Den Weg gehen – VIII. 2015. Vierzehn Jahre, Acht Monate. Das einzelne Blatt.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Vierzehn Jahre und Acht Monate in Serie. Liebreizend lächelte das unbarmherzige Leben und verzehrte einen weiteren Monat Zeit; eine zutiefst flüchtige Zeit, geboren in dem fragilen Reich meines Täglichlaufens. Nach wie vor tanze ich hoch oben auf dem schwingenden Seil, das den Namen Täglichlaufen trägt und allen Fährlichkeiten bisher standhaft trotzt. Aktuell scheint es einen Ruhezustand zu präferieren, ergo nicht zu schwingen, sondern es wirkt auf mich so, als ob es fest verankert ist; mit eisenharten Verbindungen, die im Zuge der routinierten Gewöhnung durch nichts in Bewegung geraten können. Doch ja, das ist nur eine banale Illusion – schon in dem nächsten Moment kann es wild in Aufregung geraten und mich und mein Täglichlaufen hernieder stürzen – in das logische Ende, welches in jedem Anfang innewohnt und mich früher oder später ereilen wird. Doch nicht heute. Alles hat seine Zeit.

Wohlan, die vergangene, herbstliche Phase wurde glücklicherweise vermehrt von Nebel und Sturm beherrscht, so daß ich neun Kälte-, fünf Nebel-, und drei Regenläufe absolvieren durfte. Indessen alternierten die unsteten Temperaturen zwischen 13 °C und -03 °C. Weiterhin muß ich hier im statistischen Sinne einen Fastunfall und zwei neuerliche Wildschweinkontakte erwähnen. Der heutige Lauf war ein würdiger Jubiläumslauf – der ungehaltene Sturm trieb mir gar Tränen in die Augen. Zu Beginn des letzten täglichlaufenden Monats übernahm ich einmal mehr die allgemeine Aufsicht meiner wolligen Freunde, welcher ich mit entsprechender Sorgfalt nachkam. Dieses hochgewichtige Amt bereitete wie noch stets große Freude und selbst nach Beendigung dieser verdienstvollen Tätigkeit kam ich erneut zum Einsatz, als ich eines Tages gewahrte, daß ein wolliges Putzelchen sein Heim verlassen hatte – in gänzlicher unautorisierter Art und Weise. Ich unterbrach meinen Lauf und in den folgenden zehn Minuten versuchte ich mit Engagement, das lustwandelnde Schaf seiner bereits harrenden Familie zuzuführen. Allein es gelang, gleichwohl sich der Schwierigkeitsgrad als herausfordernd offenbarte.

Am 24.10. begrüßte mich weithin vernehmlich trötend ein Fasan in meinem Laufareal und angesichts des musikalischen Talentes, welchem ich mich als Zuhörer hingab, konnte ich mich eines Lachens nicht erwehren. Den wunderbarsten Lauf in jenem Abschnitt vollzog ich eindeutig am 29.10. – bei 0 °C und intensiv ausgeprägtem Nebel, der den natürlichen Weltgesang in vollendeter Harmonie einhüllte, stieg ich in genußvolle Sphären puren Glückes auf. Kurzum, ich absolvierte einen wahren Traumlauf. Um nicht allzu lange in diesem freudigen Habitat zu verweilen, folgten bald die alles zerstörenden Baumberserker und unangenehme Metallgerüche. Weiterhin darf ich leider verkünden, daß auch die aktuellen Läufe nicht wirklich von Freude erfüllt sind, da in den letzten Tagen vermehrt Jäger aktiv waren, die ihre blutige Gier praktizierten, um friedliche Waldbewohner zu morden/metzeln – friedvolle Lebewesen, die niemanden je etwas getan haben und ganz banal, nur leben wollen. Sie werden gnadenlos abgeschlachtet – einfach so, weil es unserer Spezies Spaß bereitet. Sind wir Menschen nicht widerwärtig?

Der Herbst vergeht unentschlossen, der Winter naht zurückhaltend. Vielleicht. Die säuselnden Blättergewänder sind durchlässig geworden, weinen still und der hehre Sturm obsiegt allenthalben. Eines Morgens unterbrach ich jählings meinen Lauf und weilte verloren zwischen den mich umgebenden Baumgiganten, deren empor ragende Kronen im ungestümen Wind hin und her tanzten, begleitet von einem sonoren Rauschen, das jedwede Töne absorbierte. Lautes Schweigen. Ein einzelnes Blatt wurde von einer unsichtbaren Hand ergriffen, drehte sich in dem Sturm immer wieder um sich selbst, wurde unstet in alle Richtungen geworfen, um irgendwann endgültig leise hernieder zu gleiten. Ich stand immer noch regungslos und beobachtete das Geschehen, den ureigenen Tanz der wispernden Baumgesellen; es spielte dazu eine wehende Melodie, die ich doch nicht wahrnehmen konnte. Es blieb bei dem einen Blatt. Eine melancholische Szene, gezeichnet an einem finsteren Tagesbeginn in ein vergängliches Gemälde der Abgeschiedenheit. Und doch sehr fesselnd, ein wahrhaftig magischer Moment, der sich nicht mit unzulänglichen Worten beschreiben läßt – die bedeutenden Augenblicke im Leben kann man nur fühlen. Meine ungewisse Reise setzt sich fort, in diesem meinem Täglichlaufen – genau wie das einsame Blatt. Und wohin es getragen wird, weiß nur der Wind.

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