Tanzende Tränen

Welch ein graudunkler Morgen. Geboren in der schwarzen Finsternis. Reizende Regenperlen gleiten sanft hernieder, tränengleich und zärtlich tanzend. Nicht intensiv ausgeprägt, doch von einer steten und scheuen Behutsamkeit. Im einsamen Hain genoß ich die Abgeschiedenheit und jählings ereilte mich eine besondere Nachricht, die mich sehr schockierte. Seit vielen Jahren traf ich nahezu täglich einen Grußfreund; wir winkten uns zu und oft unterhielten wir uns, denn auch er ist ein Läufer – sogar ein Ultraläufer. Freilich wäre das in diesem Fall eine niedliche Beschreibung; ich würde ihn als extremen Hardcore-Ultraläufer bezeichnen und er absolvierte Läufe in Ländern, wo ich nur vom Hörensagen schon in Ohnmacht falle. Hin und wieder sind wir auch streckenweise gemeinsam gelaufen – ich war stets von seiner Laufwelt beeindruckt und er nicht minder über mein Täglichlaufen, über meine Serie – was ich wiederum als kurios interpretierte; der Hardcore-Ultraläufer staunte über den Antisportler. Manchmal offenbart das Leben seinen Humor.

Heute vernahm ich nun völlig unerwartet – das unwägbare Spiel des Lebens ist für ihn beendet. Für immer und immer. Das Buch des Lebens hat sich für ihn geschlossen. Die Witterungsbedingungen waren der Nachricht angemessen – ich selbst kann es nicht begreifen. Noch gestern hätte ich geschworen, er wird noch mit 95 seine 100 Kilometer und mehr genußvoll laufen und von dieser Lebenszahl war er weit, weit entfernt. Wahrlich, das Leben ist unwägbar – wer wagt es, dies verstehen zu wollen? Meine Gedanken sind bei seiner Familie – ich werde die Erinnerung an diesen Ausnahmeläufer hochhalten; mein heutiger Lauf, mein 441 Regenlauf sei ihm gewidmet.

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