Den Weg gehen – V. 2015. Vierzehn Jahre, fünf Monate. In den Tropen.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Vierzehn Jahre und fünf Monate in Serie. Und wieder streckte die unbesiegbare Großmeisterin der willkürlich konstruierten Zeit einen neuerlichen Monat Täglichlaufen mit ihrem ureigenen Charme nieder und verbannt damit jedwede Erinnerung in ihr unendliches Schattenreich der Vergänglichkeit. Angesichts dieser fragilen Flüchtigkeit bleibt mir nur ein hoffnungsloses Staunen oder doch gar hoffnungsvolle Irritationen? Welche Betrachtungsweise ich auch an den Tag lege, bleibt schlußendlich irrelevant – das Leben strebt in den Tod; nimmermehr wird ein Widerspruch akzeptiert. Doch mit meinem Täglichlaufen gelingt es mir temporär die Fragilität zu preisen und die Zeit scheinbar festzuhalten respektive zu verlangsamen – in ausgewählten Momenten des einzigartigen Genusses. So sei es.

In dem vergangenen Zyklus alternierten die Temperaturen zwischen 10 °C und 25 °C. Ich vollzog einen Nebellauf und heute einen Regenlauf – nach gut zwei Monaten und ja, dies ist diesem Tage angemessen. An dieser Stelle darf man sich durchaus über die fehlenden Hitzeläufe wundern – schließlich befinden wir uns in einer wahren Hochsommerphase – doch dies ist banal der Tatsache geschuldet, daß ich meine Läufe in den frühen Morgenstunden absolviere, von extremer Hitze ist dort noch keine Rede. Gleichwohl dominierte das sommerliche Zepter mit brennender Macht und selbst sehr früh – war/ist es einfach nur drückend, schwül und unangenehm in den Wäldern, in meinem Laufareal. Als ob das nicht herausfordernd genug wäre, erlebe ich während meiner Läufe entomologische Dauerangriffe von allen Flanken und so kann ich nur konstatieren, daß ich mich nicht erinnern kann, jemals eine derart lange Phase erlebt zu haben, in der ich mein Täglichlaufen hochgradig widerwillig praktizierte.

In der Tat, seit Wochen fehlt mir jegliche Freude daran, von Spaß zu schweigen und ja, es ist eine einzige Quälerei. Dementsprechend habe ich auch die Distanz reduziert, meine Standardrunde beträgt aktuell kurze zehn Kilometer, selten zwölf. Freilich, um den Gipfel zu erklimmen und sodann die formidable Aussicht genießen zu dürfen, bedarf es erst einer wahren Herausforderung – das tiefe Tal muß durchschritten werden. Den Genuß und die Freude muß, nein, darf man sich verdienen und mir deucht, ich durchquere aktuell jenes mentale Tief. Ungeachtet aller Härten bleibt es ein Geschenk. Die temporäre Zukunft wird es lehren, wann sich die Freude wieder einstellen wird. Möge die Tropenhitze bald vergehen und der herbstliche Vorhang endgültig hernieder fallen.

Am 25.07. litt mein Naturschutzgebiet unter – partiell extremen – Orkanböen; entsprechend sahen die Wälder später wie ein Schlachtfeld aus und auch ausgewählte Baumriesen fielen gnadenlos in den brechenden Tod. Anfang August probte die Feuerwehr einen kleinen Einsatz in einem hiesigen Wald; irgendwelche Chaoten fackelten dort eine Art Bauwagen ab – glücklicherweise verzehrte die Feuerbrunst nichts von dem angrenzenden Forst. Später erfuhr ich, daß es sich um eine Örtlichkeit für Jäger handelte, die von dort aus ihrer Mordgier nachgaben und so kann ich ob dieser Straftat nicht betrübt sein, wenngleich ich jene Tat dennoch verurteile. Wie kann man in dieser Trockenheit nur Brände legen? Ohne Worte.

Am 07.08. erlebte ich den fünften Fastunfall in diesem Jahr; der Fahrer eines 40 t Vehikel beschloß, mich „auf das Korn“ zu nehmen und in der letzten Sekunde entging ich diesem frevelhaften Attentat, was mein Bild dieser Zunft einmal mehr bestätigt. Kurios ist nur, daß ich weit vor dem LKW lief – also war ich weithin sichtbar, weiß gekleidet im Sonnenschein und nicht zu übersehen – es sei denn, der Fahrer war blind. Selbstverständlich besteht diese Möglichkeit. Einen Tag später erspähte ich in den von Insekten dominierten Wäldern zwei wunderschöne Rehe, die relativ entspannt ihres Weges zogen. Die größte Überraschung fand indes am 13.08. statt, als ich einen Mann mit einem Schäferhund passierte, rief er plötzlich hinterher: „Sind sie Marcus? Marcus …?“ – ich unterbrach meinen Lauf und erkannte meinen ehemaligen Klassenlehrer wieder, den ich seit meiner Schulzeit nicht mehr sah. Er hat mich schon oft aus dem Auto heraus gesehen und heute nutzte er die Gunst der Stunde – die Freude war auf beiden Seiten sehr groß. Oh Leben, wo ist die Zeit nur geblieben? Gestern geboren, heute gelebt, geliebt und gelacht und morgen tot und vergessen.

Mit dem heutigen Regenlauf sind die oben formulierten lustlosen Zeilen obsolet; der Beginn tendierte in Richtung Starkregen und ich sog förmlich greifbare Energie ein, die sich entsprechend auf Körper und Geist auswirkte. Die sommerlichen, niederdrückenden Ketten, welche mich bis dato fesselten, fielen von mir ab – gelöst von Geisterhand und so eroberte ich mein Laufareal höchst zufrieden und flog wie der Wind durch den Weltgesang. Ein weiterer Monat haucht sein Leben für immerdar aus, doch der nächste Zeitenabschnitt steht bereit und wird seinen Platz gewohnt routiniert einnehmen. Ich selbst werde mein Täglichlaufen in gewohnter Form fortsetzen – zumindest bemühe ich mich nach Kräften und hoffe doch zaghaft, daß demnächst die Lust und Freude endgültig und permanent zurückkehren werden. Dum spiro, spero.

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