Den Weg gehen – V. 2016. Fünfzehn Jahre, Fünf Monate. Die Begegnung mit der Bestie.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Fünfzehn Jahre und Fünf Monate in Serie. Wieder ist ein Monat Täglichlaufen gnadenlos vergangen und wurde für immerdar in den vergänglichen Abgrund der Erinnerung gerissen. Die Zeit vergeht ungerührt, das Leben nicht minder und auch mein Täglichlaufen setzt seinen Pfad in die Vergangenheit fort. Das gleiche alte Lied. Bis dereinst alles endgültig endet, enden muß. Die gefährliche Routine obsiegt und suggeriert einmal mehr den Schein der Unüberwindlichkeit, purer Energie voller Macht – besonders in Kombination mit den nun herrschenden angenehmen Temperaturen. Manche Illusionen sind zu verlockend. Demungeachtet ist der Genuß zurückgekehrt und mehrheitlich praktiziere ich mein Täglichlaufen mit Freude in Zufriedenheit. Möge sich dies ebenso fortsetzen.

In der vergangenen Phase alternierten die Temperaturen zwischen 26 °C und 10 °C und boten erneut keine Besonderheiten feil. Der dringend für die Natur – und auch für mich als Täglichläufer – benötigte Regen blieb wieder aus; die Versteppung schreitet voran. Ich will das nicht weiter bewerten. Immerhin blieben auch die schrecklichen Hitzeläufe aus, welches sich ganz banal durch den frühen Laufzeitpunkt begründet. Ich bin geneigt anzunehmen, daß dieses Jahr das erste überhaupt sein wird, in dem ich nicht einen Hitzelauf absolviert haben werde – was für eine grandiose Meldung dies doch ist. Jener Monat stand evident im Zeichen der Rehe, die sich nahezu täglich beobachten ließen. Vor allem ihre relative Zutraulichkeit erfreute mich wiederholt.

Einer d e r Höhepunkte in dem letzten Abschnitt fand eindeutig am 19.07. statt – ich stand mit einer Dame in einem Gespräch vertieft, als plötzlich ein Radfahrer vorbei fuhr, der nach 30 Metern anhielt und lautstark nach seinem Vierbeiner rief. Erwartungsfreudig beobachtete ich nun jene Richtung, aus der der Hund erwartet wurde und erspähte – nichts. Das Rufen intensivierte sich, unsere Ungeduld steigerte sich in das Unermeßliche und ich rechnete mit einem großen, gefährlichen Racker – die Situation schrie förmlich danach – vor meinem geistigen Auge bildete sich Nebel, eine gruselige Musik schien ich zu vernehmen, die Zeit hielt inne, ein Sturm wehte durch die Bäume und ein Blitz schlug am Firmament strahlend hell hernieder und ja, dann war es soweit – die Bestie erschien endlich. Schrieb ich soeben Bestie? Man möge mir diesen Fauxpas nachsehen – denn Egon kam angerannt! Mops Egon kam im Sturmlauf auf uns zu, gewahrte die für ihn fremden Personen, blieb jählings stehen, prüfte abwartend die Lage und traute sich nicht an uns vorbei. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen – damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet – das war eine eindrückliche Begegnung. Die imaginäre Musik verstummte urplötzlich, der Nebel verschwand und auch Egon wagte sich irgendwann in den Wald. Egon – ein witziges Kerlchen.

Am 05.08. erlebte ich meinen 36. Wildschweinkontakt und wurde am frühen Morgen freudig begrüßt, halt, nein – begrunzt. Sodann sah ich die ganze Rotte von dannen rennen. Die lieben Schwarzkittel in freier Natur beobachten zu dürfen, ist stets ein wunderbarer Moment. Zwei Tage später fand der große Almabtrieb statt, über den mutmaßlich weltweit berichtet wurde. Meine Wollchens befinden sich nun wohlbehalten in ihrem Sommerurlaub und werden diese Zeit hoffentlich sehr genießen. Am 11.08. gelang es mir, einen wundervollen Schwarzspecht zu beobachten – hierbei handelte es sich um ein besonders großes Exemplar – das „groß“ bezieht sich auch auf die Neugierde.

Gestern lief ich im tiefen Hain mitten in einen zwei Meter langen Draht hinein, der auf dem Waldweg lag und im Zuge von Baumaßnahmen vergessen wurde. Glücklicherweise war auf der Teilstrecke meine Geschwindigkeit – aufgrund von Wanderwurzeln – sehr gemindert, so daß kein Schaden entstehen konnte. Damit sich nicht die lieben Waldbewohner daran verletzen, habe ich den Draht entsprechend gesichert und unschädlich gemacht. Heute traf ich zum ersten Mal den fünf Monate alten Golden Retriever Leo – doch was könnte ich hier noch bemerken? Goldies sind derart goldig, daß ich jedes Mal in Verzückung gerate – diese Putzels muß man lieben. – – So verabschiedet sich ein routinierter Monat Täglichlaufen. Es folgt – ein weiterer Tag Täglichlaufen; dem sich hoffentlich der eine oder andere Tag anschließen wird, um zu einem neuerlichen Monat heranzuwachsen. Die Zeit wird es lehren. Ich selbst bemühe mich. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gelebtes Täglichlaufen.

Werbeanzeigen

Kommentare sind geschlossen.