Feuermeer

Ich lief hinein. Unmittelbar vor mir windete sich der verborgene Pfad. Er führte in den weiten Horizont der Unendlichkeit und ja, ich folgte ihm. Ich lief hinein. Die verlängerte Flucht am Ende des Weges vereinigte sich in Harmonie mit dem unsteten Firmament der Zufriedenheit und nur scheinbar wenige Zentimeter darüber thronte der güldene Sonnenball, rot leuchtend – für immer und immer hernieder sinkend. Beide Seiten wurden durch latente Wolkenschiffe flankiert; sie tauchten das solare, temporäre Gemälde in ein wahrhaftiges Feuermeer, das nicht geneigt war stillzustehen. Permanente Bewegung. Ineinander verschlungen und tief verwoben – nie wieder loslassend – wogte der rotgoldene Strahlenozean am Himmelszelt und veränderte wiederholt seine differenzierte Intensität und spielte freimütig mit seiner gediegenen Kraft.

Im Zentrum dieses beeindruckenden Schauspieles verharrte ein einzelner kahler Baum, ein ureigenes Gebilde des Lebens. In seiner atemberaubenden Schönheit wirkte er unwirklich und doch leuchtete er erhaben im Zeichen des Sonnenuntergangs. Im Zwielicht rechts von diesem Baumgesellen schlief ein weiterer Baum im ruhigen Winterschlaf und auf einem seiner zahlreichen Äste beobachtete ein Raubvogel diese Szene, vermutlich ein Bussard. Ich folgte dem Pfad in die Vergänglichkeit, ich lief hinein. Sodann erhob sich urplötzlich der Greifvogel, hoch empor und flog mit sanften Flügelschlägen davon, hinein in den Himmelsweg. Der nun leere und auf einmal so einsame Ast schwang traurig hin und her – wie ein Pendel – bis er irgendwann innehielt. Vielleicht ein symbolisches Pendel der Lebenszeit – hin und her schwingt es in seiner melancholischen Bedeutsamkeit und mahnt.

In der linken Front des surrealen Momentes glitten Graugänse durch die abgeschiedene Welt und jäh in dieser Sekunde vernahm ich den sonoren Klang, den edle Schwäne generieren, wenn sie sich anmutig in die Wolkenebene erheben und nicht viel später passierten sie die den wunderbaren Sonnenthron. Stille. Tiefer und tiefer sinkt Helios, tritt ein in eine dichte Atmosphäre, in ein divergierendes Leben des gewichtigen Augenblickes. Vergeht. Und wird in dieser Form nie wiederkehren. Wie ich selbst auch. Was für ein bedeutsamer Moment. Ich lief hinein.

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32 Antworten to “Feuermeer”

  1. Da fällt mir ein… wo bleibt das Buch? 😯

    Hättest du hier ein Bild dieser Szenerie gebracht, es hätte nicht besser oder schöner sein können, wie deine Beschreibung. So gut kann man sich deine Worte vor Augen halten. Dein Schreibtalent ist schon gewaltig. Die Mitwirkenden – die Natur und alles was dazu gehört – tragen einen gewichtigen Part dazu bei.

    Danke für diese wunderschönen Sätze!

  2. Welches Buch möchtest Du denn?

    Ganz ehrlich, der Artikel ist alles andere als gut – mit etwas mehr Zeit wäre es meinem Bild, was ich vor Augen hatte, vielleicht näher gekommen. Das ist nur ein Kompromiß, geschuldet einem Mangel an Zeit. Von daher ist das Bild sehr unvollständig.

    Ja, nichts geht über die Natur. Fast hätte ich einen Schneelaufbericht formuliert, aber dafür gäbe es keine Worte.

  3. Was für eine Frage.. dein Buch natürlich!

    Papperlapapp! Dein Beitrag ist sehr gut und aus! Bei mehr Zeit wäre er vielleicht länger geworden, aber nicht besser. Unvollständig hin, unvollständig her. Man hat das Bild vor Augen.

    Die Natur ist das GRÖSSTE überhaupt.

  4. Da muß ich passen und kann Dir keine adäquate Antwort geben.

    Merci für Dein Lob, aber ich sehe das anders. Aber schlußendlich kann man die wahre Natur nicht beschreiben und in Worte kleiden. Ich rede nicht von der offensichtlichen Welt – der wahre Sinn dahinter ist stets verborgen.

    Korrekt. Wenn auch nicht perfekt, da sie einen Fehler gemacht hat (der sich aber selbst korrigiert).

  5. Diese Antwort hab ich leider befürchtet!

    Darum würde auch kein Foto in diesen Beitrag passen.

    Tja, ob die Natur diesen Fehler noch mal gut machen kann? So recht kann ich es nicht glauben.

  6. Selbst wenn ich davon ein Photo hätte, so wäre das hier nicht erschienen. Photos können derlei nicht vermitteln.

    Das braucht die Natur gar nicht, da sich der Fehler von sich selbst aus tilgen wird. Welch Glück! Es ist nur bedauerlich, daß so viele andere darunter leiden müssen.

  7. Lieber Marcus,

    Deine Beschreibung dieses besonderen Moments ist phantastisch und malt ein ganz besonderes Bild vor meinem inneren Auge. Wahrlich surreal erscheint die Szenerie und doch so lebendig durch die Laute und Bewegungen der Fauna, danke für diesen besinnlichen Eindruck einer unwiederbringlichen und wahrscheinlich einmaligen Szene in dieser Kombination.

    Ich wünsche Dir noch einen angenehmen Sonntag und genieß das trockene Wetter, es soll ja bald schon wieder schneien 😉

    Salut
    Christian

  8. Lieber Christian,

    die Beobachtung in jener Form war einzigartig und wird in dieser Intensität nicht wiederkehren. Es gibt Dinge im Leben, die man nur einmal erleben darf. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

    Es soll erneut schneien? Dabei ist der alte Schnee noch nicht alle. 😉 Entsprechend schön war der Winterschneelauf heute morgen – schlichtweg ein Traum.

    Genieße den Restsonntag,

    alles Gute,

    Marcus

  9. Hi Marcus,

    du hast dich wieder mal selbst übertroffen! Geniales Post! Jeder, der das liest, steckt hautnah in der Szenerie mit drin. Wird Zeit, dass du daraus ein Buch machst. Wie Brigitte sagt! Wer das Buch durch hat, erkennt, was wichtig im Leben ist. Mehr davon!

    Thx dafür!

    MfG

  10. Selbst wenn es so ein Buch gäbe, bedeutet das nicht, daß daraus automatisch Erkenntnisse gewonnen werden. Das ist auch nicht meine Intention. Und was ist wichtig im Leben? Alles. Und nichts.

    Alles Gute,

    Marcus

  11. Interessanter und mystischer Artikel. Sehr Poetisch formuliert. Gefällt mir sehr.

  12. Vielen Dank, Joachim.

  13. Welch ein schöne Beschreibung eines offensichtlich wieder einmal besonderen Laufmoments. Hast Du prima beschrieben. Ich konnte es mir ganz gut bildlich vorstellen.
    Wünsche ein schönes Wochenende!
    Lieben Gruß
    Kornelia

  14. Manche Dinge sind einzigartig im Leben.

    Ich wünsche Dir ebenfalls einen schönen Restsonntag,

    alles Gute,

    Marcus

  15. Ich danke ihnen für den gelungenen und nachdenklichen Artikel. Sie reflektieren philosophische Ansätze, die sie mit ihrer Beobachtung im Täglich-Laufen kombiniert haben. Dieses Sinnieren erfordert eine tiefe Konzentration auf das Jetzt. Ich beneide sie für den Moment, den sie erleben durften und wünsche eine Fortsetzung dessen. Bleiben sie sich treu.

    Herzlichst
    Richard

  16. Vielen Dank für Ihre Antwort, Richard. Jener Moment war einzigartig; ich hatte Glück, daß ich ein derartiges Schauspiel erleben durfte. Und, was könnte bedeutender sein, als den kurzen Augenblick im Jetzt zu erkennen und zu leben?

  17. Lieber Marcus,
    vielen Dank für dieses schöne Stimmungsbild. Bin heute Abend mit untergehender Sonne losgelaufen. Dieser Februarwoche hat ohnehin sehr eindrucksvolle Bilder gemalt und schön, dass wir als Läufer daran teilhaben dürfen.
    Liebe Grüße
    Dietmar

  18. Die Natur bietet täglich grandiose Impressionen; wohl dem, der das laufend genießen darf und derlei auch zu schätzen weiß.

    Alles Gute,

    Marcus

  19. Hallo Marcus,

    danke Dir für den wunderbaren Laufeindruck, den Du für uns festgehalten hast. Ich denke, in diesem Fall kein Foto zu bringen, ist besser. So bilden Deine Worte im Kopf ein Bild, was Deinem Feuermeer (schöner Titel!) vermutlich nahe kommt. Du hast das wieder sehr lebendig eingefangen. Ich lief mit Dir hinein.

    LG
    Beata

  20. Kein Photo hätte auch nur den Ansatz dessen vermitteln können, was ich erspähen durfte.

    Ich lief mit Dir hinein. Ich hoffe, Du hast den Weg hinaus auch wieder finden können. 😉

    Alles Gute,

    Marcus

  21. Ich folgte nur Deinen Spuren, war nicht weiter schwer. 😉

    LG

  22. Dann bin ich beruhigt, liebe Beata. 😉

  23. Lieber Marcus,
    ich sehe das Bild des Feuermeers vor mir – deine Beschreibung ist einfach wunderbar. Wie reich macht doch das Täglich Laufen!
    Viele liebe Grüße
    Petra

  24. Es brennt, es brennt, liebe Petra – das Feuermeer brennt, zumindest noch bis morgen. 😉

    Alles Gute,

    Marcus

  25. Willst du es morgen löschen? 🙂

    Liebe Grüße
    Petra

  26. Korrekt. Ich werde das Feuermeer löschen, damit es meine Rückschau nicht verzehrt. 😯 😉

  27. […] Das leben, was man liebt und lieben, was man lebt. « Feuermeer […]

  28. […] an und selten findet ein Lauf ohne Streicheleinheiten statt. Der intensivste Lauf, einem mächtigen Feuermeer geschuldet, wird immer seinen mahnenden Platz in meiner Erinnerung einnehmen. Nicht minder […]

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