Archive for the Einzigartige Momente Category

Quadruplexe Einzigartigkeit

Posted in Besondere Läufe, Einzigartige Momente, Täglichlaufen. Status. on 12. Januar 2016 by Täglichläufer

Ich bin geneigt anzunehmen, daß ich in der nicht mehr allzu fernen Zukunft mein 15jähriges Täglichläuferjubiläum vollziehen wie feiern darf. Das bedeutet, daß ich zu jenem Zeitpunkt 15 Jahre ausnahmslos jeden einzelnen Tag laufen war. Möge das Glück mit mir laufen. Täglich. Weiterhin werde ich in diesem Jahr die 17jährige grundsätzliche Mitgliedschaft in der Zunft der Täglichläufer erreichen. Und schlußendlich werde ich 2016 nunmehr 19 Jahre der allgemeinen Gilde der Läufer angehören. Wie dem auch sei, ich habe viel Zeit mit Täglichlaufen verbracht und alle möglichen und unmöglichen Erlebnisse und Witterungsbedingungen erfahren dürfen. Doch heute wurde mein Lauf in einer raren einzigartigen Welt geboren und eklatant bereichert.

Die unwägbare Witterungsregentin bot mir einen Kälte-, Nebel-, Glatteis- und Regenlauf feil. Tatsächlich, all jene Bedingungen zu der gleichen Zeit – während eines Laufes. Derlei habe ich in all den Jahren noch nie erlebt. Durch das Glatteis bedingt vollzog sich der Lauf in höchst konzentrierter Art und Weise, so daß ich auf einen entsprechenden Laufbericht verzichte. Kälte. Regen. Nebel. Eis. Vereint in einem Lauf – wahrlich, mehr Glück zur gleichen Zeit ist faktisch unmöglich. Der 12.01.2016 wird sich in meinem Geist als besonderer Tag einbrennen.

Das Zepter der Kälte. Akt III.

Posted in Einzigartige Momente, Klimaanalysen, Statistik, Täglichlaufen. Status. on 29. September 2015 by Täglichläufer

Behutsam, nein, zärtlich ungestüm und gleichsam zutiefst liebevoll senkte es sich mit erhabener Anmut unerwartet hernieder und entfaltete einfühlsam mit einem kaltlächelnden Hauch seine prosperierende Macht – das Zepter der Kälte – wurde endlich von der mysteriösen Winterregentin voller Vorfreude geschwungen und ja, ich goutierte diesen ihren Enthusiasmus und warf mich ihr im Laufschritt mit mächtiger Leidenschaft entgegen. Erste Impressionen von zartem Weiß erspähten meine Augen und ich genoß diese belebende Dynamik wahrlich, wenngleich sie bar jedweder wörtlichen Beschreibung lebte. – So formulierte ich im Jahre 2013 – angesichts einer greifbaren Lebendigkeit wie Kälte, welche derart früh den frostigen Mantel hernieder warf.

Damals vollzog ich den ersten Kältelauf am 02.10. und ich war nicht geneigt anzunehmen, daß jener frühe Wert zeitnah unterboten werden könnte, doch ich sollte mich irren. Heute früh erfolgte der erste Kältelauf in dieser aktuellen Herbst/Winterphase und zum ersten Mal überhaupt zieht nun der September in diese meine Statistik (gerechnet ab 2000) ein – dies ist durchaus bemerkenswert und ja, ich hoffe, auf einen frostigen, schneereichen und edlen Winter, der all mein Hoffen realisieren und in keiner Weise enttäuschen wird. Dum spiro spero.

Letzter und erster Kältelauf im Jahr

Jahr Letzter Kältelauf Erster Kältelauf
2000 05.03.2000 16.12.2000
2001 27.03.2001 09.11.2001
2002 15.03.2002 13.10.2002
2003 09.04.2003 10.11.2003
2004 10.03.2004 19.11.2004
2005 07.03.2005 19.11.2005
2006 21.03.2006 27.12.2006
2007 23.02.2007 11.11.2007
2008 18.02.2008 21.11.2008
2009 24.02.2009 08.11.2009
2010 11.03.2010 18.10.2010
2011 27.03.2011 14.10.2011
2012 09.04.2012 12.10.2012
2013 10.04.2013 02.10.2013
2014 17.04.2014 28.10.2014
2015 29.04.2014 29.09.2015

Ein weiteres Ereignis sucht heute seinesgleichen. Angesichts der atemberaubend schönen Sonnenstrahlen, welche den Tagesreigen zärtlich wie galant eröffneten, verflüchtige sich jedwede Energie in meinem Körper wie Geist und wie von einer fremden Macht latent berührt, die gravitätisch auf mich einwirkte, erlahmte mein Laufschritt bis zum Stillstand und so harrte ich ganz banal der wunderschönen Natur, die sich direkt auf mein Herz konzentrierte. Mir steht es nicht zu, jenen Moment in Worte kleiden zu dürfen, doch darf das Rascheln, welches mich jählings überraschte, nicht unerwähnt bleiben. Freilich erspähte ich sofort die Quelle und gewahrte ein prachtvolles Reh; es nahm seinen Pfad durch die Sträucher und lustwandelte gen Damm. Ich stand nur still und beobachtete und das Reh nahm mich in keiner Weise wahr. Es zog seines Weges und verschwand schlußendlich – immer unter meiner Beobachtung. Ein Novum für mich. Bei aller Zutraulichkeit dieser herrlichen Waldbewohner wurde ich noch stets entdeckt; erst heute – nach all den vielen Jahren Täglichlaufen – gelang mir diese unbedarfte, ehrliche und unvergleichliche Impression. Ja, das ist Täglichlaufen – wie ich es liebe.

Majestätischer Stolz – stolze Majestäten

Posted in Einzigartige Momente, Täglichlaufen im Fokus on 13. Juli 2012 by Täglichläufer

Zu meinen erklärten Lieblingen zählen eindeutig die Bussarde als Vertreter der edlen Raubvögel. Sie sind nicht so scheu wie die Seeadler und lassen mich im Rahmen des rasanten Laufschrittes durchaus auf zwei Meter heran. In der Majorität legen sie nur zwei Verhaltensweisen an den Tag, entweder sie flüchten – dies zähle ich zu den Ausnahmen – oder sie verharren still an ihrem Standort und beobachten mich neugierig, welches ich als Standardprozedere werte. Vor wenigen Tagen durfte ich einen prachtvollen Bussard auf einem Pfahl sitzend erspähen, der sich nicht um mich kümmerte und selbst auf meinem Rückweg noch anwesend war. Nicht weit entfernt von jener Örtlichkeit befand sich einige Zeit später ein großer, mehrheitlich weißer Raubvogel direkt auf dem Weg, mitten auf meinem Damm. Ich habe sie schon tausend und einmal beobachtet, aber noch nie auf der Erde abwartend gesehen; entsprechend intensiv sollte mein Erstaunen sein.

Das herrliche Prachtexemplar ließ mich auf acht Meter heran, erhob sich sodann zutiefst grazil in die Luft, um dann zu flüchten, doch halt, nein, im Gegenteil – der stolze Bussard dachte gar nicht an Flucht, sondern er überraschte mich, indem er unumwunden auf mich zuflog, kurz vor mir nach rechts abdrehte und sich auf einen Ast im dichten Blattwerk hernieder setzte und mich hernach erwartungsvoll betrachtete. Freilich konnte ich meine Begeisterung nicht mäßigen und redete den Raubvogel – wie gewohnt – sofort mit beruhigenden Worten an. Sein wunderschöner Kopf, der gleichermaßen Stolz wie Intelligenz ausstrahlte, ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Dort sitzend, wartete er meine Rückkehr ab, so daß ich ihn erneut beobachten durfte. Noch nie habe ich bis dato erlebt, daß ein wunderschöner Bussard völlig entspannt auf meine Person zukommt, nahezu auf Armlänge erst seine Richtung ändert, um sich anschließend seinen hohen Thron zu suchen.

Ich liebe sie, die edlen und erhabenen Bussarde, die mit gelebter Leichtigkeit Stolz wie Macht und innewohnende Ruhe in sich vereinen; wie elegant sie durch den Himmel kreuzen, wie majestätisch sie in den Horizont hinein gleiten, getragen von den stürmischen Wogen des allgewaltigen Lebens. Jenen einzigen Moment, werde ich nie vergessen und wenn ich diesen Ort täglich passiere, erscheint der Raubvogel in meiner Erinnerung wie aus dem Nichts. Wenn man mich in jenem Augenblick gefragt hätte, was Täglichlaufen bedeutet, ich hätte erwidert: „DAS, genau das, dieser eine Moment, dieses unnachahmliche Erlebnis mit dem Bussard, das ist Täglichlaufen und bedeutet für mich die Welt“.

Das Lied des Eises

Posted in Einzigartige Momente, Täglichlaufen. Laufberichte., Täglichlaufen. Philosophie. on 23. Februar 2011 by Täglichläufer

Die wahren Schönheiten des Lebens manifestieren sich nicht selten in unbedeutenden Ereignissen oder Erlebnissen. Das Kleine und Unspektakuläre, welches sich meistens unserer bewußten Wahrnehmung entzieht, entfaltet nur dann seine würdige Macht, wenn man ihm seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Wenn einem dies gelingt, dann wird man reich belohnt. Folgende zwei Beispiele symbolisieren in einem ausgewählten Rahmen, was ich unter Täglichlaufen verstehe; am Leben, an der Natur partizipieren und sich für den Bruchteil einer Sekunde auf das Dasein einzulassen und nur noch zu fühlen. Reines Fühlen. Besondere, natürliche und unspektakuläre Erlebnisse sind es – unter anderem – weswegen ich mich täglich der Liebe zum Laufen in der Natur mit aller Leidenschaft hingebe.

Im Universum von Zeit und Raum ist der Augenblick des Winters erstarrt. Die kristalline Hand vom alles beherrschenden Winterregenten greift einmal mehr kalt lächelnd nach uns und umarmt uns liebevoll. Und prompt verwandelt sich das kühle Naß in eisige, filigrane Strukturen. Eine weiße Eisschicht flankiert den Damm beidseitig und hält die winterliche Jahreszeit mit seinem Bann gefangen; der vom säuselnden Sturm aufgewühlte See peitscht Welle um Welle an das Ufer und läßt das Eis eine harmonische Ballade singen. Es knarzt, bricht, berstet und singt seine ganz eigene Melodie. Das Lied des Eises. Ja, wenn man die Augen schließt, gewinnt man die Illusion, daß es sich um Buckelwale handelt, die untereinander kommunizieren. Differenzierte Töne, kausal durch die Intensität der Wellenbewegungen bedingt, schreien ihre temporäre Existenz lauthals hinaus. Hört ihr mich? Beachtet mich! – rufen sie vielleicht.

Glorreiche Gespensterscharen reiten im Galopp über jene frostige Eiswelt, schwingen ihre Nebelschwerter und erzeugen eine zutiefst surreale Atmosphäre. Dann wiederum vernehme ich Laute, als ob ich durch die Eisschicht waten würde und mit jedem Schritt das fragile Konstrukt laut brechend zerstöre – allerdings nicht von oben, nein, sondern von unten – unter Wasser und dementsprechend seltsam gedämpft. Welch ein Seufzen und Ächzen! Plötzliche Ruhe. Nur für einen Moment und das Singen, Bersten, Brechen, Seufzen und frostige Schreien setzt sich fort, beginnt jäh von neuem – bis sich die kalte Welt irgendwann verflüchtigt und den wärmeren Temperaturen beugt. Gelobter Wandel.

Die Wälder tragen indessen mehrheitlich tiefdunkle Gewänder, propagieren eine selbst gewählte Finsternis, die perfekt mit ihrer derzeitigen kahlen Erscheinung konvergieren. Ungemütlich für den unaufmerksamen Betrachter, gleichwohl sprechen sie für sensible Charaktere eine Einladung zum Verweilen aus. Mitten im tiefen Forst setzt ein leiser Schneegriesel ein, der tanzend gleich sanft auf den Erdboden hernieder fällt. Zwischen der unsteten graudunklen Wolkendecke öffnen sich immer wieder Lichtfenster, scheinbare Tore in ferne Zeiten im Weltgesang von nicht zu beschreibenden Ausmaßen. Die Sonnenstrahlen erobern behende die Wälder und beleuchten den elementaren Griesel in einzigartigen Lichtfacetten. Ein Heer von glitzernden Diamanten prasseln ungestüm vom Himmel zu Boden und erzeugen einen Moment von atemberaubender Schönheit im Mikrokosmos des natürlichen wie allumfassenden Lebens.

Ein reflektierendes Schimmern, welches sich in allen Richtungen ausdehnt. Millionen Elfen gleiten scheu spielend auf die Erde und werden doch wieder vom Wind empor gehoben, während gleichzeitig die Luft von einem Funkeln ohnegleichen erfüllt ist. Allenthalben erspähe ich Kristalle, die ihre Lichtblitze in das weite Nichts senden. Ich unterbreche meinen Lauf und beobachte fasziniert das seltene Schauspiel, welches nur wenige Minuten andauert. Das ist ein exponierter Augenblick, der zum Träumen verleitet. Erneut verblaßt das menschliche Leben, die Zeit hält an, verdichtet sich und gibt Raum für gefühlvolles Nichtdenken. Sodann reisen weitere Wolkenfelder am Firmament der Unendlichkeit entgegen und das gleißende Leuchten stirbt und verstummt für alle Zeiten in dieser Konstellation. Trunken vor Genuß und Glück gelingt es mir nur schwer, jenen Ort zu verlassen, um meinen Lauf fortzusetzen.

Wiederholt ein einzigartiger Moment, geboren in der Welt des gelebten Täglichlaufens. Was bedeutet Täglichlaufen? Alles. Nichts. Doch für diese Empfindungen lebe ich.

Ein Anfang ohne Ende?

Posted in Einzigartige Momente, Täglichlaufen. Laufberichte., Täglichlaufen. Philosophie. on 22. Oktober 2010 by Täglichläufer

Gefangen im unendlichen Kampf der zeitlichen Naturgewalten. Das herbstliche Nebelschwert fuhr gefühllos hernieder, geradewegs in den golden leuchtenden Kettenpanzer des Sommers und durchbohrte ihn mit lächelnder Vehemenz; kalt- und unbarmherzig. Eine unbedeutende Austrittswunde entstand, zurückhaltend in der Ausdehnung – doch es bildeten sich feine Risse, äquivalent verletztem Eis – der Ansatzpunkt zu einer frostigen Expansion, welche immer intensiver voran schreitet. Erst langsam. Latent, kaum sichtbar; später umso rigoroser. Die grüne Herrlichkeit versiegt von Tag zu Tag ein wenig mehr, ein unmerklich schleichender Prozeß. Nur abgelöst von gelben Gewändern und roten Farben, die schlußendlich der düsteren Entblößtheit weichen müssen, wenngleich einzelne Bäume zum heldenhaften Widerstand aufrufen und dem Winter beharrlich trotzen werden. Unbeherrscht.

Abgeworfene Blätter, die sanft zu Boden sinken und die Wege scheinbar samtartig auskleiden. Ein ruhiger Wind galoppiert ungestüm in sie hinein, verwirbelt die Blätter, trägt sie hoch hinaus und weit mit sich, bevor sie an anderer Stelle erneut auf die Erde gleiten. Wie der zarte Hauch des Lebens. Das gleiche alte Lied. Dunkelheit breitet sich allenthalben aus, grau schattierte Wolken ziehen am Horizont in die Ewigkeit des Momentes. Verhaltene Schritte im finsteren Forst. Die greifbare Einsamkeit in der weiten Abgeschiedenheit begrüßt mich, ja, sie umarmt mich und drückt mir fast die Kehle zu, schnürt mir die Luft ab – dann gibt sie mich plötzlich für einen Bruchteil frei und reißt mich mit, entführt mich; in eine Welt voller Leben, Energie, gefühlten Frieden und sensiblen Empfindungen. Wohin wird die Reise gehen? Wer kann dies schon beantworten?

Das menschliche Leben wird einmal mehr bedeutungslos, es ist ohne jedweden Sinn, irrelevant welche Rechtfertigung wir konstruieren, um unsere erbärmliche Existenz zu legitimieren, die doch nicht über die niedersten Instinkte hinauskommt. Sogleich verwerfe ich diese Gedanken, die menschliche Widerwärtigkeit mit ihrem primitiven Gebaren soll mir nicht den Zauber des Augenblickes verheeren. Allein, es gelingt mir nicht. Die herbstliche Magie hat mich längst erfaßt und ich sauge ihre Harmonie mit Wonne auf. Nur die reine, natürliche Einfachheit ist jetzt von Bedeutung – die kleinen und unscheinbaren Dinge entfalten ihre würdige Macht und übernehmen die Kontrolle über mich – ich trivialer Täglichläufer – nur Staub im Wind in den Äonen der Zeiten. Das Schilf singt im Einklang mit seiner Umgebung die Melodie des Wassers, zärtlich gestimmt von den Wellen des Sturmes. Eine Art substanzielles Hohelied der Liebe. Wieder und wieder, scheinbar ein Anfang ohne Ende. Ja, die tragische Poesie des Lebens überzeugt den aufmerksamen Betrachter mit ungekannter Heftigkeit, mit einer Leidenschaft, die ihresgleichen sucht. Begeistert.

Ich unterbreche meine natürliche Bewegung. Hocke mich am Strand hin, schließe die Augen und verharre. Meine Gedanken treiben dahin, wie das Wasser eines Flusses, der in das Meer fließt. Versinken. Dem Sinn der Augen beraubt, die Schärfe der Ohren intensiviert – das Dasein strebt nach Ausgewogenheit – konzentriere ich mich auf die Geräusche der Umgebung. Ein Rauschen überwältigt mich, das unbändige Tosen des Sees dominiert und übertönt mit Macht alle anderen Laute. Mir scheint, als ob ich die in der Ferne vorbei ziehenden Wolken hören könnte, was werden sie während ihres Fluges alles sehen? Im Hintergrund vernehme ich mehrere Eichelhäher und andere Vögel, die längst ihre grandiosen Gesangeskünste im Hinblick auf die Partnerwahl eingestellt haben. Eine frische Brise schlägt mir in mein Antlitz, vertreibt für eine Sekunde die melancholische Einsamkeit und verbindet sich mit den fühlbaren Augenblicken der Sinnlichkeit, ja, eine frühlingshafte Empfindung wird in meine Perzeption suggeriert. Ich kann den warmen Jahresauftakt nicht sehen, aber ich fühle ihn; der Tatsache ungeachtet, das es sich hierbei um eine Illusion handelt. Streichelnder Wind.

Obwohl meine Augen geschlossen sind, ist es mir, als ob ich mehr denn je erspähe. Wahres Sehen. Nicht auf das Sinnesorgan Auge bezogen, nein; in einer geistigen Form, eine andere Dimension. Ich verlasse jene Erkenntnisebene, sehe mich selbst auf dem Damm hocken, schwarz; den Kopf auf beide Hände gestützt, fliege über mein Laufareal hinweg und überblicke es in seiner prächtigen Herrlichkeit und natürlichen Vollendung. Höher und höher. Wie klein und belanglos wir doch sind! Demut keimt auf. Es fällt mir schwer, mich von diesen lähmenden Gefühlen zu lösen, die Zeit konserviert mich an diesem Ort, in der fliehenden Gegenwart der tiefen Empfindungen. Berührt von der Unendlichkeit, getroffen. Sehen, aber nicht mit den Augen. Hören, jedoch nicht mit den Ohren. Nur fühlen und empfinden, mit dem Herzen. Tief im Innern. Verborgen im Selbst. Ich öffne die Augen.

Mein Geist kehrt zurück; in meinen unzulänglichen Körper. Es kostet Kraft, die bewegenden Impressionen endgültig in das Nebelreich zu verbannen, aufzustehen und wieder in den Laufschritt zu verfallen. Leiser Regen setzt ein, begleitet mich. Rinnt mein Angesicht herab. Gleich Tränen, die behutsam die Erde berühren und sich für immer verflüchtigen. Ich gebe mich erneut der Bewegung hin, überwinde den Eigensinn. So setzt er sich fort, mein täglicher Lauf. Oder sogar der Lauf des Lebens? In solchen Momenten realisiere ich, was wirklich wichtig ist. Die wirren Geister der menschlichen Abhängigkeit mit ihren monetären Dämonen enttarnen sich; ich könnte jetzt lachen. Aber ein trauriges Lachen wäre das. Über uns törichte Menschen, die lächerlich sind und grotesk agieren. Über jene, die nicht wissen, was es bedeutet zu leben, die vom wahren Wert der einzigartigen Existenz keine Ahnung haben; nur dem Geld hinterher hetzen, die Natur vernichten und doch sich selbst suchen ohne es zu wissen, nach einem Sinn – den sie nie finden werden. Sich nach Liebe, Glück, Frieden, Geborgenheit und Zufriedenheit sehnen, ein für alle Zeiten verborgener Weg; denn er ist nicht käuflich. Und das Eingangstor liegt in der Welt hinter der Welt; im Kleinen und Unscheinbaren, in der elementaren Einfachheit.

Mein Lauf endet. Aber was für ein Lauf! Gewaltige, besondere Momente beherrschten ihn, die für mich einen vollkommenen Sinn ergeben. Nur ein Wort kann das beschreiben, freilich nur im Ansatz: Erfüllung. Welch melancholische Stimmung! Sie zeichnet ein symbolisches Bild par excellence, was Täglichlaufen für mich darstellt. Empfinden und Fühlen. Besinnung auf das wahre Leben. Ein Anfang ohne Ende? Nein. Alles, was beginnt, endet auch. Ein jeder Anfang findet sein Ende – früher oder später. Ein Glück. Welch Glück!