Der eigene Weg

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte. „Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, daß das kleine Kind sich müde läuft.“

Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater daneben herläuft.“

Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. „Hat man so etwas schon gesehen?“ keifte eine Frau, „Das ist Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme Kreatur!“

Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen vom Esel herunter. Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“

Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter des Sohnes. „Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“

(Peseschkian – Der Kaufmann und der Papagei)

Wie kann man nur täglich laufen? Wie kann man nur im Regen laufen? Wie kann man nur in der Kälte in kurzer Bekleidung laufen? Wie kann man nur in der sommerlichen Hitze laufen? –

Alles Fragen, die mir nicht nur einmal gestellt wurden. Irrelevant, was und wie man etwas tut – oder eben nicht – die Menschen sehen nur das, was sie entsprechend ihrem Horizont sehen wollen. Das betrifft nicht nur mein Täglichlaufen, sondern tangiert unser ganzes Leben.

Nun, wie kann man nur nicht täglich laufen? Wie kann man nur nicht im Regen laufen? Wie kann man nur nicht in der Kälte in kurzer Bekleidung laufen? Wie kann man nur nicht in der sommerlichen Hitze laufen? –

Die Jahre kommen und gehen, Menschen kommen und gehen; mein Denken über diese Reaktionen hat sich geändert. Heute lächele ich über jene, in der Majorität ignoriere ich sie und erkläre nichts mehr. Das Geschwafel anderer Menschen berührt mich nicht. Es interessiert mich nicht, was sie denken oder sagen, es ist ohne jedwede Bedeutung. Sie bewerten mit ihrer beschränkten Weltsicht scheinbar fremdartige Dinge „höchst kompetent“ und definieren sie vielleicht als nutzlos, weil sie es nicht verstehen können oder wollen. Doch nur das, was wir selbst als richtig erachten und somit in der Konsequenz auch leben – ist es auch. Für uns. Nicht für andere. Man muß seinen eigenen Weg gehen, sich nicht verbiegen lassen, ungeachtet aller Rückschläge, Neider und Zweifel – ohne Rücksicht auf törichte Stimmen, die entlang des Pfades für einen Moment erscheinen und ohne Bedeutung sind. Menschen gleicher Art verstehen immer einander.

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21 Antworten to “Der eigene Weg”

  1. Na da staune ich nicht schlecht über diesen Beitrag. Und wie immer passt er perfekt ins gesamte Leben. Für dich halt jetzt eben fürs Täglichlaufen.

    Schade, dass du das erst heute schreibst und nicht schon letzte Woche. Da hätte ich ev. am Samstag gelassener sein können. Ich sehe immer noch die stechenden Blicke…. *grusel*.

  2. Es wurde mal wieder Zeit für einen derartigen Beitrag. Daß ich hier die Verbindung zum Täglichlaufen etabliere, ist logisch – jedoch, das kann man für alles anwenden. Das ist das Leben.

    *tröst* Laß sie stechen, diese Narren. Du weißt ja, ich versuche mich ein wenig mit neuen Beiträgen zurückzuhalten und entsprechend weniger zu bloggen.

  3. Ach diese Narren seh ich wohl eh nie mehr. Aber so ganz sicher kann man sich nicht sein. Wir werden ja sehen.

    Weniger bloggen? Nöööööö bloss nicht. Soviel machst du doch eh nicht. Du bist ja kein Streakblogger *gg*.

  4. Ich hoffe es doch!

    Eben. Alles, was man übertreibt, wandelt sich in Traurigkeit. Auch das ist das Leben. 🙂

    Wie Täglichlaufen. Wenn ich täglich zu viel laufen würde, wäre der Spaß bald vorbei.

  5. Öhm, du läufst aber für meinen Geschmack jeden Tag sehr viel. Für dich ist es halt ok so. Find ich auch gut. Und niemanden wirst du jemals was recht machen.

    Ich hoffe es auch, aber es gibt soviele Ungereimtheiten.

  6. Ja, da haben wir es wieder. Für „andere“ zu viel. Für mich genau richtig. Und anderen etwas recht machen? Das will ich gar nicht. Wozu auch?

  7. Guten Morgen, Marcus-

    schöne, weise und wahre Worte ziehst Du als Resume´aus dieser Geschichte.

    Ich wünsch Dir einen schönen Tag- wir haben Ferien- die genieße ich!

    Liebe Grüße und schöne Läufe
    von Ines!

  8. Genieße die Ferien, liebe Ines, die Zeit rennt und bald sind sie vorbei. Wie alles im Leben. Halte den Moment fest – wenn Du kannst.

  9. Hallo Marcus, das ist wirklich ein sehr schönes Beispiel! Es stimmt natürlich: jeder ist für sich selbst verantwortlich und sollte seine Entscheidungen im Leben entsprechend treffen. Gleichzeitig finde ich aber Toleranz ebenso wichtig: andere Meinungen, Haltunten, Einstellungen akzeptieren und jedem immer nur das Beste wünschen und gönnen – das ist meine Devise 🙂

  10. Eine schöne Devise, Eddy! Da kann ich Dir nur zustimmen. 🙂 Es wäre schön, wenn dieses Denken (und das daraus resultierende Handeln) heutzutage ein wenig mehr verbreitet wäre…

  11. Eine schöne Geschichte welche sicherlich jeder von uns auf sein Leben projezieren kann. Letztendlich denke ich das man ab und an eine führende Hand im Leben braucht um seinen Weg zu finden. Sollte man ihn aber gefunden haben, und sich sicher sein, dass es auch der richtige ist, so sollte man sich auf keinen Fall wieder von ihm abbringen lassen nur weil andere meinen es besser zu wissen.

    Liebe Grüße

    Marcel

  12. Auch Dir kann ich nur beipflichten, Marcel! Wer beispielsweise die Familie hinter sich weiß, eine wirkliche Familie, die zusammenhält – so sind manche Wege vielleicht nicht einfacher, aber doch in einer bestimmten Form besser zu ertragen – als ohne Beistand.

    Und wer weiß, manche Wege mögen vielleicht als hart oder falsch erscheinen, aber am Ende enttarnen sie sich als das Gegenteil…

  13. Die Geschichte mit dem Esel gefällt mir sehr gut. Es allen recht zu machen geht wohl gar nicht. Irgendwer hat immer was zu meckern. Das stimmt. Deswegen ist es wichtig, dass man nach seinen eigenen Regeln und Auffassungen lebt und handelt. Man muss selber mit sich im Reinen sein, dann kann einem der Rest egal sein.
    Habe heute beim Laufen drüber nachgedacht und mir vorgestellt, alle Menschen wären statt dessen gleich, würden das Laufen oder sogar das Täglichlaufen lieben und viele andere Dinge auch und hätten die gleichen Ansichten. Ob es uns tatsächlich recht wäre? Was wäre da wohl für eine Völkerwanderung unterwegs, wenn wir unsere Runden drehen würden! Einsame Runden könntest Du glatt vergessen.
    Doch manchmal wünsche ich mir schon mehr Toleranz von den Menschen zu allem, was eben anders ist, als bei ihnen selbst. Doch fragt und kontrolliert man sich selbst, stellt man wohl fest, dass man es auch nicht wirklich schafft, oder? Umso wichtiger ist es daher, dass wir tun, was uns gefällt und uns über das, was andere darüber sagen, nicht so viele Gedanken machen. Es ist schließlich unser Leben.
    Liebe Grüße
    Kornelia

  14. Es allen recht machen, ist erstens gar nicht möglich und zweitens würde allein der Versuch nur Unzufriedenheit erzeugen. Und warum sollte man das auch wollen? Was interessieren mich andere?

    Wenn alle so wie ich denken würden, wäre das eine Katastrophe – um bei Deinem Beispiel zu bleiben. Da würde ich schon aus Protest gar nicht mehr laufen und wohl einen bewegungslosen Blog führen. 😉

    Toleranz ist nicht unbedingt sehr intensiv mit den Menschen verknüpft. Wir hegen unser Schubladendenken und wer nicht in ein bestimmtes Schema paßt, wird mehrheitlich nicht tolerant behandelt. Ausnahmen existieren freilich immer. Menschen.

  15. Wie Du mir aus der SEELE sprichtst. Zu Tränen gerührt. Das obige Gleichnis druck ich gleich mal meiner Mutter aus. „Willst Du zur untersten Schicht gehören – bei den Obdachlosen“ (auf mein drausen Schlafen WOLLEN.)

  16. Nach meinem Verständnis gibt es weder Ober- noch Unterschichten. Beispielsweise kann der ärmste Obdachlose auf der Parkbank mehr wert sein – als ein reicher Millionär. Es wird alles nur über das Geld definiert – und das ist letztendlich einfach nur arm.

    Arme Leute

    Eines Tages nahm ein Mann seinen Sohn mit auf das weit entfernte Land, um ihm zu zeigen, wie unsäglich arme Leute leben. Vater und Sohn verbrachten einen Tag und eine Nacht auf der Farm einer sehr armen Familie.

    Als sie wieder zurückkehrten, fragte der Vater seinen Sohn: „Wie war nun dieser Ausflug?“ „Sehr interessant!“ sprach der Sohn. Und hast Du gesehen, wie arm Menschen sein können?“ „Oh ja, Vater, das habe ich gesehen.“

    „Was hast Du also gelernt?“ fragte der Vater. Und der Sohn antwortete: „Ich habe gesehen, daß wir einen Hund haben und die Leute auf der Farm haben vier. Wir haben einen Swimmingpool, der bis zur Mitte unseres Gartens reicht, und sie haben einen See, der gar nicht mehr aufhört. Wir haben prächtige Laternen in unserem Garten und sie haben die Sterne. Unsere Terrasse reicht bis zum Vorgarten und sie haben den ganzen Horizont.“

    Der Vater war sprachlos.

    Und der Sohn fügte noch hinzu: „Danke Vater, daß Du mir gezeigt hast, wie arm wir sind.“

    (Philip E. Humbert)

    https://blacksensei.wordpress.com/2009/12/22/nachdenkliche-weihnachten-%E2%80%93-2009/

  17. Running Otto Says:

    Weise Worte,
    weise Geschichte,
    weiser Autor,
    weiser Blog.

    Thx für die Inspiration!

    MfG

  18. Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.

    (Hermann Hesse) –

    Alles relativ! 🙂

  19. Wie wahr, wie wahr! Eine tolle Geschichte, die mehr denn je in unsere Gesellschaft passt. Ich frage mich nur, warum machen sich so viele leute ständig so viele Gedanken über andere, kehren immer ur vor den Häusern anderer, anstatt sich einmal gründlich mit sich selbst zu beschäftigen?

    Ach ja, sie würden etliche Fehler an sich und ihrem Umfeld selbst feststellen. Na dann ist es wirklich besser lieber bei anderen zu scharrern, wo man selbst doch unfehlbar ist und sowieso alles besser weiß!

    Beispiele für derlei Dinge gibt es tausende, leider!

    Aber, Dein Abschlußsatz ist es, der dann doch wieder beruhigt:
    Menschen gleicher Art verstehen immer einander.

    So ist es.

    Ich wünsche Dir eine tolle, regnerische Woche,
    Steffen

  20. Andere Menschen zu kritisieren, ist halt einfacher als bei sich selbst anzufangen – und macht wohl auch mehr Spaß. Du weißt ja, bei anderen sieht man mit Adleraugen und bei sich selbst ist man blind.

    Tja, Regen, das wäre schön. Ein verhaltener Regentag kam in dieser Woche schon vor, aber da bin ich unersättlich und will mehr. Immerhin hatte ich in diesem Jahr so viele Regenläufe wie im kompletten vergangenen Jahr – das ist positiv. 🙂

  21. […] Kritikern und Neidern – die soll es auch geben – sei gesagt, daß mich ihre törichten Stimmen nicht interessieren. Wahre Kritik kann nur von den Personen erfolgen, die ebenfalls über neun Jahre Täglichlaufen in […]

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