Ein wahrer Jammer

Der Tragödie erster Akt. Die Winde wehen in der Majorität mißlich. Sie tragen die Luft direkt in mein Laufareal hinein und sind selten gegensätzlicher Art. Freilich, nichts spricht gegen normalen Wind, nichts gegen Stürme oder gar gravitätische Orkanmächte. Nein, jene sind unangefochten und ich liebe derlei Bedingungen während meines Täglichlaufens. Doch sei der eine Moment unvergessen, in welchem publiziert wurde, eine industrielle Großanlage an den Rand eines Hochwasserschutzgebietes zu installieren. Unvergessen jener Augenblick, in dem öffentlich von einer Teilbaugenehmigung berichtet wurde und doch war der Bau dieser Anlage längst abgeschlossen – zumindest äußerlich betrachtet. Weitere Details wage ich hier nicht anzüführen. Und so muß ich damit leben, nahezu täglich weht ein metallischer, infernalischer Gestank in mein Laufareal; es ist, als ob man gegen eine Wand rennen würde, eine imaginäre Mauer aus ekligem Metallgestank, wovon einem regelrecht übel wird.

Manch einer definiert mein Täglichlaufen als eine gesunde Betätigung. Hier kann ich nur widersprechen. Wenngleich ich meine täglichen Strecken entsprechend korrigiere, kann ich dieser olfaktorischen Vergewaltigung nicht entkommen. Ich frage mich, welche Krebsart früher oder später in meinem Körper zur Entfaltung kommen wird; mir deucht, Lungenkrebs würde sich anbieten. Es ist ein Jammer. Aber so ist das in dieser dekadenten Welt, die bis in das Mark von Geld regiert wird – was sind heutzutage Leben wert? Menschliches? Tierisches? Pflanzliches? Irrelevant. Wenn nur Geld zu generieren ist. Sodann vernichten wir alles, mit einem süffisanten Grinsen. Viele Menschen sind davon überzeugt, daß sie ihre Kinder lieben. Aber das ist nur eine Illusion. Wenn wir unsere Kinder wirklich lieben würden, würden wir dann nicht dieses einzigartige Habitat auf diesem Planeten erhalten? In dieser Sekunde denke ich nur an mein unbedeutendes Laufareal, an die restliche Welt wage ich nicht in einem Traum zu denken.

Der Tragödie zweiter Akt. Die Stürme offenbarten in diesem Jahr eine vollendete Macht und wirkten dementsprechend mit gewaltiger Hand. In der banalen Konsequenz fielen zwei Baumriesen in den Tod; nicht weit von meiner Haustür – in dieser Straße. Zwei Vorgärten mit ihren Zäunen wurden zerstört – gewiß ein teurer Schaden. Es ist nur logisch und nachvollziehbar, wenn verantwortliche Kräfte Wiederholungen dieser Art vermeiden wollen und folglich kranke oder scheinbar gefährliche Bäume zurückschneiden oder komplett entfernen. Die allgemeine Sicherheit fordert ihr Recht ein und wer würde dies nicht verstehen? Demungeachtet kann ich nur konstatieren und ja, ich wiederhole mich – es ist ein Jammer. Seit Montag agieren hier die Berserker und sägen und sägen und sägen. Sie zerstören ohne Sinn und Verstand – vom kleinen Stauch, über junge Bäume und Holunderbüsche bis hin zu den großen ihrer Art. Ein Kahlschlag par excellence.

Ein intelligentes Agieren im Sinne von Sicherheit kann ich nicht erkennen; hier wird nur blanke Zerstörungswut gegen die Natur gelebt; in Kombination mit Schimpftiraden in Fäkalsprache der Arbeiter. Es ist ein Jammer. Ich wage nicht an die zahlreichen Vögel zu denken, welche hier seit Jahren heimisch waren und friedlich lebten. Von Spechten aller Art, wie Grün-, Bunt- und Schwarzspechten, Pirolen, Eichelhähern, Nachtigallen, Drosseln, Meisen, Rotkehlchen, Bussarde, Fasane, Eichhörnchen, usw. usf. Diese, nun sehr traurige Liste – ist lang. Ihre Heimat wurde und wird aktuell mit Hingabe vernichtet. Es ist eine schreckliche Zeit. Und ganz ehrlich, mein Täglichlaufen ist derzeit alles andere als eine Freude und auch von Spaß kann keine Rede mehr sein. Erschwerte Bedingungen in einer Zeit, in der allenthalben nur Narren regieren. Es ist ein Jammer. Ein wahrer Jammer!

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