Im Lächeln des Orkans

Auf meinen gewohnten Morgenpfad in die Finsternis habe ich heute verzichtet und stattdessen den Startpunkt meines Laufes in die sogenannte Helligkeit verschoben; geschuldet der banalen, orkanhaften Präsenz: „Xaver“. Beim Betreten der Straße lädt mich ein rauschender Schneesturm ein, sein temporär weißdunkles Reich zu besuchen. Nach wenigen Metern stellt das schräge Erklimmen der Brücke eine latente Herausforderung dar, denn der Aufgang ist mit zahlreichen Ästen und größeren Baumteilen versperrt, aber schlußendlich bilden sie kein Hindernis. Oben auf der Brücke angekommen, begebe ich mich in den Laufschritt und komme dennoch kaum vorwärts; ich werfe mich mit aller Gewalt den mächtigen Böen entgegen, doch meine Geschwindigkeit scheint in einer Art Zeitlupe eingefroren zu sein. Ich habe unzählige Stürme und Orkane erlebt, aber diese Erfahrung in dieser Intensität ist wahrlich neu. Es kostet mich viel Kraft, überhaupt auf meiner gedachten Linie zu beharren und das, obwohl ich kein Leichtgewicht bin.

Hohe Wellen zu meiner Linken tosen im ungestümen See hoch und nieder, schreien ungehalten gegen die wogenden Sturmhände an und verhallen doch ungehört. Nimmermehr werden sie beachtet. Nach der Brücke lassen die imaginären rasselnden Orkanketten von mir ab, ja! – ich bin frei – und ich rase förmlich in Richtung meiner Wälder. Als ich sie sodann passiere, erspähe ich ein hölzernes Schlachtfeld allenthalben. Zerstörte Bäume, umgekippte Baumgesellen, abgefallene Äste und kleine und große Zweige säumen die Waldwege und sorgen für einen wirren Slalomlauf mit diversen Springeinlagen. Ein laut dröhnendes Rauschen wird mich unablässig begleiten und mich heute nicht mehr verlassen. Die hehren Bäume in den weinenden Hainen schwingen tanzend hin und her, ihre hohen Kronen berühren sich wild, klappern gespenstisch einander – indessen die weißen Schneeflocken heulend hernieder wirbeln und ihre Unentschlossenheit demonstrieren und flugs für immerdar vergehen.

Plötzlich vernehme ich links von mir ein lärmendes Bersten von Holz, wahrscheinlich fällt ein weiterer, einst hoffnungsvoller Baum in den vergänglichen Tod. Immer wieder werden Zweige mit Macht auf den Boden geworfen. Ein Gefühl von Unwohlsein beschleicht mich leise – der elementare Machtanspruch des Orkans ist bemerkenswert und selbst „Kyrill“ lächelte einst nicht in dieser Lieblichkeit in diesen meinen Wäldern. Auf einem der Weiher sucht eine Schwanenfamilie Schutz, bewacht von mehreren Graureihern. Als ich den Damm erobere, ziehen einmal mehr die gierigen Windhände jähzornig nach meiner Wenigkeit, was ihnen vortrefflich gelingt, da ich dort gänzlich ungeschützt ihren Kräften ausgesetzt bin. Genußvoll und doch sehr vorsichtig laufe ich und laufe und nicht nur meine Beine laufen, sondern auch die Tränen, die die kalten Böen mir aus den Augen treiben.

Der weite Horizont verdunkelt sich um viele Nuancen, Schneewelten türmen sich frenetisch auf und singen ihr unbezähmbares Lied. Aus respektvoller Einsicht ändere ich meine standesgemäße Strecke und trete hernach den Rückzug an; zwar werde ich den tiefen Wald noch aufsuchen, aber ich bin mir der hölzernen Gefahr, die mich urplötzlich niederstrecken kann – vollauf bewußt. Irgendwann beschließe ich den heutigen Lauf im Zeichen des Orkans und bis auf zahlreiche Tränen habe ich nichts verloren – im Gegenteil, ich habe sehr viel gewonnen; allen voran den zufriedenen Genuß mit der keinesfalls neuen Erkenntnis, wie schwächlich wir unbedeutenden Menschen doch sind und wie allgewaltig die zärtliche Natur sein kann, was sie für mich nur noch lieblicher macht. Was für atemberaubende Impressionen wurden mir heute zuteil! Und dennoch würde ich niemanden empfehlen, bei jenen Verhältnissen die Wälder aufzusuchen, denn das törichte Spiel des Lebens steht auf nicht minder fragilen Füßen, die rasant in die vergeßliche Erinnerung brechen können. Ich bin geneigt, den heutigen Lauf als Besonderheit zu betrachten – ich werde diese martialischen Witterungsbedingungen nicht vergessen; welch ein Genuß im Lächeln des Orkans.

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40 Antworten to “Im Lächeln des Orkans”

  1. Wahrlich eine intensive Erfahrung dieser Lauf und gut, dass du gesund und munter zurückgekehrt bist!

  2. Und wie intensiv das war – zumal ich viele Sturmläufe erlebt habe, aber nie etwas in dieser unvergleichlichen Art.

  3. Lieber Marcus,

    dankeschön für den ausgesprochen stürmischen Bericht. Ein Glück, daß Dir dabei nichts passiert ist! Ich hätte mich bei dem Wetter nicht in den Wald getraut. Da kannst Du das noch so beschreiben, das ist mir zu gefährlich. Aber es liest sich wirklich schön.

    Sei immer schön vorsichtig!

    LG
    Beata

  4. Liebe Beata,

    ich gebe gerne zu, daß ich im Wald durchaus ein unangenehmes Gefühl hatte, spätestens nach dem oben beschriebenen Bersten des Baumes. Dennoch, diese Gewalt zu erleben, war sehr reizvoll.

    Alles Gute,

    Marcus

  5. Lieber Marcus, danke für Möglichkeit des lebhaften Miterlebens. Du hast dieses Wagnis offensichtlich unbeschadet überstanden Das ist die Hauptsache. Hier gibt es kräftigen Wind und wohl niemand wird sich beklagen, wenn ihm das „Lächeln des Orkans“ erspart bleibt.
    Alles Gute
    Dietmar

  6. Liebe Dietmar,

    bis auf die zahlreichen Tränen, die ich leider vergießen mußte, habe ich diesen großartigen Lauf gut überstanden und ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Natürlich zeigte der Orkan hier nicht diese Intensität wie im Norden, gleichwohl sind Stürme in diesem Ausmaß selten, so daß ich die Gelegenheit ausnutzen mußte.

    Alles Gute,

    Marcus

  7. Gefährliche Angelegenheit. Aber wohlbehalten überlebt. Mut oder Wahnsinn? Respekt!

  8. Mut ist relativ. Wahnsinn ebenso. Ich antworte mit einem Nietzsche-Zitat:

    „Die Unvernunft einer Sache ist kein Grund gegen ihr Dasein, vielmehr eine Bedingung desselben.“

  9. Etwas überrascht nehme ich ihren neuen Lauf-Bericht zur Kenntnis, aber auch mit Freude, da sie den gefährlichen Lauf ohne gesundheitliche Folgen hinter sich gebracht haben. Wieder vermitteln sie den Eindruck, als ob man dabei wäre, was ich sehr an ihren Berichten schätze. Ich wäre jedoch beruhigt, wenn sie in Zukunft auf gefährliche Unternehmungen wie heute verzichten würden, da ich ihre „serie“ als zu kostbar einschätze.

    Passen sie auf sich auf.

    Herzlichst
    Richard

  10. Was ich bisher im Täglichlaufen erreicht habe und ich gerne als das „Konstrukt der Serie“ bezeichne, ist freilich eminent kostbar für mich; ich tue alles, um dies zu erhalten und pflege es entsprechend, aber daß ich mich nicht mehr bei Sturm und Eis hinaus traue, nur im Zeichen der Vorsicht auf die „Serie“ bezogen, wäre arg übertrieben – dafür liebe ich mein Täglichlaufen zu sehr.

  11. Lieber Marcus,

    Riesendank für dein neuen Laufbericht! Oder sollte ich lieber Xavier danken? Damit habe ich heute nicht gerechnet, obwohl ich an dich dachte. Du wirst dein Lauf durchziehen, das war mir klar. Aber ohne Probleme und mit viel Freude dabei dachte ich mir nicht. Ein Glück! Das hätte auch leicht schiefgehen können.

    Riesendank und mehr davon!

    MfG

  12. Lieber Otto,

    ich hatte nicht vor, einen Laufbericht zu schreiben, doch bei den Witterungsverhältnissen konnte ich nicht anders, da sie zu reizvoll waren. Eine gewisse Achtsamkeit hat mich begleitet und am Ende hatte ich auch etwas Glück, so daß ich das genießen durfte.

    Alles Gute,

    Marcus

  13. **wie schwächlich wir unbedeutenden Menschen doch sind und wie allgewaltig die zärtliche Natur sein kann,**

    Der Orkan killt die Arroganz, oder!? Gut gesagt!

  14. Nicht wirklich – nach ein paar Tagen ist alles vergessen. Leider.

  15. Zuletzt noch ein schönes WE und passe morgen auf dich auf! Im Wald liegt ne Menge Mist rum!

    Super WE!

  16. Danke, das wünsche ich Dir auch. Es war zwar heute noch stürmisch, aber nicht so wie gestern. Und insgesamt sind die Schäden in den Wäldern gering, vor zwei Monaten war es schlimmer.

  17. Hallo Marcus,

    da hast du heute einen Abenteuerlauf im Orkan absolviert. Ein nicht ungefährliches Unternehmen, zum Glück ist dir nichts passiert. Die Freude daran sei dir gegönnt, ich beschränke mich jeodoch lieber auf das Lesen als auf den Selbstversuch. 😉

    Gruß
    Thomas

  18. Darauf zu verzichten, ist sehr weise. Allein fehlt der Weisheit manchmal der Spaß und der zufriedene Genuß. 😉

  19. barfussoderlackschuhe Says:

    Hallo Marcus,
    ein wunderschöner bildlicher Bericht.
    Und gruselig zugleich!
    Schön, dass Du wieder heil nach Hause gekommen bist!!!

    Ciao
    Sanne

  20. Ich fand es sehr belebend, sich den Naturgewalten entgegen zu werfen und mitgerissen – das durchaus wörtlich – zu werden. Das war sehr beeindruckend.

  21. Mein lieber Marcus!

    Ich hatte sehr gehofft, dass du nicht in den Wald läufst, aber insgeheim wusste ich, dass dich der Sturm garantiert nicht aufhalten wird.

    Ich bin sehr froh, dass du gesund nach Hause gekommen bist. Beim Lesen hatte ich direkt eine Gänsehaut! Ganz schön gefährlich, dein Läufchen.

    Da kann man wieder sehen, wie machtlos wir Menschen sind. Bei dir wars der Orkan, bei mir der heftige Schneesturm. Hier gehts ja noch laut Vorhersage weiter! Ich freu mich schon auf die Fahrt zur Arbeit.

    Pass morgen bitte gut auf dich auf,

  22. Meine liebe Brigitte,

    nicht in den Wald laufen, ist gar nicht möglich, denn zum einen ist hier „überall“ Wald und zum anderen wüßte ich gar nicht, wo ich sonst laufen sollte – nur auf Asphalt? Nein. Entlang der Straße? Nein. Eine Alternative existiert – zum Glück – nicht.

    Gefährlich war es in der Tat und im Wald selbst fühlte ich mich auch nicht ganz wohl, das gebe ich zu. Das Bersten und das laute Klappern der Kronen machte noch wachsamer.

    Partiell gesellte sich auch viel Schnee dazu, aber der blieb letztlich nicht liegen. Ich hoffe, daß es bei Dir bald nachläßt; Täglichlaufen ist das eine, mit dem Auto fahren das andere.

    Das Aufpassen gilt nun für Dich.

  23. Lieber Marcus,

    die Trennlinie zwischen dem schönen und auch sehr elementaren Kampf gegen die Naturgewalten und der doch sehr lebendigen Gefahr, die von einem solchen Tief ausgehen kann ist sehr fließend und ich bin froh, dass Dein Lauf gut gegangen ist und Du hier ohne Blessuren davon berichten kannst. Ich versuche den Wald immer dann zu meiden, wenn schon vorher Geäst oder andere nicht leichtgewichtige Dinge vom Wind über den Boden geweht werden.
    Ich hoffe das Meiste ist jetzt vorbei und das Wetter hat sich wieder stabilisiert, aber dennoch Danke für die sehr lebhafte und ansehnliche Beschreibung der Schwierigkeiten, die Du beim Kampf mit Xaver hattest 😉

    Salut
    Christian

  24. Lieber Christian,

    wenn ich den Namen „Xaver“ höre, muß ich an Bayern denken und wenn ich die eigentliche spanisch-französische Herkunft jetzt ignoriere, mußte ich dem Orkan zeigen, daß sich ein Preuße nicht vor Xaver fürchtet. 😉

    Im Ernst, ich habe die Gefahr bewußt beobachtet und dank etwas Glück konnte ich den stürmischen Lauf unbeschadet genießen, so daß er nun den ersten Platz innerhalb meiner Sturmläufe einnimmt, wenngleich sich die Schäden in den Wäldern von ihrer glimpflichen Seite zeigten – doch es war ein besonderer Lauf für mich.

    Alles Gute,

    Marcus

  25. Dass du den Wald bevorzugst, kann ich gut verstehen und nachvollziehen. Und doch war es wohl sehr gefährlich.

    Ich bin froh, dass bei dir nun wieder einigermaßen Ruhe herrscht.

    Hier leider nicht. Ich hatte die schlimmste Fahrt an die ich mich erinnern kann. Muss ich so schnell nicht wieder haben. Ich bin froh, dass ich heil zu Hause angekommen bin. Die nächsten zwei Tage bringt mich keiner mehr raus. *grusel*

  26. Freilich. Aber letztlich ist das ganze Leben gefährlich und am Ende gar tödlich; von daher muß man manche Rücksichtnahmen einfach überwinden.

    Wie ich schon schrieb, mein Bericht bezieht sich auf den Kontext Täglichlaufen. Wenn ich mit dem Auto bei dem Schneetreiben und Orkan unterwegs bin, kann ich derlei auch nicht hochleben lassen. Ich hoffe, daß Du derlei Erfahrungen nicht erneut machen mußt, wenngleich ich annehme, daß die Verhältnisse in der Zukunft nicht besser werden.

  27. Das *Problem* ist ja, dass der Winter erst begonnen hat. Also werden mich solche Fahrten noch eine Zeit begleiten, leider!

    Tödlich ist das Leben, wie wahr wie wahr! Aber noch genieße ich es lieber *ggg*.

  28. Das schon, aber hoffentlich nicht in dieser extremen Version. Es entsteht nicht alle zwei Tage ein Orkan oder Sturm in dieser Intensität.

    Das ist die richtige Antwort; dieses Spiel ist per se schnell vorbei und niemand hat die Wahl oder Möglichkeit, darüber zu entscheiden – darum – genieße es, wann immer Du kannst.

  29. Ja, das war schon sehr heftig. Aber das brauche ich dir ja nicht sagen. Der Sturm war ja in Deutschland viel intensiver.

    Ich genieße! Vorallem jetzt die Ruhe und das zu Hause sein. Hehe.

    Hoffentlich gehts deinen Schafis gut, die müssen ja frieren, die armen!

  30. So intensiv wie im Norden war das hier nicht, aber dennoch der stärkste Sturm, den ich im Täglichlaufen erlebte, und doch mit weniger Schäden als der letzte.

    Meine Wollies tragen die neueste Wollmode und sind entsprechend gut geschützt. 🙂

  31. Die Natur hat eben zugeschlagen, ob wir möchten oder nicht. Sie fragt nicht nach.

    Hehehe, sie sehen sicher total schick aus. Trotzdem mach ich mir immer Sorgen um die Tiere im Winter!

  32. Wie man sieht, sind sie sehr aktuell gekleidet:

    Kälte vertragen sie ohne Probleme, Nässe und Wind mögen sie weniger.

  33. Au man! Wenn ich die Dame rechts im Bild sehe, muß ich immer herzlich lachen. Sie sieht so genial aus.

  34. Ja, ich liebe dieses Photo – diese Putzels muß man einfach lieben, was anderes ist nicht möglich. 🙂

  35. Bei solch einem Wetter im Wald zu laufen, ist nicht ungefährlich. Gut, dass Du wohlbehalten wieder zurückgekehrt bist.
    Das war wirklich ein Orkan, wie man ihn hierzulande nicht kennt. Ich meine, dass man mehr von dieser Art nicht braucht.
    Lieben Gruß
    Kornelia

  36. Der Sturm war schon außergewöhnlich, so daß mein Lauf auch zu einer Besonderheit wurde – ich habe ihn genossen.

    Brauchen ist relativ, aber wir werden nicht gefragt. Zum Glück.

  37. […] dementsprechend durfte ich den stürmischsten Lauf überhaupt erleben, im Lächeln des Orkans “Xaver“. Mit unbändiger Kraft warf ich mich den wild um sich greifenden Sturmhänden entgegen, doch die […]

  38. […] die Natur zudem zutiefst stürmisch und pries die elementaren Winde – im Lächeln des Orkans “Xaver“. Mit unbändiger Kraft warf ich mich den wild um sich greifenden Sturmhänden entgegen, doch die […]

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