Über Graugänse

Wie bei allen Lebewesen besitzt eine jede Graugans ihren ureigenen Charakter. Manche sind mutig, entspannt in sich ruhend; andere scheu, schüchtern – doch neugierig sind sie alle. Derzeit sitzen sie jeden Morgen direkt auf meiner Laufstrecke und zeitweise drehe ich wieder ab, um sie nicht zu stören. Je näher man ihnen kommt, desto lauter und intensiver ihr Rufen. Der Zeitpunkt ihres Abfluges läßt sich genau berechnen, wenngleich sich die meisten Gänse durch mein Anreden beruhigen lassen. Oft unterbreche ich meinen Lauf und halte meine gewohnte Ansprache, indessen die zuvor Schimpfenden gemächlich den Damm verlassen, um mir eine freie Passage zu gewähren – als ob ich den süßen Putzels etwas antun könnte!

Schlußendlich dürften mich nahezu alle Graugänse kennen – nur wenige ziehen in den Süden und das Gros überwintert hier und täglich begegnen wir uns und führen wir unsere Gespräche – seit vielen Jahren. So näherte ich mich heute der großen Wiese – in ihrer grünen Mitte verläuft mein Pfad – und vor mir erspähte ich vielleicht 150 oder 200 Gänse; sitzend, stehend oder mit den Flügeln schlagend. So lief also die schwarze Gestalt mit 12 Kilometern pro Stunde direkt auf die Gänseschar zu – nun dürfte man annehmen, daß sie in einem Schwarm jählings von dannen ziehen. Mitnichten!

In einem gebührlichen Abstand erhob ich bereits meine Stimme und nur wenige Gänse überhaupt antworteten mir. Die Kolonie teilte sich in der Mitte und die Graugänse watschelten nach links und rechts und räumten den Weg im Zentrum, durchaus mit einer würdigen Ruhe – jeder Notfallsanitäter wäre über diese „Rettungsgasse“ freilich begeistert. Nun, der Mensch hat halt nicht den Intellekt einer Gans. Nicht ein Vogel flüchtete und ich lief mitten durch die zahlreiche Gemeinschaft – natürlich immer meinen üblichen Monolog vortragend. Ich muß gestehen, ich genieße diese für mich einzigartigen Momente des Lebens – denn dieses Vertrauen, welches mir die Wildvögel entgegen bringen, betrachte ich keineswegs als Selbstverständlichkeit; schließlich bin ich ein Vertreter der bösesten Spezies, die der Planet Erde je erleben mußte. Allein sie wissen genau, ich bin alles andere als eine Bedrohung und ja, wir verstehen uns. Nie würde ich sie auch nur im Ansatz enttäuschen. Meine lieben Freunde, wir sehen uns morgen wieder!

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