Den Weg gehen – XI. 2016. Vierzehn Jahre, Elf Monate. Der Schimmer der 15.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Vierzehn Jahre und Elf Monate in Serie. 14 Jahre und 11 Monate. In der Tat bemerkenswert. Als Realist hätte ich nie mit zwei oder fünf Jahren Täglichlaufen gerechnet oder gar die vollzogene Zäsur von einer Dekade Täglichlaufen. Das war nie meine Intention; es war nie mein Ziel eine besonders lange Reihe an Jahren zu generieren, explizit auch in dem Kontext dieser unvergleichlichen Ausnahmslosigkeit – wie könnte das Unmögliche auch ein Ziel sein? Derlei ist undenkbar, geschweige denn planbar. Und doch, und doch stehe ich nun kurz vor 15 Jahren Täglichlaufen. Ein banaler Monat Lebenszeit trennt mich von dieser Extremhöhe. An dieser Stelle wäre es höchst töricht von mir, dieses mögliche Jubiläum nicht erreichen zu wollen. Freilich werde ich alles in meiner Macht liegende entsprechend leben, um diesen Ausnahmetag zu verwirklichen. Natürlich bin ich mir nach wie vor der Fragilität jener Hoffnung bewußt. Erst vor wenigen Tagen überholte ich im Rahmen meines Täglichlaufens einen großen Bagger und führte meinen Kopf in einem Abstand von nur zehn Zentimetern Abstand an der gewaltigen Schaufel vorbei. Eine heikle Situation, die rasant zu einem Ende meines Täglichlaufens hätte führen können – so wie unzählige Fährlichkeiten, die unerwartet zwar vielleicht nicht gleich mein Leben beenden, so doch mein Täglichlaufen nachhaltig konterkarieren können. Täglichlaufen war immer ein fragiles Konstrukt und – das wird es für immerdar bleiben. Die daraus resultierende Wertschätzung kann ich mitnichten in schnöde Worte kleiden.

In der vergangenen Phase alternierten die unbeständigen Temperaturen zwischen 08 °C und -13 °C, was in der logischen Konsequenz 18 Kälte-, vier Regen- und einen Nebellauf für meine Statistik bedeutet. Partiell zog die Sturmregentin mit aller Macht auf und demonstrierte selbige uneingeschränkt. In den letzten Jahren siedelten sich in meinem Laufareal mehrere Kraniche an; vielleicht fünf, sechs oder sieben an der Zahl. Doch am 08.02. erspähte ich 25 bis 35 dieser trötigen Putzels, welche nahezu täglich einen wahrlich lustigen Lärm zelebrieren. Ende Januar übernahm ich kurzfristig die kulinarische Versorgung meiner lieben Wollfreunde, was wieder zu einer freudigen Angelegenheit wurde. Mittlerweile kommen zwei Schafe (eine Dame und ein Herr) – sobald sie mich sehen – wie Hunde angerannt, stürmen auf mich zu und wollen möglichst Jahre gestreichelt werden, indessen sie ihren Köpfe auf meinem Arm ablegen und mich mit großen, treuen Augen ansehen. Beende ich die Streicheleinheiten, so verfolgen sie mich am Zaun – solange ihre Weide währt und blicken mir nach, bis ich im Wald verschwinde. Ja, ich liebe meine Wollfreunde von Herzen. Doch befürchte ich, daß ich einen von ihnen heute zum letzten Mal sah – möge ich mich irren!

Apropos Hunde. Am 20.01. verließ mein lieber Nachbarhund Wotan diesen Planeten für immer und immer. Das ist immer noch unvorstellbar für mich. Der Liebste der Lieben – schmerzlich verbannt in das unendliche Reich der Erinnerung. Mein armer Schnuffelgrunzer – es war wirklich eine schöne Zeit mit Dir; stets von wahrer und ehrlicher Freude erfüllt. Am 23.01. beobachte ich zwei wunderschöne Rotfüchse; es ist stets wundervoll, diese erhabenen Gesellen in freier Natur erleben zu dürfen – zumal parallel der Weltgesang von einem starken Schneefall beherrscht wurde. Sodann bot am 13.02. die natürliche Unwägbarkeit eine zutiefst amüsante Begegnung feil. Ich befand mich in der Waldmitte, als ich in der Ferne eine Bewegung wahrnahm; ich war geneigt anzunehmen, daß es sich hierbei um einen Hund handeln würde. Aufgrund der weißen Farbe vermutete ich einen Husky, bis ich zwei, vier, acht und fünfzehn Racker erblickte, die geschlossen in einer Traube den gesamten Weg vereinnahmten und auf mich zu sprinteten. Natürlich handelte es sich um meine Wollies, die jählings in der Bewegung innehielten, anschließend kehrt Marsch befohlen und schlußendlich den Wald so schnell verließen – wie sie ihn vorher erobert hatten. Mein Lachen hallte durch den Wald und kurz danach begrüßte ich den Eigentümer.

Der 07.02. sollte sich als Tag der Schwäne offenbaren. Von Anfang bis Ende meiner 14 Kilometer erspähte ich ein massives Aufgebot von Schwänen am sonnigen Himmelsgewölbe, die in allen Richtungen hin und her schwebten. Welch eindrucksvolle Impressionen durfte ich während meines Laufes aufnehmen. Auch darf der Biber nicht unerwähnt bleiben, den ich am 03.02. beobachten durfte; er schwamm gemütlich in einem Kanal, kam sodann temporär an Land, um hernach wieder schwimmend seines Weges zu ziehen und ja, er blieb gänzlich unbeeindruckt meiner Wenigkeit. Heute wurde ich zu Beginn meines Laufes unterbrochen, denn eine Dame bat mich um Hilfe, welche ich freilich gerne gewährte, um somit ihre latente Notlage aufzulösen.

Also setzt es sich fort – mein geliebtes Täglichlaufen – fest entschlossen auf dem zufriedenen Weg der Stille, Ruhe und Harmonie und in der Ferne, in der weiten Ferne – ja, dort schimmert sie – die geheimnisvolle 15. Jene 15, die wahrlich eine gefühlvolle Besonderheit für mich bedeutet; eine nicht reproduzierbare Einzigartigkeit – wie einst die errungene Dekade. Ich werde mich bemühen, diesen heute noch imaginären Schimmer in die Realität zu zerren. Mehr denn je. Mit aller Macht. Möge es gelingen.

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