Von Rehen

Der Tagesbeginn mühte sich redlich, sich von seiner finsteren Seite zu zeigen und reizte gar lieblich mit Nieselregen. Allein es blieb bei dem Bemühen, denn die Dunkelheit war nur latent ausgeprägt und auch der vermeintliche Regen zieht nicht in meine Regenstatistik ein. Demungeachtet wußte ich die angenehmen Temperaturen zu schätzen, welche sich kausal auf meinen heutigen Lauf auswirkten und für eine greifbare Energie verantwortlich zeichneten – wie ich sie lange nicht erfahren durfte. Die Einsamkeit des hehren Forstes war von einer wundervollen Einzigartigkeit geprägt und so genoß ich mein Täglichlaufen in einem besonders gehaltvollen Maße. Tief im Hain befand ich mich mittlerweile auf dem Rückweg und bog an einer Wegkreuzung ab, um jählings direkt vor mir ein mittelgroßes Reh zu erspähen.

Für den Bruchteil einer Sekunde fror die surreale Zeit scheinbar ein – wir sahen uns an und sinnierten wohl beide, wie die Begegnung sich nun weiter entwickeln würde. Ich verlangsamte abrupt meine Geschwindigkeit, indessen der Zeitenfluß sein gewohntes Tempo wieder aufnahm und das edle Reh sofort im Unterholz verschwand. Nachdem es zwei Meter hinter sich gebracht hatte, redete ich das schöne Tier auch schon an – getreu meiner Art, mit jedem Tier zu kommunizieren – und nach zehn Metern hielt es inne und drehte sich zu mir um und beobachtete mich. Ich hielt meinen Monolog fröhlich weiter und verließ den Ort des Geschehens, um nicht weiter zu stören. Das Reh zeigte auch – wie so oft – kein Fluchtverhalten mehr und ich freute mich sehr, diesen seltenen Vertrauensbeweis erhalten zu haben.

Bereits gestern früh gelang es mir, ein sehr großes Reh bei seinem Morgenmahl zu beobachten, welches in einem ungefähren Abstand von 100 Metern verharrte. Nach einiger Zeit gewahrte es mich – ich begrüßte es im Anschluß – es ließ sich aber mitnichten von meiner Präsenz stören. In der Tat, das ist Täglichlaufen. Und die bedeutendsten Momente sind für mich jene, wenn Wildtiere nach dem Anrufen nicht flüchten oder gar zurückkehren, wie ich es beispielsweise mit diversen Raubvögeln wiederholt erlebte. Solange sie nur auf mich treffen, werden sie auch n i e enttäuscht werden.

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