Den Weg gehen – IV. 2015. Vierzehn Jahre, vier Monate. Das Ende einer Ära.

Täglichlaufen. Stolze und kostbare Vierzehn Jahre und vier Monate in Serie. Geboren in dem wogenden Ozean des unendlichen Seins, manifestiert in dem nebulösem Hauch des immerwährenden und stets lächelnden Nichts, welches uns charmant umweht und dem wir unbedeutenden, ja, trivialen Wesen nicht entkommen können. Dieses allgewaltige Zeitenmeer hebt sich wallend empor, türmt sich hochfliegend auf, um dann in dem nächsten zarten Moment für immerdar zu vergehen; ungestüm und gnadenlos von der alles verzehrenden Flut mitgerissen. Sterbendes Glühen. Bar jeder Hoffnung. Bei aller Fragilität in diesem surreal anmutenden lebendigen Weltgesang gelingt es mir immer noch – und das ist mitnichten eine Selbstverständlichkeit – dieses meine Konstrukt vom Täglichlaufen zu balancieren oder anders formuliert, das Gelebte Täglichlaufen lebt tatsächlich immer noch. Bei aller Demut, mit der ich diesen Stil täglich praktiziere, gesellt sich doch ein gewisser Stolz dazu, der nach den vielen Jahren durchaus angemessen erscheint. Und so darf ich auf einen weiteren Monat Täglichlaufen zurückblicken, den die liebliche Zeit gnadenlos absorbiert hat.

Wohlan, in jener Phase der rasanten Vergangenheit absolvierte ich vier Hitzeläufe und einen Regenlauf. Indessen boten die Temperaturen ein obligatorisches Wechselspiel zwischen 09 °C und 30 °C feil. In der Konsequenz durfte ich mich einem fragwürdigen Jubiläum hingeben, welches den Sommermächten geschuldet war, 300 Hitzeläufe. Unschön. Um den kontrastierenden Ausgleich zu würdigen, darf ich an dieser Stelle den formidablen Regensturm nicht außer Acht lassen, der sich höchst diffizil in Worte kleiden ließ. Der Rest ist Schweigen. Genußvolles Schweigen. Auch die Tragik der „Fastunfälle“ setzt sich fort, ergo durfte ich den vierten in diesem Jahr erleben. Hierüber verliere ich keine weiteren Worte.

Am 22.06. erspähte ich neben der vielbefahrenen Hauptstraße einen toten Jungfuchs – ein trauriger Anblick. Seit dem 24.06. beobachtete ich eine sensible Alarmanlage auf meinem Damm, die jählings und ohne Aufsehen geheimnisvoll installiert wurde. Sobald ich mich einem besonderen Baum näherte, ertönte ein gewaltiges Piepen, welches bei einer steten Annäherung immer lauter wurde; zudem verkürzten sich die schrillen Töne, um in ein mächtiges Geschrei überzugehen. Eines Tages registrierte ich ein Loch in jenem Baumgesellen und irgendwann gewahrte ich Familie Buntspecht, welche ihre Heimstatt dort bezogen hat und ihren Nachwuchs großzieht. Eine wahrhaft herzige Beobachtung. Auch zahlreiche Vertreter der piroligen Zunft durfte ich wiederholt beobachten und am 01.07. flüchtete ein riesiger Seeadler vor meiner laufenden Wenigkeit, bis er nach meinem Anreden zurückkehrte, sich auf einen Ast setzte und das kommende Geschehen abwartete. Allein als ich mich unmittelbar näherte, flog er doch noch von dannen – dennoch, ein beeindruckendes Erlebnis.

An jenem Tag lagen zudem noch keine zwei Kilometer hinter mir, doch traf ich bereits vier Hunde und die drei Damen davon mußte ich auch allesamt streicheln: Bessy, Tina und Molly. Es wäre auch höchst unhöflich, selbiges zu unterlassen. Am 29.06. kritisierte mich ein älterer Läufer, weil ich ihn während meines Überholprozesses nicht warnte – mir deucht, dies ist kurios; hätte ich ihn angerufen, wäre der unvermeidliche Schreck nicht minder gewesen. Um solche schrecklichen Begebenheiten zu vermeiden, ist es nur erforderlich, sich hin und wieder umzudrehen. Aber die einfachsten Dinge sind oft die heikelsten im Leben. Gestern hat die Polizei meinen Lauf unterbrochen, um eine Handlungsweise – die sie einst bei mir selbst initiierte – wieder zu konterkarieren. Und ja, damit endet eine eigentümliche Art, nahezu eine irreale Ära in meinem Täglichlaufen. Die Intention der Polizei ist für mich nachvollziehbar – der legislative (absurde!) Gedanke dahinter jedoch nicht – doch werde ich mich in ihrem Sinn verhalten. An dieser Stelle sind die freundlichen Beamten zu loben, welche relativ verständnisvoll auftraten. Nichtsdestotrotz wird meine Fähigkeit reduziert, gefährliche Situationen präventiv! zu vermeiden; wäre diese aktuelle Begebenheit vor zehn Jahren eingetreten, so wäre mein Täglichlaufen längst beendet. Allein hat dieser dekadente Staat kein Interesse am Schutz seiner Bürger – er will immer erst handeln, wenn es zu spät ist. Traurig.

Ein weiterer Monat Täglichlaufen lächelt in der unabwendbaren Zukunft und sendet seine hoffnungsvollen Strahlen hernieder. Ich lasse mich überraschen, welche Lektion die Zeit künftig lehren wird. Mir selbst bleibt nur mein banales Streben nach der erhaltenden Fortsetzung – dementsprechend werde ich meine Ballade vom Täglichlaufen weiterhin mit Hingabe komponieren. Gelebtes Täglichlaufen.

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