Kathedralen der Sonne

Der Morgen war noch jung, als ich meinen Lauf startete, gleichwohl strahlte mich ein blaues Himmelspanorama lächelnd an. Vereinzelte Hochnebelfelder sollten sich bald in das flüchtende Nichts auflösen. Die Sonne leuchtete golden hernieder und bei einer Temperatur von -01 °C kleidete ich mich den Witterungsbedingungen angemessen. Zwar begegnete ich nach dem Betreten des Waldes zwei Grußfreunden, doch insgesamt betrachtet, war die geliebte Einsamkeit nahezu absolut. Und so laufe ich durch den ersten Forst, der bereits erstaunlich kahl wirkt, das Gros seiner Blätterkleider hat er traurig weinend abgelegt. Das nächste Waldareal, nicht weit von der herrlich tristen Baumwelt entfernt, bietet ein konträres Blättergemälde für den sensiblen Beobachter. Gelb und rot erscheinende Farbtupfer erstrecken sich allenthalben über Kilometer entlang der Pfade, die in den tiefen Hain führen. Die Wege scheinen mit Samt ausgekleidet, jedwedes Geräusch wird vernehmlich gedämpft. Eine stille Atmosphäre der Ruhe entfaltet sich im natürlichen Einklang des Seins.

Von der Sonne angestrahlt, scheint der Wald den Frühling willkommen zu heißen, doch handelt es sich hierbei um einen Irrtum, dem ich mich nur zu gerne hingebe. Ich erreiche den Damm, der verlassen von winterlichen oder sommerlichen Tagen träumt – wer kann sich schon ein Urteil anmaßen – und laufe an dem sinnlosen Zerstörungswerk tumber Narren vorbei, die ihre geistige Beschränktheit an harmlose Äste bewiesen haben. Menschen. Oh sancta simplicitas! Der abgeschiedene Dammpfad mündet in einer Biegung, in deren Zentrum ein Reh innehält und mich neugierig bestaunt. Über diese neuerliche Begegnung bin ich sehr erfreut und freilich rede ich es sofort mit ruhiger und leiser Stimme an; seine Haltung bleibt unverändert, ich hingegen laufe natürlich weiter und wundere mich sodann ob der Tatsache, daß mich das Reh auf drei Meter an sich heran läßt, bevor es den Damm verläßt und sich in das Unterholz begibt – allerdings in einer sehr gemächlichen Geschwindigkeit. Eine scheue oder ängstliche Reaktion kann ich nicht konstatieren. Vielleicht handelt es sich um eine Art gewachsenes Vertrauen durch zahllose tägliche Kontakte. Wir kennen uns eben. Wie dem auch sei, ich freue mich und kann über diesen Vertrauensbeweis nur lächeln.

Der Damm selbst ist zu beiden abfallenden Seiten von Hunderten von Spinnennetzen gesäumt, die in ihrer filigranen Fragilität eingefroren sind, jeglicher Bewegung beraubt und weißgoldenen Diamantketten gleich – welch ein Anblick! Im maritimen Element tummeln sich indessen zahlreiche Blässhühner und Stockenten, die entspannt hin und her plätschern. Als weniger gelassen erweisen sich diverse Graureiher, die meine laufende Präsenz nur herzhaft meckernd goutieren; ebenso ungehalten scheint ein Pirol zu sein, doch jener schweigt und überläßt die Schimpfkanonade befreundeten Eichelhähern. Von der lieblichen Einsamkeit getragen, erobere ich Kilometer um Kilometer in einer vollkommenen, natürlichen Welt der prachtvollen Herrlichkeit. Der sonst ungestüme See liegt still schlafend und seine dunkelblaue Oberfläche hat sich am weiten Horizont mit dem Firmament in Harmonie zärtlich für alle Zeiten vereinigt.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist mir bewußt, daß ich heute mehr als die gewohnten 14 Kilometer laufen werde – der zufriedene Genuß zieht mich unaufhaltsam in seinen Bann. Als die Dammstrecke ihrem Höhepunkt entgegen sieht, erspähe ich plötzlich eine spazierende junge Dame mit einem Herrn, die beide den Eindruck vermitteln, als ob sie sich direkt aus Sibirien oder Grönland hierher teleportiert hätten. Sie sind extrem eingemummelt, nur ein Teil des Gesichtes späht noch in die Welt. Meine nicht vorhandene arktische Winterbekleidung irritiert sie sichtlich (und sie mich nicht minder) – ich kümmere mich nicht weiter darum und trete hernach in den tiefen Hain ein, der mich sogleich gefangen nimmt. Die Baumdamen stehen hier dicht an dicht und lassen nur wenig Licht auf den Boden fallen, doch jene Sonnenstrahlen, die sich nachhaltig ihre Bahn brechen, generieren ein surreales Gemälde leuchtender Kathedralen der Sonne, die ihresgleichen suchen. Goldene Lichtkegel bilden einen edel schimmernden Strahlenkranz und durchschreiten elegant die hohen Baumkronen und bilden eine malerische Illusion, die einzigartig ist. Diese romantisch expressive Impression wird durch die gelebte Finsternis der dunkelschwarzen Waldwege potenziert. Ich bin über diesen seltenen Eindruck so fasziniert, daß ich mehr Zeit investiere, um jene Eindrücke vollständig aufzunehmen und in meinem Geist für immer und immer zu festigen.

Ich bin geneigt anzunehmen, daß ich noch jetzt laufen würde, wenn nicht mehr und mehr menschliche Besucher mit und ohne Hunde mein Laufgebiet aufgesucht hätten. Die noch vor kurzem greifbare Einsamkeit zeigt sich verlustig, so daß ich schlußendlich den Heimweg antrete. Für ein kurzes Gespräch mit einer guten Bekannten – die sich über meine Handschuhe wundert, unterbreche ich temporär meinen Lauf, um im Anschluß die wahre Welt des Lebens für heute zu verlassen. Doch ich bin zutiefst dankbar, daß ich als Täglichläufer mich morgen der Fortsetzung hingeben darf.

Werbeanzeigen

34 Antworten to “Kathedralen der Sonne”

  1. Hallo Marcus,

    ich bin begeistert über Deinen stimmungsvollen Laufbericht. Wow sage ich nur. Du verfügst über die Gabe die Leser mit auf Deine Reise zu nehmen. Das ist die Magie Deiner Schreibe. Dein Reh Erlebnis ist unglaublich. Du hast ein Glück! Das kommt nicht oft vor, oder?

    Weiterhin viel Freude und Glück bis zur nächsten Etappe!

    LG

  2. Wenn ich diese Gabe wirklich hätte, liebe Beata, so wäre mein Laufareal sehr, sehr voll. 😉

    Begegnungen mit Rehen erlebe ich täglich, aber daß sie mich so nahe heran lassen, ist tatsächlich selten.

  3. Ich stimme meiner Vorrednerin zu und danke ihnen für den anschaulichen Lauf-Bericht. Sie nahmen mich wieder in ihre Welt mit und beschrieben sie in gewählter und poetischer Art. Sie loben nicht nur einseitig, sondern registrieren auch negative Dinge. Das gefällt mir, da das Leben nicht nur einen Zustand beschreibt. Das gilt ebenso für das ehrliche und künstlerische Abbild ohne Verfremdung. Trotzdem wünsche ich ihnen mehrheitlich schöne Erlebnisse in ihrem Täglich-Laufen. Bleiben sie gesund.

    Herzlichst
    Richard

  4. Gerne, Richard. Alles im Leben vereinigt zwei Seiten in sich. Nur eine loben oder nur negativ betrachten, erfüllt selten einen sinnvollen Zweck. Beispielsweise ist Täglichlaufen nicht n u r schön oder grandios; im Gegenteil, auch Täglichlaufen hat seine negativen Seiten – und meine Berichte spiegeln das partiell auch wider.

  5. Ich lese schon länger mit. Heute wollte ich dir einfach mal sagen, daß ich deine Artikel wunderschön finde! Dankeschön dafür.

  6. Das freut mich, Jenny. Du darfst ruhig öfter antworten, Dienstags beiße ich nie. 😉

  7. Interessante Erlebnisse gut verpackt. Ich gewöhne mich langsam dran. Werde wohl öfter hier lesen müssen.

  8. Ich wünsche Dir viel Spaß dabei, Joachim.

  9. Brrrrrrr! Da war es heute aber ganz schön kalt bei dir. Aber gut, dass du dich passend angezogen hast – mit Handschuhen!! 😯

    Ein wunderschön geschriebener Artikel. So schön geschrieben, als wäre man selbst dabei gewesen!

    Warum sollte das Reh vor dir flüchten? Es kenn dich und weiß dass du keine Gefahr darstellst. Welch Vertrauensbeweis das doch ist!!

    Hier ist es wie immer grau grau und nochmal grau! Ein richtiges Wetter zum verkriechen.

    Deine Kilometeranzahl in diesem Jahr ist ganz schön beachtlich gell?

  10. In der Tat wurden die Handschuhe mit Entsetzen registriert. Aber mittlerweile schreien die Menschen auf, wenn ich bei -10 °C in langer Bekleidung laufe – die Macht der Gewohnheit respektive Gewöhnung.

    In der Regel flüchten die Rehe schnell und das ist auch sehr weise. Die wenigsten Menschen sind nicht feindlich eingestellt. Ja, ich nehme auch an, daß es mich kennt und werte das als Vertrauensbeweis. Das ist wirklich ein Geschenk. 🙂

    Ungemütliches Wetter mit viel Regen würde mir auch wieder mal gefallen, doch leider habe ich dieses Glück nicht.

    Das liegt im Winkel des Betrachters – heute habe ich 4444 Kilometer erreicht. Würde ich Schnaps trinken, so würde ich einen ausgeben. 😀

  11. Das glaube ich, ich würde auch doof gucken, würde da jemand an mir vorbei wetzen mit kurzer Kleidung, jedoch MIT Handschuhen. Aber wenns scheee macht *ggg*.

    Dieses Geschenk der Tiere ist eines der wunderbarsten überhaupt. Ein Traum! Der für dichjedoch gar keiner ist.

    Regenläufe gabs dieses Jahr wirklich sehr wenig für dich – schade gell?

    Na bin ich froh, dass du keinen Schnaps trinkst 😉 Aber 4444 ist schon eine stolze Schnapszahl.

  12. Nein, ich bringe das Zitat jetzt nicht an – die Herrlichkeit der Welt – nein, ich führe das nicht weiter aus. 😯 Ob das schee macht, ist mir nicht bekannt, aber es ist zweckmäßig. 😉

    Ein Traum ist es nicht – als Freund aller Putzels durfte ich schon viel erleben und dafür bin ich sehr dankbar.

    Es gab Jahre, die mehr Regen boten, aber auch welche mit weniger:

    2000 – 12
    2001 – 18
    2002 – 18
    2003 – 05
    2004 – 10
    2005 – 17
    2006 – 14
    2007 – 33
    2008 – 31
    2009 – 19
    2010 – 42
    2011 – 29
    2012 – 25

    Ich auch. Wobei ich das noch nie probiert habe. Stolz und witzig – ja. 🙂

  13. Zitate usw. hast du ja fix bei der Hand gell? 😀

    Klar ist es ein Traum. Den meisten von uns bleibt dieses verwehrt. Die Vertrautheit der Tiere in freier Wildbahn.

    Du hast recht, da gabs ja wirklich traurige Jahre.

  14. Zumal es sich um mein Lieblingszitat schlechthin handelt.

    Das ist ein Glück! Wäre es anders, würden noch mehr Tiere noch schneller vernichtet werden – als unsere Spezies es ohnehin schon tut.

    Ja, 2003 war ein Hitzejahr.

  15. Ja, das weiß ich 😉

    Leider stimmt das. Die Wildtiere sollen bloß schön scheu bleiben. Ob es auch wirklich was nützt bzw. nützen wird?!

    Hitzejahre find ich immer gut hehe.

  16. Nein, das nutzt nichts. Aber es wird früher oder später eine Zeit geben – N A C H den Menschen. Dann kann sich unsere wunderbare Erde von diesem Irrtum erholen.

    *lacht* Es sei Dir gegönnt. 🙂

  17. So, wie du Deine Worte gewählt hast, fühlte ich mich mitgenommen auf Deiner so schönen Laufrunde. Die Einsamkeit hätte mir auch gefallen und erst recht die Begegnung mit dem Reh.
    Genieße diese schönen Dinge. Sie sind so kostbar.
    Ich wünsche Dir noch viele solch schöner angenehmer Läufe.
    Lieben Gruß
    Kornelia

  18. Ja, wie wahr – das sind wahrhaftig wunderbare Dinge, die sehr kostbar sind. Ich weiß das sehr zu schätzen. Solange ich daran partizipieren darf, genieße ich das – denn irgendwann endet alles einmal. So ist die Ordnung der Dinge.

    Alles Gute,

    Marcus

  19. Hi Marcus,

    du machst dem Dichter in dir wieder alle Ehre! Ganz herzliches Danke für dein neues Laufpost, was längst überfällig war. Ich habe es sehnsüchtig erwartet! Wie immer wurde ich nicht enttäuscht. Alle deine Leser werden dich beim Lesen begleiten. Wo gibt’s das sonst?

    Mit dem Reh ist klasse! Du bist der reinste Tierflüsterer. :mrgreen:

    Wer in kurzen Klamotten täglich durch die Gegend streakt, muss bei Kälte damit rechnen von den ganzen Weicheiern scheel angeglotzt zu werden! :mrgreen:

    MfG

  20. Gerne, Otto.

    Von einem Tierflüsterer bin ich leider noch weit entfernt, aber ich bemühe mich.

    Das gilt nur für jene, die mich nicht kennen – der Rest wundert sich, wenn ich einmal lange Kleidung trage. Die Macht der Gewohnheit darf man nicht unterschätzen.

  21. PS: Hoffentlich haben die deinen Deich nicht zu krass rasiert!

    Super Abend!

  22. Doch. Für meinen Geschmack haben sie das. Leider. 😦

  23. Noch eins bevor ich endlich aufhöre: Buch!? Wie sieht´s aus?

  24. Ich enthalte mich der Antwort. 😯

  25. Lieber Marcus,

    mit solchen Beiträgen vermittelst Du mir mehr und mehr Dein Laufrevier zu kennen, ich konnte Dich begleiten und es war so ruhig und schön, nein, sogar aussergewöhnlich friedlich. Danke fürs Mitnehmen.
    Ich kenne dieses Gefühl aus der jüngeren Vergangenheit, einen Lauf auszudehnen nur um diese Emotion und Atmosphäre weiter genießen zu können, es ist einfach phantastisch und wenn einem dann noch die Waldtiere Signale übermitteln, einfach herrlich.
    Deine Kleiderwahl muss schockieren bei frostig kaltem Wetter, aber oft genug bin auch ich schockiert, wie man bei 10°C mit Schal, Mütze, Handschuhen und Wintermantel auf einem Spaziergang unterwegs sein kann ohne den Hitzetod zu erleiden 😉

    In diesem Sinne, lass es Dir gut gehen

    Salut

    Christian

  26. Lieber Christian,

    der gestrige Lauf war ein wahrlich besonderer unter vielen wunderbaren in der letzten Zeit. Alle Bedingungen waren nahezu perfekt und nur die verlustige Einsamkeit am Ende trübte das Geschehen – wobei das freilich kein wirkliches Problem war – aber dennoch seinen Tribut forderte.

    Meine üblichen Beobachter sind an meine Bekleidung längst gewöhnt, mittlerweile schreien sie entsetzt auf, wenn ich mal etwas langes trage, doch die „Anfänger“ auf diesem Gebiet staunen natürlich.

    Zum Hitzetod. Ich werde nie die Dame vergessen, die in der schönsten Sommersonne einen Pelzmantel trug. Ja, alles ist möglich. 😉

    Alles Gute,

    Marcus

  27. Lieber Marcus,

    bis gestern war der November so wie Du es in Deinem Beitrag beschrieben hast: voller Licht und Farbe und gleichzeitig sanft, ruhig und friedlich. Doch es ist erst die Hälfte des Monats vorbei. Und genau heute hatten wir hier einen jener Novembertage, wie man sich diesen Monat vorstellt: trüb und kalt. Die „schönen“ Herbsttage dürften gezählt sein. Dich wirds freuen, Deine Handschuhe hast Du ja schon bereit. 🙂

    Weiterhin viele schöne Läufe, egal welche Überraschungen uns das Wetter bereit hält.

    Alles Gute
    Dietmar

  28. Lieber Dietmar,

    als der Herbst gestern meinen Artikel las, entschloß er sich, eine Wetteränderung durchzusetzen. Der Donnerstag wurde von Dauernebel und -04 °C beherrscht – meine Kathedralen der Sonne treffen also nicht mehr zu.

    Dennoch, mit großer Freude habe ich mich dem Nebel entgegen geworfen und mein Lauf war nicht minder schön als noch zuvor im Sonnenschein. Wie das Wetter auch sein mag – es ist immer herrlich.

    Ich wünsche Dir ähnliche Genußläufe und vorab ein angenehmes Wochenende.

    Alles Gute,

    Marcus

  29. […] Das leben, was man liebt und lieben, was man lebt. « Kathedralen der Sonne […]

  30. […] November besann sich und begann entsprechend gar nicht finster, sondern strahlend hell, was die Kathedralen der Sonne eindrucksvoll bewiesen. Doch sollte diese Witterung nicht von einer langen Beständigkeit sein und […]

Wortmeldung verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s