Regensturm

Die Welt ist dunkel geworden, aber nicht in einer alles verzehrenden Finsternis, nein, der Weltgesang hat sich grau gewandet. Elementares Grau. Die abgeschiedene Weite dominiert bar jedweder Nuancen und vereinigt sich am freien Horizont mit dem grauen Meer der Unendlichkeit. Bereits in der Nacht öffneten sich die imaginären Wasserschleusen in dem hehren Gewölk und noch am frühen Morgen perlte der liebliche Regen stürmend hernieder und generierte eine latente Angst in meinem Geiste. Eine unsichtbare Macht zog mich gravitätisch an und lud mich ein – an dem raren Geschenk eines Regenlaufes zu partizipieren. Aus Angst vor der versiegenden Regenkraft begab ich mich ohne aufhaltendes Zögern in das nasse Leben und ja, ich verzichtete sogar auf mein standardgemäßes Vorprogramm – und das unterlasse ich nie – und verschob es auf den späteren Abschlußakt. Fürwahr, nach nunmehr zwei Monaten voller Sehnsucht durfte ich heute einen Regenlauf absolvieren – welche Gnade.

Die ersten 800 Meter offenbarten sich wie noch stets als eine wahrliche Qual; entlang der Hauptstraße mit ihren rasenden Blechvehikeln. Im Anschluß trat ich aber ein, in meine geliebte Zauberwelt, geboren in der melancholischen Einsamkeit der belebenden Stille. Sofort entfaltete sich der dämpfende Umhang der Ruhe, der alle unangenehmen Geräusche nachhaltig absorbiert; das Grün der Haine kontrastierte mit dem scheinbar unendlichen Grau in kongenialer Eintracht. Zahlreiche Pfützen hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst harmonisch zu kleinen Seen verbunden und ich selbst war gänzlich durchnäßt. Bei sommerlichen 09 °C erkenne ich gar meinen Atem. In der Ferne wird mir später ein Grußfreund kurz zuwinken, bevor er in seinem schützenden Haus verschwinden wird – dies wird die einzige menschliche Begegnung bleiben. Die geliebte Einsamkeit ist heute absolut und ich kann meine Freude darüber nicht in banale Worte kleiden. Wahre Gefühle lassen sich nicht in trivialen Text fassen.

Zahllose gefiederte Freunde teilen meine Freude und konzertieren in gewohnter Perfektion und hier und dort ruft der Kuckuck; er verkündet sein Entzücken über das nasse Glück. Indessen sind meine Wollmäuse davon gar nicht begeistert – auf meine Begrüßung ernte sich nur – Schweigen. Später vernehme ich nur ein betrübtes „Mäh!“. So setzt sich mein Weg fort, ich passiere den nächsten Wald und begebe mich auf meinen träumenden Damm, der die Tropfen mit Behagen empfängt. Von einem wohlwollenden Sturm kann mitnichten die Rede sein, doch treten heute immer wieder moderate Böen auf, die mich ausnahmsweise nicht entführen wollen, nein, scheinbar ist ihr Bestreben, mich zurückzudrängen; immer wieder galoppieren sie mit aller Macht gegen meine schwarze Präsenz – hoffnungslos. Ich erobere doch meinen Weg. Das grüne Gräsermeer – mitten in dem Hochwasserschutzgebiet gelegen – wird durch den wehenden Odem unbarmherzig hernieder gehalten, ungestüme Sturmreiter fegen wellengleich über die wasserlose Ebene. Es ist das ein wundervoller Anblick, der zum Verweilen reizt.

An meiner Lieblingsstelle unterbreche ich meinen Lauf, betrete den Strand und verharre, halte inne und beobachte den grauen Dunkelsee mit seinen unablässigen Wellen, die nach ihrem eigenen Takt schlagen und Woge um Woge mit einer zarten Gischt an das Land werfen. Die unruhige Wasseroberfläche empfängt das fallende Heer der tanzenden Regentropfen und verzehrt sie lautlos. Doch wenn ich die Augen schließe, vernehme ich das malerische Prasseln; tränengleich rinnt das Naß von den Bäumen, um in dem irrealen Nichts für immerdar zu vergehen. Der Genealoge in mir wird wach und ich frage mich, ob meine Altvorderen diese einzigartige, wunderschöne Örtlichkeit im Sein je gekannt haben? Weilten sie einst an dieser Stelle, vielleicht gar in genußvollen Regenzeiten? Jene Antworten liegen hinter vergänglichen Türen verborgen, die doch nicht mehr existieren. Ich verlasse das Gestade und erspähe meine eigenen Fußabdrücke, die trockenen Sand nach oben aufwühlten, welcher in wenigen Minuten egalisiert sein wird.

Irgendwann nehme ich den Laufschritt wieder auf und trete den obligatorischen Rückweg an, gleichwohl könnte ich für immer und immer weiterlaufen. An diesem Punkt atme ich keinen Sauerstoff mehr ein – ich atme pure, konzentrierte Energie, die sich in meinem Körper mit jedweden Zellen verbindet, ihre gehaltvolle Kraft emittiert und sich entsprechend mit absoluter Macht auswirkt. Kurzum, die lustlose Phase der vergangenen Tage hat sich längst verflüchtigt und in dieser Sekunde lebe ich den unverfälschten Genuß. Vielfältige Impressionen nehme ich noch wahr, die es wert wären, hier erwähnt zu werden, aber nein, ich ziehe mir das Schweigen vor. Verloren im Regenreich. Mit einem Lächeln im Regensturm.

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