Wildschweinkontakt. Akt VI.

Mein primäres Laufareal konzentriert sich auf die in der Nähe liegenden Waldgebiete und das Hochwasserschutzgebiet, mit seinem Damm; der eine exponierte Stellung einnimmt. Und wie der obige Titel bereits impliziert, ist die Verbindung von Wald und Wildschweinen rasant hergestellt. Den ersten Kontakt mit Familie Schwarzkittel hatte ich nach dreieinhalb Jahren Laufen im November 2000. Im Dunkeln traf ich auf eine komplette Rotte, die in wenigen Metern vor mir über den Weg liefen – freilich mit Frischlingen. Bemerkenswert war, daß sie sich nicht im Mindesten für mich interessierten. Sodann folgte eine lange Zeit ohne jedweden Kontakt; nur die regelmäßigen Wühlspuren und scheinbaren „Tunnelbauarbeiten“ in den Wäldern verrieten mir ihre Anwesenheit.

Nach acht Jahren ohne eine Begegnung ging es im Jahr 2008 plötzlich Schlag auf Schlag. Zuerst traf ich im Februar auf zwei große Wildschweine, im April erneut ein Treffen, im Mai nur zahlreiche Frischlinge und im November zwei riesige Putzels im Morgengrauen. Bis auf den ersten und letzten Fall traf ich alle am Vormittag im schönsten Sonnenschein. Soviel zum Thema Nachtaktivität. In den darauf folgenden zwei Jahren dominierten nur diverse Spuren, neuerliche Sichtkontakte sollten ausbleiben. Bis gestern. Der Freitag sollte mit einer Überraschung für mich aufwarten.

Ich lief meine Standardstrecke und genoß den Ausblick vom oft erwähnten Damm. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich fünf Kilometer absolviert und mein erster Wendepunkt war noch ein Kilometer entfernt. Just in dieser Sekunde, wo ich einen Silberreiher bewunderte, der knapp 50 Meter von mir entfernt stolz flanierte – krachte, knackte und barst es lauthals im Gebüsch links neben mir. Ich hatte den Eindruck, daß gleich drei Elefanten hervorkommen müßten, so ein Theater wurde dort veranstaltet. Mir sollte nicht viel Zeit zum Nachdenken bleiben, um Folgerungen über den Urheber anzustellen, denn unmittelbar danach vernahm ich ein höchst aggressives Grunzen, wie ich es noch nie hören durfte. Da sich die Sträucher, Büsche und Bäume direkt in der Flanke des Dammes erheben, war das Wildschwein relativ gut getarnt – den Abstand schätzte ich auf vielleicht zehn Meter – und, es kam näher! Auf mich zu.

Nun, nach meiner bisherigen Erfahrung, habe ich Wildschweine – ungeachtet ihrer potentiellen Gefährlichkeit – mehr oder weniger als harmlos betrachtet. Schließlich verliefen die fünf Kontakte ohne Probleme; auch sind sie immer vor meiner Person geflüchtet. Doch in der Sekunde fühlte ich etwas anderes, ja, mir war gar nicht geheuer zumute. Daß ein Vertreter der Schwarzkittel auf mich zukommt, war ein Novum – ebenso das bedrohliche Grunzen. Meine Reaktion war entsprechend – taktischer Rückzug – ich drehte sofort ab und sah mich mehr als einmal um. Allerdings wurde ich nicht verfolgt. So endete der sechste Akt, der meine bisherige Gelassenheit in einen erhöhten Respekt verwandelte. Ich lasse mich überraschen, wann, wo und wie die nächste Begegnung vollzogen wird. Sie wird folgen. Definitiv.

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25 Antworten to “Wildschweinkontakt. Akt VI.”

  1. Brigitte Says:

    Also das liest sich nicht gut. Bitte pass gut auf dich auf, nicht dass du von so einer Horde überrannt wirst!

    Trotzdem wünsch ich dir einen super tollen Lauf!

  2. Wenn ich den Wald betrete, laufen die Wildschweine auf der anderen Seite hinaus. Oder war das bei Obelix? 😀

    Merci, ich hoffe doch, daß ich heute den 200. Regenlauf absolvieren werde. 🙂

  3. Hallo lieber Marcus,

    da hattes du ja wieder mal ein tolles Erlebnis! Aber Brigitte hat recht – nur gut, daß dich die Horde nicht über den haufen gerannt hat – oder vielleicht du sie? 😀
    Ich hätte wahrscheinlich auch einen riesenrespekt bekommen und hätte nur noch gehofft, daß ich schneller bin als sie. Aber sie haben dich ja nicht verfolgt – du hast sie je schließlich auch nicht bedroht.

    Ich wünsche dir heute viel Glück für deinen (hoffentlich) Regenlauf. Bei uns scheint gerade die Sonne und ich lauf gleich los.

    Viele liebe Grüße
    Petra

  4. Ja, liebe Petra, toll – aber nicht wirklich geheuer. 😉

    Vor Wildschweinen hatte ich schon immer Respekt, dennoch ging ich eher nicht von einer Gefahr aus. Gestern sah das nun etwas anders aus. Zwar bin ich bewaffnet, allerdings hätte ich gegen die Racker keine Chance, wenn sie einmal ungemütlich werden. Und wenn 150 Kilogramm mit 50 km/h hinter mir her wetzen – da bleibt wohl nur die Flucht nach oben.

    Genieße Deinen Sonnenlauf, viel Freude und ein schönes Wochenende! Bezüglich eines Regenlaufes hatte ich kein Glück, obwohl es recht naß war.

  5. Running Otto Says:

    Glück gehabt. Das ist kein Spass sich mit denen anzulegen. Es sind schon viele Leute auf Bäume geklettert, weil sie von Wildschweinen angegriffen wurden.

    Aufpassen und keep on running. ^^

    MfG

  6. Absolut richtig. Allerdings passiert dies erst dann, wenn sie sich bedroht fühlen. Und die Erfahrung habe ich bisher nicht gemacht, auch nicht in Gegenwart ihrer Frischlinge.

    Aufpassen ist relativ. Das hilft auch nicht.

  7. Nabend Marcus,
    ja dsa ist ja mal ein Artikel ganz nach meinen Geschmack. 🙂
    Ich liebe diese Schwarzröcke… sie sidn mir über die letzten drei Jahre hier sowas von ans Herz gewachsen. Ich habe ca. 1x im Monat Kontakt mit den Burschen. Im Sommer weniger im Herbst und Winter jedoch mehr. Mein Hund Malcolm holt sie immer aus einen dichten Waldstück wenn wir laufen sind. er rennt dann wie von dfer tarantel gestochen weg und die Jungs sehen mich dann und rennen ca. 200 – 300 Meter hinter mir her. Malcolm macht das jetzt schon extra. Er macht sich da einen Spaß raus.
    Die Wildschweine laufen wenn man einen Spurt anzieht aber NIE länger als 300 Meter hinter einen her.
    Teilweise machen sie schon eher kehrt und laufen zurück.
    Ich bin schon 4x eine Bche mit ihren Frischlingen in unmittelbarer Nähe begegnet und jie ist etwas passiert. Sie schaut nur kurz hoch, sieht mich weiterlaufen und gut is.
    WAhrscheinlich kennt sie mich schon bzw. es hat sich bei den Rotten rumgesprochen das da immer eine Irrer Zweibeiner durch die Gegend läuft der Harmlos ist. 🙂
    Danke für den tollen Artikel.

    Liebe Grüße
    Marco

    P.S. – lass dich auch mal wieder auf meiner Seite blicken 😉

  8. Wenn ich Deine und Gerds Antwort lese, stelle ich fest, daß ich in Eurer Liga nicht mithalten kann, mit meinen sechs Kontakten in mehr als 13 Jahren. 😉 Für mich sind derartige Kontakte absolute Ausnahmen, aber wie geschrieben, verliefen sie bisher immer problemlos, soll heißen – sie flüchteten, nicht ich.

    Dir sind die Racker 300 Meter nachgelaufen? Dann war es aber sicherlich nicht böse gemeint, denn wenn sie wollten, könnten sich Dich locker einholen. Vielleicht wollten sie nur spielen? 😀

    P.S. – lass dich auch mal wieder auf meiner Seite blicken

    Dito! Ich bin regelmäßig auf Deiner Seite, aber nach Deinem letzten Pauschalrundumschlag hast Du die Kommentare deaktiviert. 😯

  9. Running Otto Says:

    Hey Marcus, ganz ehrlich: auf die Erfahrung kann ich verzichten. Im Fernsehen sind die okay, real nicht. Nicht, dass dein Streak dadurch endet.

    MfG

  10. Ach, ich habe schon so viel erlebt, mein Täglichlaufen wurde letzten Endes nie wirklich tangiert, auch wenn es noch so heikel und knapp war. Da mache ich mir mehr Sorgen um Hunde…

  11. Wieso sind sie real nicht ok? Ich finde sie wunderbar. Sie tun einen nichts wenn man sie in Ruhe laesst. Das habe ich jetzt in fast vier Jahren Trailrunning hier erfahren.

  12. Zur Zeit, besonders seit Mitte April erlebe ich diese Kontakte fast wöchentlich. Am Anfang wurde ich zum größten Teil einfach ignoriert wenn die Rotte meinen Weg kreuzte. Ich habe das Schauspiel stets mit Respekt und dem entsprechenden Sicherheitsabstand beobachtet.
    In letzter Zeit ist in erster Linie der Nachwuschs unterwegs, der laut Quickend und Grunzend reissaus nimmt wenn wir aufeinandertreffen.
    So ist es mir eigentlich am liebsten. Trotzdem steigt der Puls bei jeder Begegnung sichtlich an. 😉
    Ich hoffe wir werden auch in Zukunft gegenseitigen Respekt zeigen und uns entsprechend in Ruhe lassen! Von meiner Seite ist dies gewiss! 😉

  13. Das finde ich schon erstaunlich, daß Du die nahezu wöchentlich triffst. Davon bin ich weit entfernt, worüber ich aber nicht sonderlich traurig bin. Der Wildschweinbestand hat sich hier sehr stark erhöht, dies wurde erst vor kurzem vermeldet. Und die zahlreichen Spuren bestätigen das.

    Gegenseitiger Respekt ist gut, solange sie sich auch daran halten. 😉 Allein, was bleibt uns auch anderes möglich, als daran zu glauben.

  14. Hallo, Marcus-
    ganz schön heftig, kann ich mir vorstellen- gut, dass Du so vernünftig gehandelt hast und nichts passiert ist!

    Liebe Grüße und ungefährliche Läufe von Ines

  15. Ja, mir war das auch nicht ganz geheuer. Vielleicht war es nur ein Warngrunzen, um mich vor etwaigen Frischlingen fernzuhalten. Obwohl das Verhalten neu für mich war. Sind bei Dir auch Wildschweinspuren zu finden?

  16. Lieber Marcus,
    und wieder einmal hat Dein Täglichlaufen eine neue Erfahrung für Dich parat gehabt, und da sage einmal einer, Täglichlaufen wäre langweilig!
    Was diese Begegnung mit den Schwarzkitteln angeht kann ich mir nicht vorstellen, dass sie Dir irgendetwas getan hätten, doch war es wohl besser sich nicht darauf zu verlassen.

    Es ist immer wieder grandios Deine wunderbaren Berichte zu lesen und ich danke Dir dafür, dass Du mir die Möglichkeit gibst, auf diese Weise an Deinen Erfahrung teil zu haben.

    Ich wünsche Dir eine tolle Woche, und weiterhin unfallfreie Schwarzkittelbegegnungen,
    Steffen

  17. Täglichlaufen ist nie langweilig. Selbst wenn man 100x die gleiche Strecke läuft, ohne Besonderheiten – dennoch ist es nicht langweilig. Jeder Lauf ist anders – spannend. Doch muß man die unbedeutenden Dinge des Lebens lieben.

    An eine wirkliche Gefahr dachte ich auch nicht, aber wie oben schon geschrieben, das Verhalten fiel aus der bisherigen Erfahrung, so daß mein Rückzug als die geeignete Alternative erschien.

    Jetzt hoffe ich erst einmal auf meinen 200. Regenlauf. 😉

    • Der wird kommen, ganz sicher, bestimmt noch diese Woche, da habe ich ein ganz gutes Gefühl!
      Und, das Täglichlaufen besonders für Dich NIEMALS langweilig ist, Marcus, das war mir sowieso klar!

  18. Ich will es hoffen! Momentan blinzelt leider die Sonne in die Weltgeschichte. Aber nach dem Regen ist vor dem Regen. 🙂

    Wie auch, wäre das der Fall – hätte ich längst damit aufgehört.

  19. Puh, das war aber ein Erlebnis. Gut, dass Dir nichts passiert ist. Ich mag Tiere ja gerne, auch sehr gerne in der freien Natur. Doch auf solch ein Erlebnis kann ich gut verzichten. Ich hätte wohl auch ganz schnell die Flucht ergriffen. Obwohl, wenn es vorbei ist und einem sonst nichts passiert ist, kann man anschließend sicher auch gut drüber lachen oder?
    Liebe Grüße

    Kornelia

  20. Das ist wie mit vielen Dingen; zuerst bekommt man einen kleinen Schreck und wenn die unmittelbare „Gefahr“ beendet ist, betrachtet man die Angelegenheit relativ entspannt.

    Doch eine Fortsetzung wird folgen…

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