Das Zepter der Kälte

Zu Beginn fühlte ich nur den nebligen Odem. Die ersten Sendboten der Eislegionen galoppierten bereits im Oktober direkt in meine Wahrnehmung. Anschließend folgten erhabene Kälteausläufer und nicht viel später der zarte, weiße Hauch des starrenden Winters. Doch in den vergangenen Tagen trat der kalte Witterungsregent endgültig persönlich auf – mit unumstößlicher Macht auf der natürlichen Bühne des Lebens thronte seine Hoheit. Unterkühlt lächelnd. Mit seiner eisernen Faust ließ er die klirrenden Muskeln spielen und fror die lebendige Landschaft ein; welch Bild der gefangenen Stille! Ich begrüßte die eisige Ungerührtheit mit großer Freude im Hinblick auf den Wandel der Jahreszeiten und gleichzeitig blickte ich wehmütig den Rückzug der herbstlichen Wärme hinterher. Zwiespältige Empfindungen. Die diesjährige Intensität indes, ist einmalig in meinen Laufaufzeichnungen, die über ein Jahrzehnt zurückreichen.

Das Jahr 2010 zeichnet sich durch Kälte wie Nässe gleichermaßen in einem besonderen Rahmen aus. Allein 40 Regenläufe durfte ich absolvieren – welch elementare Gnade des vollkommenen Genusses! Was gleichzeitig der absolute Rekord in meinem Agieren als Täglichläufer ist. Meine Zeit als normaler Läufer sei hierbei unberücksichtigt, auch führte ich damals keine diesbezügliche Statistik. Somit hat 2010 das Jahr 2007 als nassen Rekordhalter abgelöst. Hinsichtlich der Kälte dominiert bisher noch 2009, jedoch fehlen nur noch sieben Kälteläufe bis zum Gleichstand bei derzeit 72 Kälteläufen (heute folgt sicherlich 73) und die frische Tendenz scheint sich rigoros fortzusetzen. Somit kann ich meine Abhärtungsintention exzellent der Realität anpassen. Und der Anblick, bei -04 °C in kurzer Bekleidung zu laufen, generiert witzige Reaktionen – vom Kreischen und Schreien, über Wortmeldungen der Passanten, Hupen der Autofahrer und erschreckte Polizisten mit ungläubigen Gesichtern. Die heitere Seite des Täglichlaufens im Winter. Ich harre der Zukunft und lasse mich überraschen, was für landschaftliche Stilleben in den nächsten Tagen die Welt beglücken werden. Voller Hoffnung.

Ich vertraue auf den frostigen Winterregenten, welcher nun das Zepter der Kälte unangefochten schwingt und seine Beobachter mit kühler Ehrerbietung honoriert. Die Welt ist eine andere, sie ist leiser geworden. Ruhiger. Eingefrorene Weiher, erstarrt in den Wellen der Unendlichkeit. Tränen im Stillstand. Überflutete Wiesen, die die Wege gierig verschlungen haben und mich dazu zwingen, fast im Wald zu laufen, fern der bekannten Pfade. Fußspuren der Existenz. Die Äste im Forst sind weiß ausstaffiert, graue Wolken ziehen über ihre kahlen Kronen hinweg, in den Horizont der weiten Leere hinein. Obsiegende Einsamkeit in der Abgeschiedenheit allenthalben. Berstendes Eis in den dunklen Wäldern. Die prosperierende Kraft und das allumfassende Leben der Natur sind nach wie vor mannigfaltig zu sehen, zu fühlen – gleichwohl sind die Herzschläge des Daseins langsamer geworden, doch nicht weniger hörbar. Erstarrtes Leben in der verborgenen Eiswelt. Das Zepter der Kälte. Willkommen im lieblichen Winter.

33 Antworten zu “Das Zepter der Kälte”

  1. docrunner Says:

    Lieber Marcus,
    herrlich wie Du die Ankunft des dunklen Gesellen beschreibst, ja er ist inzwischen überall angekommen, mit Schnee und Kälte und ich nehme an, er lässt uns einige Monate nicht mehr los. Du weißt wie ich den Wechsel liebe, es sind die schönsten Tage des Jahres, allerdings ist es dieses Jahr extrem schnell gegangen und wir wurden fast schon überrumpelt. Ich kann mich nicht erinnern Ende November durch mehrere Zentimeter Neuschnee gelaufen zu sein und dabei die Aussicht gehabt habe, dass dies auch noch länger so sein wird.
    Für uns ist es ein tolles Jahr, da viel Regen und Schnee unserem Anspruch entgegen kommen, oder nicht?
    Lass es Dir gut gehen und verkühl Dich nicht 🙂

    Salut

  2. Lieber Christian,

    der Wechsel wurde vollzogen, der Winterregent übernahm das Zepter und wir müssen uns nun der harten und doch lieblichen Herrschaft beugen. Ich bin in diesem Jahr wirklich erstaunt, über diese frühe Intensität, die plötzlich den Herbst vertrieb – doch das ist wunderbar. Der Schnee läßt sich noch bitten, er folgt wahrscheinlich in der Wochenmitte. Entweder ist das der Auftakt zu einem ungewöhnlichen Winter oder aber nur ein scheinbares Geplänkel – lassen wir uns überraschen.

    Das Jahr verging wie eine Achterbahn, höchst rasant und der Abschluß wird bald folgen. In meiner Erinnerung wird es das Jahr des Regens werden. 🙂

    Viel Spaß beim genußvollen Schneelaufen!

  3. Juchhu, bei uns schneit es!
    Ich stelle mir die Beobachter Deiner Läufe vor, die wegen Deiner etwas ungewöhnlichen Laufbekleidung ins Staunen geraten und ich lache mich schlapp. Aber dieses Privileg Leute zu „erschrecken“ über lasse ich gerne Dir, lieber Marcus. Fall nicht in den Schnee!

  4. Lieber Dietmar,

    ich gestehe, das Privileg Passanten oder Radfahrer zu erschrecken, erlebe ich öfter als mir lieb ist. Und egal, wie ich mich verhalte, in der Regel ist es verkehrt.

    Auch Dir viel Freude im Schnee; sofern es zu viel werden sollte – ich melde mich freiwillig! 😉

  5. Running Otto Says:

    Hey Marcus, du hast den Winter für deine Leserschaft super beschrieben. Gut, dass die Kälte nicht ins Netz zu uns kommt. ^^ Bei DEM Foto! @Erpelparker. Ich verzichte lieber auf Abhärtung. :mrgreen:

    Keep on STREAKrunning in Nässe und Schnee. Mach mal wieder ein Laufbericht. Das Wetter bietet sich ja für dich an.

    MfG

    PS Super Fotos!

  6. Och, ich finde das durchaus schade. Das wäre doch eine Art von „Erlebnis-Blogging“, wenn beim Lesen leichte Schneeflocken und Eis unter dem Bildschirm entstehen würden. 😉

    Ein Laufbericht folgt demnächst…

  7. Brrrrrrrrrr, die Bilder sehen kalt aus, aber auch schön. Wie schon 1000 mal erwähnt, ich mag die Kälte und den Winter nicht. Hier hat es wahnsinnig viel geschneit. Rund 15 cm liegen nun. Nun gut, ändern kann ich es eh nicht. Aber mögen muss ich es noch lage nicht oder? 😀

    Würde ich dich nicht kennen, würde ich ähnlich reagieren. Zumindest mit dem Kopf schütteln – aber das mach ich nach wie vor *gg*.

  8. Ja, ich weiß, daß Du dieser Jahreszeit eher abgeneigt bist. Vielleicht hätte ich den Artikel in zwei Versionen formulieren sollen. Version zwei beschreibt eine grüne Sommerwiese im Sonnenschein, im Hintergrund das leise Plätschern von Wellen. Lachende Kinder baden im See und die Bienen und Plüschbienen hummeln von Blüte zu Blüte. Zahlreiche Pflanzen stehen in voller Blütenpracht und das Thermometer steigt auf 24 °C. 😉

    Würde ich dich nicht kennen, würde ich ähnlich reagieren. Zumindest mit dem Kopf schütteln – aber das mach ich nach wie vor *gg*.

    *lacht* Ich fürchte den Tag, an dem ich mich der Kälte mit langer Bekleidung anpassen muß. Wahrscheinlich ist dann die Verwunderung noch viel größer. 😀

  9. Wenn sich das Wetter dann hier noch deiner 2. Version anpassen würde – mach es :). Geht nur leider nicht. Vogelgezwitscher wäre jetzt so richtig schön!

    Ich hoffe, dass du bald lange Bekleidung nimmst, denn es ist wirklich sehr kalt und eine Erkältung ned so toll gell?

  10. Ohne Winter kein Sommer – so ist das eben. Wirkliche Gesänge kommen jetzt zwar nicht mehr vor, aber viele Piepmätze sind auch nicht unbedingt still.

    Wenn es kalt wird, ziehe ich mich schon entsprechend an.

  11. Wie wärs mit immer Sommer? Das wär doch was. Zumindest für mich.

    Nur wenn ich raus gucke, so sehe ich schon wieder so komische Schneewolken *schimpf*.

  12. Auf die Dauer würde Dir das auch nicht gefallen.

    *tröst* Ich würde wohl noch einen zweiten Lauf wagen, wenn die Welt jetzt weiß werden sollte.

  13. Du bist ja verrückt 😛

  14. „Wir brauchen dringend einige Verrückte. Guckt euch an, wo uns die Normalen hingebracht haben.“

    (George Bernard Shaw)

  15. Ich mag den Winter ja auch.
    Aber den Schnee könnte er gerne zu Hause lassen. 😉

  16. Aber ohne Schnee ist der Winter doch nicht komplett! Solange, bis der Schnee in Eis übergeht, liebe ich die weiße Pracht. Glatteis weniger.

  17. Also ich könnte jetzt nicht mehr in kurzer Bekleidung da draußen lang laufen. Das steht fest. Auch der Anblick solcher Menschen würde in mir mindestens eine kalte Schauer auslösen. Aber wenn Dir das gefällt und Du Dich wohl fühlst, ist es ja o.k.
    Der Winter ist dieses Jahr ein bißchen arg früh, finde ich. Aber vielleicht ist er dann auch wieder früher vorbei? Wir wissen es alle nicht. Warten wir es ab. Hattest Du nun auch schon Deinen ersten Schneelauf?
    Liebe Grüße
    Kornelia

  18. Der Körper kann sich an viele Dinge gewöhnen, wenn der Geist das will. Ich will das und mir tut es sehr gut. Ich „kenne“ aber eine Person, die mich bei weitem übertrifft. Man kann alles übertreiben. 😉

    Ich vermute, daß der Winter relativ „hart“ wird, aber das ist nur eine Vermutung, die Realität wird es zeigen. Bisher war mir ein Schneelauf noch verwehrt. Wie sieht es bei Dir aus?

  19. Bei -4° in kurzer Hose zu laufen, das ist auch keine Selbstverständlichkeit. Da wundern mich die Reaktionen in der Umwelt nicht. Ich laufe jetzt doch lieber mit langer Hose, bewundere aber immerzu Dein tägliches Laufen in kurzer Hose auch bei der Kälte. 🙂

  20. Das stimmt schon; im umgekehrten Fall würde ich wohl auch gucken und mich etwas wundern. 😉

    Wobei bei -05 °C doch die Grenze erreicht ist, um auf ein langes Oberteil umzusteigen. Und ich gebe zu, heute war es nicht gerade angenehm, dank des kalten Windes.

  21. Ich komme gerade aus dem Schnee. Es war einfach nur schön, trotz der Dunkelheit. Den Schnee sieht man trotzdem und noch mehr, man spürt ihn. Du hast recht, ohne Schnee kein Winter. Es war auch kein bisschen kalt. Ok, ich war auch adäquat gekleidet. Aber daran streiten sich wohl die Geister. Klasse oben das Zitat zu den „Verrückten“. Ich erkläre mich zumindest solidarisch und ganz sicher auch positiv verrückt.

  22. Um diesen Lauf beneide ich Dich! Gerade in der Dunkelheit wirkt der Schnee erst so richtig – wenn die Flocken behutsam auf die Erde gleiten; diese greifbare Ruhe und das Knirschen unter den Füßen, verschneite Waldwege – ja, das ist ein purer Traum. Ich gönne es Dir! Und gebe mich der Vorfreude hin.

    „Verrückt“ muß nicht immer negativ sein. Positiv verrückt hört sich gut an. 🙂

  23. Vielen Dank für die schöne Beschreibung und die schönen Bilder! Ich hatte heute auch das Glück eines wunderschönen Schneelaufes. Es war zwar dunkel – aber durch den Schnee wiederum auch nicht.
    Es war einfach klasse!
    Ich finde es schön, wenn Schnee fällt und dieser auch noch liegen bleibt.
    Hab eine schöne Woche!
    Viele liebe Grüße
    Petra

  24. Das freut mich, liebe Petra! Aber so langsam frage ich mich doch, wo „mein“ Schnee denn bleibt!? Selbst der erste zarte, weiße Hauch ist längst verschwunden und von Schnee ist weit und breit nichts zu sehen. Seltsam!

    Ich bitte um eine Schneespende! 😉

  25. Lieber Marcus,

    ich finde es immer wieder faszinierend, wie einzigartig du immer wieder bestimmte Dinge wahrnimmst, fühlst und uns in deinen so wunderbaren Worten beschreibst. Man schließt die Augen und ist sofort bei dir, wirklich unglaublich.
    Ja, der Winter kehrt ein, dabei ist es noch gar nicht all zu lange her, das er von uns ging….von der Kälte und dem Schnee einmal ganz abgesehen. Noch beim Rennsteiglauf im Mai sah ich weiße Flecken in der wunderschönen Thüringer Landschaft, und das ist jetzt gerade einmal 6 Monate her, unglaublich!
    Aber, wir nehmen es wie es ist und erfreuen uns am Wechselspiel der Natur, welche uns immer wieder neue, wunderschöne und einzigartige Szenatrien schenkt und somit dafür sorgt, das wir uns täglich an ihr erfreuen können und uns niemals langweilig wird.
    Wohl dem, der dieses großartige Geschenk der Natur zu schätzen weiß – du weißt es!

    Lieber Marcus, ich wünsche dir noch viele solcher Geschenke,
    Steffen

    P.S. Meine Serie hält und ist bei 93…

  26. Ich bin nur das Werkzeug; die wahre Autorin ist die Natur. Und sie ist wirklich wunderbar, wenngleich sie mir derzeit die kalte Schulter zeigt. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich jemals an einem ersten Dezember in komplett langer Bekleidung lief – das ist echt erstaunlich!

    Aber Schnee kommt hier immer noch nicht vor, angeblich heute Abend.

    Deine Serie ist bei 93 – das ist grandios, lieber Steffen, vor allem nach Deinem Superlauf vor kurzem. Noch liegt in der Zukunft ein besonderes Datum, ob das Ereignis Realität wird, steht noch in den Sternen, aber irgendwie ahne ich, daß sich dann zwei Täglichläufer gegenüber stehen? Ich bin gespannt! 🙂

  27. Hallo Marcus,
    dieser Bericht war wieder einmal EINZIGARTIG!!!
    Bitteschön für Dich…………….

    Der Tag ist grau
    die Sonne hängt
    wie ein Silberstück am Himmel

    Die Welt ist weiß
    und am Boden schläft
    ein kaltes Meer aus Eiskristall

    Einzig farbig
    ist meine Seele
    und das Funkeln aus ihr heraus

    Ganz liebe Grüße Melanie

  28. Vielen Dank, liebe Melanie!

    Das sind wunderbare Worte, die perfekt zu meinem gestrigen Lauf passen – siehe den neuen Bericht. Hätte ich sie gestern gekannt, so hätte ich unterwegs darüber nachdenken müssen. 🙂

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