ferne, doch ich nehme das Diesseits nicht mehr wahr; ich spähe längst in andere Sphären. Zwar stehe ich in der „Gegenwart“ – was immer das auch sein mag, gleichwohl schweift mein Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ich bin da und doch nicht da. Ich bin dort und doch nicht dort. Mein gesamtes Ich, das Wesen meiner Selbst reduziert sich elementar – mein Körper bleibt zurück, indes mein Geist frei ist, ja, wahrhaftig frei – in dieser Sekunde, in diesem Augenblick – ohne Schranken oder Grenzen. Durchströmende Energie. Vergessene Vergangenheit, konzentrierte Zukunft. Die Perzeption des Jetzt, meiner Selbst divergiert; alles verändert sich – ich fühle nur noch und L E B E. Reduziert auf das Elementarste überhaupt. Die Poesie der banalen Existenz. Und erkenne den Frieden im Sein; die Harmonie, die sich daraus erwächst. Alles ist im Fluß, jedwede Bewegung und jeder Stillstand konvergiert in der Natur, interagiert in Perfektion. Welch Gnade, auf der Basis meines Täglichlaufens just zu diesem Zeitpunkt hier angekommen zu sein, mental in das Firmament aufzusteigen, um die Gedanken dahintreiben zu lassen, um derart intensive Gefühle erleben zu dürfen und am essentiellen Dasein zu partizipieren. Kilometer. Täglichlaufen. Meine absolvierte Dekade. Ich. Das Laufen selbst. All das ist obsolet, ja, das ist unbedeutend. Mir geht es nur um eines, Fühlen. Zufriedenheit. Harmonie. All das vereint im Frieden, im verkörperten Gleichgewicht. Das ist mein Weg, danach strebe ich; das Täglichlaufen ist nur die Maske, die das generiert, eine Art Katalysator. Welch ein Tag! Welch ein Lauf! Welch ein Moment! Die Harmonie im Frieden. Leise Stille. Frieden.

Weiße Harmonie in der Märchenwelt

Posted in Besondere Momente, Täglichlaufen. Laufberichte. on 2. Januar 2010 by Täglichläufer

Es ist vorbei. Die temporäre Existenzberechtigung des Jahres 2009 wurde aufgehoben und die omnipotente Herrscherin aus dem Reich der Erinnerungen hat sich seiner mit Hingabe bemächtigt. Vor uns liegt die Zukunft, eine hoffnungsvolle Zeit, die sich uns nach und nach enthüllen wird – bevor die Königin des Vergessens auch hier ihr Veto einlegen wird. Wir sollten das Morgen genießen, so genußvoll als möglich, denn der Kreuzzug der vergangenen Zukunft hat längst begonnen, dieses neue Jahr unbarmherzig zu verschlingen. Die Reise wird nie enden, sie führt uns in die Unendlichkeit, wenngleich wir als stille Beobachter nur einen Moment im Nichts daran teilhaben werden. Gelebte Endlichkeit. Umso essentieller das Auskosten des Seins, des Lebens.

In den letzten Tagen legte die Natur ihre weißen Ballkleider der Anmut an, es schneite ohne Unterlaß. Den einstmals natürlichen Schneemassen vor vielen Jahren längst entwöhnt, bewerten wir den heutigen Schneefall als eminent. In der Nacht vor Silvester kamen nochmals zehn Zentimeter dazu, die Welt ist weiß geworden. Traditionell bedingt, vollzog ich am Silvesterabend meinen üblichen zweiten Lauf. Jene Einheit war sehr kurz, dafür umso intensiver. Die Straßen leer, verlassen von der hektischen Betriebsamkeit der Spezies Mensch. Ich überlegte nicht lange, mein Laufziel lag evident vor mir, in den Wald – so schnell wie möglich in den dunklen, hellen Forst. Meine Schuhe versanken tief im Schnee, es knirschte nur leise, dieses eigentümliche Geräusch, geschuldet dem Niederschlag aus lieblichen Eiskristallen. Es war dunkel, der Himmel von graudüsteren Wolken regiert, die wild trunkener Energien ihre weiße Pracht mit Hingabe auf die Erde warfen. Die Schneeflocken kitzelten mein Antlitz, bevor sie zärtlich zu Boden glitten. Eine gedämpfte Atmosphäre von Harmonie in der unwirklichen Märchenwelt – nur durchbrochen von Feuerwerksraketen, die in Richtung Weltraum aufbrachen.

Nachdem ich den Wald verließ, blieb ich stehen, drehte mich um und blickte zurück. Scheinbar grundlose Fußabdrücke, die mit jeder vergehenden Sekunde behutsam vom stürmenden Wind zugeweht wurden. Links der Waldrand, rechts das nicht sichtbare Wasser, doch hörbar. Belebende Böen sandten unaufhörlich unstete Wellen an das Ufer. Der Schneefall erhöhte seine Intensität, ich blinzelte in den Himmel. Ich stand einfach nur da, schloß meine Augen, konzentrierte mich auf die fühlbaren Eindrücke. Einsam. In meinem weißen Laufareal. Das Dasein, das Leben, die Zeit hielten an – auf ihren Wegen, für einen Moment nur – und gleichzeitig erhöhten sie dennoch ihre atemberaubende Geschwindigkeit. Das war wieder so ein Augenblick, der sehr selten ist. Man kann diese Momente nicht suchen, nein, sie sind da, wenn man nicht damit rechnet. Entstehen aus dem Nichts und bevor sie sich wieder verflüchtigen, gestatten sie eine partielle Partizipation für den sensiblen, aufmerksamen Beobachter. Ich habe es wahrlich genossen. Das war er, der stillste Zeitpunkt im vergangenen Jahr. Ich weiß nicht, wie lange ich so verharrte, nur wenige Minuten und doch kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Bevor ich mich nun komplett in einen Schneemann verwandelte, trat ich den Rückweg an, viel langsamer als nötig, aber den raren Moment würdigend, den besonderen Gefühlen angemessen. –

Der 01.01.2010. Stets der friedlichste Tag im Jahr. Ich weiß das zu schätzen, entsprechend frühzeitig absolviere ich meinen Lauf. Erneut hat das kalte Schneereich ungerührt expandiert, ich versinke tief in der leuchtenden Substanz. Auf der Brücke angekommen, werde ich nahezu erschlagen – von einer greifbaren Lautlosigkeit einer scheinbar verlassenen Zivilisation. Die grundsätzlich viel befahrene Hauptstraße dämmert in einer Art Zauberschlaf vor sich hin. Welch besondere Gnade, einmal im Jahr! Ich weiche sofort auf die Straße aus, da die Fuß- und Radwege alles andere als geräumt und somit gut passierbar sind. Nun kehre ich zurück, in den geliebten Forst. Auf den Wegen und zwischen den Bäumen stechen sofort mannigfaltige Spuren heraus. Kleine und große, verschiedene Formen, querfeldein in alle erdenklichen Richtungen; sie offenbaren die wirklichen Waldbewohner, doch von Rehen, Füchsen und Wildschweinen ist außer ihren Fährten nichts zu sehen. Versteckte Waldherren im Hintergrund. Ich spüre ihre Anwesenheit.

Die zahlreichen Äste der nun weiß gekleideten Bäume tragen eine schwere Last. Ich kann ihr Seufzen regelrecht hören, sie biegen sich unter der Schwere des Schnees und flehen mich um Hilfe an. Manche von ihnen sind der ungewohnten Belastung nicht gewachsen, ihr Zenit wurde überschritten und sie brachen in den Tod. Liegen nun danieder, welch surreale Anblicke einstiger Stärke. Eingefrorenes, totes Leben. Die sanfte Stimme der Einsamkeit säuselt wohlklingende Worte in mein Ohr, dazu gesellen sich die Ruhe des Waldes und das kristalline Wasser, es verschluckt jedes Geräusch. Ich rutsche oft weg, der Tiefschnee fordert seinen Tribut – mein Lauf wird zunehmend anstrengender wie konzentrierter. Mentales Laufen. Nichtsdestotrotz obsiegt die Freude an diesen außergewöhnlichen Witterungsverhältnissen.

Spaziergänger sind – noch – nicht unterwegs; nur die üblichen Hundebesitzer, die mich freudig mit Neujahrswünschen erschlagen. Kurze Gespräche entstehen, zumeist über die herrliche Schneepracht. Mittlerweile bin ich zum Damm vorgedrungen. Der Schwierigkeitsgrad erhöht sich, weil dort der Schnee nochmals höher ist, nicht geräumt wird und sich niemand weiter hergetraut hat. Wenige Meter vor mir prasseln unzählige Flocken auf den Boden, Flügel werden kräftig geschlagen und ein Fischreiher zieht entrüstet von dannen, doch nicht ohne die übliche Schimpfkanonade. Wo mag nur der Silberreiher sein? Ich werde ihn heute nicht zu Gesicht bekommen, ist er doch perfekt an seine derzeitige Umwelt angepaßt. Mein Weg führt mich an charmanten Weihern vorbei, auch sie sind winterlich gekleidet. Zahlreiche Stockenten schwimmen hin und her, sie flüchten nicht. Indes erreiche ich wieder den zauberhaften Schneewald und sofort erkenne ich, daß niemand weiter hier lustwandelte. Gelobte Abgeschiedenheit. Tierische Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Reise mag nie enden, mein harmonischer Lauf im Einklang mit der Natur und mit mir selbst leider schon. Unabhängig von der Distanz war er jedoch viel zu kurz, denn das Geschenk der auserwählten Winterpracht im Schneekostüm ist einzigartig. Die Natur ist an Schönheit nicht zu übertreffen – ich kann sie nur von Herzen lieben – und die mir dargebotenen Impressionen geistig wie körperlich absorbieren.

Den Moment der Empfindung verkörpern

Posted in Besondere Momente, Täglichlaufen. Laufberichte. on 6. August 2009 by Täglichläufer

Manchmal erlebt man während des Täglichlaufens – oder als direkte wie indirekte Konsequenz davon – seltene Momente, die ihresgleichen suchen. Das sind besondere Augenblicke, die nicht alltäglich sind und aus dem Laufeinerlei herausragen – man kann sie nicht bewußt suchen – sie entstehen aus dem Nichts und überraschen plötzlich. Zugegeben, der Sinn im Laufen liegt für mich – wie der Name schon impliziert – im Laufen und nicht im Anhalten. Dennoch, während meines Rückweges am Montag passierte ich eine Badestelle und blickte auf den aufgewühlten See hinaus, der mich wahrhaft magisch anzog. Den Lauf unterbrechend spazierte ich zum Ufer. Mein gesamtes Laufgebiet lag verlassen in seiner unbeschreiblichen Abgeschiedenheit. Leichter Nieselregen bei 19 C° wurde durch einen willenstarken Sprühregen ersetzt. Die überragende Einsamkeit nahm mich komplett in Beschlag, in ihre gnädigen Hände. Die finsteren Boten der Dunkelheit versagten dem strahlenden Licht den Eintritt und warfen den Schleier des Zwielichtes und der Schatten auf die bedrückende Erde. Ich liebe diese nasse und dunkle Atmosphäre in all ihren Facetten.

Ein behutsamer Wind peitschte unaufhörlich Wasser in zahlreichen Wellen an das Land. Der graudunkle Horizont intensivierte die vorherrschende Einsamkeit und vereinte sich in der Ferne mit dem wütenden Seewasser und verschmolz zu einer einzigen kaltherzigen Wand, doch voller berauschender Anmut. Ich schritt zum Ende des Strandes, gerade noch außer Reichweite der Wellenbewegungen und schloß meine Augen. Somit konzentrierte ich mich nur auf die verschiedenen lautmalerischen Töne. Das feuchte Naß beherrschte eindeutig die Szenerie, von den Bäumen tropfte es ohne Unterlaß, kleine Regenperlen kullerten aus meinen Haaren und liefen in Rinnsälen mein Antlitz hinab, die tosenden Wogen klatschten an das Ufer; ich fühlte die brausenden Sturmböen, welche ihrer Leidenschaft nachgingen und versuchten mein Hemd aufzublähen, was auf Grund der Nässe nicht mehr gelang. Das Schilf bog sich im Seewind, eine fragile Verbeugung, wenngleich es seine Stärke nicht verbergen konnte. So stand ich da – wie versteinert – die Welt und das Leben genießend, fühlend. Die unbarmherzige Zeit verharrte gleichsam ruhig in ihrer pulsierenden Macht – Minuten vergingen regungslos bis ich meine Augen wieder öffnete.

Das Bild hatte sich nicht wesentlich verändert, der weitläufige See schien nur noch wütender geworden zu sein. Aus meinem linken Gesichtskreis schwammen zwei Schwäne sehr erhaben, ja, regelrecht majestätisch und doch in einer surrealen Beschaulichkeit durch das nicht stillstehende Gemälde. Bevor sie das Zentrum erreichten, schossen von rechts zwei Wildgänse schimpfend durch die Luft, augenscheinlich aus einer anderen Dimension. Die Tiere verschwanden so schnell wie sie gekommen waren und am Horizont leuchteten zwei weiße Yachten als kaum erkennbare Punkte in der Unendlichkeit. Ich wechselte die Position und betrachtete meine Fußabdrücke, die nun von den stärker werdenden Wellen erbarmungslos überrannt wurden, wieder und wieder. Interessant zu sehen, wie die Abdrücke egalisiert wurden, bis sie nicht mehr vorhanden waren. Verflüchtigt. Für immer.

Sinnbildlich wie das Leben. Man wird geboren, für einen kurzen Zeitraum hinterläßt man seine Spuren – bis sie dereinst von der gelebten Zeit absorbiert werden und leise verblassen. Sie werden zu Reminiszenzen – bis auch diese verloren gehen. Andere Menschen kommen und preisen die Natur erneut – ein sich wiederholendes Wechselspiel. Lebewesen kommen und gehen. Die Vergangenheit existiert nicht mehr, die Zukunft wartet noch auf ihr Engagement – aber hier und jetzt – das ist das Leben. Die Fußabdrücke hinterlassen einen bleibenden Eindruck in meinem Kopf, selbst als sie schon verwischt waren, bestanden sie noch vor meinem geistigen Auge und ich sah jenen gegangenen Weg, der hinter mir liegt – um jetzt an diesem Ort angekommen zu sein. Ein weiter Weg.

Melancholische Erinnerungen materialisieren sich aus den Tiefen meines Gehirns in das höhere Bewußtsein, sie konvergieren nahtlos in die herrschende Witterung. Die Welt scheint nicht existent, das Leben unbedeutend – nur der Augenblick ist von Bedeutung. Sehen, aber nicht mit den Augen. Hören, aber nicht mit den Ohren. Die Luft einatmen, aber nicht mit der Nase. Höchste Konzentration auf sein Inneres, auf das wahre Selbst – die Herrschaft der Sinne an das Herz übergeben und nicht mehr Denken. Allein und einsam. Im strömenden Regen. Von der Welt verlassen. Aufgepeitschte Gischt, von einem liebevollen Sturm mit Inbrunst an das Ufer gezwungen. Ein ganz besonderer Moment, den man weder suchen noch finden kann. Aber man kann ihn mit offenen Armen willkommen heißen. Das ist die gefühlvolle Verkörperung von Zufriedenheit, Vertrauen und Harmonie. Empfindungen. Meine Empfindungen.