Erstarrtes Glück. Mein erster Biberkontakt.

Ich gestehe, ich war so frei und hatte den längst vermißten Winter bereits endgültig abgeschrieben. Tief enttäuscht gab ich mich den aufkeimenden Frühlingsgenüssen hin. Doch ich sollte mich irren. Zuerst gab sich eine liebliche Schneewelt die seltene Ehre, um hernach von ungewohnter Kälte begleitet zu werden, was ich freudig goutierte. Wohlan, lieber Winter – ich heiße dich willkommen und verneige mich in Demut vor deiner zärtlichen Macht. Leider besitzt nichts im Leben nur eine Seite, dementsprechend kanalisiert sich der Nachteil dieser herrlichen Winterpracht in langer Laufbekleidung. Meine bisher an den Tag gelegte Abhärtungsphilosophie hat ihre standesgemäßen Grenzen der elementaren Verhältnismäßigkeit und so laufe ich nun in langer Bekleidung, freilich ohne Mütze. Derart kalt kann es auf diesem Planeten gar nicht werden, als daß ich in diesem meinem Leben je wieder eine törichte Kopfbedeckung tragen werde. Ein Nachbar kommentierte meine gezwungene Kleiderwahl prompt mit dem Satz: „Na Marcus, nun mußt du doch eine lange Hose anziehen!“, grinste und erinnerte mich an mein Elend.

Jener Widrigkeit ungeachtet genieße ich mein Täglichlaufen in eisiger, erstarrter Einsamkeit, die einmal mehr regelrecht greifbar ist. Die von mir präferierten Pfade der Melancholie sind von den nassen Wogen der Seen und Weiher edelmütig in Besitz genommen; sodann in knisternder Eleganz erfroren. Innehalten. Bewegungslos. Was bleibt? Ein erstarrtes Lächeln der vernehmbaren Lautlosigkeit. Neuen Schnee vermisse ich, doch haben sich bis dato die vor Tagen hernieder gefallenen Eiskristalle nicht verflüchtigt. Sie leuchten wie Millionen funkelnder Edelsteine – diamantengleich in der weiten Unendlichkeit. Angestrahlt von der noch nicht wärmenden Sonne blenden sie mich in meinem Laufgenuß. Goldene Sonnenstrahlen erhellen die kahlen Wälder, sie suchen ihren Weg durch die im leisen Wind wiegenden Baumkronen und finden den vereisten Boden, um sich zu einem kongenialen Glitzerspiel in Harmonie zu vereinigen. Wie traumhaft diese winterliche Naturwelt doch ist! Vollkommenheit par excellence.

Abgeschieden harrt der Damm im Sonnenglanz und partiell erscheint das Schneegewand in einem blauen Licht. Plötzlich vernehme ich ein klirrendes Beben, ein rauschendes Bersten und weithin schallendes Brechen in konzentrierter Intensität. Nicht weit von mir entfernt, schiebt sich ein Eisbrecher durch die Schollen auf dem zugefrorenen See und generiert die eindrücklichen Klänge einer temporären Eisregentschaft. Verborgen unter der erstarrten Wasserschicht treiben unsichtbare Wellen in Richtung des Ufers, man kann sie nicht sehen, aber das vernehmliche Knacken kommt näher und näher. Ich beobachte das Schauspiel und warte auf das tosende Bersten riesiger Schollen, aber nichts dergleichen wird passieren. Ich laufe weiter und erreiche das Dammende, durchschreite die Schranke und wundere mich über ein Wasserareal, welches immer noch keine Eisschicht trägt. Wer oder was mag hier als Eisfreihalter verantwortlich zeichnen, frage ich mich – indessen registriere ich einen gewaltigen Ast, der im Zentrum des Kanals treibt.

Nachdem ich das vermeintliche Holz in einem Abstand von zwei Metern passiere, schnappt das Treibgut wie eine Mausefalle – in einem Bruchteil einer Sekunde – zusammen und verschwindet rasant und laut platschend im Wasser. Obwohl die Zeit eben in Lichtgeschwindigkeit verging, erkannte ich dennoch, daß es sich um keinen Ast, sondern um einen Biber handelte. Ich unterbreche sofort meinen Lauf, verharre still und spähe schweigend auf das Wasser hinaus. Vor meinem geistigen Auge ziehen die Spuren von Meister Bokert vorbei, die ich einst durch Zufall fand. Nahezu 15 Jahre mußte ich mich dem Laufen hingeben, um endlich einen Biber in der freien Natur aus nächster Nähe erleben zu dürfen. Und heute ward mir das Glück hold! Nachdem ich einige Zeit regungslos die Beobachterposition einnehme, taucht plötzlich ein dunkler Kopf auf, schwarze und neugierige Augen haben mich im Visier. Leise und beruhigend rede ich den wunderschönen Biber an und schwups – ist er verschwunden – um später an anderer Örtlichkeit erneut seinen Wachtposten einzunehmen. Wir beobachten uns gegenseitig, derweil spreche ich ihn oder sie wieder behutsam an; mit dem Ergebnis, daß der Biber nicht mehr flüchtet. Er schwimmt hin und her, läßt mich gleichwohl nicht aus den Augen. Ein sehr aufmerksamer Geselle. Nach einigen Minuten lasse ich ihn endlich in Ruhe und setze meinen Weg fort, mit einem mehr als zufriedenen Lächeln.

Vor dem nächsten Wald erspähe ich einen Rotfuchs, der sich auch mehr durch Neugierde als Flucht auszeichnet und anschließend kreuzen vier Rehe meinen Weg. Trunken vor Glück genieße ich die von Sonnenglanz durchfluteten Haine der puren Lebendigkeit. Die Witterungsverhältnisse zähle ich zu meinen Verbündeten, eindeutig halten sie die Empfindlichen und Unwissenden von meiner Welt fern – welch Glück, wer weiß, ob mir diese kostbaren Beobachtungen gelungen wären, wenn andere Menschen oder gar Läufer unterwegs gewesen wären. Glücklicherweise ist es für das Gros der Sportler zu kalt – mögen sie diese Einstellung getrost auch zukünftig pflegen, schließlich ist diese Intention korrekt für unsere verweichlichte Gesellschaft und schlußendlich profitiere ich selbst davon, in dem ich in greifbarer Einsamkeit mein Täglichlaufen ohne Störungen praktizieren darf. Der heutige Tag mit seinem grandiosen Sonnenlauf bei -15 °C war einer der schönsten Läufe, den ich in all den Jahren je erlebte. Jener Lauf wird immer und immer unvergessen bleiben, explizit in dem Kontext, daß es sich um meinen ersten Biberkontakt in der einzigartigen und freien Natur handelte. Was wäre mein Täglichlaufen nur ohne diese Naturerlebnisse? Nichts. Es gäbe kein Täglichlaufen für mich. Natur und Täglichlaufen – eine Symbiose des Lebens und der Zufriedenheit.

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