Taktischer Rückzug. Geboren in der Unerträglichkeit.

Der unbändige, temporäre Fluß des Lebens strebt stets nach Ausgewogenheit. In der Vergangenheit waren meine Beiträge mehrheitlich positiv oder partiell heiter angesiedelt, nun ist die Zeit reif für einen Bericht, der von einer sehr negativen Wahrnehmung geprägt ist. Ja, ich weiß, inmitten einer großen Freude sollte man kein Versprechen abgeben und ist der Geist in einer ungehaltenen Verfassung, so sollte man keinen Brief schreiben – so besagt ein altes chinesisches Sprichwort. Derzeit bin ich durchaus ungehalten, diesen Beitrag verfasse ich demungeachtet; wenngleich ich immerhin die Kommentarfunktion deaktiviere. Warum also bin ich ungehalten?

Vorweg muß ich mein Denken kurz skizzieren. Wenn sich mir etwas oder jemand, beispielsweise beim Täglichlaufen in den Weg stellt, so werde ich erst recht diesen meinen Weg beschreiten; ich weiche in keiner Form oder nur sehr schwer von meinem Willen ab – dies entspricht meinem Naturell. Bis dato dachte ich, dieser Gedanke wäre mehr oder weniger absolut; aber ich unterlag einem Irrtum. Als zweiten Punkt konstatiere ich, daß das Wetter im Kontext Täglichlaufen per se irrelevant ist; freilich von persönlichen Vorlieben abgesehen. Nur Gewitter und extremes Glatteis können dies konterkarieren, wenn auch relativ beschränkt. Auch hier sollte ich mich irren.

In den vergangenen Tagen lag mein Laufareal in seltener Vollkommenheit zu meinen Füßen. Beherrscht von einer greifbaren Einsamkeit der melancholischen Ruhe im golden strahlenden Herbstsonnenschein. Eine unbeschreibliche Schönheit durfte ich im leise hernieder gleitenden Blätterwald Tag für Tag erleben und ja, sogar grandiose Nebelläufe wurden mir als Geschenk offeriert. Und doch, und doch! Trotz dieser Idealbedingungen änderte ich meine gewohnte Strecke und vermied das gewohnte Terrain. Warum nur? Der geliebte Wind – ich verweise auf den zweiten obigen Punkt – hat mir seine Feindschaft erklärt. Seit Tagen dominiert ein unschöner Ostwind das Geschehen. An sich wäre dies bedeutungslos – ich liebe den Wind, von dem unbeherrschten Sturm ganz zu schweigen.

Das Kernproblem manifestiert sich in der unsäglichen Industrieanlage, die in unmittelbarer Nähe des Hochwasserschutzgebietes errichtet wurde. Die fragwürdige Existenz ignoriere ich an dieser Stelle, ebenso der jährlich traditionell bedingte Großbrand – vor wenigen Wochen war es wieder soweit. Nein, ich konzentriere mich nur auf den widerwärtigen omnipräsenten Metallgestank, der durch den Ostwind explizit in mein Laufgebiet getrieben wird. Das wunderschöne Habitat liegt dann unter einer regelrechten Glocke, die das Sonnenlicht selbst für das menschliche Auge wahrnehmbar trübt. Und der Gestank erst! Metall. Metall. Und wieder Metallgeruch wabert in der Luft. Teilweise derart konzentriert, als ob man gegen eine unsichtbare Wand läuft. Das ist unerträglich. Entsprechend mußte ich in den letzten Wochen wiederholt meine Strecke korrigieren, schlichtweg weil ich dies nicht mehr ertragen kann. Trotz idealer Laufbedingungen brach ich meinen Lauf ab – und flüchtete. Das war noch nie dagewesen. Ja, ich flüchtete. Vor einer getarnten Gefahr. Ich will gar nicht darüber sinnieren, welche gesundheitlichen Risiken damit einhergehen – was von den Verantwortlichen selbstverständlich negiert wird.

Logisch. Für 9,3 Arbeitsplätze und dem schnöden Mammon wird und muß sich in dieser Gesellschaft, die auf Geld basiert alles unterwerfen. Gesundheit? Irrelevant. Natur? Die vernichten wir ohnehin. Und so weiter. Und so fort. Bisher habe ich mich von nichts und niemanden in meinem geliebten Laufareal vertreiben lassen. Doch irgendwann ist immer das erste Mal – das hielt ich nicht für möglich. Ich mußte mich belehren lassen. Und trete an manchen Tagen den taktischen Rückzug an. Ich kann diesen widerwärtigen Gestank einfach nicht mehr ertragen. Wo soll dies noch enden?

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