Fühlen im Regen

Das formidable Schauspiel begann bereits in der vergehenden Nacht; nebulöse Wolkenschiffe segelten erhaben am weiten Horizont entlang, näherten sich majestätisch am Firmament und warfen drohend ihre allgewaltigen Schattenanker hernieder. Mannigfaltige Gewölkformationen, geboren in tiefer Dunkelheit eroberten sodann ungehalten den hehren Himmel und als jedwede Maßnahmen in reibungsloser Perfektion getroffen waren, rasselten unhörbar die scheinbaren Ketten und zogen in der gnadenlosen Konsequenz das schwere Tor empor – die Himmelspforte ward geöffnet und nun ergossen sich ganze Meere an kühlem Naß auf die Erde, partiell in Form von Starkregen. Als der aufkeimende Tag sich behutsam entfaltete, zog sich die tiefschwarze Nacht nur verhalten zurück – die Finsternis blieb indes allenthalben bestehen und auch die tanzenden Regenfronten dominierten weiterhin den noch jungen Morgen.

Lächelnd, nein, fast schon vor Freude grinsend, warf ich mich der lieblichen Regenregentin entgegen, die ihre wehenden Vasallen aussandte, um mich gebührend zu begrüßen. Als ich den Eingang des düsteren Forstes erreichte, registrierte ich mit Verwunderung, daß die schwarzen Pfade sich aufgelöst hatten respektive unter einer beachtlichen Wasserschicht verborgen waren. Der Wald nahm latent die Form eines Sees an – eine derart ausgeprägte Regenkonsequenz erlebte ich sehr, sehr lange nicht und spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, daß der heutige Lauf in Richtung einer Schwimmeinheit tendieren wird – und ich sollte mich glücklicherweise nicht irren. Hinein also in die Fluten! Nach nicht einmal zwei Kilometern war nichts, aber auch gar nicht mehr an mir trocken und weiter ging meine nasse Reise in die einsamen Regenhaine, die die Abgeschiedenheit hochleben ließen, auch die unerschütterlichen Hundebesitzer trauten sich nicht hinein in diese prasselnde Regenwelt. Und still tropfte es unablässig von den Ästen herab.

Dunkelwolken

Streichelnde Sturmhände wehten ungestüm über mich hinfort und wiesen mir den obligaten Weg in eine Welt, die ich doch nicht betreten kann und nur im Geiste finde ich dort Eingang. Ungeachtet dieser Grenzen nahm ich die scheinbare Einladung an und lief geschwind in Richtung Damm, den ich auf Grund der hohen Gräserwälder nur noch temporär betreten darf. Und so verbarg mich der Forst und breitete seine grünen, schützenden Gewänder der Einsamkeit über mich aus, in der ich mich vollständig verlor. Überschwemmte Pfade, wohin ich spähte – nur vereinzelt stachen einzelne Flächen heraus, gleich Inseln, die früher oder später auch noch untergehen werden und die Himmelsschleusen glichen immer noch einem Wasserfall, der kein Verharren, kein Erbarmen kennt.

Die plätschernden Waldseen, die früher einmal Wege genannt werden durften, sorgten beim schnellen Durchschreiten für wiederholte Überraschungen, da die Tiefe stets ein Geheimnis blieb und erst beim Durchqueren preisgegeben wurde – dementsprechend versank ich an ausgewählten Örtlichkeiten bis zu den Knien im wohltemperierten Wasser, welches sich in Abhängigkeit der Lokalität durchaus mal wärmer und dann wiederum kälter, belebender anfühlte. Im Hintergrund konzertierten zahlreiche Vögel und boten ihre Sangeskunst in prachtvoller Weise feil und selbst der Kuckuck stimmte in dieses Dunkelkonzert herrlich mit ein.

Ich selbst hingegen weilte längst in anderen Sphären, die sich nicht mehr in unzulängliche Worte kleiden lassen; hoch zufrieden passierte ich meine Wälder, genoß die traumhafte Regengunst, die sich unterdessen noch tatsächlich intensivierte und sog die außerordentliche Stimmung auf. Genießend, lächelnd und schweigend absolvierte ich meinen heutigen Lauf und ja, f ü h l e n d – nichts ist bedeutender. Ich erlebte und vollzog einen Lauf unter Bedingungen, die ihresgleichen suchten und ihn zu einer wahrhaftigen Rarität erwachsen ließen. Fühlen im Regen – der Rest ist Schweigen.

Werbeanzeigen

Kommentare sind geschlossen.