Den Weg gehen – IX. 2016. Fünfzehn Jahre, Neun Monate. Absolute Finsternis.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Fünfzehn Jahre und Neun Monate in Serie. So verrinnt er also, der liebliche Dezember, dessen unangefochtene Winterfürstin mit ihren raren Schneereizen leider geizt. Nimmermehr verging die gnadenlose Zeit schneller als in jenen grauherrlichen Novembertagen und wie ich einst in Aussicht stellte, so brach die Zukunft eindrücklich über mich hernieder: „Wenngleich ich die Intensität in der kommenden Woche signifikant reduzieren muß, bin ich ob dieser Tatsache ausnahmsweise nicht betrübt, da dies einer Reise geschuldet ist, welche vor über 100 Jahren ihren Auftakt nahm – und jener initiierte Kreis wird sich morgen nachhaltig schließen. So kam es also, der Fokus auf mein Täglichlaufen verlor zusehendes an Bedeutung und ja, zu allen Zeiten tönte ich groß daher, daß ich mein Täglichlaufen n i e freiwillig beenden würde, nicht, solange ich nur den Hauch einer Wahl hätte. So sei es. Demungeachtet hat sich meine Wahrnehmung verschoben – könnte ich dem Höhepunkt jener Reise erneut beiwohnen, die vor über 100 Jahren begonnen wurde und vor einem Monat eine Art Finale feierte – ich würde mein Täglichlaufen sofort beenden; ohne zu zögern, ohne Nachdenken! Wer hätte das gedacht – ich von mir selbst am allerwenigsten. Allein diese Möglichkeit bietet sich mir nicht. Ich habe nicht diese Wahl – leider. So setzt es sich also fort.

Die Temperaturen alternierten in der vergangenen Phase zwischen 10 °C und -06 °C und dementsprechend zogen 19 Kälte-, vier Nebel- und drei Regenläufe lächelnd in meine Statistik ein. Am 24.11. erlebte ich den 41. Wildschweinkontakt in meinem Täglichläuferleben – im schönsten Sonnenschein durfte ich ungefähr zehn Wildschweine beobachten, die gemütlich gen Wald trabten; hierbei handelte es sich um drei sehr große Schwarzkittelfreunde und diverse kleinere, welche allesamt höchst entspannt auftraten. Um bei der thematischen Fortsetzung zu bleiben, fand die nächste Begegnung am 14.12. statt. Hier entsprang ein Wildschwein in das Unterholz und zwei weitere durfte ich bei ihrem Morgenbade erspähen und ja, mir ist – bisher – kein Lebewesen bekannt, welches derart laut, nein, lärmend durch das Wasser schwimmt respektive platscht. Ich konnte mich eines Lachens nicht erwehren – Wildschweine sind in der Tat herrliche Wesen.

Am 30.11. warnte mich ein zuvorkommender Nachbar vor der Polizei, welche wie gewohnt ihren monetären Geschäften nachging, doch ich bin geneigt anzunehmen, für die Blitzgeräte bin ich dann doch ein wenig zu langsam. Auf dieser stark befahrenen Hauptstraße, welche im Fokus der „Exekutive“ lag, sah ich am 04.12. ein Reh umher spazieren – glücklicherweise an einem Sonntag in den frühen Morgenstunden, so daß es den gefährlichen Übergang ohne Probleme realisieren konnte. Mein Lauf am 05.12. sollte sich wahrlich als Bilderbuchlauf erweisen; geboren in der kalten, erstarrten Natur, die ihresgleichen suchte; indessen die Kraniche ein wohltönendes Konzert gaben.

Absolute Finsternis. Der freundliche Nachbar vom 30.11. kam mir eines Morgens in tiefer Dunkelheit entgegen und da ich mit meiner Bekleidung nebulös mit der schwarzen Natur verschmolz, sollte sein Schreck nach meinem Morgengruß sehr nachhaltig werden – mittlerweile gehört seine Irritation der Vergangenheit an. Später vollzog ich weitere Läufe in der müde gewordenen Nacht und ja, die Pfade im Finsterforst konnte ich nur anhand der wegweisenden Bäume erahnen. Am 12.12. kam mir ein starker Ast zwischen meine Füße, was sich als relativ schmerzhaft erwies und am 16.12. schlug mir ein Zweig in mein Gesicht, direkt in die Augen – auch dies war sehr unangenehm, blieb jedoch ohne Folgen. Dennoch, diese Dunkelläufe besitzen ihren ureigenen Reiz, erwachsen in einem stillen Habitat der absoluten Einsamkeit wie totalen Finsternis. Derlei kann ich nur lieben. So vergeht also die Zeit, das Jahr und das Leben. Der Dezember wird alt, mein Täglichlaufen vielleicht auch. Tempus fugit.

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