Wertvolles Dasein

Nach vielen Beiträgen und Gedanken im Kontext des Täglichlaufens ist es nun an der Zeit, einmal mehr in nachdenklichere Regionen aufzubrechen. Ich formulierte bereits eigene Worte; über das höchste Gut, was uns allen zuteil geworden ist – das Leben. Und daß wir mit all unserem Geld nicht eine Minute Lebenszeit kaufen können, ja, es ist wertvoller als sich die Majorität der Menschheit im schnellebigen Alltag vorstellen kann – der Wert läßt sich nicht berechnen. Aber die folgende Geschichte verdeutlicht das fragile Konstrukt des Lebens anschaulicher – als ich es formulieren will. Das Leben ist.

Ich ging zu einer Party. Mama, ich erinnerte mich, was du sagtest. Du ermahntest mich, keinen Alkohol zu trinken. Also trank ich stattdessen Wasser. Ich fühlte mich richtig stolz, Mama, so wie du es mir vorausgesagt hattest. Ich habe nicht getrunken, um später zu fahren, obwohl mir die anderen sagten, es sei nichts dabei. Ich weiß, ich tat das Richtige, Mama, ich weiß, du hattest immer Recht.

Nun ist die Feier zu Ende und alle fahren sie fort. Als ich in mein Auto stieg, wußte ich, ich würde sicher nach Hause fahren, weil du mich so erzogen hast, verantwortungsbewußt und aufmerksam. Ich fuhr also los, aber als ich auf die Straße auffuhr, sah mich der andere Wagen nicht, Mama, er fuhr einfach über mich drüber.

Als ich so lag auf dem Asphalt, hörte ich den Polizisten sagen, “Der Unfallverursacher war betrunken”, Mama – und nun bin ich es die dafür bezahlen wird. Ich liege hier sterbend, Mama. . .

Ich wünsche, du wärst bald hier. Wie konnte das geschehen, Mama? Mein Leben zerplatzt wie eine Seifenblase. In einer Sekunde. Überall um mich ist Blut, das meiste davon ist mein eigenes. Ich höre den Arzt sagen, daß ich bald sterben werde. Ich wollte dir nur sagen, Mama, ich schwöre, ich habe nichts getrunken. Es waren die anderen Mama, die anderen haben nicht nachgedacht. Er war wohl auf derselben Party wie ich. Der einzige Unterschied ist, er hat etwas getrunken. Und ich werde jetzt sterben. Warum betrinken sich die Menschen und fahren dann Auto, Mama?

Es kann Leben zerstören. Jetzt fühl ich heftige Schmerzen. Es sticht wie ein Messer. Der Typ, der mich anfuhr, der geht, Mama. Und ich finde, das ist nicht fair. Ich liege hier im Sterben und alles, was er kann, ist zu starren.

Sag meinem Bruder, er soll nicht weinen, Mama! Schreibt “Papas Mädchen” auf meinen Grabstein. Jemand hätte ihm sagen sollen, kein Alkohol hinter dem Steuer. Hätte er nachgedacht, wäre ich noch am Leben. Mein Atem wird kürzer, Mama, ich bekomme solche Angst. Bitte weine nicht um mich, Mama. Du warst immer da als ich dich brauchte. Ich habe nur noch eine letzte Frage, bevor ich mich verabschiede. Ich bin nicht betrunken gefahren, also warum bin ich diejenige, die stirbt?

(Unbekannt) – In Teilen von mir modifiziert.

24 Antworten zu “Wertvolles Dasein”

  1. Das ist aber eine sehr traurige Geschichte. Da kommen mir fast die Tränen. Man kann sich eben manchmal noch so bemühen, alles, aber auch wirklich alles richtig zu machen. Doch auf das, was andere tun, haben wir einfach keinen Einfluss. Man könnte oft sagen, sollen die anderen doch machen was sie wollen. Doch in dem Fall Deiner Geschichte wäre es fatal. Das Leben ist manchmal so gemein.

    Liebe Grüße
    Kornelia

  2. Ich kenne zwar den Autor nicht, aber er oder sie hat eine wahrhaft traurige Geschichte formuliert, die einfach nur „trifft“. Traurig. Und so wahr.

    Das ist das Leben, es läßt sich weder planen noch lassen sich manche Ereignisse beeinflussen. Besonders fatal, wenn man alles richtig macht und dafür bestraft wird. Ebenfalls besonders schrecklich, daß es sich nicht nur um eine Geschichte handelt – ich möchte nicht wissen, wie oft die Realität entsprechend eingetreten ist – und wird.

  3. Running Otto Says:

    Hey Marcus, das ist eine ergreifende Story. Tiefgründig und berührend, die zu Herzen geht. Zum Weinen.

    Das ist ein schwerer Text, den ich nicht in einem Laufblog erwartet hätte, der gut zu deinem ernsten Blog passt.

    MfG

  4. Tiefgründig und berührend, die zu Herzen geht. Zum Weinen.

    Absolut. Ohne Worte – daher verzichtete ich auf meine Interpretation.

    Was ist schon schwer? Das Leben an sich ist schwer – und leicht. Meine Seite ist vielleicht nicht unbedingt typisch, aber das ist gut so.

  5. Hallo Täglichläufer, deine Texte be – geistern.
    Kann hier nicht, nicht schreiben. Dein Text ist traurig, weiederspiegelt das Leben wie es ist: unberechenbar.

    Mich beschäftigt die Frage nach dem „richtig“ machen. Aus meiner Sicht ist richtig was ich für mich, aus mir heraus und aus dem gegenwärtigen Augenblick entscheide zu tun (zu trinken und das Auto stehen zu lassen, zu Fuss nüchtern nach Hause oder nicht trinken, oder das Fest gar nicht besuchen …). Richtig tun was die Gesellschaft oder die Allgemeinheit als richtig definiert hat kann jederzeit auch falsch sein da es im Gesamtkontext nicht angebracht ist. Dies würde wieder zu einem Unheil führen. Das Richtige tun kann in meinem Verständnis nicht zum Leid führen.

    Nochmals danke für deine Texte, sie lassen meine philosophischen Gedanken sprudeln.
    Gruss Guido

  6. Willkommen auf meiner Seite, Guido! Und vielen Dank für Deine Antwort.

    Ein wenig tangiert diese Intention meinen Vorgängerartikel und da stimme ich Dir zu. Doch die Frage ist auch, was Richtig und Falsch eigentlich ist, was es bedeutet. Heute. Jetzt. Gestern. Eine philosophische Betrachtung, die wahrscheinlich nie allgemeingültig geklärt werden wird. Auch unterliegt die Gesellschaft einer permanenten Wandlung, was heute richtig ist, wurde vielleicht vor 100 Jahren gänzlich konträr gesehen. Und umgekehrt. Weiterhin kann auch das Falsche sich im Nachhinein als richtig erweisen, alles ist möglich.

    Auf die Geschichte bezogen, ist das „Ergebnis“ jedenfalls absolut.

    Ein angenehmes Wochenende,

    Marcus

  7. Hallo Spotzl!

    Endlich zu Hause und was ist? Ich lese eine total traurige Geschichte. Es macht mich betroffen, weil bei uns ähnliches passiert ist. Die Frage nach dem Warum werden wir jedoch nie erfahren. Das Leben ist sehr oft ungerecht.

    Das Thema Tod verfolgt mich grad… :(. Alles ist mysteriös und viele Fragen sind noch offen. Warum und was ist passiert? Leider werden wir es wohl nie wirklich erfahren. So wie in der *Geschichte* spricht sie nicht mit uns.

    Ich muss gestehen, mir würden im Moment deine Lauferlebnisse mehr gefallen 😉

  8. Das Warum läßt sich selten schlüssig beantworten. Das Leben ist wie es ist – und hat am Ende immer Recht. Irrelevant, wie wir das sehen.

    Ich frage mich, ob es besser wäre, wenn sie noch mit Euch sprechen könnte. Oder ob es nicht so besser ist, wie es eben ist. Wer weiß.

    Ja, alles hat seine Zeit. Lauferlebnisse folgen auch bald wieder.

  9. Das Ende hat nicht nur recht, es ist aus endgültig *grusel*.

    Doch, ich würde gerne wissen, was nun wirklich passiert ist.

    So ein süsses Schafvideo würde mir schon gefallen *lach*

  10. Und doch ist es sehr natürlich.

    Wer den Tod ablehnt, lehnt das Leben ab.
    Denn das Leben ist uns nur
    mit der Auflage des Todes geschenkt;
    es ist sozusagen der Weg dahin.

    (Seneca)

    Schafe habe ich im Angebot. 😉

  11. Trotzdem ist es gruselig!

    LOL danke, das heitert auf hihihi!

  12. Ich weiß. *tröst*

    Ja, die sind herzig – da kann man nur lächeln. Vor knapp 30 Minuten waren sie mit dem Abendessen beschäftigt. 🙂

  13. Eine Schilderung geht mir unter die Haut: meinem Vater ist solch ein Vorfall in seinen jungen Jahren recht ähnlich widerfahren. Er ist dabei nicht gestorben, hätte aber beinahe seine Beine verloren.

    Danken wir für jeden Tag, den wir gesund, fröhlich und frei auf dieser Erde leben dürfen und vergessen wir nie, wie wertvoll dies ist.

    So, jetzt aber genug des Tiefsinns. Nun wieder locker werden und sich über das Wochenende freuen! 🙂

  14. Derlei kann sehr schnell gehen. In diesem Jahr hatte ich auch einen Fastunfall, der so heikel war – wie alle anderen zusammen. Da hilft auch Aufpassen nichts.

    Schätzen wir das Leben und genießen es. Alles andere wäre nicht weise.

  15. EIne schöne Geschichte, wenn ich auch gestehen muß, sie schon mehrfach gelesen zu haben.
    Trotzdem, immer wenn ich sie mal wieder finde, lese ich sie und mir kommen die Tränen. Die Geschichte sollte jeder kennen. Vielleicht bewegt sie welche nicht zum Alkohol zu greifen, wenn sie noch fahren wollen. Und wenn es nur einer ist…

  16. Man sollte die Geschichte in Bars etc. verteilen. Aber wer weiß, jene, die verantwortungslos handeln, würden sich dafür wahrscheinlich sowieso nicht interessieren. „Mir kann das nicht passieren“ – hört man da oft. Letztendlich ist das auch Erziehungssache. Wenn ich fahre, trinke ich nicht einen Schluck Alkohol.

  17. Lieber Marcus-

    ich finde, Du hast Recht- man sollte es in jede Bar hängen! Es macht sehr betroffen, diese letzten Gedanken zu lesen und ich weiß- der Tod ist Teil des Lebens und doch tut er am meisten weh…
    Da sind mir die Bilder deiner lieben verfressenen Schafis wirklich lieber…

    Danke für diesen nachdenklichen Text-

    liebe Grüße- Ines!

  18. Ich würde das auch begrüßen, aber ich gestehe, an einen Erfolg glaube ich nicht. Dubito, ergo sum.

    Und da die Menschen nicht lernen, wird es noch viele ähnliche Beispiele geben, in der Realität. Leider.

    Trotz der nachdenklichen Note wünsche ich Dir einen schönen Sonntag!

  19. Lieber Marcus,

    ich sitze hier vor meinem Computer, schnaufe schwer nach Luft, bin tief ergriffen von Deiner Geschichte und komme aus dem Grübeln nicht mehr heraus, so sehr hast Du mich Deinen Zeilen berührt.
    Das Leben, der Tod, Vernunft, Unvernunft und die Frage nach dem WARUM.

    Eine Frage, die wir Menschen wohl niemals beantworten können, so sehr wir das auch wollen. Auf diese Frage begründen sich fast alle Glaubensgemeinschaften, alle fragen sie nach dem warum und suchen Antworten darauf. Doch sie finden sie nicht, erfinden die unmöglichsten Mythen und Möchtegernverständnisse dafür, doch sie finden die Antwort nicht.
    Es gibt keine Antwort darauf, das ist das Leben, das ist der Tod, das Leben ist der Tod, nur wir wollen es nicht wahr haben. Wenn nichts sicher ist, so ist es doch das eine, nämlich die Tatsache, das wir irgendwann gehen müssen.

    Genießen wir das Leben!

  20. Herzlichen Dank für Deine würdige Antwort, lieber Steffen!

    Der Autor jener Geschichte hat es wahrhaft verstanden, das Herz tief zu berühren. Die Frage nach dem Warum läßt sich nie beantworten, wir können das nur akzeptieren, auch wenn es noch so schwer fällt und ungerecht ist. Am Ende bleibt uns gar nichts anderes übrig.

    Es gibt keine Antwort darauf, das ist das Leben, das ist der Tod, das Leben ist der Tod, nur wir wollen es nicht wahr haben.
    Das hast Du grandios gesagt, „wir wollen es nicht wahr haben“. Und aus diesem Kontext heraus ist schon sehr viel Leid in der menschlichen Geschichte entstanden.

    Ja, das Spiel des Lebens ist gleichsam bedeutend wie trivial – und die Spieler werden permanent ausgetauscht. So sei es.

  21. Leider denken viele erst nach wenn es zu spät ist!
    traurig aber wahr.

  22. Da hast Du allerdings Recht! Erst, wenn etwas oder jemand nicht mehr da ist, besinnen sich viele und denken nach. Wohl dem, der derlei zu schätzen weiß, während es noch da ist.

  23. Diese Geschichte hat mich sehr betroffen gemacht und sie wirft viele Fragen auf.Warum trifft es diejenige, die alles richtig gemacht hat? Warum nicht den, der getrunken hat? Warum hat er überhaupt getrunken?
    Ich glaube nicht, daß es etwas bringt, wenn diese Geschichte in den Bars aushängen würde. Viele denken doch „mir passiert das nicht“ und es wird weiter getrunken… und gefahren… Solange, bis es doch passiert ist. Warum helfen die vielen warnenden Worte nicht?
    Mich macht jeder Unfall von Jugendlichen betroffen – weil er in der Mehrzahl der Fälle vermeidbar gewesen wäre. Ja – der Tod gehört zum Leben, aber es muß kein sinnloser Tod sein.
    Liebe Grüße
    Petra

  24. Das Leben ist eben unberechenbar und nicht gerecht. Das war es nie. Von Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Daher lassen sich diese Fragen nie zufriedenstellend beantworten.

    Das Fatale bei diesen Unfällen ist in meinen Augen die Tatsache, daß Unbeteiligte mit ihrem Leben bezahlen müssen, für etwas, was dumme Narren angerichtet haben. Traurig.

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