Tränen der Kälte

Wohlan, endlich ist sie in persona eingetroffen, die lange von mir ersehnte Kälteregentin. Mit einem zärtlichen Lächeln fiel ihr belebender Mantel der betörenden Kälte hernieder und umhüllte sanft die natürliche Welt. Der Auftakt begann zutiefst zurückhaltend mit warmen 0 °C, doch heute (953 Kälteläufe (80. in diesem Jahr)) sind bereits -05 °C eingetroffen, verbunden mit einem durchaus nicht angenehmen Ostwind, der mich auf der Brücke derart intensiv begrüßte, daß ich mich den Kältetränen hingeben mußte. Demungeachtet liebe ich diesen seltenen Frosthauch von Herzen. Vor einigen Tagen kommentierte ein mir unbekannter Mensch meine laufende Präsenz ungefragt mit den Worten: „Zieh dir eine Jacke an!!!“ – es gibt sie also noch, ein Rest von nicht konditionierten Versprengten und ja, die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet.

Die Einsamkeit in den frühen Morgenstunden suchte freilich ihresgleichen, doch seit meine liebe Verbündete – die Kälteregentin – ihre omnipotente Macht entfaltet hat, so trägt die Abgeschiedenheit absolute Züge. Niemand wagt sich mehr in die prachtvollen Haine der Lieblichkeit, was ich sehr, sehr begrüße. Seit der vergangenen Nacht sind die stillen Weiher seufzend erstarrt, halten inne und preisen den eingefrorenen Moment der Ruhe. Der frostige Hauch der Fragilität erfaßt indessen diverse Zuflüsse, um die Expansion ungerührt voranzutreiben, wenngleich der See vor diesen Ambitionen noch gefeit ist, denn n o c h ist die Frostregentschaft nicht par excellence etabliert, was gleichwohl nur eine Frage der Zeit ist. So hat es also begonnen, die Winterphase entfaltet sich, gleich einem Hochgenuß, der nur sukzessive konsumiert werden darf, um ihn wahrhaftig schätzen zu können. Allein die weiße Macht in Form von traumhaften Schneewelten fehlt nach wie vor, doch die Hoffnung lebt. Und so fließen sie, die Tränen der Kälte – in einzigartigen Augenblicken.

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