Den Weg gehen – I. 2016. Fünfzehn Jahre, Ein Monat. Bis zur Fünfzehn. Und darüber hinaus.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Fünfzehn Jahre und Ein Monat in Serie. Erschreckend. Mir ist, als ob ich erst gestern den Schimmer der 15 gewahrte und doch sind diese Empfindungen seit langer Zeit in das vergessende Reich der Erinnerungen eingezogen. Oh du liebe Zeit, wohin verrinnst du nur und warum beschreitest du deine unwägbaren Pfade derart rasant? Nur einen Augenblick später materialisierte sich der eine Tag in diesem Jahr, der mir das E I N E Geschenk offenbarte und ja, ich habe es in der Tat vollzogen: 15 Jahre Täglichlaufen in Serie. Der bedeutungsvollste Moment in den vergangenen zwei Monaten und seit Abschluß meiner Dekade – der gewichtigste Tag für mich, auf den ich immerdar mit zufriedenen Stolz zurückblicken werde, wenngleich sich mein Täglichlaufen nach dieser neuerlichen Grenzüberschreitung auch nicht anders anfühlt – als in den Jahren zuvor. Irritierend. Doch ich habe es nicht anders erwartet. So sei es.

Es gibt keine Worte dafür, diese Kostbarkeit hier gebührend festzuhalten, zu würdigen. Mir ist bewußt, daß ich das in meinem Leben nie wieder reproduzieren kann, darf und werde – die daraus resultierende Wertschätzung – explizit auf die Zukunft bezogen – kann ich ebensowenig in Worte gießen. Was bleibt also? Das Wissen, mein Täglichlaufen von grundauf zu lieben und zu leben. Und ja, ich werde mein Täglichlaufen dementsprechend auch künftig leben. Wie der abgeschlossene Monat heute beweist, bleibe ich diesem meinem Vorsatz treu und durfte einen weiteren Abschnitt in das tiefschwarze Dunkelreich der toten Vergangenheit verbannen. Wohlan, ich beschreite jenen Weg im Rahmen meiner Intention fernerhin mit einem dankbaren Lächeln – zumindest mehrheitlich. Freilich will ich nach all den Jahren im gelebten Täglichlaufen auch gar keinen anderen, divergierenden Weg wählen – dies versteht sich selbstredend von selbst.

In der vergangenen Phase alternierten die Temperaturen zwischen -05 °C und 15 °C und boten dementsprechend 32 Kälte-, sechs Regen-, und zwei Nebelläufe feil. Zusätzlich erlebte ich meine 32. Begegnung mit Familie Schwarzkittel und auch ein neuerlicher Fastunfall zog gelangweilt in meine Statistik ein. Eine besondere Fährlichkeit wertete ich nicht als solchen, gleichwohl erwies sich jene Situation durchaus als grenzwertig. Am 16.03. kam mir ein viel zu schneller Bus entgegen, direkt dahinter ohne Sicherheitsabstand ein LKW und dahinter ein Auto – ebenso ohne gebührenden Zwischenraum, welches ich natürlich nicht wahrnehmen konnte. Der Wagen wollte links abbiegen – aus Sicht des Fahrers rechts – und selbiger übersah mich selbstverständlich, weil er zu dicht am LKW „hing“. In letzter Sekunde erspähte mich der Fahrer und verriß das Lenkrad schreckhaft nach links und vermied somit mein etwaiges Serienende. Glücklicherweise war die Straße in diesem Moment auf der anderen Spur frei. Ich schrieb eben von Sicherheitsabstand; mir ist bewußt, daß dies ein Wort aus dem Märchenreich ist. Und so hielt sich meine Irritation in Grenzen.

Im März und im April war ich einmal mehr für meine Wollchens verantwortlich, die in der Zeit auch zwillingshaften Nachwuchs bekamen. Die absolute Regelmäßigkeit im Kontext des kulinarischen Wohls tat ihnen sehr gut. Aktuell ist das Theater immens, denn jeden Morgen laufe ich wie gewohnt an ihrer Weide vorbei und darf doch nicht mehr für ihr Frühstück sorgen. Es bricht mir fast das Herz. Einer meiner schönsten Läufe fand am 22.02. statt, bei Starkregen und intensiven Sturmböen erlebte ich den puren Genuß, geboren in einer wundervollen Harmonie der greifbaren Einsamkeit, die ihresgleichen suchte. Am 24.02. unterbrach ich meinen Lauf auf Grund der lieben Wildgänse, um im Anschluß durch eine Versammlung von ca. 40 Gänsen hindurch zu gehen, die nicht eine Sekunde an Flucht dachten. Einige Tage später vernahm ich zweimal kurz die Gesänge des Pirols – bei einer Temperatur von -04 °C und am 04.03. ist das ein absolutes Novum gewesen; so frühzeitig hörte ich den Pirol in all den 19 Laufjahren nicht – dies gilt auch für die Nachtigall. Still erhaben harrten in der strahlenden Sonne zwei Rehe am 09.03. und beobachten mich neugierig – dieser Augenblick trug wahrlich magische Züge, der in dieser Konstellation einzigartig für mich war.

Um bei den herrlichen Tierbeobachtungen zu bleiben, darf ich den Schwarzspecht nicht unerwähnt lassen, welchen ich nach längerer Zeit wieder erspähen durfte und zwar am 05.04. – sodann stellte sich der erste Graugansnachwuchs am 09.04. vor und ja, diese kleinen, goldigen und herzigen Federbälle muß man einfach lieben. Am 15.04. fand ich in meinem Hochwasserschutzgebiet mitten auf meiner Laufstrecke einen toten Jungfuchs, der augenscheinlich unversehrt erschien; ein trauriger Anblick. – – Der Frühling ist allenthalben vollends erwacht, prosperiert ohnegleichen und überrascht mich täglich mit neuen Impressionen, wie sie nur Mutter Natur in das unvergleichliche Bildnis des Lebens malen kann. Mit jeder Sekunde intensiviert sich das Grün, leuchtet stärker und machtvoller, um jeden Beobachter in einen zauberhaften Bann zu ziehen.

So vergeht ein Winter – der keiner war – um Raum zu geben, für grünstrahlende Zeiten, die mit floralen und tierischen Reizen nur so locken. Der grüne Vorhang mit seinem säuselnden Blattgewerk senkt sich tiefer, fällt erhaben hernieder und wird in kurzer Zeit für eine herrliche Undurchdringlichkeit verantwortlich zeichnen. Ich selbst werde mit meinem banalen Täglichlaufen daran partizipieren, um die hehre Natur täglich in ihrer vollendeten Komposition zu beobachten. In der Tat, ich werde meine Intention fortsetzen, den Weg gehen – in diesem meinem Täglichlaufen. Bis zur Fünfzehn. Und darüber hinaus. Allein, wie könnte ich auch nicht?

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