Melancholisches Schweigen

Alles verzehrende Finsternis. Der Tag will nicht erscheinen, die Nacht will nicht weichen; von dannen ziehen. In der zwischen beiden Welten dämmernden Dunkelheit entfaltet sich mehr und mehr ein prosperierender Nebel, der gierig ungehalten den elementaren Weltgesang zärtlich umhüllt, um ihn in seine gedämpfte Atmosphäre des melancholischen Schweigens aufzusaugen. Stille. Lautlosigkeit greift entschlossen um sich; gepaart mit einer traurig weinenden Einsamkeit, die ihresgleichen sucht. Graue und schwarze Farbnuancen dominieren die weite, kahle Abgeschiedenheit in den menschenleeren Hainen der schweigenden Ruhe. Surreale Nebelbänke wabern leise vorüber, tanzen ihren eigenen Tanz der hernieder perlenden Tränen, der einer unsichtbaren Choreographie folgt und heißen mich ohne Worte in den Wäldern willkommen.

2013_November_Wald

Ich folge den Pfaden der Einsamkeit in ihre Welt und lasse mich treiben, körperlich wie mental. Meine Gedanken treten ihre eigene Reise an, entfliehen meinem Bewußtsein und verselbständigen sich in gefühlvoller Weise der essentiellen Empfindung. Intensive Melancholie greift um sich, das vergangene Jahr zieht in die hehre Vergänglichkeit ein – ein weiterer Jahresabschnitt meiner temporären Lebenszeit verflüchtigt sich für alle Zeiten und ich gehe diesen Pfad der vergessenden Erinnerung, den schon all meine Altvorderen gegangen sind. Verweht im Nichts. Die Weiher atmen erhaben unter den mächtigen Nebelfeldern, ich kann die schlafenden Seen nicht erspähen, sie entziehen sich meinen Blicken dank ihrer unsteten Mäntel der Unsichtbarkeit.

Leises, unruhiges Plätschern dringt in meine auditiven Sinne. Unablässig. Die Schallwellen werden von Hunderten Blässhühnern erzeugt, die irgendwo in der Düsternis auf den Frühling harren. Sie kennen mich. Beobachten mich täglich. Der warnende Pfeifton ihrer Wächter unterbleibt, sie bewegen sich entspannt im ruhigen Wasser. Eine nasse Kälte bemächtigt sich meiner ungefragt, entführt mich. Ich gestehe es mir nicht gerne ein, aber ein langes Oberteil wäre angemessen gewesen, demungeachtet habe ich meine Wahl bereits getroffen. Mein präferiertes Dammareal dämmert unter seinem flackernden Nebelgewand der Unendlichkeit. Die Zeit vergeht, doch es ist nur unwesentlich heller geworden; Tag und Nacht, die Finsternis und der Nebel streiten vehement mit- und gegeneinander und jede Naturmacht verteidigt ihre Rechte ungerührt und ohne Lächeln. Rigoros. Groll und Hader obsiegen.

Inmitten der von Nebel verborgenen Dunkelheit, verloren in der weiten, allgewaltigen Natur laufe und laufe ich, vereint in Harmonie und Einklang. Fernab jeglicher Zivilisation. Innehalten. Besinnung auf das Elementare. Konzentration auf das Wesentliche. Fühlen und Empfinden. Nicht mehr, nicht weniger. Den Verstand bewußt ausschalten und sich nur den unbewußten Gefühlen und der Schönheit der vollendeten Natur hingeben. Tiefe Zufriedenheit keimt in meinem Innern auf. In den Schilfwäldern zu meiner Rechten raschelt es; flink springt ein Tier hin und her, ungesehen. Allenthalben erkenne ich Wildschweinspuren, exorbitante angestrengte Wühltätigkeit. Doch seit fast einem Jahr bleiben sie mir verborgen. Nachdem ich den abwesenden Damm verlassen habe, nehmen mich erneut die mehrheitlich kahlen Wälder auf. Hernach werde ich den Schlußakt einleiten. So vergeht die Zeit, der Lauf muß enden. Nichts währt ewig. Doch der Nebel bleibt, auch die Schwärze lebt weiter. Aber nur für heute. So endet er – ein zutiefst melancholischer Lauf, in diesem meinem Leben. Was bleibt? Schweigen.

44 Antworten to “Melancholisches Schweigen”

  1. Schön geschrieben, sehr schön geschrieben. Philosophisch angehaucht.

  2. Siehst du! Nicht nur ich warte auf das Frühjahr, sondern auch die schimpfenden Blässhühner! War ja klar, dass es da mehr gibt, außer mir 😛

    Eingestehen muß ich mir, dass sich dein Bericht richtig schön liest! Und doch ist es nicht meine Jahreszeit. Das hab ich, so glaube ich, noch nie erwähnt, oder? 😯

    Ich an deine Stelle wäre froh, würde ich nur die Spuren von den Wildschweinderln sehen. So weißst du, dass sie da sind und begibst dich nicht in Gefahr.

    Die Ruhe würde ich genau so wie du genießen. Wenn ich was niciht abkann, dann ist es Lärm. Das einzige was ich im Moment hier höre ist die WaMa. Sonst ist es total still. Ich mag das.

    Auf deinen ersten Schneelaufbericht bin ich jetzt aber schon gespannt. Da ists wenigstens nicht so nebelig *lach*:

  3. In der Tat, Du bist nicht allein – Hunderte tun es Dir gleich und harren der frühlingshaften Ankunft. Das Jahr ist vorbei, der Frühling naht.

    Korrekt, das ist mir völlig neu. 😉 Was vielleicht daran liegen könnte, weil Du keine Läuferin bist, die sich dem Wandel der Jahreszeiten hingibt.

    Wildschweine bilden keine Gefahr, im Gegenteil – die sind froh, wenn sie nicht auf alberne Menschen treffen.

    Die Stille war heute nahezu absolut; schlicht ein Traum. Der Nebel tat das seine und die Dunkelheit bemühte sich zutiefst. Ein Traumlauf sozusagen.

    Schnee wäre schön, ja. Aber ich warte erst auf meinen 300. Regenlauf und noch dreimal in der Kälte laufen, so wird 2013 das kältestes Jahr in den vergangenen 13 Jahren.

  4. Das macht immer Gusto auf mehr.

  5. Das freut mich. 🙂 Fortsetzung folgt. Vielleicht.

  6. Ich dachte schon, ich wäre alleine da draussen in der großen weiten Welt 😀

    Ich geben mich schon den Jahreszeiten hin – Frühjahr und Sommer. Das reicht doch völlig?

    Klar wollen sie ruhe, aber mit denen mal richtig zusammen stoßen wäre nicht so sinnvoll! Bis jetzt hattest du ja nur friedliche Begegnungen.

    Den Regenlauf schaffst du noch in diesem Jahr. Auch wirst du die Kältetage toppen können. Das Jahr war eindeutig zu kalt.

    Schnee wäre ja schön, wenn er schön weiß bleiben würde. Doch in der Stadt wandelt sich das so schnell in grauen Matsch um. Das macht keinen Spaß.

  7. Auf keinen Fall. Und selbst ich liebe den Frühling, aber da erzähle ich nichts neues.

    Um den Wandel der Natur annehmen zu können, mußt Du das Ganze akzeptieren, nicht nur die Hälfte.

    Da sie in der Regel ein Fluchtverhalten an den Tag legen, erübrigen sich Zusammenstöße; ich bin von ihrer Friedfertigkeit überzeugt.

    Auch davon bin ich überzeugt. Ja, so eine Kälte wie in diesem Jahr gab es lange nicht – zumindest nicht in den letzten 13 Jahren.

    Alles hat zwei Seiten. Und mit dem Schnee folgt das Eis, was ich freilich auch nicht sonderlich mag. Aber danach fragt niemand.

  8. Ach mir reicht schon die Hälfte, ich brauche nicht alles 🙂

    Oft genug gab es schon Zwischenfälle mit den Schweinerln. Also immer schön vorsichtig sein.

    Na Eis braucht wohl gar keiner. Maximal auf einer Eislaufbahn. Aber weder da wo man geht, läuft oder Auto fährt. Aber das wird nicht ausbleiben. Leider.

    Wer soll uns schon groß danach fragen?

  9. Danach fragt der Winter nicht. 😉

    Natürlich, aber da lagen die Ursachen woanders. Weder beim „Opfer“ noch bei den armen Schwarzkitteln.

    Das sind eben die Schattenseiten; heute morgen war es auch schon partiell sehr glatt – bei einer Temperatur von -01 °C.

    Eben. Und darum frage ich auch nicht. 😉

  10. Der Winter braucht auch gar nicht fragen und schon gar nicht mit mir reden! Bin stinkig auf den, weil er immer Kälte bringt 😛

    Schon möglich! Aber wenn sie mal vor dir erschrecken, kanns auch ein wenig heikel werden.

    Kriegst nun auch keine Antwort 😉

  11. So bekommt er auch keine Antwort. 😀 Doch tröste Dich, bald wird es wieder grün – die Sonne lacht, die Piepmätze trällern und der Frühling erwacht.

    Nach meiner bisherigen Erfahrung nicht. Fatal wird es, wenn ich mich erschrecke. 😯

  12. LOL, ja so in 6 Monaten mal.

    Warum? Gehst du dann auf die Schweinderl los? 😯

  13. Bitte nicht so übertreiben. 😉

    Auf keinen Fall. Das würde ich nicht wagen.

  14. Ein zauberhafter Laufbericht ist uns heute wieder zuteil geworden. Dafür möchte ich mich recht herzlich bei ihnen bedanken. Mit der philosophischen Dimension entführen sie mich als Leser in ihre Lauf-Welt. Ihr einzigartiges Täglich-Läufer-Dasein darf ich nicht vergessen. Er wirkt in diesen grauen Dezember-Tagen aufmunternd und vertreibt die schweren Gedanken, obwohl ihre Überschrift schwermütig anmutet. Ich danke für ihre wunderbaren Worte und verbleibe mit den besten Wünschen bis zur kommenden Rückschau.

    Herzlichst
    Richard

  15. Ich danke für Ihr Lob, Richard. Wenn ich auch von Melancholie sprach, meine ich das nicht in einem negativen Sinn, sondern positiv genießend. Nebel, Einsamkeit und Stille kann man im läuferischen Sinn kongenial genießen. Und nach der Dunkelheit folgt noch stets das Licht.

    Alles Gute,

    Marcus

  16. WOW lieber Marcus, was für ein schöner Bericht! Du hast wieder viel Gefühl hinein getan und mit Deinem Schreibtalent gelingt es Dir immer wieder den Eindruck zu vermitteln, unschöne Dinge auch mögen zu müssen. Ich bin kein Fan von Dauergrau im Winter, aber bei Dir liest sich das wirklich schön. Ich danke Dir dafür.

    Was für ein flinkes Tier könnte das gewesen sein?

    LG
    Beata

  17. Vielen Dank, liebe Beata. Irrelevant, ob man den Winter mag oder nicht – er ist da – ergo können wir ihn auch mögen. 😉

    Bezüglich des flinken Gesellen kann ich keine Aussage treffen; vielleicht ein Nerz oder Marder – ich weiß es nicht.

  18. Thx lieber Marcus für den klasse Bericht! Einfach spitzenklasse von dir, so überraschend ein Laufbericht zu posten! Der ist atmosphärisch soo dicht, das haut mich um. Ich krieg fast schon ein Erpelparker von dem nassen Nebel! :mrgreen: Fazit: Ich war dabei!!! Besser geht’s nicht, oder?

    MegaDank dafür, weiter so und ich freue mich auf den nächsten!

    MfG

  19. Ich freue mich, wenn Dir mein Beitrag gefallen hat, lieber Otto und gleichzeitig hoffe ich doch, daß sich Deine Gänsehaut verflüchtigt hat und nicht zum Dauerzustand wurde. 😉

  20. Thx nochmal! Ich lese das jetzt zum dritten Mal und schweige nun! :mrgreen:

  21. Schweigen zur rechten Zeit ist stets weise. 🙂

  22. Nochmal: der link spinnt wohl:

  23. Merci für das herrliche Bild. 🙂

    Bei mir werden übrigens beide Links korrekt angezeigt.

  24. Zu schmal der Blog! Durch den Rand wird der link abgeschnitten. Egal das Foto ist geil! **five**

    Super Abend!

  25. Danke für dieses schöne und anregende Stimmungsbild, lieber Marcus. Ja die Finsternis ist sehr dominierend. Doch bald schon hat sie ihren Höhepunkt erreicht und rasend schnell ist auch hier der Wandel. Ich genieße Dunkelheit und Stille sehr, auch wenn es merkwürdig scheint. Vielleicht liegt es daran, dass beide in der Stadt nur schwer zu finden sind. Ich wünsche Dir weiterhin viele stimmungsvolle Läufe.

    Alles Gute
    Dietmar

  26. Tatsächlich, lieber Dietmar, bald ist der Höhepunkt überschritten und der Wandel setzt sich fort. Ich betrachte es nicht als merkwürdig, wenn man Stille und Finsternis liebt, denn mir geht es auch so. Zumal derlei die Menschen davon abhält, die liebliche Natur zu besuchen und somit sind diese Bedingungen ein Garant für Einsamkeit, welche ich nicht minder liebe.

    Alles Gute,

    Marcus

  27. Lieber Marcus,

    vielen Dank für die poetische Beschreibung der Herbststimmung, wie sie momentan sich darstellt, Gevatter Winter löst ihn bald ab und dann wird auch die Melancholie vertrieben, die weißen Boten tanzen dann durch den Himmel und lassen den grauen Sinnesnebel verschwinden.
    Ich kann mitfühlen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es nicht einen bestimmten Grund für die Melancholie bei Dir gegeben hat, ich hoffe es war nur eine reaktive Stimmung und kein anhaltender Zustand 🙂

    Salut

    Christian

  28. Lieber Christian,

    der Laufbericht stellt keinen Spiegel meiner selbst dar, sondern bildet nur eine Momentaufnahme der lieblichen Natur ab, welche sich gestern – und heute – zutiefst melancholisch zeigte. Genau in der Form, wie ich das besonders liebe. Entsprechend intensiv der große Genuß, welcher daraus resultiert.

    Der erste Schneesturm wurde bereits angekündigt und ich hoffe, daß jene Vermutung wahr werden wird; denn dann tanze ich zusammen – mit den weißen, kristallinen Boten. 😉

    Alles Gute,

    Marcus

  29. Hi Marcus,

    danke dir für den anschaulichen Bericht aus deiner Feder. Er verdeutlicht sehr stimmungsvoll die aktuell dunkle Zeit und vermittelt einen schönen Eindruck, wie man Laufen darin auch empfinden kann. Toll gemacht!

    Gruß
    Thomas

  30. Es wäre doch ein Jammer, wenn man die mannigfaltigen Reize im lieblichen Winter nicht erkennen und wertschätzen kann und will. Täglichlaufen ist ideal, um diesen Respekt auch zu leben. 🙂

    Alles Gute,

    Marcus

  31. Schöner Stimmungsvoller Bericht, der mir gut gefällt und den ich nach empfinden kann. Irgendwie hat diese Jahreszeit ihren eigenen Reiz und doch sehnt man sich nach mehr Licht und Sonne und mehr.
    Und doch, wenn man rausgeht und läuft, findet man dennoch Freude, Entspannung und Genuss.
    Ich wünsche Dir auch weiterhin viel Freude und Entspannung und natürlich Genuß bei Deinen täglichen Läufen.
    Lieben Gruß
    Kornelia

  32. Mich stört diese permanent dunkle Welt ohne Sonne – hier seit mehreren Tagen – nicht im Ansatz, im Gegenteil, ich liebe das sehr. Das hat sicher mit meinem Wirken als Täglichläufer zu tun. Mittlerweile obsiegen starke Böen, ich bin gespannt, wie sich der angekündigte Sturm entwickeln wird. So oder so, Finsternis sorgt für einsame Wälder und das ist großartig.

  33. […] mit kühler Leichtigkeit ab. Indessen sorgten die außerordentlich edlen wie wunderbaren Nebelläufe für eine Atmosphäre der melancholischen Ruhe in einer schweigenden Welt der fühlenden […]

  34. […] den letzten beiden Monaten sorgten formidable Nebelläufe für eine Atmosphäre der melancholischen Ruhe in einer schweigenden Welt der fühlenden […]

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