Die Melodie der Erweckung

Nun ist er also angekommen, der lang ersehnte Frühling. Die allumfassende und bis auf eine Ausnahme vollkommene Natur legt ihren grauen schützenden Wintermantel ab und kleidet sich gemächlich in den grünen Gewändern der wachen prosperierenden Jahreszeit. Doch sie hält in diesem Prozeß inne; still verharrt sie und wandelt sich nur sehr behutsam in den duftenden Frühling. Die mit Eishandschuhen bewehrten und in ihrer Bewegung erstarrten Seen mit ihren fein ziselierten Frostkristallen hielten dem strahlenden Sonnenlicht nicht gebührend stand und lösten sich leise knirschend auf, sie brachen in das unendliche Nichts auf, um in wenigen Monaten kalt lächelnd zurückzukehren. So sei es.

Das frühlingshafte Leben in der geliebten Natur ist endgültig erwacht. Sie singt die Melodie der Erweckung. Allenthalben verzaubert uns die natürliche Lieblichkeit und reizt den aufmerksamen Betrachter in ihrer wandelbaren Formvollendung. Die Blumen blühen farbenfroh, die Bäume erstarken unter den vorsichtigen Knospen; zahlreiche Vögel verkünden mit ihren perfekt komponierten Liedern den herrlichen Lenz und verführen mit den gleichsam wunderbaren wie kunstvollen Gesängen die holde Weiblichkeit. In der Menschenwelt ist dies nicht anders, gleichwohl die Methodik mehr oder weniger differenziert, im besonderen Maße auch im Nestbau. Der Luftraum wird von zahlreichen Graugänsen beherrscht, die mit beeindruckenden Schauspielen auf der lebhaften Bühne agieren. Allein, in ihrer Expansionslust dominieren sie temporär auch den Boden und haben entsprechend meinen Damm besetzt, den sie höchst widerwillig und nur mit lautem Protest verlassen.

In jenen Protest stimmen freilich die Silberreiher und Fischreiher engagiert mit ein und der wilde, schwarze Nerz wundert sich ob dieser Demonstration und beobachtet den dunkel gekleideten Täglichläufer mit neugierigen Blicken. Wie ich ihn auch. Bläßhühner und Stockenten flankieren den Damm in ihrer gemütlichen Weise und zeitweise vernehme ich ihr goldiges „Back, Baaack, Baaaack!“. Untermalt wird dieser genußvoll schimmernde Reigen des Lebens von zahllosen Spechten, namentlich den Bunt- und Schwarzspechten, die ohne Unterlaß im Hintergrund hämmern, was Familie Schwarzkittel beharrlich ignoriert. Auch die Biber legen eine latente Ignoranz an den Tag und geben sich ihrer eigenen Knabberei hin, selbstredend ohne die gebotene wie weise Vorsicht außer Acht zu lassen. Meine geliebten Schafe hingegen, kümmern sich liebevoll um ihren Nachwuchs und dösen in der angenehmen Sonne. Zur gleichen Zeit springen Plüschbienen, auch bekannt als Hummeln voller Elan von Blüte zu Blüte, worüber die Schafbabys mä(h)chtig staunen. Indessen diverse Meisenarten und Eichelhäher auf ihren Einsatz warten und freudig in das formidable Konzert einstimmen. Greifbares Leben!

Elegante Schwäne gleiten grazil über die immer noch vom Hochwasser gezeichneten Wiesen und hinterlassen einen malerischen Eindruck der ruhigen Beschaulichkeit – während über diese stimmungsvolle Szene edle Raubvögel stolz durch die Luft schwingen und Mutter Sol sich in den Wogen des Sees spiegelt und die Weiher ein reflektierendes Glitzerschauspiel vollführen. In der Weite des Horizonts, wo zwei verschiedene Welten scheinbar nahtlos ineinander übergehen; in Harmonie konvergieren, wandern zarte Wolken am Firmament dahin, nur gestört von goldgelben Sonnenstrahlen, die ihren Weg suchen und mit beruhigender Macht die Baumkronen zärtlich streicheln und ihr Licht in die Finsternis des Unterholzes senden und auch dort eine belebende Wärme entfalten, welche sich selbst auf die noch so kleinsten Insekten auswirkt. Wenn ich auch mit Wehmut den lieblichen Winter verabschiedet habe und der angenehmen Kälte hinterher trauere, so muß ich gestehen, daß ich die aktuelle milde Phase sehr zu schätzen weiß. Ich kann es kaum erwarten, meinen täglichen Lauf zu absolvieren, um in jene phantastische Welt eintreten zu dürfen. An dieser wahr gewordenen Traumwelt im Täglichlaufschritt zu partizipieren, läßt sich nicht mit allem Gold der Welt aufwiegen.

31 Antworten to “Die Melodie der Erweckung”

  1. Jaaaaaa! Endlich ist er da, der heiss ersehnte Frühling. Wobei er hier noch etwas zaghafter ist, als bei dir. Soweit fortgeschritten ist er noch nicht. Tulpen zb. sah ich noch keine. Die vielen Tiere, denen du jeden Tag begegnest, gibt es hier bei mir natürlich auch nicht. Aber die Vögel, die zwitschern hier wohl genau so. Ich liebe diese Gesänge sehr, denn sie haben etwas beruhigendes. Zumindest die Vögel in der freien Natur, nicht die in Nachbars Volaire. Da herrschen Geräusche die nicht hier her passen.

    Ein wunderschöner Beitrag mit dem du den Frühling willkommen heisst. Wie immer formulierst du deine Worte wie kein anderer.

    Bei den Schafis kenn ich mithalten, die seh ich auch immer, wenn ich meine Eltern besuche.

    Dem Winter musst du nicht hinter her trauern! Der ist schneller weider da, als uns lieb ist.

  2. Ja, er wirkt sich örtlich höchst diffenrenziert aus. Hier mehr, dort weniger – dennoch ist er in all seiner Macht zu fühlen, zu atmen, zu erleben – greifbar eben. Und ja, der Frühling macht wirklich süchtig. Kaum habe ich den Lauf fertig, so dürstet es mich nach dem nächsten.

    Die Piepmätze in der freien Natur stecken voller Leben, es ist eine wahre Freude, sie zu beobachten. Und bei den Schafen gibt es per se täglich Neuigkeiten und sei es nur, daß sie meine Möhren verschmähen. 😯

    Ausnahmsweise widerspreche ich Dir jetzt nicht. Tempus fugit. 😉

  3. Nachtrag: Es erstaunt mich auch täglich, was hier für eine Vielfalt von Tieren herrscht. Trotz dieser unsäglichen Industrieanlage.

  4. Ein oder zwei Tage solls noch schön sein, dann wieder kälter *mecker*. Aber nun kann das Frühjahr kaum etwas aufhalten. Wie hab ich drauf gewartet.

    Ja, das haben meine auch schon gemacht. Die Möhren wollten sie nicht. Aber wie ich erfahren habe, mögen sie die lieber klein geschnippelt! Frechdachse. Die lütten Schafe werden jetzt immer zutraulicher und lassen sich sogar auf ihrem süßen Köpfchen streicheln!

    Erfreu dich dran, solange es sie noch gibt!

  5. Das Kälteintermezzo ist nur von kurzer Dauer, dann naht der Sommer. Eine reine Frage der Zeit.

    Die Schafis sind Feinschmecker und recht wählerisch. Bisher nahmen sie die Möhren aber auch in nicht geschnittener Form, wie man hier sieht. 😉

    Sie zu streicheln, ist sowieso das Schönste überhaupt. Ich liebe sie einfach. 🙂

  6. Das Video ist sooo genial. Wie die heran wetzen! Einfach herrlich.

    Dann waren deine wohl vollgefressen und hatten einfach keinen Hunger?! Bei mir gibts ja immer Leckereien ohne Ende. Die sind ganz schön dick und rund *lach*

  7. Die sind herzig, ja. 🙂 Vielleicht erstelle ich neue Videos, bzw. lade die neuen hoch.

    Das kann natürlich auch sein. Schließlich haben sie genug Gönner und werden entsprechend versorgt. Von allen Seiten. 😀 Pelz/Wollkugeln eben!

  8. Was mir an deinen so gut gefällt – sie sind so schön sauber. Meine sind Dreckspatzen ohne Ende. Sogar die Lütten. Püh!

  9. Meine haben eine Patenschaft mit den Waschbären; von denen haben sie gelernt, täglich zu baden. Das Geheimnis ihrer Sauberkeit. 😉

  10. Hihihi, sieht ganz danach aus!

  11. Können diese Augen lügen?

    Oder die?

    🙂

  12. LOL, niemals nicht!

  13. Mein Reden, meine liebe Brigitte, mein Reden.

  14. RunningOtto Says:

    Hey Marcus, thx für das Erweckungspost! Endlich Frühling und Sonne! Die Posts liebe ich, weil es sie nur bei dir gibt. Super geschrieben und mit super Fotos gespickt. Thx dafür. Mehr davon!

    Keep on STREAKrunning!

    MfG

  15. Gerne doch. Das herrliche Frühlingswetter erfordert eben einen frühlingshaften Beitrag und ja, Fortsetzung folgt. In jedweder Hinsicht. 🙂

  16. Lieber Marcus,
    im Gegenteil empfinde ich momentan schon eine gewisse Eile, mit der sich der Frühling einstellt. Am Samstag hatten wir fast schon Sommer und am Abend noch über 20°C, mein Lauf in der Mittagssonne hat mir einen riesigen Durst beschert, trotz moderatem Tempo. Nur der Wald gibt sich gemütlich in seinen Fortschritten, nur ein lichtes Blätterdach schützt vor der Sonne und am Boden entwickelt sich die Vegetation noch spärlich.
    Das Video ist wirklich grandios, die Schafe auf meiner Strecke sind eher scheu und rennen immer davon, wenn sich jemand nähert, aber wahrscheinlich werden sie auch nicht so verwöhnt 😉

    Salut und eine angenehme Woche
    Christian

  17. Wir hatten hier am Wochenende sogar 24 °C, lieber Christian, und ja, ich habe es wahrlich genossen. Allerdings handelte es sich hierbei nur um ein temporäres Intermezzo. Bis jene Temperaturen erst einmal dauerhaft vorherrschen werden, bedarf es noch einer kurzen Zeit. Aber sie naht. Unerbittlich.

    Die Pflanzen- wie Tierwelt ist gewaltig erwacht; entsprechend kann ich mich kaum satt sehen. Meine Läufe sind immer sehr abwechslungsreich, aber derzeit erreicht das eine neue Dimension.

    Bei meinen Schafen kommt es immer darauf an wer sich nähert. Fremde oder Menschen mit Hundebegleitung mögen sie gar nicht. Und ich als Ehrenschaf bekäme bei ihnen sogar einen Schlafplatz. 😉

    Auch Dir eine herrliche Woche, genieße sie – in welcher Form auch immer.

  18. Oh ja, lieber Marcus, das kenne ich!
    Auch ich kann es kaum erwarten, nach getaner Arbeit endlich in die Natur zu kommen, die momentane Veränderung dort ist so gewaltig, dass man aus dem Schauen und Staunen gar nicht mehr heraus kommt. Überall tut sich was, alles wächst und gedeiht, wunderbar!

    Hier explodiert momentan alles, die zwei Tage Regen und die darauf folgende Wärme haben ihr übriges dazu beigetragen.

    Genuss pur, mehr kann ich dazu nicht sagen!!

    Lass uns wunder Natur weiter genießen, so wünsche ich dir eine grandiose Woche,
    Steffen

    P.S. Und grüße mir die Schafe schön 😉

  19. Wie wahr, lieber Steffen, momentan liegt ein besonderer Zauber in der natürlichen Welt, dem man sich nicht entziehen kann – was ich freilich auch gar nicht will. Die heutige Welt ist eine gänzlich andere als gestern und doch liegen nur wenige Stunden dazwischen. Und ein seltener Höhepunkt war meine Beobachtung des Nerzes. Herrlich!

    In der vergangenen Nacht hat es geregnet, aber hinsichtlich Regenläufe scheint dieses Jahr zu schwächeln. Allerdings kann ich noch vom letzten zehren.

    Ebenfalls eine grandiose Woche mit purem (Lauf)genuß. Die Grüße richte ich aus; sie erinnern sich immer noch sehr an Euer Geschenk und lehnen meine Gaben nun ab. 😉

  20. Ja, das ist ein herrlich schöner Frühling. Da macht das Laufen soviel Spaß! Ich könnte endlos lange laufen.
    Die Augen wissen gar nicht, wo sie zuerst hingucken sollen. Überall blüht es in den verschiedensten Farben. Es ist eine Pracht. Ja, die muss man einfach genießen. Und die Tierwelt ist so schön anzusehen und auch anzuhören. Gestern habe ich sogar die ersten kleinen Gänseküken gesehen. War das ein schöner Anblick.
    Das Video mit den Schafen ist toll! Wie die angerannt kommen. Da sieht man, dass sie Dich mögen. Ach, das finde ich so schön.

    Wünsche noch viele weitere solch angenehm schöne Begegnungen!

    Liebe Grüße
    Kornelia

  21. Ich liebe jede Jahreszeit, aber der Frühling besitzt seinen ganz eigenen Charme, in einer lange vermißten Intensität, die uns prächtig „erschlägt“.

    Gänseküken? Da bist Du respektive die Gänse mir wieder einmal voraus. Meine sind aber auch schon sehr aktiv beschäftigt und lange wird es nicht mehr dauern, bis die Kleinen mir den Weg verlegen. Darauf freue ich mich schon.

    Ja, ich liebe die Schafe und sie mich. 🙂 Eigentlich müßte sich dort auch noch weiterer Nachwuchs einstellen. Schaun mer ma.

  22. Lieber Marcus,
    ich habe gerade neidvoll jedes Wort in mir aufgesogen – wie schööööön….
    Leider hatte ich heute den wohl häßlichsten Lauf meiner Serie und auch die nächsten Tage werden nicht anders.
    Ich bin gerade auf einer Dienstreise hoch im europäischen Norden. Hier ist es bitter kalt. Links und rechts liegen meterhohe, schwarz verdreckte Schneeberge. Beim Laufen sehe ich links riesige Automassen, rechts das Gleiche und gerade aus auch. Kein Weg weit und breit, nur viel befahrene Straßen. Ich hab mir vielleicht einen abgequält – nach 3km habe ich das Ganze beendet. Ich glaube, nur Laufen auf dem Laufband ist noch schlimmer.
    Aber da muß ich jetzt durch – das nächste Wochenende kommt bestimmt. Dann gehts wieder in den Thüringer Wald zum Laufen. *freu*
    Leider kann ich das Video jetzt nicht sehen, da hier die Internetverbindung nicht so schnell ist. Das muß auch warten, bis ich wieder zu Hause bin.
    Viele Grüße
    Petra

  23. Das ist ja erschreckend, liebe Petra. Jetzt, zu dieser einmaligen Zeit verläßt Du den Frühling und brichst in den Norden auf, um dort in der Kälte neben verdreckten Schneemassen zu laufen. Das ist wirklich bitter. Ich hoffe, daß die Tage nicht allzu langsam für Dich vergehen werden. Aber wahrscheinlich rast selbst dort die Zeit.

    Hätte ich die Wahl zwischen Laufband und die von Dir beschriebenen Verhältnisse – ich würde das Laufband vorziehen. Auf Automassen reagiere ich zu allergisch.

    Gebe Dich der Vorfreude hin; ich wünsche Dir dennoch eine angenehme Woche in den nördlichen Breiten.

  24. Du hast mit anschaulichen Worten nicht nur den Frühling beschrieben, sondern auch deutlich gemacht, dass Du ein außergewöhnlich vielfältiges Laufareal genießen darfst. Um so viele Tiere zu beobachten, müsste ich schon einen Zoo besuchen, wo ich allerdings diese heimischen Geschöpfe dann auch nicht in der von Dir beschriebenen Art vorfinden würde. Bei meinem Lauf gestern hatte ich immerhin das Vergnügen auf einige Mückenschwärme zu stoßen. Aber das gehört ja auch zur wärmen Jahreszeit. Weiterhin viel Vergnügen bei Deinen Naturerlebnissen, lieber Marcus.

  25. Jene Tiere, die ich dieses Mal aufzählte, sind nur eine kleine Auswahl. Ich könnte sie noch weiter führen, von Fischotter über Seeadler, Falke, Bussard bis zum Eichhörnchen. Ja, das ist erstaunlich, vor allem in dem Kontext, daß mein Laufareal von städtischer Seite immer wieder angegriffen wird, beispielsweise mit fragwürdigen Industrieanlagen.

    Mückenschwärme kann ich auch bieten – das war am Sonntag sehr unangenehm. Diese und andere Insekten mindern bald den Laufgenuß, allein, auch das gehört dazu und da ich nur der Gast in diesem wunderbaren Habitat bin, muß ich das akzeptieren.

  26. […] darüber in einem meiner nächsten Artikel. Derzeit dominiert der sich mehr und mehr entfaltende Frühling in aller Konsequenz und ja, es ist eine wahre Wonne täglich in den Gesundbrunnen der Natur […]

  27. […] Hase. 05.02.2011 Sturmtränen 10.02.2011 Durch die Fluten 23.02.2011 Das Lied des Eises 03.04.2011 Die Melodie der Erweckung 30.04.2011 Sturmreiter der Macht 14.05.2011 Die Harmonie im Frieden 30.06.2011 Gefühlte Angst […]

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