Das Lied des Eises

Die wahren Schönheiten des Lebens manifestieren sich nicht selten in unbedeutenden Ereignissen oder Erlebnissen. Das Kleine und Unspektakuläre, welches sich meistens unserer bewußten Wahrnehmung entzieht, entfaltet nur dann seine würdige Macht, wenn man ihm seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Wenn einem dies gelingt, dann wird man reich belohnt. Folgende zwei Beispiele symbolisieren in einem ausgewählten Rahmen, was ich unter Täglichlaufen verstehe; am Leben, an der Natur partizipieren und sich für den Bruchteil einer Sekunde auf das Dasein einzulassen und nur noch zu fühlen. Reines Fühlen. Besondere, natürliche und unspektakuläre Erlebnisse sind es – unter anderem – weswegen ich mich täglich der Liebe zum Laufen in der Natur mit aller Leidenschaft hingebe.

Im Universum von Zeit und Raum ist der Augenblick des Winters erstarrt. Die kristalline Hand vom alles beherrschenden Winterregenten greift einmal mehr kalt lächelnd nach uns und umarmt uns liebevoll. Und prompt verwandelt sich das kühle Naß in eisige, filigrane Strukturen. Eine weiße Eisschicht flankiert den Damm beidseitig und hält die winterliche Jahreszeit mit seinem Bann gefangen; der vom säuselnden Sturm aufgewühlte See peitscht Welle um Welle an das Ufer und läßt das Eis eine harmonische Ballade singen. Es knarzt, bricht, berstet und singt seine ganz eigene Melodie. Das Lied des Eises. Ja, wenn man die Augen schließt, gewinnt man die Illusion, daß es sich um Buckelwale handelt, die untereinander kommunizieren. Differenzierte Töne, kausal durch die Intensität der Wellenbewegungen bedingt, schreien ihre temporäre Existenz lauthals hinaus. Hört ihr mich? Beachtet mich! – rufen sie vielleicht.

Glorreiche Gespensterscharen reiten im Galopp über jene frostige Eiswelt, schwingen ihre Nebelschwerter und erzeugen eine zutiefst surreale Atmosphäre. Dann wiederum vernehme ich Laute, als ob ich durch die Eisschicht waten würde und mit jedem Schritt das fragile Konstrukt laut brechend zerstöre – allerdings nicht von oben, nein, sondern von unten – unter Wasser und dementsprechend seltsam gedämpft. Welch ein Seufzen und Ächzen! Plötzliche Ruhe. Nur für einen Moment und das Singen, Bersten, Brechen, Seufzen und frostige Schreien setzt sich fort, beginnt jäh von neuem – bis sich die kalte Welt irgendwann verflüchtigt und den wärmeren Temperaturen beugt. Gelobter Wandel.

Die Wälder tragen indessen mehrheitlich tiefdunkle Gewänder, propagieren eine selbst gewählte Finsternis, die perfekt mit ihrer derzeitigen kahlen Erscheinung konvergieren. Ungemütlich für den unaufmerksamen Betrachter, gleichwohl sprechen sie für sensible Charaktere eine Einladung zum Verweilen aus. Mitten im tiefen Forst setzt ein leiser Schneegriesel ein, der tanzend gleich sanft auf den Erdboden hernieder fällt. Zwischen der unsteten graudunklen Wolkendecke öffnen sich immer wieder Lichtfenster, scheinbare Tore in ferne Zeiten im Weltgesang von nicht zu beschreibenden Ausmaßen. Die Sonnenstrahlen erobern behende die Wälder und beleuchten den elementaren Griesel in einzigartigen Lichtfacetten. Ein Heer von glitzernden Diamanten prasseln ungestüm vom Himmel zu Boden und erzeugen einen Moment von atemberaubender Schönheit im Mikrokosmos des natürlichen wie allumfassenden Lebens.

Ein reflektierendes Schimmern, welches sich in allen Richtungen ausdehnt. Millionen Elfen gleiten scheu spielend auf die Erde und werden doch wieder vom Wind empor gehoben, während gleichzeitig die Luft von einem Funkeln ohnegleichen erfüllt ist. Allenthalben erspähe ich Kristalle, die ihre Lichtblitze in das weite Nichts senden. Ich unterbreche meinen Lauf und beobachte fasziniert das seltene Schauspiel, welches nur wenige Minuten andauert. Das ist ein exponierter Augenblick, der zum Träumen verleitet. Erneut verblaßt das menschliche Leben, die Zeit hält an, verdichtet sich und gibt Raum für gefühlvolles Nichtdenken. Sodann reisen weitere Wolkenfelder am Firmament der Unendlichkeit entgegen und das gleißende Leuchten stirbt und verstummt für alle Zeiten in dieser Konstellation. Trunken vor Genuß und Glück gelingt es mir nur schwer, jenen Ort zu verlassen, um meinen Lauf fortzusetzen.

Wiederholt ein einzigartiger Moment, geboren in der Welt des gelebten Täglichlaufens. Was bedeutet Täglichlaufen? Alles. Nichts. Doch für diese Empfindungen lebe ich.

39 Antworten zu “Das Lied des Eises”

  1. Oha! Ein neuer Beitrag? Das überrascht mich nun doch ein bisschen!

    Auch wenn du noch so wunderschön von Eis, Kälte, Winter, Schnee und Sturm schreibst – für mich ist und bleibt es eine total ungeliebtes Jahreszeit. Was sicher nichts mit Unaufmerksamkeit zu tun hat. Ich fühle mich in dieser Zeit einfach nicht wohl.

    Heute draussen zu sein bei – 10 ° ist ganz schlimm für mich. Ich friere, es ist mir kalt und ich will so schnell wie möglich ins Warme.

    Aber so sind wir eben alle verschieden. Du magst jede Jahreszeit (auch wenn du dich nun schon auf die wärmere Jahrezeit freust), nimmst es hin so wie es ist. Geht ja gar nicht anders.

    Man merkt was du zur Zeit liest; ich zumindest *lach*.

  2. Unverhofft kommt oft, meine liebe Brigitte.

    Das Thema hatten wir schon oft und ich werde nun nicht für den Winter werben. 😯 Jeder Mensch sieht die Welt mit anderen Augen; manche lieben das, andere jenes und ich vertrete die Ansicht, daß jede Sichtweise ihre Berechtigung verdient.

    Ich bin heute morgen bei -10 °C gelaufen und was soll ich sagen? Ich habe geschwitzt und wollte gar nicht in das Warme.

    Ja, so langsam wird es Zeit für den Frühling und ja, ich vermisse jetzt schon den Winter. Ich bin eben nie zufrieden. Primitives menschliches Verhalten.

    Man merkt was du zur Zeit liest; ich zumindest *lach*.

    Es sei Dir versichert, daß da absolut kein Zusammenhang besteht. *lacht* Sonst hätte ich den Elfenabsatz ausbauen müssen…

    …und der schwarze Drache kam hernieder aus seiner Welt, zu der wir keinen Zugang besitzen und machte sich auf, um die Elfen zu suchen und jene eine zu entführen, die… 😀

  3. Ja ich weiß, du bist immer für Überraschungen gut.

    LOL, ich werde den Winter jetzt und auch im Sommer nicht vermissen. Der soll endlich abhauen *gg*.

    Hehe, dann musst du deinen Artikel eben noch ausbauen. Mit Drachen, Elfen, Kobolden *laaaaaach*. Los los maaaach!

  4. Möglich. 😉

    Ich werde Dich im Sommer an den Winter erinnern, mit einem kalten Rückblick; wie schon 2009.

    Wahrscheinlich wäre das kein großes Problem. Aber täglichlaufende Kobolde? Bei Gelegenheit….

  5. Am besten gefallen mir Geschichten von täglichlaufenden Grubenkobolden 😉

  6. Vielleicht sollte ich eines Tages doch ein Buch schreiben. Die Kombination klingt interessant. 😉

  7. Na was red ich schon seit Jahren. Wo bleibt nun dein Buch. Ideen gäbe es ja mehr als genug.

  8. Ich ziehe meinen Satz zurück. Woran Du jetzt denkst, da habe ich keine Ideen.

  9. Nix da, gesagt ist gesagt. Also loooooos!

  10. Was interessiert mich mein Geschwätz von vorhin? 😀

  11. RunningOtto Says:

    Hey Marcus, wow wow wow! Thx für die super Laufstory! Da hast du zwei einzigartige Momente schriftlich für uns Leser festgehalten. So poetisch geschrieben wie ein Dichter. Thx! Das ist irre. Ich druck mir das wieder aus, ich brauch das auf Papier. @Buch! :mrgreen:

    Keep on STREAKrunning!

    MfG

    PS Ich wünsch dir mehr solcher Momente!

  12. Mehr für mich als für die Leser. 😉

    Vielen Dank, Otto. Ob poetisch oder nicht liegt im Winkel des Betrachters; ich habe das beschrieben, was ich sah. Respektive versucht – auch wenn ich ein Versuchen immer negiere – die Herrlichkeit der Natur zu beschreiben, kann nur scheitern.

  13. Was Du diesem kalten Wetter alles für gute Seiten abgewinnen kannst, finde ich schon toll. Solange die Sonne scheint, gefällt es mir auch ganz gut. Aber wenn es wieder grau in grau wird, werde ich vielleicht an Deine Worte denken, um es ein bißchen positiver zu sehen.
    Man spürt, dass Täglichlaufen für Dich auch die Zeit zum täglichen Träumen ist. Das gefällt mir sehr gut. Ich hoffe sehr, dass Dir nie die nötige Zeit zum Träumen fehlen möge!
    Liebe Grüße
    Kornelia

  14. Momentan ist es richtig kalt, so um die -10 °C, was ich einerseits nicht gut – lange Hose – andererseits aber wunderbar finde, weil nun meine Flutwege frei sind, zumindest durch das Eis begehbar sind und das ist grandios.

    Wer nicht mehr träumt, ist eigentlich schon tot. Und ja, beim Täglichlaufen kann man durchaus sich den Träumen hingeben. Ein Glück! 🙂

  15. Über den Dächern
    hängt ein Schleier
    aus weißem Licht

    Die kalten Lüfte
    liegen gefroren
    in sich selbst

    Darin schwelgt
    der Rabe
    aus dem kahlen Baum

    Straßenlärm vergeht
    im Anblick der Sonne
    der übermächtig
    die Welt beherrscht

    So lebt
    selbst im Winter
    die Hoffnung darauf

    Weiterhin viel Genuss beim Täglichlaufen
    Grüße Melanie

  16. Vielen Dank für das Gedicht, liebe Melanie. Das ist wirklich schön. Hoffnung lebt auf, ja, möge es so sein.

    Schön von Dir zu lesen – ich hoffe, Dir geht es gut. 🙂

  17. Lieber Marcus,
    diese Momente sind einzigartig und sie gibt es nur im Winter, wenn die Luft fast gefriert und die klirrende Kälte mal ganz still und mal „Buckelwalgesangs“ ähnlich nach der Natur greift. Ich finde Du hast das wieder wunderschön beschrieben und ich erlebe es oft genug in den letzten Wochen, dass ich meine Läufe unterbreche, stehen bleibe und staune, um Schauspiele zu bewundern, die der sich aufbäumende Winter für uns bereit hält. Trotzdem, und ich lese bei Dir ähnliches, ist die Erwartung groß, dass der Frühling langsam einkehrt. Der Winter war/ist lang und ich hoffe, dass sich bald wieder ein anderes Naturschauspiel ereignet, was uns dann hoffentlich genauso erstaunend inne halten lässt.

    Ich wünsch Dir schon mal ein herrliches Wochenende

    Salut

    Christian

  18. Lieber Christian,

    die einzigartigen Wintermomente werden sich langsam verflüchtigen und den einzigartigen Frühlingsmomenten weichen. Der Wandel der (Jahres)Zeiten. Daß ich meine Läufe unterbreche, kommt in letzter Zeit bei mir auch sehr oft vor. Und bei meinen Schafen komme ich ohne Streicheleinheiten sowieso nicht vorbei. 😉 Wenn sie dann genußvoll die Augen schließen – das ist goldig.

    Der Frühling ist fast schon da, das letzte Aufbäumen des Winters vergeht und dann singen wir die Frühlingsballade. Ich wünsche Dir angenehme Läufe im Vorfrühling!

  19. Das war wieder Mal ein wunderbarer Lauf den Du da erfahren durftest, lieber Marcus und den Du mit einem authentischen Bericht nacherlebbar gemacht hast. Der Winter ist noch präsent und hat uns hier über Nacht sogar eine dünne Schneedecke beschert, wobei der Gesang der Vögel wohl ein Zeichen dafür sein sollte, dass es nur ein kurzes Intermezzo sein wird. Laufen im Winter ist zuweilen herausfordernd und führt wahrscheinlich gerade dadurch zu beeindruckenden Erlebnissen. Mal sehn was der Tag uns noch so alles bringt. Habe einen schönen Tag!

  20. Ja, das waren ganz besondere Augenblicke im Zeichen des natürlichen Täglichlaufens, lieber Dietmar. Allein die Kälte sorgte dafür, daß ich mich nicht im Frühling befand – alles andere ist diesbezüglich längst eingestimmt. Aktuell weiß ich die Kälte jedoch sehr zu schätzen, gibt sie doch meine Flutwege frei.

    Dir auch einen schönen (Lauf)Tag!

  21. Lieber Marcus,

    was soll ich jetzt (ich bin wohl mal wieder die „Letzte“ 😀 ) noch dazu schreiben?
    Mir stand der Mund offen beim Lesen? Ich habe jede Zeile in mir aufgesogen? Ich bin tief beeindruckt von Deiner Warnehmnungsfähigkeit und diese in Worte zu fassen?
    All das möchte ich sagen. Und dich beglückwünschen. Das du die Natur um dich herum so sehr genießen kannst, die vielen Details siehst und spürst. So kann man die Natur nur wahrnehmen, wenn man sich in ihr bewegt, mit ihr zu einer Einheit verschmilzt. Ich glaube, es geht hier gar nicht so sehr um Frost und Kälte. Es geht darum, die Einzigartigkeit der Natur so wahrzunehmen, wie sie sich gerade in diesem Moment präsentiert. Und jedesmal das besonders Schöne zu erkennen.
    Ich bedanke mich bei dir für diesen wunderschönen Artikel.
    Hab ein schönes Wochenende!
    Viele liebe Grüße
    Petra

  22. Letzter. Erster. Derlei kommt hier nicht vor, liebe Petra. 🙂

    Vielen Dank für Deine Worte; jetzt ist es an mir zu staunen, in bezug auf Deine treffende Einschätzung. Ja, um die Kälte geht es nicht primär. Sie trug das ihre dazu bei, um mir die natürlichen Geschenke zu offerieren, aber sie anzunehmen, ist eine andere Sache. Wie schon oft gesagt, ich fühle mich an jenen Orten wie zu Hause, ein Gefühl stellt sich ein, als ob ich dazu gehören würde. Freilich ist mir die Illusion dessen nur zu bewußt. Ich gehöre der Spezies an, die alles dafür tut, dieses L E B E N zu vernichten. Dennoch, ich liebe die Natur nun einmal. Und das Spektakuläre ist nicht groß oder bedeutend, nein, die oft zitierte einsame Blume am Rand des Weges, die sich im Wind neigt – das sind für mich die wahren Wunder.

    Es geht darum, die Einzigartigkeit der Natur so wahrzunehmen, wie sie sich gerade in diesem Moment präsentiert. Und jedesmal das besonders Schöne zu erkennen.

    Exakt. Aber nicht mit den Augen zu erkennen, sondern mit dem Herz – fühlen eben. 🙂

    Auch Dir ein wunderbares Wochenende!

    • „Aber nicht mit den Augen zu erkennen, sondern mit dem Herz – fühlen eben. :)“ Wie schön hast du das formuliert.

      mit dem Herzen fühlen – heißt für mich:
      mit den Augen sehen
      mit den Ohren hören
      den Boden unter den Füßen spüren
      den Hauch des Windes über die Haut streifen lassen
      ein Tier liebevoll streicheln
      einen Baum ertasten
      die würzige Luft zu atmen
      eins sein mit sich und der Natur

      Ja, lieber Marcus, Dein Gefühl, dazuzugehören ist richtig. DU gehörst dazu, bist ein Teil der Natur. Weil du nicht zu denen gehörst, die sich über die Natur erheben und meinen, besser als sie zu sein. Egal, wss die Menschheit macht. Behalte dir dieses Gefühl und diese Einstellung. Es ist eine Oase des Glücks, die wohl viele Menschen niemals so warnehmen können. Weil sie unter Glück was ganz anderes verstehen und nicht sehen, daß so eine klitzekleine Blume am Wegesrand zum Glück dazugehört. Es sogar ausmacht.

      Viele liebe Grüße
      Petra

      • Vielen Dank für Deine Worte, liebe Petra. Wir sind Seelenverwandte, gell? 🙂

        Ich habe schon öfter formuliert, was ich darunter verstehe; folgende Beschreibung finde ich (für mich) recht zutreffend:

        Ich unterbreche meine natürliche Bewegung. Hocke mich am Strand hin, schließe die Augen und verharre. Meine Gedanken treiben dahin, wie das Wasser eines Flusses, der in das Meer fließt. Versinken. Dem Sinn der Augen beraubt, die Schärfe der Ohren intensiviert – das Dasein strebt nach Ausgewogenheit – konzentriere ich mich auf die Geräusche der Umgebung. Ein Rauschen überwältigt mich, das unbändige Tosen des Sees dominiert und übertönt mit Macht alle anderen Laute. Mir scheint, als ob ich die in der Ferne vorbei ziehenden Wolken hören könnte, was werden sie während ihres Fluges alles sehen? Im Hintergrund vernehme ich mehrere Eichelhäher und andere Vögel, die längst ihre grandiosen Gesangeskünste im Hinblick auf die Partnerwahl eingestellt haben. Eine frische Brise schlägt mir in mein Antlitz, vertreibt für eine Sekunde die melancholische Einsamkeit und verbindet sich mit den fühlbaren Augenblicken der Sinnlichkeit, ja, eine frühlingshafte Empfindung wird in meine Perzeption suggeriert. Ich kann den warmen Jahresauftakt nicht sehen, aber ich fühle ihn; der Tatsache ungeachtet, das es sich hierbei um eine Illusion handelt. Streichelnder Wind.

        Obwohl meine Augen geschlossen sind, ist es mir, als ob ich mehr denn je erspähe. Wahres Sehen. Nicht auf das Sinnesorgan Auge bezogen, nein; in einer geistigen Form, eine andere Dimension. Ich verlasse jene Erkenntnisebene, sehe mich selbst auf dem Damm hocken, schwarz; den Kopf auf beide Hände gestützt, fliege über mein Laufareal hinweg und überblicke es in seiner prächtigen Herrlichkeit und natürlichen Vollendung. Höher und höher. Wie klein und belanglos wir doch sind! Demut keimt auf. Es fällt mir schwer, mich von diesen lähmenden Gefühlen zu lösen, die Zeit konserviert mich an diesem Ort, in der fliehenden Gegenwart der tiefen Empfindungen. Berührt von der Unendlichkeit, getroffen. Sehen, aber nicht mit den Augen. Hören, jedoch nicht mit den Ohren. Nur fühlen und empfinden, mit dem Herzen. Tief im Innern. Verborgen im Selbst. Ich öffne die Augen.

        Mein Geist kehrt zurück; in meinen unzulänglichen Körper. Es kostet Kraft, die bewegenden Impressionen endgültig in das Nebelreich zu verbannen, aufzustehen und wieder in den Laufschritt zu verfallen. Leiser Regen setzt ein, begleitet mich. Rinnt mein Angesicht herab. Gleich Tränen, die behutsam die Erde berühren und sich für immer verflüchtigen. Ich gebe mich erneut der Bewegung hin, überwinde den Eigensinn. So setzt er sich fort, mein täglicher Lauf. Oder sogar der Lauf des Lebens?

        https://blacksensei.wordpress.com/2010/10/22/ein-anfang-ohne-ende/

        Wir Menschen waren einst Teil der Natur, bis wir dieses Bündnis brachen. Jedoch, dieser Fehler, unsere Kurzsichtigkeit wird korrigiert werden. Früher oder später. Und gucke Dir die kranke menschliche Welt an, lange wird das nicht mehr dauern (dafür sorgen wir schon selbst). Mit aller Vehemenz.

        Wie auch immer, mit unserem Täglichlaufen können wir dem entfliehen und unsere Quelle der Zufriedenheit aufsuchen; wenn auch immer nur temporär und nicht für ewig. Aber das ist das Leben. Für mich gilt daher: „Das leben, was man liebt und lieben, was man lebt.“

        Liebe Grüße

        Marcus

        • Lieber Marcus,

          das ist schon sowas wie Seelenverwandschaft… 🙂
          Ich habe damals diesen Artikel gelesen. Wie lange ist es schon her? Und es ist fast als wenn ich ein wenig davon abgeschrieben hätte, aber es nicht habe. Unser Fühlen ähnelt sich sehr.
          Manchmal frage ich mich, ob auch Nichtläufer dieses Glück so empfinden können. Ich glaube es aber nicht. Das Laufen in der Natur löst etwas aus, was man schwer beschreiben kann. Es ist, als ob sich alle Blockaden im Gehirn lösen. Jegliche Empfindung intensiviert sich, Kreativität entfaltet sich. Ich spüre, wo meine Wurzeln als Mensch liegen und verstehe die menschliche Gesellschaft immer weniger.
          Unsere tägliche „Auszeit“ wird mir von Tag zu Tag wichtiger. Und Dein Motto: „Das leben, was man liebt und lieben, was man lebt.“ ist einfach nur klasse.
          Viele liebe Grüße
          Petra

          • Jenen Artikel habe ich am 22.10.2010 veröffentlicht, also schon ein paar Tage her. Ob Nichtläufer das empfinden können? Wer weiß; ich kann mir da kein Urteil erlauben. Für mich selbst kann ich aber sagen, daß ich mein Täglichlaufen noch vor sechs Jahren – als Beispiel – kann anders empfand als heute. Je länger man diesen Weg beschreitet, umso mehr verändert man sich. Eine logische Entwicklung.

            Deinen Ausführungen kann ich nur zustimmen. Ich betrachte das ähnlich. In dieser Woche habe ich erst wieder in einem Gespräch gesagt, „Menschen. Ich werde sie nie verstehen.“ – und das ist wirklich so. Wenn ich das nicht verdrängen würde, so käme ich aus dem Weinen gar nicht mehr heraus, wenn ich mir unser Gebaren ansehe.

            Genieße das Wochenende und Deinen Lauf. Ich werde auch gleich starten, um die Eiswelt noch auszunutzen, bevor es zu warm wird. 😉

            Alles Gute,

            Marcus

  23. Lieber Marcus,

    erneut eine wunderbare Beschreibung eines noch wunderbareren Laufes. Danke, dass du mich mit auf die Reise genommen hast!
    Das sind für wahr einzigartige Momente, wie sie uns nur der Winter schenken kann. Schön, wenn man sie „wahrnehmen kann“! Die meisten können das nicht, haben kein Auge, keine Muße, kein Empfinden für solch großartige Geschenke der Natur.

    Ich wünsche dir ein grandioses Wochenende,
    Steffen

  24. Das ist das, was ich unter Täglichlaufen verstehe, lieber Steffen – ein Gefühl. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Besinnung auf die elementaren Dinge des Lebens, die wirklich schönen. Ja, das sind wahre Geschenke und wohl dem, der sie erkennen und annehmen kann.

    Auch Dir ein herrliches Wochenende.

  25. Ich Laufe ja auch mit einem intensiven Verhältnis zu meinem Laufrevier und der Natur, aber solch intensive Erlebnisse und noch mehr deren ausschweifende Erzählungen sind mir nicht gegeben.
    Ich hoffe es bleibt Dir erhalten!

  26. Ich könnte noch viel mehr derartiger Beobachtungen hier veröffentlichen, jedoch will ich meine Frequenz in bezug auf das Publizieren neuer Artikel nicht erhöhen.

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