Ein Hauch von tanzender Lieblichkeit

Zarte Schneeflocken gleiten sanft hernieder. Vereinigen sich behutsam mit Millionen ihresgleichen, verbundene kristalline Formen in reinster Vollkommenheit. Mehr und mehr manifestieren sich aus dem grauen Nichts, fallen aus dem endlosen Horizont der Unendlichkeit am Firmament. Rasende Sturmreiter und leise Windböen entfalten ihren kühlen Hauch der fühlbaren Macht und generieren Wirbel um Wirbel in den weißen Dendriten. Sie reißen sie erbarmungslos mit sich, hoch empor und schwungvoll schweben sie hernach zu Boden. Die Welt trägt nun ein leuchtendes, weithin hell strahlendes Gewand in edler Eleganz. Ein eigentümliches Knirschen entsteht unter meinen Laufschuhen. Die weiße Schicht wächst und wächst. Einzelne melancholische Flocken berühren zärtlich meine Augen, lösen sich flüchtend auf – Wasser rinnt mein Antlitz herab. Tränengleich.

Ohne Unterlaß tanzen die anmutigen Schneekristalle zu ihrer ureigenen und stillen Melodie, die doch nur sie allein vernehmen können. Der wirbelgleiche Takt variiert in kongenialer Eintracht im Zeichen einer unsichtbaren Liebe, die nur dem sensiblen Betrachter offenbar wird. Greifbare Einsamkeit umarmt mich, verleitet mich, immer tiefer wie bewußter in den Hain des prosperierenden Lebens einzutreten. Einstmals kahle Äste reizen mit weißer Tracht; hier und dort schweben vereinzelt Schneewolken auf die Erde, von Sturmböen oder Schwarzspechten malerisch initiiert. Oh du liebliche Schneewelt der Romantik, wie wunderschön bist du doch! So kunstvoll gestaltet, so vollkommen – allein mir fehlen die Worte. Wie lange mußte ich auf dich warten! Wie lange! Ich laufe und laufe und will nie mehr aufhören, ein Schneelauf in die Unendlichkeit – der nie enden wird und doch enden muß. Nichts währt ewig in diesem meinem Leben, temporäre Existenz im flüchtigen Dasein der gelebten Fragilität. Meine Gedanken ziehen indes von dannen, überholen mich – verlieren sich ebenfalls im weiten Nichts. Später begegne ich Spaziergängern, sie starren mich ungläubig an, stören den friedvollen Einklang. Wahrscheinlich erregt meine kurze Bekleidung ihr Aufsehen; ein Schauer durchfährt sichtbar ihre Körper.

Ich blende sie bewußt aus, mein Geist gebiert von selbst mein Lieblingszitat von Herrn Heine, „Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet“. So war es immer, wird es immer sein. Innerhalb einer Sekunde sind jene Personen verschwunden, mental verdrängt – körperlich von der famosen Schneewelt absorbiert. Die Schneeode stimmt eine neuerliche Strophe der gehaltvollen Intensität an, komponiert und getragen von purem Genuß. Und ich, ich kleines, unbedeutendes Wesen darf an diesem Frieden in selten gekannter Harmonie partizipieren. Welch Glück! Welch ein Tag, welch ein Lauf. An dieser Stelle schließe ich; wozu bedarf es noch weiterer törichter Wörter? Der Genuß, der Genuß bleibt. Für immer und immer.

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