Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Akt II.

Das Leben wiederholt sich. Freilich, ich war nicht geneigt anzunehmen, daß ich eine ähnliche oder gar identische Begebenheit respektive den Auftakt derselben erneut erleben würde. Doch ja, das Leben wiederholt sich; das gleiche alte Lied und demgemäß wiederhole ich selbst mich auch, so sei es:

„Sie war schon da. Noch bevor ich kam. Lange vor meiner Zeit. Zu Beginn nahm ich sie nicht bewußt wahr. Ich sah nur die Gesamtheit, nicht die einzelnen Teile. Seitdem lächelte sie mich an, doch ich lief immer vorbei. Vor einigen Monaten begann es. Sie bewegte sich und kam mir näher. Unmerklich, fast schon heimlich. Stück für Stück, unaufhörlich. Irgendwann fiel sie mir auf – ganz plötzlich. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte ich mich auf sie, ja, sie gefiel mir. Hoch gewachsen, eine stolze Haltung und sehr schön anzusehen. Von Tag zu Tag kamen wir uns näher. Ich freute mich sie jeden Tag zu sehen, wenngleich sie sich langsam veränderte. Die anfängliche Zurückhaltung wich einer latenten Zudringlichkeit, immer stärker. Vergangenen Mittwoch kamen wir uns so nah wie nie zuvor – unser Treffen hatte etwas Bedrohliches an sich. Am Donnerstag folgte ein weiteres Stelldichein. Bei unserer Begegnung streichelte sie liebevoll über meine Haare, nicht wissend, wie gefährlich sie wirklich ist. Ich vertraute ihr, ich ließ sie gewähren und sie ließ mich gehen. Dies war unser letztes Treffen in all ihrer Herrlichkeit. Am Freitag ist sie gefallen – gefallene Liebe. Für immer. Verloren.

Nun, man könnte sich jetzt fragen, wovon ich schreibe. Von einer schönen Frau? Natürlich. Meine Zuneigung galt einer Baumdame. Ein großer Baum, welcher auf der rechten Seite den Damm flankierte, einer von vielen. Es gab einmal eine Zeit, da stand sie aufrecht, hoch in den Himmel gewachsen – stolz und unnahbar. Irgendwann begann eine Entwicklung, die zu einer leichten Neigung führte. Selbst für mich, der täglich diesen Ort passiert, entzog sich die Veränderung zu Beginn. Doch eines Tages fiel mir die Neigung auf, ich konnte sie nicht mehr übersehen. Seitdem beobachtete ich den wunderbaren Baum konzentriert. Die Angst vor dem aufrechten Leben trieb die Baumdame in die Besessenheit sich auf die Seite zu legen. Unaufhaltsam. In ihren letzten Tagen erzeugte sie fast ein Dach, welches sich in drei Metern Höhe quer über meinen Damm ausbreitete. Das baldige Ende war jetzt nur eine Frage der Zeit.

Am Mittwoch hatte der Baum noch zwei Meter bis zum Boden zu überwinden. Ohne Probleme konnte ich durchlaufen. Innerhalb weniger Stunden senkte sie sich um weitere fünf Zentimeter, nun berührten die Blätter zärtlich meinen Kopf. Der Anblick war für mich leicht surreal, jedoch faszinierend – wenngleich die Bedrohung ein ungutes Gefühl in mir auslöste. Die Gefahr war nicht zu leugnen. Als ich am Freitag den Damm erreichte und die erste Biegung absolvierte, erspähten meine Augen das natürliche Hindernis. Wohlan, sie war gefallen. Nimmermehr wird sie erhaben die Welt unter sich betrachten können. Für einige Zeit wird der umgeknickte Baum den Weg blockieren, die Blätter verfärben sich und fallen ab. Zahllose Spaziergänger werden Äste abbrechen, um ein leichteres Vorbeikommen sicherzustellen. Bis irgendwann Personen erscheinen, die mit Sägen bewaffnet den Baum in seine Bestandteile auflösen werden und ihn entfernen; so als ob er nie existiert hätte.

Nicht viel anders unser menschliches Dasein. Wie dieser Baum werden wir klein geboren, wachsen neugierig in die Höhe und sind – hoffentlich – stark, um einen temporären Augenblick am Leben zu partizipieren. Bis dereinst der menschliche Körper zerfällt – ebenso der Geist – und wenn der finale Existenzpunkt erreicht ist, fallen wir ebenfalls danieder. Und lösen uns auf. Vergessen und nicht vermißt. Wie der Baum. Staub im Wind. Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Der Lauf der Endlichkeit.“ – – –

Nahezu an der gleichen Örtlichkeit wie einst vor zwei Jahren harrt erneut eine reizend liebliche Baumdame im Zeichen der kraftvollen Fragilität meiner laufenden Existenz und gewährt mir die elementare Gnade eines geheimnisvollen Rendezvous, welches ich über kurz oder lang nicht ausschlagen kann. Sie selbst genießt das Leben noch aufrecht, reckt sich mühelos gen Himmel und tastet mit ihren Blättern nach der ewigen Versuchung, wenngleich sich ein gewaltiger Geästarm beträchtlich zur Seite neigt und ja, es hat begonnen – sie streichelt bereits zärtlich meine Haare. Eine verhängnisvolle Liebe hat ihren Anfang gefunden und – wenn ich den Zeitraum auch nicht abschätzen will – so werden sich in absehbarer Zukunft die naturgemäßen Fährlichkeiten einstellen; gleichwohl nur für meine Wenigkeit.

Bereits am Dienstag erlebte ich ein imposantes Beispiel dieser Art; vielleicht sollte es mich auf kommende Zeiten einstimmen. Während ich im Laufschritt über meine präferierte Dammstrecke defilierte, vernahm ich plötzlich ein lautes Krachen und Bersten über mir – sodann brach in drei Metern Entfernung ein ansehnlicher Ast ab und schwang anschließend wie ein Pendel hin und her, bis sich irgendwann seine unstete Energie verflüchtigte und er still hernieder hing. Die greifbare Stille im Tod. Eine beeindruckende Machtdemonstration der entschlossenen Natur. Wird es meiner neuen zarten Baumliebe ähnlich ergehen? Wahrscheinlich. Der Moment wird gegenwärtig werden, nur wann – das wird sich zeigen. Das ist das Leben. Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Der Lauf der Endlichkeit.

27 Antworten zu “Gefallene Liebe. Gefallenes Leben. Akt II.”

  1. Richard Says:

    Das Leben ist der immer gleiche Ablauf von Geburt und Tod. Sie haben das wieder treffend kurzweilig abgebildet, wenn auch in ungewöhnlicher Form. So sind wir das von ihnen gewohnt. Dafür danke ich ihnen. Nehmen sie die bestehende Gefahr nicht zu sorglos auf. Viele Menschen sind von Bäume erschlagen worden. Bleiben sie vorsichtig.

    Herzlichst
    Richard

  2. Alles, was lebt, muß sterben. Der unendliche Kreislauf der Endlichkeit. So sei es. Die Form erscheint nur ungewöhnlich, schlußendlich ist sie sehr natürlich – wie der Baum selbst.

    Jene Stelle passiere ich sehr wachsam und ich hoffe, daß ich damit der etwaigen Gefahr genug Rechnung trage. Und der Rest wird vom Leben bestimmt werden…

  3. Ein sehr schöner, beeindruckender, trauriger und tiefsinniger Beitrag von dir.
    Dass du nicht von mir schreibst, war klar, ich bin nicht hoch gewachsen *lach*. Ich würde eher zu den Stauden zählen.

    Spaß beiseite.

    Welch Glück, dass die Dame nicht gerade dann gefallen ist, als du unter ihr durch liefst! Wäre ja ganz schlimm. Das mit dem Ast war schon erschreckend genug. Auch der hätte gereicht um dich ernsthaft zu verletzen!

    Pass gut auf dich auf!

  4. Was für ein Vergleich, meine liebe Brigitte. *herzlich lacht* Staudengewächse sind zudem sehr krautig, allerdings verholzen sie nicht. 😀

    Bisher ist die Dame noch gar nicht gefallen; damals ja, in dem ersten Artikel dieser Art. Jetzt hat es neu begonnen und der Spaß wird demnächst passieren, nur wann – das weiß ich nicht.

    Wenn ich den Ast abbekommen hätte, wäre ich nicht so schnell wieder aufgestanden. Ja, ich bemühe mich, derlei zu „umschiffen“, aber manchmal kann man den Klippen eben nicht ausweichen, wie beispielsweise mein Sturz im März bewiesen hat.

  5. Naja, krautig bin ich nicht 😯

    Deine Beschreibungen sind immer so bildlich, als wäre man dabei gewesen. Auch wenn das mit der alten Dame schon ein wenig her ist, wie man sieht, kanns wieder passieren. Der erste Vorbote war schon da.

  6. Welch Glück. Das wäre sehr unangenehm. 😉

    Ich nahm nicht an, daß ich dergleichen noch einmal erleben würde und nun hat es erneut begonnen. Wenn noch mehr Nächte vorkommen – wie die letzte, also mit Gewittern, wie ich sie bis dato noch nicht erlebte, so fällt der Baum bald in das allumfassende Vergessen.

  7. Das Wetter spielt schon ein wenig verrückt. Hier war seit Tagen kein Regen, dafür Hitze wie in der Wüste *stöhn*.

    Hoffen wir dass sie fällt, wenn du nicht in ihrer Nähe bist. Werden die Wurzeln so umspült? oder wie man da sagt.

  8. Vor kurzem hast Du Dich nach der Sonne gesehnt und nun stöhnst Du darüber. Ja, wir Menschen sind doch nie zufrieden. *lächelt*

    Schaun mer ma. Momentan steht der Baum und diverse weitere unter Wasser, ja.

  9. Ich bin sehr wohl zufrieden. So macht der Sommer Spaß. Ich mag nur nicht, wenns in Räumen unerträglich heiß ist.

    Vielleicht darf sie ja noch ein wenig leben!

  10. Alles hat eben zwei Seiten. Nichts ist nur positiv und nichts ist nur negativ.

    Im Hintergrund – hinter der damals gefallenen Baumdame – kann man ein wenig die aktuelle (rechts) erahnen:

  11. Lieber Marcus,

    der alte Baum hat sich vor seinem Fall vor Deinem über 10-jährigen Täglichlaufen verneigt, Dir schlußendlich sogar das Haar gestreichelt.

    Aber wie schön ist es doch zu lesen, das letztenlich doch schnell eine neue Liebe gefunden ist. Das ist doch ein Trost.

    Herzlichen Gruß und auch immer einen Blick noch oben!

    Volker

  12. Lieber Volker,

    so kann man das interpretieren. 😉 Allein, ich hätte mich mehr darüber gefreut, wenn er stattdessen weiter leben würde, denn ein Verneigen war unnötig.

    Der neue Trost ist ebenso vergänglich.

    und auch immer einen Blick noch oben!

    Das tue ich; schon wegen etwaiger Luftangriffe. 😉

  13. So ist das Leben auf diesem Planeten. Es ist ein Kommen und Gehen überall und nirgendwo. Leben kommt und geht irgendwann. Wir werden geboren und müssen irgendwann sterben. Immerhin ist der Baum offensichtlich eines natürlichen Todes gestorben und wurde nicht von Menschenhand frühzeitig ins Jenseits befördert.
    Liebe Grüße
    Kornelia

  14. Das ist das Leben. Geboren, um zu sterben.

    Leider sind in letzter Zeit viele Bäume davon betroffen, primär durch das Hochwasser bedingt, aber auch durch Stürme und Blitzeinschlag. Ich bedauere dies immer, unabhängig etwaiger Gefahr für mich als Täglichläufer.

  15. Hey Marcus, cool umschrieben deine Baumbraut! :mrgreen: Was lernen wir draus? Frauen, Streaken oder Laufen an sich ist nicht ungefährlich. Wenn du einen dicken Ast auf die Mütze kriegst, wars das. Also bleib vorsichtig und pass auf dich auf!

    Keep on STREAKrunning

    MfG

  16. Frauen, Streaken oder Laufen an sich ist nicht ungefährlich.

    Das lasse ich jetzt einfach so stehen und ein jeder darf selbst entscheiden, ob er zustimmend nickt oder erbost mit dem Kopf schüttelt. 😉

    In der Tat war es schon mehrfach recht heikel, doch hatte ich bisher Glück. Ob es mir gewogen bleibt? Wer weiß, wer weiß…

  17. Im Laufe der Jahre wurde an meiner kleinen Laufstrecke ein betagter Baumriese gefällt. Ich fand das sehr schade und fast hatte ich so ein Gefühl wie Trauer. Dieser Baum hatte sozusagen eine Lücke hinterlassen. Heute müsste ich alte Bilder zu Rate ziehen, un den exakten Standort zu benennen. Das nach nur ein paar Jahren. So schnelllebig ist die Zeit. Und das menschliche Leben ist im Vergleich zu dem Leben der Bäume noch viel kürzer. So ist das halt. Es ist unabänderlich und unaufhaltbar.
    Liebe Grüße
    Dietmar

  18. Je schnellebiger die Zeit, desto wichtiger erachte ich das bewußte Innehalten; den Moment der flüchtigen Existenz erkennen, festhalten und sich darin verlieren, vollkommen bewußt wie unbewußt. Oft gelingt mir das mit meinem Täglichlaufen, wenn auch nicht immer. Schade um den Baum, der sicher ohne Grund abgeholzt wurde, vermutlich zum „Schutz der Allgemeinheit“, weil er morsch war. Derlei Unfug wird hier auch immer wieder (unberechtigt) aus dem Hut gezaubert.

  19. Vielen Dank, lieber Marcus, für den sehr emotionalen und ergreifenden Beitrag, der uns mahnt und erinnert, wie der Lauf des Lebens seine Kreise zieht. Keiner wird verschont und wenn wir es beobachten können ist es immer wieder bemerkenswert, wie fern uns unser eigenes Schicksal noch scheint 😉

    Über die Schergen des Todes, oder auch Baumfällarbeiter genannt, verlier ich nicht so sehr viele Worte, haben sie mich schon oft überrascht und mit einem schnellen brutalen Hieb eine Lichtung geschaffen, wo vorher noch ein schöner wilder und dichter Wald stand. Aber wenn ein Baum stirbt, von Natur aus, ist es zwar etwas weniger gewalttätig, doch genauso traurig.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und hoffentlich auch etwas Regen

    Salut
    Christian

  20. Lieber Christian,

    vielen Dank für Deine Antwort. Wie Du weißt, habe ich eine kleine Schwäche für die drei großen Dinge im Leben – Liebe, Leben und Vergänglichkeit. Auch symbolisieren sie perfekt mein Täglichlaufen oder das, was ich darunter für mich verstehe, interpretiere. Ja, unser eigenes Schicksal erscheint oft fern, um so gravierender der Eindruck, die Erkenntnis, daß das doch nicht so ist.

    Das Agieren der Waldarbeiter versetzt mich regelmäßig in Wut, das gebe ich zu – weil ich ihr Handeln auch nicht verstehen will. Wenn die Natur selbst für den Tod sorgt, ist das stets traurig, aber so ist das nun einmal. Das ist unabänderlich.

    Ich wünsche Dir ebenfalls ein grandioses Wochenende im Zeichen des erholsamen Urlaubes.

    Aber Regen? Diese weißen Flocken oder was meinst Du? 😉

    Alles Gute,

    Marcus

  21. Lieber Marcus,

    ich finde es immer wieder beeindruckend wie du den Kreislauf des Lebens beschreibst. Deine Worte zeugen vor so viel Respekt und Liebe zur Natur, das ist einfach nur schön zu lesen.
    Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende mit tollen Läufen auf deinem geliebten Damm!

    Viele liebe Grüße
    Petra

  22. Vielen Dank für Deine Worte, liebe Petra. Was wäre ich auch ohne die Natur? Ohne ihre Bewohner?

    Ich wünsche Dir ebenfalls ein herrliches (Lauf)Wochenende – ich werde bald starten und „meinen“ Wald inspizieren. 😉

  23. […] An einem Tag im August brach während des Laufens ein großer Ast direkt vor mir ab, welch beeindruckendes Erlebnis. Für einen kurzen Moment verwandelte ich mich in meine tierischen Freunde und beobachtete das […]

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