Das Singen des Eises

Der weite See lächelt zufrieden erhaben über seine gehaltvolle Freiheit; leise Wellen werden pulsierend in die wehmütige Ferne getragen und greifen ungestüm nach dem leuchtenden Horizont, indessen eine wahre Vereinigung doch nie stattfinden wird. Aber das Wasser kennt keine Hoffnungen, Enttäuschungen. Zärtlich hüllt der belebende Frosthauch die Natur mit seinen weißen Gewändern liebevoll ein und läßt nun auch die bisher ungeschorenen Ränder des Sees anmutig innehalten, erstarrte Momente der Schönheit. Ein Frachtschiff durchquert viele Meter entfernt das flüssige Element und generiert einen vernehmlichen Wellenschlag, welcher sich auf den vergehenden Weg macht, um den Strand zu beiden Seiten zu berühren. Die frostige Oberfläche in Ufernähe hebt und senkt sich lautmalerisch und das Eis beginnt, vernehmlich zu singen – in seiner ureigenen Melodie, die doch niemand verstehen kann. Es knistert und knirscht, ächzt und seufzt und ja, es singt wahrlich mit Hingabe – zutiefst beeindruckt unterbreche ich meinen Lauf und genieße das orchestrale Naturkonzert in der frühen Morgenstunde – geboren in einer wunderbaren Jahreszeit, die an Genuß ihresgleichen sucht.

Demungeachtet erlitt mein Lauf bereits vorher eine überraschende Unterbrechung. Jählings registrierte ich direkt auf dem Pfad vor mir eine Blindschleiche – eingerollt bei -03 °C. Sodann prüfte ich im Anschluß, ob noch Leben in ihr ist und ja, sie bewegte sich behutsam, wenngleich halb erstarrt. Sofort nahm ich sie mit mir und trug sie weiter in den Forst hinein und erschuf – nicht zuletzt dank der Vorarbeit der Wildschweine – ein behagliches Nest und gab ihr damit hoffentlich ein schützendes Heim. Möge sie die kalten Temperaturen gut überstehen und möge sie fern von den tödlichen Wegen bleiben. Und so setzte ich meine Reise fort, in diesem frostigen Gemälde der melancholischen Einzigartigkeit – dem singenden Eis entgegen…

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