Gebrochene Herzen

Jeher gilt im Rahmen meines Täglichlaufens als erster Höhepunkt der Besuch meiner wolligen Freunde, die an Liebenswürdigkeit ihresgleichen suchen. Ohne eine Streichelpause kann, will und darf ich jene Örtlichkeit nicht passieren – dies ist eine gewachsene Tradition. Möglicherweise wirken hier uralte Gene auf mich ein, denn einer meiner siebenfachen Urgroßväter war temporär als Schäfermeister tätig und ja, diese Liebe scheint sich über Jahrhunderte hinweg erhalten zu haben. Bis gestern war ich wieder einmal für nahezu drei Wochen für das kulinarische Wohl meiner herzigen Wollchens verantwortlich, welche Verantwortung ich als Ehrenschaf nur zu gern übernahm. So sorgte ich jeden Morgen für ihr Frühstück und als Begrüßung wurde ausgiebig gekuschelt – ohne einen störenden Zaun – in Kombination mit vielen Streicheleinheiten. Nicht nur die ungeduldigen Putzels haben derlei par excellence genossen, nein, ich selbst freilich auch. Besonders nachhaltig war der Tag meines 16jährigen Jubiläums, denn an diesem besonderen Tage wurden gar herzige Zwillinge von meiner Lieblingsschafdame geboren.

So vergeht die Zeit und mein Wirken fand nun seinen unausweichlichen Schlußpunkt, leider – leider! Vor jenem Moment habe ich mich durchaus gefürchtet, denn als ich heute früh wie gewohnt in die Nähe der Weide kam, wurde ich bereits aus einer ungefähren Entfernung von 200 Metern erspäht und jählings startete das gewohnte Prozedere, mit einer määäähchtigen Begrüßung und einem sehr lautmalerischen Theater. Allein bin ich nun nicht mehr für ihre Verpflegung zuständig und so stand ich vor dem Zaun und streichelte sie liebevoll; indessen sie die Welt nicht mehr verstanden und sich fragten, wieso es denn kein Frühstück gäbe!? Voller Aufregung warteten sie sehnsüchtig am Tor, doch ich setzte meinen Weg gnadenlos fort. Gnadenlos? Nicht wirklich – in Wahrheit brach es mir das Herz. Selbst im Wald und später auf meinem Damm vernahm ich noch ihr entsetztes Blöken und ja, auf dem Rückweg fand diese Begebenheit ihre Fortsetzung.

Wieder unterbrach ich meinen Lauf, um sie zu streicheln und auch meine beruhigenden Worte änderten nichts an dem traurigen Geschrei und ihrer dramatischen Verständnislosigkeit. Welch ein Jammer – gebrochene Herzen – nicht nur meines, so viele…

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