Den Weg gehen – III. 2016. Fünfzehn Jahre, Drei Monate. Mentale Unlust.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Fünfzehn Jahre und Drei Monate in Serie. Wieder schwang die unnahbare Regentin der Zeit erhaben ihr edles Großschwert, welches den ehrfürchtigen Namen: „Unendlichkeit“ trägt, um einen weiteren Monat Lebenszeit für immerdar hernieder zu strecken und in ihr immerwährendes Reich der Vergänglichkeit zu verbannen. Gnadenlos und ohne Reue – wie zu allen Zeiten. Wir unbedeutenden Menschenwesen können uns der Großmeisterin nur unterwerfen – nicht weniger gnadenlos. So war es immer und so wird es immer sein. Jene vergangene Phase stand wahrlich im Zeichen der mentalen Herausforderung und selten habe ich mein Täglichlaufen mit einer derartigen Unlust praktiziert. Demungeachtet offenbaren sich an dieser Stelle die elementaren wie bedeutenden Abschnitte der ungewohnten Lustlosigkeit. Denn wie absurd und unehrlich wäre ein Täglichlaufen, welches immer nur großartig und scheinbar voller Freude absolviert werden würde? Explizit diese Zeiten der Herausforderungen definieren den wahren Wert und verleihen meiner Intention ihre grundlegende Wertschätzung.

In dem betreffenden Monatsabschnitt alternierten die Temperaturen zwischen 13 °C und 26 °C und somit wurden in mein statistisches Gemälde nur zwei Regen- und zwei Nebelläufe gemalt. Weiterhin erlebte ich am 25.05. meinen 35. Wildschweinkontakt, der sich in einer zahlreichen Rotte manifestierte – mit durchaus gewaltigen Anführern, die mich grunzend freudig begrüßten. Die freudige Wortfindung darf selbstredend negiert werden. Nur wenige Tage zuvor – am 19.05. – erspähte ich nach langer Zeit einen Hasen, der mir auf dem Damm entgegen kam; innehielt, als er mich gewahrte – sodann sich nicht sonderlich amüsiert umdrehte und von dannen hoppelte. Die nächste Hasenbegegnung erlebte ich am 23.05. – auf einem Feld saß Meister Lampe und beobachtete entspannt den Himmel. Freilich liegt es auch im Bereich des Möglichen, daß er sich nur sonnte – er teilte mir dies nicht näher mit. Als er den schwarz gewandeten Täglichläufer erkennt, wetzt er einen Meter weiter, um wieder anzuhalten und als er indes registriert, daß von mir keine Gefahr ausgeht, setzte er ungetrübt sein Tagewerk fort. Ich nahm mir dies als Vorbild und verfiel ebenso wieder in den Laufmodus.

Wenngleich von hitzigen Sommertagen noch keine Rede sein konnte, so wirkten sich die durchaus heißen Bedingungen entsprechend aus und generierten oft eine unangenehme schwüle Atmosphäre in meinen Wäldern. In diesen Kontext geht eine extreme Mückenplage einher, wie ich sie rückblickend betrachtet – bis dato nie erlebte. In den Wäldern wird man regelrecht aufgefressen und selbst mit hohem Tempo kann ich den Biestern nicht entkommen. Drehe ich mich während des Laufens um, erkenne ich massive Mückenbälle, die mich verfolgen. Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, daß das hiesige Bauamt die kompetente und erfahrene Familie Schwarzkittel beauftragt hat, tiefgreifende Wühlarbeiten auf den Forstwegen einzuleiten, welche mit Hingabe praktiziert wurde – und wird. In der traurigen Konsequenz kanalisiert sich der Fakt, daß ich meine Geschwindigkeit bedeutsam reduzieren muß, um etwaige Stürze zu vermeiden. Und je geringer die Laufgeschwindigkeit, desto höher ist wiederum die gravitätische Wahrscheinlichkeit für noch mehr Mückenstiche. Denke ich an längst vergessene Zeiten, so erinnere ich mich an Stiche, die kleine Quaddeln erzeugten, ein wenig juckten und nach wenigen Stunden verschwanden. Heutzutage scheint das Jucken permanent anzuhalten und diverse mückenhafte Blessuren sind eine Woche erkennbar. Es ist das eine schreckliche Zeit. So wird mein Täglichlaufen zu einer nicht unerheblichen Härte und minimiert die Freude. Mein gestriger Lauf bildet gleichwohl d i e Ausnahme, da starker Regen das Geschehen dominierte und mich zutiefst versöhnte; die mentale Unlust verflüchtigte sich temporär und hinterließ pure, greifbare Energieteilchen, die ihre Kraft an mein geistiges Selbst emittierten und einen einzigartigen Genuß hervorzauberten – was für ein Traumlauf.

Für Laufanfänger sind jene Bedingungen freilich exzellent – niemand kann so sehr zum Laufen motivieren – wie die Mücken es beherrschen. Ende Mai agierte ein wütender Sturm in meinem Laufareal und fällte mehrere Bäume in den kalt lächelnden Tod. Jenes Spektakel wiederholte sich wenige Tage später in ähnlicher Form. Am 09.06. saß ein edler Bussard auf einem Ast und beäugte mich neugierig; sicherlich sinnierte er ob der Tatsache nach, wie ich es wagen kann, ihn – meiner Art entsprechend – einfach so anzureden. Frau oder Herr Bussard sah mir nach und als ich später zurückkehrte, saß der Raubvogel immer noch auf seinem Aussichtspunkt und flüchtete auch bei meiner Rückkehr nicht. Ich bin geneigt anzunehmen, daß er mich nun an meiner Stimme erkannte. Indessen kannte meine Begeisterung keine Grenzen, so ein wunderbares Geschöpf aus nächster Nähe beobachten zu dürfen.

Diese Momente entschädigen für die unangenehmen Laufbedingungen und bilden ausgeprägte Höhepunkte. Dennoch, für die nächste Zeit habe ich Schneestürme bestellt und ja – wer bin ich schon, solche Wünsche zu äußern. Meine Ballade vom Täglichlaufen setze ich ungeachtet aller Widrigkeiten vor – auf diesem Planeten gibt es nicht genug Mücken, um mein Täglichlaufen zu konterkarieren. Wohlan, der nächste Abschnitt leuchtet mit seinen ureigenen Reizen und wird mich einmal mehr entführen – von der Zukunft in die Vergangenheit – in dieser surreal-seltamen Welt. Gelebtes Täglichlaufen.

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