Wollige Zeiten. Akt II.

Die Zeit ist wahrlich reif für die Fortsetzung einer Thematik, welche zu Beginn des Jahres bereits eine gewisse Würdigung fand. Seit vergangenen Montag bin ich einmal mehr als amtlich bestallter Futterlehrling in wolligen Angelegenheiten aktiv; gleichwohl muß ich konstatieren, daß der aktuelle Fokus mitnichten auf die kulinarische Versorgung zielt, sondern mehr in einer allgemeinen Kontrolle meiner wolligen Freunde, welcher ich mit entsprechender Sorgfalt nachkomme. Die Aufenthaltsfreiheiten der Schafe wurden explizit definiert, sodann wurde ich persönlich von der Maßgabe in Kenntnis gesetzt; allein diese eine Information wurde den Hauptbeteiligten offenbar nicht kommuniziert, denn die süßen Schafe wissen von – nichts!

Mit anderen Worten, die heimatliche Weide ist zweigeteilt und mit Zäunen begrenzt wie gesichert und nur für e i n e n Teilbereich besitzen die Wollies eine Autorisation, für das andere Areal freilich nicht. Doch davon wissen sie nichts oder sie tun so, als ob sie nichts wüßten. Eines Morgens fand ich einen putzigen Racker, der in dem gesperrten Bereich fröhlich lustwandelte. Ich näherte mich dem Bock bis auf fünf Meter und forderte ihn zur Rückkehr auf und trabte – als leuchtendes Beispiel – voran und womit ich nicht wirklich rechnete, das Schaf war folgsam, so daß ich es problemlos der Herde zuführen durfte. Eine Kontrollbegehung im Anschluß meinerseits führte zu keinem Ergebnis, ich erspähte keine Fluchtmöglichkeit und war geneigt anzunehmen, das Schaf beherrscht die Teleportation oder zumindest ausgeprägte Hochsprungqualitäten.

Doch nur einen Tag später erkannte ich demütig meinen Irrtum, denn zu Tagesbeginn befanden sich die Schafe erneut in dem nicht autorisierten Gebiet und ja, dieses Mal fast alle. Ich gesellte mich zu einer wunderschönen Dame – aufgrund ihrer Schwärze von mir „Blackie“ bezeichnet – und streichelte sie, was sie sichtlich genoß – indessen ich die anderen „Ausbrecher“ scharf beobachtete. Nach einiger Zeit traten sie den geordneten Rückzug in dem sogenannten „Gänsemarsch“ an; hier ist natürlich von Schafmarsch die Rede. An einer besonderen Stelle vor dem Zaun hielten sie an, bewegten den Kopf gen Erde, das Hinterteil ehrfürchtig Richtung Himmel und zwängten sich durch ein – für meine Begriffe viel zu kleines Loch im Zaun – hindurch, um mich nun doch endlich zu begrüßen.

An meine verantwortungsvolle Aufgabe mit evidenten Vorgaben erinnert, versperrte ich nun jenen Einschnitt, um ein neuerliches Entweichen zu verhindern. In Ausübung meiner Tätigkeiten erkannte ich schnellstens, daß ich weder ein Zaunbauer bin, noch über adäquate Mittel im Kontext der Ausbesserung verfügte, doch betrieb ich meine „Flickschusterei“ durchaus mit großer Hingabe. Stolz auf mein Werk kehrte ich in die Welt des Täglichlaufens zurück und absolvierte meine gewohnte Runde, auch in der Hoffnung auf eine latente Anerkennung meines Handelns von wolliger Seite aus. Und wieder verging ein Tag, die Zeit und das Leben in gnadenloser Weise und die goldene Sonne strahlte edel in diesem lieblichen Herbst hernieder.

Ich genoß sie sonnige Kälte, verbunden mit einem hehren Nebelschleier und passierte heute früh den ersten Wald und wen erblicke ich in der Ferne; an einem Ort, wo sich doch niemand aufhalten sollte? Meine lieben Wollfreunde! Stante pede begutachtete ich meine gestern installierte Sperre, welche – ganz banal – zur Seite geschoben wurde. Hier stehe ich nun und kann nur mein Scheitern eingestehen, gegen diese herzige Cleverness kann ich nicht bestehen. Sie lassen sich durch nichts aufhalten. Ich bin auf die Entwicklungen der nächsten Tage gespannt. Was wäre mein Täglichlaufen nur ohne diese lieben Putzels?

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