Den Weg gehen – VII. 2015. Vierzehn Jahre, sieben Monate. 350 Mal Regenglück.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Vierzehn Jahre und Sieben Monate in Serie. Endlich, endlich trägt die hehre Natur ihre lieblichen, herbstlichen Gewänder der finsteren und nassen Erhabenheit, die nur pures Glück verheißen. Das einstmals grüne Blattgewerk welkt melancholisch in den unendlichen Tod ohne Hoffnung auf Wiederkehr und auch mein Halbjahresjubiläum wurde vernehmlich trauernd in das vollendete Verderben gesogen, um zukünftig höchst bescheiden in der Erinnerung zu leuchten. Und so zieht ein neuerlicher Monat Täglichlaufen in die surreale Vergänglichkeit ein, der gleichsam bedeutungsvoll wie bedeutungslos für mich war. Nach all den Jahren darf ich meine sogenannte „Serie“ im Täglichlaufen fortsetzen, wofür ich sehr dankbar bin – welches explizit für die herbstliche Zeit in einem besonderen Maße gilt. Es ist eine wahre Gnade, dem natürlichen Wechsel der Jahreszeiten täglich im Laufschritt beizuwohnen. Täglichlaufen in der alles verzehrenden, herbstlichen Finsternis auf dem frostigen Pfad in den Winter – welch ein Traum! In der Tat, zuweilen werden sie wahr.

Die Höchsttemperatur lag in der vergangenen Phase bei 12 °C und der Negativwert pendelte sich bei -01 °C ein; in der Konsequenz absolvierte ich formidable sieben Kälte-, vier Nebel- und drei Regenläufe. Ende August publizierte ich voller Ungeduld: „Und so fehlen mir nur noch zwei Regenläufe und meine Statistik darf den 350. Regenlauf genußvoll und voller Freude verkünden. In der Erwartung des Regens – möge sich der Weltgesang ungehalten verfinstern und wehende Stürme hernieder rauschen.“ Doch erst im Oktober sollte mir jener seltene Vollzug gelingen. Und so erlebte ich am 08.10. meinen 350. Regenlauf, den ich nicht in einen schnöden Artikel gießen wollte, doch ja, ich habe das Regenglück wahrlich genossen. Um bei den Witterungsbedingungen zu bleiben, darf ich den diesjährigen Kälterekord am 29.09. nicht vergessen, der in meiner Statistik ein Novum darstellt. Vielleicht handelt es sich hierbei um ein weiteres Indiz für einen harten Winter mit entsprechend viel Schnee? Die Zeit wird es lehren.

Ein sehr beeindruckender Moment war meine einzigartige Begegnung mit dem wunderbaren Reh, welches ich bereits beschrieben habe. Ein weiteres Ereignis sucht heute seinesgleichen. Angesichts der atemberaubend schönen Sonnenstrahlen, welche den Tagesreigen zärtlich wie galant eröffneten, verflüchtige sich jedwede Energie in meinem Körper wie Geist und wie von einer fremden Macht latent berührt, die gravitätisch auf mich einwirkte, erlahmte mein Laufschritt bis zum Stillstand und so harrte ich ganz banal der wunderschönen Natur, die sich direkt auf mein Herz konzentrierte. Mir steht es nicht zu, jenen Moment in Worte kleiden zu dürfen, doch darf das Rascheln, welches mich jählings überraschte, nicht unerwähnt bleiben. Freilich erspähte ich sofort die Quelle und gewahrte ein prachtvolles Reh; es nahm seinen Pfad durch die Sträucher und lustwandelte gen Damm. Ich stand nur still und beobachtete und das Reh nahm mich in keiner Weise wahr. Es zog seines Weges und verschwand schlußendlich – immer unter meiner Beobachtung.

Morgen werde ich einmal mehr mein gewichtiges Amt in einem wolligen Fachbereich antreten, soll heißen, ich darf mich wieder ein wenig um meine Wollfreunde kümmern. Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden, wenn ich ihre heimatliche Weide betrete – schließlich sind sie erst aus ihrem Sommerurlaub zurückgekehrt und taten bisher verhalten ignorant – was meine Person betrifft. Aber ich verstehe dieses Verhalten durchaus, denn das kulinarische Wohl steht über allem – das ist bei unserer Spezies auch nicht viel anders. Die nächste Zeit, respektive Laufphase ist sehr hoffnungsvoll – die Herbstregentin dominiert unangefochten das banale Geschehen – und ich hoffe, sie wird mich nicht enttäuschen. Ich selbst werde mein Täglichlaufen fortsetzen, jenen unwägbaren Weg gehen, ja, beschreiten, der in die Vergangenheit führen wird, doch heute werde ich stolz zurückblicken. Gelebtes Täglichlaufen.

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