Sommerfreuden

Welch ein Titel! Sommerfreuden. Tatsächlich. Wer mich kennt, weiß wohl sehr genau, welche mentale Kraft, Energie und elementare Selbstdisziplin erforderlich waren, mich selbst zu diesem Wort zu nötigen. Angesichts der Tatsache, daß ich ein streitbarer und leidenschaftlicher Anhänger der Herbst- und Winterzunft bin. Gleichwohl darf man nun kein Loblied auf den Sommer von mir erwarten, zumal von einem wahren Sommer auch noch keine Rede sein kann. Heute früh absolvierte ich meinen Lauf bei 26 °C unter blauem Himmel – fast ohne Gewölk – dafür mit entsprechender Sonnenintensität. Glücklicherweise handelte es sich hierbei mitnichten um einen Hitzelauf.

Und so trat ich ein, in das zutiefst grüne Habitat der weiten Abgeschiedenheit und manifestierten Einsamkeit. Die ungewohnte Wärme tangierte mich in keiner Weise, als Täglichläufer bedarf es keiner Anpassungen an etwaige Wetterwechsel, aber dies gilt freilich nicht für entomologische Umgebungsvariablen und ja, der heutige Lauf offenbarte sich als höchst unschön. Auf meinem geliebten Damm weilten alle paar Meter massive Insektenbälle in der Luft und wollte ich ihnen ausweichen, materialisierten sie sich immer ausgerechnet dort, wo sich zuvor noch keine aufhielten. Doch die Tragödie steigerte sich noch, als mich sodann zahlreiche Dasen, auch bekannt als Bremsen erspähten und mich als Ziel auserkoren. Nun, von Bremsen konnte keine Rede sein, weder ich bremste, noch die Bremsen bremsten. Im Gegenteil. So ließ ich innerlich meinen Kopf hängen und trat den vorzeitigen, taktischen Rückzug an. Der Punkt geht eindeutig an die summenden Insektenfreunde.

Also führte mich mein gejagter Weg zurück in die hehren Wälder, die verhalten finster in die ihre Welt einluden. Für einen Moment im Dasein atmete ich auf, doch die Freude währte nicht lange, denn nun attackierten mich Heerscharen an Mücken. Wohlgemerkt, ich schlief nicht durch den Hain oder spazierte – meine Geschwindigkeit betrug 12 Kilometer pro Stunde und als ich mich zuweilen umdrehte, zählte ich wenigstens 3,8 Millionen Mücken, die mich gnadenlos verfolgten. Ich gestehe, ich neige hier zu Untertreibung. Spätestens in diesem Augenblick war mir klar, daß ich heute nur mit äußerster Mühe und Not sommerfreudige zehn Kilometer erreichen werde. Aber was bedeuten gigantische zehn Kilometer angesichts dieser exzessiven Insektenangriffe? Einmal mehr kann ich allen Laufanfängern an dieser Stelle nur von Herzen empfehlen, sich sofort in die Wälder zu begeben, um dort ihr Lauftraining zu beginnen – denn was ist der sogenannten Motivation förderlicher – als Schwärme von Insekten? Eine kongeniale Übungsmethode, die wissenschaftlich längst belegt ist.

Später präferierte ich meinen Dschungelpfad, der mittlerweile sehr zugewachsen ist, aber auch hier ließen die unzähligen Verfolger nicht von meiner Wenigkeit ab. Jählings schoß völlig unerwartet eine Schäferhündin auf mich zu – aus dem Nichts heraus – und nachdem mich „Wolke“ passiert hatte, folgte ihre Besitzerin schnellen Schrittes hinterdrein – eine liebe Grußfreundin von mir – die mich sofort warnte: „Marcus, nicht anhalten! Nicht anhalten!“ Wir begrüßten uns dennoch kurz und führten ein “Gespräch” von vielleicht 20 Sekunden, indessen ich den Sonnen-Anti-Insekten-Tanz in formvollendeter Schönheit aufführte oder anders formuliert – ich hüpfte wie ein Hampelmann auf der Stelle und zappelte elegant mit den Armen. Meine Gesprächspartnerin fuchtelte ähnlich umher und so trat ich den endgültigen Rückzug an. Vor meinem geistigen Auge träumte ich von edlen, weißen Winterlandschaften und leise hernieder säuselnden Schneeflocken. Damit der Träume nicht genug, plötzlich vernahm ich die imaginäre Stimme eines großen Showmasters der 70er Jahre, der einst sang: “Wann wird es mal wieder richtig Winter, ein Winter wie er früher einmal war?”.

Irgendwann endete das nicht gesungene Lied und auch mein heutiger Lauf fand seinen mehr oder weniger würdigen Abschluß, der ganz im Zeichen der wahren Beherrscher dieses Planeten stand – den lieblichen Insekten, die heute nicht wirklich lieblich waren. Aber so ist das, gelobte Sommerfreuden! Der Winter naht. Hoffentlich.

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