Den Weg gehen – I. 2015. Vierzehn Jahre, ein Monat. Sturmläufe.

Täglichlaufen. Stolze Vierzehn Jahre und ein Monat in Serie. Die hehren Haine tragen nun Frühlingsgewänder par excellence und die vernehmliche Stille wispert allenthalben, flüstert leise ungehalten und begleitet die wehende Zeit wehmütig auf ihrem ureigenen Weg in die unausweichliche Vergänglichkeit. Mein elementares Jubiläum in diesem Jahr – Vierzehn Jahre Täglichlaufen – leuchtet, nein, brennt immer noch in einem gewaltigen Feuerschatten nach, muß nachbrennen und doch begehe ich heute eine neuerliche Rückschau in diesem meinem Stil. Ein weiterer Monat Täglichlaufen wurde gnadenlos von der omnipotenten Lehrmeisterin der Zeit für immerdar in ihr unendliches Nebelreich der Vergangenheit verbannt. Erschreckend. Demungeachtet durfte ich meine teure Konzeption fortsetzen und somit füge ich meiner täglichlaufenden Hingabe wie Liebe eine weitere Ebene, respektive Monat hinzu – in der unabänderlichen Konsequenz forderte die gewohnte Rückschau ihr standesgemäßes Recht. Wie ich in meinem letzten Artikel abschließend erwähnte, werde ich meine absolvierten Kilometer nur noch einmal in dem jeweiligen Jahr addieren; in meiner Rückschau darf ich jene Kilometerzahlen nun getrost ignorieren. Was bedeuten auch diese Werte? Nichts. Zugegeben, eine späte Erkenntnis. So sei es.

In den vergangenen zwei Monaten alternierten die Temperaturen zwischen -05 °C und 16 °C – daraus folgen angenehme 32 Kälte- und nur drei Regenläufe. Wehende, ungestüme Sturmhände griffen rasend nach meiner Wenigkeit, der Frühlingsauftakt vollzog sich höchst windig. Das exponierte Sturmtief, welches in den Medien, aber noch mehr in der Realität für Irritationen sorgte, tat auch hier das seine – gleichwohl thronen in meiner Erinnerung zahlreiche Stürme mit nachhaltiger Macht auf den ersten Rängen – was ich hier hier kürzlich erleben durfte, entfaltete sich weitaus schwächer – auf die Schäden bezogen. Diese ausgezeichneten Windböen waren mitnichten den hiesigen Hochständen positiv zugetan, was ich mit Genugtuung registrierte oder anders formuliert – vier Hochstände fielen den wehenden Witterungsbedingungen zum Opfer, was ich freilich sehr begrüßte. Apropos begrüßen; eine meiner Grußfreundinnen, welche ich nahezu täglich treffe, passierte mich exakt an der gleichen Lokalität wie am Vortag, so daß sie fragte: „Drehen sie schon wieder ihre Runde?“ – in der Tat, nur eine Antwort konnte ich darauf geben: „immer noch, immer noch!“ – sie lachte herzlich auf, so geschehen am 22. Februar.

Der letzte zweifache Monatsabschnitt stand ganz im Zeichen meiner wühlenden Freunde: Familie Schwarzkittel. Am 11. März begegnete ich einer Rotte von 12 Wildschweinen, am 28. März beobachte ich derer fünf und am 09. April ungefähr sechs Putzels, die allerdings – für meine Begriffe – extrem groß waren. Möglicherweise haben hier einige Vertreter des Pleistozäns überlebt und werden demnächst die Fachwelt in Aufregung versetzen. Als ich am 13. März in meinem Dammareal weilte, erspähte ich etwa 50 Graugänse, die still am Firmament schwebten und das meine ich wörtlich. Sie bewegten kaum die Flügel und diese intensive Lautlosigkeit sah zutiefst erhaben und edel aus. Nicht weit von diesem Punkt entfernt, überholte mich am 25. März ein wunderschöner Bussard, der in seinen Krallen eine arme Entendame von dannen trug. Ich lief jählings hinterdrein, um das Spektakel näher zu beobachten, erhöhte also meine Geschwindigkeit und sah den Greifvogel nach links entschwinden, welcher hinter einem Baum Deckung suchte. Nachdem ich den Punkt passierte, fühlte er sich mutmaßlich gestört und ließ von seiner noch lebenden Mahlzeit ab und trat den eiligen Rückzug an; indessen die kleine Entendame nach einer minimalen Erholungsphase ebenso davon flog – scheinbar unversehrt, wenn auch sicherlich zu Tode erschreckt.

Um bei dieser Thematik zu bleiben, darf folgendes Erlebnis nicht unerwähnt bleiben. Am 08. April kam mir mitten im Wald ein edler Bussard entgegen; direkt auf meine laufende Präsenz zu und zudem in Kopfhöhe, um kurz vor mir nach rechts abzudrehen und in einem Abstand von nur einem Meter passierte er oder sie mich höchst entspannt – welch nahe Begegnung! Ende Februar erschien ich faktisch aus dem Nichts heraus an einem Feldrand und erschreckte zwei Graugänse in dramatischer Weise, welche sich sofort empor in die Lüfte erhoben und mich lauthals ausschimpften – nach meiner obligaten Anrede landeten sie prompt, stellten das Meckern ein und spazierten gelassen ihres Weges in meiner direkten Nähe. Vielleicht handelte es sich hierbei um Zufall, aber ich bin geneigt anzunehmen, daß sie mich doch kennen, denn schließlich besuche ich sie täglich und rede auch grundsätzlich immer alle tierischen Putzels an.

Der schönste Lauf in der vergangenen Phase fand zweifelsohne am 31.03. statt – ein starker Sturm dominierte das Weltgeschehen, kongenial verbunden mit Schnee- und Schneeregen in einer greifbaren, finsteren Einsamkeit, die ihresgleichen suchte und ja, mich fand. Niemand wagte sich hinaus in jene herrliche Atmosphäre und ich habe es wahrlich genossen. Nach nunmehr 14 Jahren Täglichlaufen weiß ich dieses Geschenk in tiefer Dankbarkeit und zufriedener Demut in absoluter Weise zu schätzen. Der erste Graugansnachwuchs, den ich in diesem Jahr erspähen durfte, zeigte sich am 15. April – drei lütte, goldige Federbälle paddelten ihren viel zu schnellen Eltern hinterdrein. Was war das für ein herziger Anblick!

Heute früh lag auf dem Waldweg eine zusammengerollte Ringelnatter, die ich natürlich in die Sonne trug – fern des Weges. Die Gerüchteküche brodelt, man munkelt dieses und jenes und ja, leise Stimmen flüsterten es bereits, daß ich in nächster Zukunft erneut zum amtlich bestallten Futterlehrling aufsteigen werde und in wolliger Konsequenz mich um meine lieben Wollies kümmern werde. Mittlerweile kann ich dies nun bestätigen. Die Vorfreude obsiegt bereits – mögen meine Wollfreunde es ähnlich sehen. Der Frühling expandiert mit aller Macht, täglich gehaltvoller und ja, ich preise diese Zeit auch künftig mit meinem Täglichlaufen. Möge sich diese meine Reise fortsetzen. Hinein in den grün leuchtenden Weltgesang, absorbiert von der wunderbaren Natur und verborgen von der Tiefe des Waldes in der greifbaren Einsamkeit.

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26 Antworten to “Den Weg gehen – I. 2015. Vierzehn Jahre, ein Monat. Sturmläufe.”

  1. So läufst Du nunmehr in erster Linie Erlebtes und Wahrgenommenes und nur noch so nebenbei ergibt sich daraus eine Addition von Kilometern. Die Sichtweisen ändern sich offensichtlich nach vielen Jahren des praktizierten Täglichlaufens. Nachvollziehbar ist das alle Male. Freilich kannst Du auch so über eine Vielzahl von spannenden Eindrücken berichten, so dass sich schon daraus die Bedeutung des Täglichlaufens sichtbar wird.

    Ich wünsche Dir weiterhin einen Weg der Freude und Zufriedenheit.

    Alles Gute
    Dietmer

  2. Wenn es bisher vielleicht nicht so aussah, die Kilometer waren noch stets nur schnödes Beiwerk; gerne würde ich auf das Erfassen komplett verzichten, aber am Ende des Jahres obsiegt doch die Neugierde. Ja, die Sichtweisen ändern sich permanent, müssen sich ändern – man entwickelt sich weiter und manchmal vielleicht auch zurück – alles ist möglich. Das ist das Leben.

    Alles Gute,

    Marcus

  3. Lieber Marcus,

    gratuliere dir herzlich zum nächsten Schritt innerhalb deiner gigantischen Streakserie! Unser aller Respekt ist dir sicher. Klasse Rückblick wie immer! Viel erlebt, viel gesehen und viel schönes nacherzählt.

    Die fehlenden KM vermisse ich aber schon! Da hatte ich mich so dran gewöhnt. Das war immer so eine Art mitfiebern.

    Auf in den nächsten Monat!

    MfG

  4. Lieber Otto,

    einmal mehr vielen Dank für Deine Gratulation. Täglichlaufen ist ein Garant für zahlreiche Erlebnisse und ich könnte theoretisch täglich darüber berichten. Aber wer will das schon lesen und auch die Zeit würde ihren Tribut einfordern.

    Wenn sich ein bekanntes Erscheinungsbild verändert, muß man sich daran erst gewöhnen. Kilometer sind unbedeutend.

    Alles Gute,

    Marcus

  5. Die überholter Radler wirst du auch nicht mehr erwähnen? Nee die Liste kommt wieder zurück!

  6. Wahrscheinlich nicht. Wer weiß. 😉

  7. Lieber Marcus,

    die obligatorische Verneigung und Gratulation meinerseits wird von einem (triumphalen) Lächeln überschattet, denn ich habe, obwohl nicht täglich laufend, Dich bei den Regenläufen vernichtend geschlagen 😉 Derer 9 stehen in den vergangenen 2 Monaten zu Buche.
    Ansonsten möchte ich nicht tauschen, insbesondere Deine Schwarzkittel Begegnungen flößen mir Respekt ein, ich mag sie nicht besonders und schon gar nicht würde ich sie als Putzels bezeichnen :mrgreen:
    Ich wünsche Dir weiterhin viele gesunde täglich erlaufene Kilometer zum nächsten Jubiläum…

    Salut
    Christian

  8. Lieber Christian,

    vielen Dank für Deine Gratulation, gleichwohl sie mich weinend in die Knie zwingt und so harre ich dort unten seufzend aus – angesichts Deiner neun Regenläufe, die mich wahrlich vernichtend schlagen. 😉 Es ist ein Jammer. Dennoch, ich gönne es Dir von Herzen – würde mich selbst aber auch mal wieder über das kühlende Naß freuen.

    Und meine lieben schwarzkitteligen Putzels? Ach, die sind harmlos – wenn man sie nicht ärgert; mir tun sie leid, da sie hier doch stark bejagt werden und das merkt man ihnen auch an – ängstlich und verschreckt kommen sie mir vor. 😦

    Alles Gute,

    Marcus

  9. Joachim Says:

    Nie aus dem Takt. Immer weiter. Jeden Tag. Hut ab.

  10. Dafür ist der Takt nie gleich. Merci.

  11. Lieber Marcus,

    herzlichen Glückwunsch zu 14 Jahre und 1 Monat. Wieder ist ein Monat vergangen. Ich kann nur staunen, wo die Zeit hin ist. Deine Rückschau offenbart große Momente, die Du erleben durftest. Du bist zu beneiden in einer solch schönen Natur laufen zu können.

    Ich freue mich schon über die Berichte von „Deinen“ Schafen. Ich denke, das wird wieder lustig für Dich. *lach* 😉

    Viel Spaß!

    LG
    Beata

  12. Liebe Beata,

    vielen Dank. Ja, die rasende Zeit ist wahrlich nicht zu begreifen. Und ja, mein Laufareal ist herrlich und ich bin auch sehr dankbar, die Natur dort preisen zu dürfen.

    Ich bin auch schon gespannt, was die Wollies dazu sagen werden – wobei es dieses Mal eher kurz ist.

    Alles Gute,

    Marcus

  13. Brigitte Says:

    Mein lieber Marcus!

    Spät, aber doch meine Gratulation. Kurz darf ich aus der Küche verschwinden und bin auch gleich wieder weg, Darum wird mein Kommentar leider sehr kurz sein. Nur noch ein Tag und noch soviel zu tun. Aber dann!!

    Deine Tierbegegnungen sind immer so schön zu lesen. Bei den Wildschweinderl bin ich gleicher Meinung wie Christian. Ich würde mir wohl in die Hose machen.

    Auf die Berichterstattung über deine Lehrzeit bin ich schon gespannt.

    Achja… hier könntest du gerade eben einen Schnee/Regenlauf vollziehen… na danke.

  14. Vielen Dank, meine liebe Brigitte. Die Zeit verrinnt nur so in den Händen, gell? Viel Erfolg an dieser Stelle.

    Die Wildputzels sind harmlos und lieb und bevor Du Deine Angst überhaupt spüren würdest, wären sie längst verschwunden – vor Angst! Das sind arme Putzels.

    Meine Wollies warten bereits. Derzeit entwickeln sie sich zu Wasserschafen. 😉

    Schnee- und Regenlauf? Du bist wahrlich zu beneiden, Du Glückliche! Hier scheint die Sonne, ein Jammer.

  15. Schon wieder ein Monat rum. Deine Beschreibung diverser Tierbegegnungen gefallen mir. Ich bin noch nie Schwarzkitteln begegnet, würde mich vielleicht freuen, wenn ich sie mal in natura sehen dürfte. Freue mich für Dich, dass Du Deinen Schafen demnächst wieder näher sein darfst. Wird sicher wieder schön für Dich.
    Lieben Gruß
    Kornelia

  16. Vielleicht hast Du eines Tages mal Glück und Dich überrascht eine Rotte Schwarzkittel – ich drücke Dir die Daumen. Allerdings weiß ich jetzt nicht, ob die in Deiner Gegend überhaupt vorkommen?

    Ja, das wird wieder eine wollige Zeit – ich freue mich schon vor. 🙂

    Alles Gute,

    Marcus

  17. Brigitte Says:

    Ach Wildschweinderl sind dumm, die laufen einfach so in mein Auto.. 😦

    Ja, die Zeit verrinnt. Vor 8 Wochen hab ich die Küche bestellt und ich konnte es nicht erwarten, sooo lange noch zu warten. Und was ist? Gleich gehts los. höhö!

    Die Schafis wollen sicher ihre Wolle waschen bevor sie geschoren werden 😉

  18. Dumm nicht; aber solche Wildunfälle passieren leider viel zu oft. Einfach traurig. 😦

    Tempus fugit. Möge alles gelingen und sich zu Deiner Zufriedenheit entwickeln.

    Ihre Wolle machen sie nicht naß, nur die dünnen Beinchen. Und bis die große Schur erfolgt, vergeht noch etwas Zeit.

  19. Richard Says:

    Wieder haben sie einen Abschnitt realisiert und treiben damit ihre Ausnahme-Serie weiter in die Höhe. Dazu gratuliere ich ihnen herzlich. Ich danke für den abwechslungsreichen Rückblick, der interessante Einblicke in ihr Täglich-Laufen bietet. Wie jeder lesen kann, wird es nie langweilig im Täglich-Laufen. Jeder Tag bietet neue spannende Ereignisse. Danke für das Teilen an ihren Erlebnissen. Ich wünsche ihnen weiterhin viel Gesundheit in ihrem Tun.

    Herzlichst
    Richard

  20. Vielen Dank, Richard. In der Tat, Täglichlaufen ist alles andere als langweilig. Wäre das langweilig, so wäre ich kein Täglichläufer geworden, bzw. würde das nicht schon so lange praktizieren.

    Alles Gute,

    Marcus

  21. Hallo Marcus,

    starker Auftritt auch 1 Monat nach dem einzigartigen Tag. Zwar ungewohnt ohne die KM aber egal. Solange du das nur durchziehst. Weiterhin schöne Erlebnisse.

    Gruß
    Thomas

  22. Danke, Thomas – die schönen Erlebnisse warten bereits. 🙂

    Alles Gute,

    Marcus

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